Ulrich
Schödlbauer
U.S.
17. 10. 09
Paul Mersmann: Sandfiguren (Entwurf)

Parole: eins
Unter dem Geschrei der Ratgeber verendet das richtige Leben, als habe es dergleichen nie gegeben. Was daran richtig ist, findet jeder selber heraus, also spät oder nie. Bleiben die Vorbilder, ob zum Guten oder Schlechten, ist unbekannt. Wer glaubt, ohne sie auszukommen, zieht es vor, sie in der Anonymität zu belassen. Die Literatur ist hier in keiner glücklichen Lage. Man weiß Bescheid oder gibt vor, es zu wissen. Das ist Unsinn, der mimetische Impuls wirkt in ihr so mächtig, weil er an vielen Stellen gleichzeitig ansetzt. Am Ende erinnert sie an das, woran sich einer erinnert wissen möchte. Für das Leben der Schriftsteller gilt das auch; den Leuten kommt so einer vor wie ein Chamäleon, aber ein freundliches.

Parole: zwei
Am schwersten zu imitieren ist die menschliche Stimme. Man merkt es daran, dass es am leichtesten jenen fällt, bei denen es ohne Sinn und Verstand bleibt. In jedem ›anspruchsvollen‹ Roman öffnet sich die Schere zwischen Abhandlung und Gestammel und manchmal fällt beides zusammen. Auf der Bühne geht alles leichter vonstatten: dort helfen die Aufführung und die reale Stimme des Schauspielers. Nur die Lyrik ist anders. Hier diktiert die innere Stimme, aber dieses Diktat ist ebenso umfassend wie vage. Mancher weiß nichts davon und schreibt unverdrossen Gedichte. Eigentlich ist es die Regel. Auch deshalb haben Gedichte einen schlechten Ruf. Doch was sein muss, muss sein, ein guter Vers fragt nicht lange nach dem Medium, in dem er sich bildet. Ausdrücken kann sich jeder, Verse entstehen so nicht. Jemand, der im Leben etwas darstellen wollte, fällt unter die sich bildenden Stimmen wie unter die Räuber. Hic est finis maris: Auch hier lässt sich stranden.


Bildmotiv: Paul Mersmann