17. 10. 09
Parole: eins
Unter dem Geschrei der Ratgeber verendet das richtige Leben, als
habe es dergleichen nie gegeben. Was daran richtig ist, findet
jeder selber heraus, also spät oder nie. Bleiben die Vorbilder, ob
zum Guten oder Schlechten, ist unbekannt. Wer glaubt, ohne sie
auszukommen, zieht es vor, sie in der Anonymität zu belassen. Die
Literatur ist hier in keiner glücklichen Lage. Man weiß Bescheid
oder gibt vor, es zu wissen. Das ist Unsinn, der mimetische Impuls
wirkt in ihr so mächtig, weil er an vielen Stellen gleichzeitig
ansetzt. Am Ende erinnert sie an das, woran sich einer erinnert
wissen möchte. Für das Leben der Schriftsteller gilt das auch; den
Leuten kommt so einer vor wie ein Chamäleon, aber ein
freundliches.
Parole: zwei
Am schwersten zu imitieren ist die menschliche Stimme. Man merkt es
daran, dass es am leichtesten jenen fällt, bei denen es ohne Sinn
und Verstand bleibt. In jedem ›anspruchsvollen‹ Roman öffnet sich
die Schere zwischen Abhandlung und Gestammel und manchmal fällt
beides zusammen. Auf der Bühne geht alles leichter vonstatten: dort
helfen die Aufführung und die reale Stimme des Schauspielers. Nur
die Lyrik ist anders. Hier diktiert die innere Stimme, aber dieses
Diktat ist ebenso umfassend wie vage. Mancher weiß nichts davon und
schreibt unverdrossen Gedichte. Eigentlich ist es die Regel. Auch
deshalb haben Gedichte einen schlechten Ruf. Doch was sein muss,
muss sein, ein guter Vers fragt nicht lange nach dem Medium, in dem
er sich bildet. Ausdrücken kann sich jeder, Verse entstehen so
nicht. Jemand, der im Leben etwas darstellen wollte, fällt unter
die sich bildenden Stimmen wie unter die Räuber.
Hic est finis
maris: Auch hier lässt sich stranden.
Bildmotiv: Paul Mersmann