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1.
Der
Surrealismus, die europäische Sprachschule der
Zwischenkriegszeit,
ist nicht tot. Er hat die leichtgewichtigen Werke Bretons und Aragons
überlebt, das Ende der Ismen und den neuen Verismus, weil er
in
der Werbung und der Politik mächtige und prinzipiell
unabschaffbare Verbündete besaß. Er musste sie nicht
erst
lang überzeugen. In ihm fanden sie willkommene Werkzeuge ihrer
Überzeugungsarbeit. Der elitäre Kommunarismus, der
massendemokratische Elan, der jede einzelne Handlung mit einer Zukunft
verbindet, die weiß und offen in einem kochenden Weltall
schwebt
– Blochs Feuertopf (»Die Materie ist ein Feuertopf«) mitsamt dem rituellen
Kopfschütteln, das
er hervorruft, ist sein Erzeugnis. Der Surrealismus der Tat scheut die
Macht, die er sucht. Er sucht nicht ihre Nähe, sondern sie
selbst,
er will sie, aber im Modus des Nichtbesitzens. Er will nicht als ihr
Inhaber gelten, sondern als ihr Zerstäuber. Dazu bedarf es
einer
Gesellschaft von Gleichgesinnten, die es nicht gibt, die sich von Fall
zu Fall erfinden muss, um den, der die Gunst der Stunde nützt,
um
sich in den Besitz des Zaubermittels zu setzen, wieder zu entzaubern
und, wenn möglich, von der Bühne zu vertreiben.
2.
Der
Surrealismus hat etwas geschaffen, in dem sich die heutigen
Generationen mit einer Selbstverständlichkeit bewegen, als sei
es
unmittelbar dem Garten Eden entsprungen: die Welt des Designs, in der
Politik und Werbung eins sind. Propagandisten haben immer von der
Einheit geträumt und konnten sie nicht erreichen, weil sie
glaubten, für die Politik – oder den Verkauf von
Büstenhaltern – trommeln zu müssen. Diese
Baalstrommeln, die von allen vernommen wurden, deren Lebensgeschichten
in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts zurückreichen, und
allen
in den Ohren klingen, die mit dem Wort
›Leichenhaufen‹
nicht nur die Erinnerung an Kinoabende verbinden, werden immer
verhindern, dass ›die‹ Menschen zueinander
finden. Dass
sie das Design nicht zu verhindern vermochten, ist vielleicht der
Leidenschaft für Stereoanlagen und schnelle Autos
zuzuschreiben,
mit der die Konsumgesellschaft in die Herzen der ehemals Progressiven
Einzug hielt. In der Welt des Designs, in der alles an alles erinnert
oder erinnern könnte, der Welt des Un-Sinns und der
Hermeneutik
für jedermann, der Baudrillards und der Sloterdijks, gilt, wie
bekannt, das Fortkommen als Maß aller Dinge – zu
Wasser, zu
Lande und durch die Luft, per Kabel oder im Weltraum. Wer fortkommt,
darf sich Hoffnungen machen, er darf es selbst, ein einsamer Wilder an
seiner Feuerstelle, die Skalps seiner Gegner klingen wie
Glöckchen
im Gebüsch seiner Wünsche, er setzt den Fuß
auf den
Nacken des Gestern und fordert von ihm die 50 Cent zurück, die
er
seinerzeit investiert hat, dies alles, wohlgemerkt in voller Fahrt.
3.
Es
gibt einen Surrealismus des Designs und es gibt den Surrealisten, dem
die Zigarre nicht ausgeht. Zwischen Dada und dem da
klafft eine Lücke, die letzterer mühelos mit seiner
von
niemandem bemerkten Anwesenheit füllt. Der Surrealist hat
überlebt. Das ist mehr, als man erwarten konnte, und es ist
sein
ganzes Geheimnis. Keine Geheimnisse haben, Oberfläche sein,
ganz
Oberfläche sein, dieser surrealistische Ehrgeiz lässt
sich
auf zweierlei Weise erfüllen. Im Design hat sich die
Oberfläche von der Person emanzipiert. Sie ist erwachsen
geworden
und benützt die Personen als Spiegel. Im Spiegel der
menschlichen
Natur zeigt sich das Rasierset als das, was es ist: als ruhige
Gegenwart der Form, der immateriellen Materie, der impersonalen
Substanz und der in sich zurückgekehrten Funktion. Die
Oberfläche des Surrealisten bleibt stets immateriell, die von
ihm
veranlassten Materialisationen sind Exempel, mit denen er nur beweisen
möchte, dass es geht. An dieser knappen, fast schroffen Geste
des
»Geht doch!« erkennt man ihn. Abgeschaut hat er sie
den
Klempnern im Augenblick ihres Triumphes, wenn sie den Hahn aufdrehen
und der Wasserstrahl gurgelnd im Abfluss verschwindet. Der
Theaterklempner Heiner Müller, in dessen abgewetzter
Handwerkertasche zuguterletzt der Schrott ganzer Jahrzehnte klapperte,
verdankt seinen späten Medienruhm dieser im leeren Raum
ausgeführten Bewegung. Ein anderer Surrealist, Michel
Houellebecq,
hat die Sparsamkeit der Mittel in einer anderen Richtung
perfektioniert. Ein ums andere Mal führt er die nicht
vorhandene
Zigarre an das Lippenpaar, das nicht aufhört, sich zu
knutschen,
aber dabei vergisst, dass es sich eigentlich öffnen wollte.
4.
Auch
Paul Mersmann hat überlebt. Das ist umso verwunderlicher, als
er
kein Surrealist im Wortsinn genannt werden kann. Zwar verweist er
jeden, der es verdient, auf seine Übungen in der écriture automatique.
Doch abgesehen davon, dass sie ein knappes Menschenalter
zurückliegen, eignen sie sich vor allem dazu, ihn zu
widerlegen.
Das automatische Schreiben ist kein Kennzeichen des Surrealismus, eher
ein Merkzeichen seiner Ignoranz. Mersmann ignoriert den Surrealismus
durch Nähe. Vielleicht wäre er Max Ernst geworden,
wenn er
nicht Mersmann hätte werden müssen. Durch ihn
erleidet Max
Ernst das schwere Schicksal dessen, der zu früh kam. Erst
Mersmann
ist es vergönnt, die richtigen Schlüsse aus dem
Scheitern des
automatischen Schreibens zu ziehen, das der Aushebelung des Denkens
dient und daher zwangsläufig einen falschen Begriff des
Denkens
transportiert – dieses alberne Bennsche Bild der
übergestülpten Großhirnrinde, die denkt und
denkt und
denkt, lauter Rationales, jedes davon ein widerlicher kleiner
Unterdrücker des Irrationalen, mit dem es verheiratet ist und
dem
er den Zugang zum Markt der Deutungen versperrt. Oder, wie Bruno Latour
zu schreiben pflegt: der Geist in der Flasche, der sich ein
Gegenüber verschafft, um es zu beschreiben, zu erforschen und
zu
beherrschen. Dieser blühende Unsinn ist die Grundlage des
ignoranten Surrealismus, des Surrealismus, dessen Befreiungsphantasien
die Pol Pots vielleicht stärker motiviert haben als alle
nachgeschobenen Marxismen.
5.
Mersmanns
A.B.C.-Bücher sind nicht automatique,
sie sind autopoetisch. In ihnen ernährt sich die Poesie aus
sich
selbst. Sie ernährt sich mittels Reminiszenzen
gemäß
den Vorstellungen der Chirico-Brüder vom Erinnerungsraum der
Kulturen, in dem das Kunstwerk aus der Taufe der Emotion gehoben wird,
als sei es nunmehr neu, obgleich es doch ganz das alte ist, versehen
mit einem neuen Leben, einer vita
nova
– auch das eine nicht ganz neue Vorstellung, wie
überhaupt
des Denken des Neuen auf Ladenhüter angewiesen bleibt. Giorgio
de
Chirico kommt in Mersmanns Denken die Rolle des
Türöffners
zu. Der leichte Hauch, der nach einem halben Jahrhundert noch immer von
der wundersam aufgetanen Pforte herstreicht, flüstert den
Namen in
mancherlei Modulationen, eine schmeichelnder als die andere. De
Chiricos weitgehend unbekannt gebliebenes Verdienst ist es, Mersmann
ermöglicht zu haben, vielleicht die einzige metaphysische Tat,
die
er in seinem Leben begangen hat, jedenfalls die einzige, die es ihm
erlaubt hätte, Theorie und Praxis in Übereinstimmung
zu
bringen. Denn er konnte den jungen Mann, den auf den Weg zu bringen er
im Begriff stand, nicht unterscheiden: nicht von dem Landsknecht, der
sich im Sacco di Roma
durch
besondere Grausamkeit auszeichnete, nicht von einem vorbeiziehenden
Bewunderer Mussolinis, der sich zu tarnen gelernt hatte und und im
Gewand transalpiner Beflissenheit die Tapisserie des Abendlands
ausschritt, nicht von irgendeinem südlich bewegten
Pinselschwinger, dem die Formen des Nordens zu unklar und seine Farben
zu verwaschen vorkommen und der deshalb dem Himmel Cherubinos eine
Flasche Chianti nachkippt. Er konnte
ihn nicht unterscheiden. Die spontane Geste, die er ausführte,
um
dieses Leben zu entscheiden, und die so, wie sie geschah, vielleicht in
keines Menschen Gedächtnis mehr zu finden ist, da Mersmann,
der
sich erinnern könnte, erst in diesem Augenblick zur Welt
kommt,
diese Geste ist weder absurd noch beliebig; sie ist
›metaphysisch‹, i.e. surreal in dem Sinn, in dem
sie auf
einem der Bilder de Chiricos erscheint: leere Geste einer Statue, die
das Meer veranlasst, in der Bewegung innezuhalten, und das Rauschen im
Ohr des Betrachters verstärkt.
6.
Wer
Mersmann
sieht, bekommt es mit Texten, wer ihn liest, mit Bildern zu tun. Das
ist ganz normal, aber es verstärkt sich mit den Jahren, es
verstärkt sich mit dem Schwinden seiner Ansprüche auf
die Art
von Anerkennung, die auf Geltung beruht, also die Art von Anerkennung,
die die liberale Gesellschaft dem Einzelnen beharrlich verweigert. Der
Name Mersmann steht hier als bloße Metapher eines Prozesses,
das
durch das Hochglanzelend der Kunstdruckerei, an der sich die Studenten
delektieren, nur notdürftig kaschiert wird. Was damals
inmitten
der Gesellschaft, in einem Gemisch aus Erleichterungs-, Aufbruch-,
Wieder- und Neugewinnungsphantasien, als Wille zur Zivilisiertheit nach
dem Ende der Barbarei beginnt, diffundiert rasch oder langsam, je nach
Blickwinkel, in der sich durchsetzenden Kraft-durch-Freude-Community,
die sich als die wahre weltumspannende Zivilgesellschaft begreift und
in den ehrbaren Parteigängern Richard Rortys ihre
hingegebensten
Herolde findet. Bretons in den Sechzigern aufgewärmte These
von
der Vorläuferschaft der Kunst, die honorige, leider falsche
Vorstellung, dass das, was bisher notwendig Kunst war, ab hier und
heute gelebt werden müsse, kratzt die Kunstwerke wenig, sie
verstört – oder befreit – die
Kunstvertreter, die
Künstler, die Kunsthändler, die Museumsleute, alle,
die sich
was einfallen lassen müssen, um in der funktional
differenzierten
Gesellschaft auch funktional zu überleben. Wer macht sich um
das
Überleben der Kunst Gedanken, derweil das eigene Gefahr
läuft, den Anschluss zu verpassen? Der Anschluss, der
berühmte Anschluss... Das Streben nach
Anschlussfähigkeit in
einem nicht endenden Blitz-Nachkrieg verwandelt Künstler in
Wühltischkonkurrenten, die an der Gier der anderen den Wert
der
Fetzen abzulesen versuchen, die sie sich ergattern, um darin zu
paradieren. Der umfassende Witz dieser Jahre ist die
›legitime
Moderne‹. Kaum in Freiheit gesetzt, in diese umfassende
Freiheit, die sie sich selbst unter dem Titel der Moderne attestiert
und erkämpft haben, legen sich die Künste in ein
Prokrustesbett aus Ängstlichkeiten und Animositäten,
begeben
sich an einen Ort handwerklicher Scheu und ideologischer
Großsprecherei, wo alles, was sie noch dürfen, sich
in
unsichtbare Arbeit verwandelt: Arbeit am gesellschaftlichen
Fortschritt, Arbeit an der Selbstverwirklichung, Arbeit an
Räumen,
mit Sensibilität gefüllt bis zum Erbrechen, Arbeit an
interkulturellen Tunnelsystemen, in denen in einer nicht auszumachenden
Zukunft U-Bahnen verkehren sollen, Arbeit an der Reduzierung des
Suchtproblems und der Legasthenie, Arbeit am Verstehen des Anderen
(eine umfassende Tätigkeit, deren Resultate mittels eines
ausgeklügelten Drainagesystems ins kulturelle
Gedächtnis
abfließen, an dem schließlich auch gearbeitet wird)
–
der ganze absurde Potlatsch, von Menschen bestritten, die sich davon
irgendeine Art von Alltagsresistenz versprechen, und der ohnehin nur
existiert, weil Kultur aufgrund irgendwelcher peinlicher Verwechslungen
als Standortvorteil gilt und ausgewiesene Kulturstaaten ein Taschengeld
für sie abzweigen – unter der Voraussetzung, dass
das
Marketing stimmt und wir
alle etwas davon haben.
7.
Einer,
der nichts davon hat, unter allen Umständen nichts davon hat,
kommt entweder mit zugenähten Taschen auf die Welt oder man
hat
versäumt, ihn im Gebrauch von Schultern und Ellbogen
einzuweisen.
Ein weises Versäumnis, wenn man bedenkt, dass der Gebrauch der
Ellbogen kontraproduktiv für jemanden ist, dessen Aufgabe
darin
besteht, Lösungen zu finden wie das Wasser, das seinen Weg
durchs
Gelände findet, in Bewegungen, die als Suchbewegungen
interpretiert werden können, deren jede aber eine Findung
bedeutet, etwa wie man sich genetische Veränderungen
vorstellt,
die durch kein Suchen und Wollen präformiert sind. Ein
solcher,
sagen wir: Poet steht immer richtig, auch mit dem Rücken zur
Wand
und selbst mit dem Gesicht... aber diese Assoziation sollte man rasch
vergessen, wenngleich es durchaus richtig ist, dass eine
blödsinnige Kulturkritik eine Zeitlang nicht müde
wurde,
Ballettmusiken und Gedichte für die Taten von
Massenmördern
haftbar zu machen und mit Berufsverbot zu belegen. Die figurale Kunst,
die in den Lautsprecherkrieg zwischen Ost und West geriet,
könnte,
wenn sie ins Erzählen geriete, so manche Schnurre
erzählen.
Zum Glück sind Leinwände stumm, an den offiziellen
Ausstellungsorten stehen sie in scharfer Konkurrenz zu anderen, weniger
überkommenen, dafür bereits herunterkommenen
Kunstformen, was
sie naturgemäß zusammenrücken
lässt. Wir, die wir
auftauchen aus der Flut, um sogleich in der nächsten zu
versinken,
zählen die Köpfe: es sind erstaunlich wenige.
8.
Die
neue Barbarei trifft den, der der alten mit Mühe entronnen
ist,
verständlicherweise hart. Umso härter, je
unverständlicher sie ihm sein muss, da die Arbeiten dessen, an
den
er sich anschließt, ihm wie das Werk der Lauterkeit selbst
vorkommen. Weit gefehlt – de Chirico gibt in den
Kunstübersichten der Zeit die Dame ohne Unterleib, das Exempel
eines entzweigeschnittenen Oeuvres, von dem nur die eine
Hälfte
bekannt ist und gilt, während die andere, die
›fette‹ Malerei, wie Mersmann sie nennt,
schamhaft
versteckt und schamlos denunziert wird. Die saubere Hälfte
liegt
in den fernen, unerreichbaren Zwanzigern, sie bietet nichts, woran sich
anknüpfen ließe, dafür lässt sie
sich mühelos
bestehlen, was auch geschieht. Ein frühes Mersmann-Bild zeigt
den
Künstler als Christusfigur mit grünem, fliehendem
Haupt, die
Hand an sich legt ›in memoriam Francesco
Borromini‹
– wer so malt, stiehlt nicht, er will eine Nachfolge
antreten,
legitim oder nicht, transalpin oder transversal. Nachfolge aber ist in
jenen Jahren des Wiederaufbaus, der Wiedereinsetzung, der simplified versions,
der Duplikate und Fälschungen nicht zu erlangen, auf alle
Fälle nicht durchzusetzen, wer sie ertrotzt, bekommt ein
Pflaster
aufs Maul und darf das Klassenzimmer verlassen. Mersmann malt, er ist
ein glücklicher Mensch. Er schreibt auch, glücklich
der
Mensch, dem die Wörter seiner Sprache zu Hand gehen, kein
größeres Unglück als die Sprachlosigkeit
der Pinsel und
der wirre Umriss von Halbgedanken, der Geld und Ausstellungen
einbringt.
9.
Wer zu sehen
gewillt und fähig ist,
findet in Mersmanns A.B.C.-Büchern eine Abbreviatur der
europäischen Malerei, keine tour de force,
sondern eine dem aufblitzenden Wiedererkennen vorbehaltene Folge
winziger Überblendungen und komisch-bizarrer Konfrontationen.
Wer
lesen mag, der findet in ihnen Landschaftserzählungen, wie sie
seit Arno Schmidt nicht mehr versucht wurden. Aber das ist eine
Nahperspektive, die nicht hergibt, aus welchen Quellen diese Poesie
ohne Dichtung sich bedient. Ohne Dichtung deshalb, weil sie nicht dem
Unbewussten, sondern der detailbeladenen Sprache folgt, dem Formelwesen
des Wissens und der Überlieferung, nicht zu knapp dem zigmal
gefilterten Pseudowissen der Anekdotenjäger und -sammler, mit
den
Nachschlagewerken in der Hand oder hinter dem Schreibtisch. Zu sagen,
sie beginnt immer mit der Erschaffung der Welt, wäre so etwas
wie
ein Fauxpas, weil es das Thema ist, das in ihnen zirkuliert. Die
Teufel- und Tölpelei der Welterschaffung dringt in die
kleinsten
Poren der Geschichte ein und lässt sie Gesichter schneiden.
Das
alt-grausige Gott ist
tot lautet in Mersmanns Übersetzung La doux Marmelade,
das süß' Marmelad. Er hat ihm eines der
Bücher
gewidmet, das lesens- und sehenswert ist, weil es das Leben als eine
Nuance des Todes begreift oder besser umgreift wie eine Pflaume oder
eine Kirsche, mit dem ganzen Widerwillen des Hungers, der seine
Sättigung voraussieht und flieht.
10.
Europas
Gedächtnis ist kurz, es reicht nicht weiter als bis zum
letzten
Sieg oder zur letzten Niederlage, alles andere ist sorgfältig
parzellierte Vorwelt. Wer ›Wir Europäer‹
sagt, ist
ein Heuchler oder ein Schwätzer. Die Europäer, das
kennt man,
sind Leute, denen man gern nach Europa verhelfen würde, aber
ihre
Aufnahme scheitert an Sichtvermerken und kleinen
Unregelmäßigkeiten, die sie sich leisten, als
wären sie
Anfänger, es sind aber Routiniers. Europa verfehlen ist eine
große Aufgabe, der sich niemand entziehen darf, der
Europäer
sein will. Vermutlich ist die größte Gefahr, die von
der
Einwanderung ausgeht, dass aus ihr eine Klasse von Europäern
entstehen könnte, von Leuten, die in London oder Berlin in
gleicher Weise zuhause sind wie in Prag oder Lissabon. Europa wird
Mittel und Wege finden, das zu verhindern, und eines dieser Mittel ist
die Kunst. ›Wie befinden Sie sich?‹ lautet die
Frage, mit
der man einen Erdteil in Sektoren aufteilt, mit Passierscheinen und
Schießbefehl in der einen, mit billigen Zukunftsoptionen in
der
anderen Hand. Das ist die Domäne der Kunst, der Kunst als
immerwährender Bergpredigt, während der man sich
bückt
und den Tauben die Giftkörner hinstreut, auf dass sie
unauffällig verrecken. Was Europa eint – neben der
Währung, die es trennt, und der Technik, die es
gefährdet
–, ist die Überzeugung von der
überwölbenden
Einfalt der Kunst, die auf allen Knien etwas anderes lallt. Das
deutsche Lallen ist jenes erwähnte Wir Europäer,
vor dem die anderen stets einen Schreck bekommen, obwohl sie sich
gleichzeitig den Bauch halten vor Lachen. Das andere
Europäertum
der Kunst ist hier wie allenorts in die Hände von Spezialisten
gelegt. Sie halten Kongresse ab und organisieren Ausstellungen, die in
der Regel gut besucht werden, denn das Publikum ist dankbar, wenn es
etwas über die Vorwelt erfährt. Den Kunstzirkus geht
das
nichts an. Da er sich dauernd auf Reisen befindet, hält er den
Proviant klein und verlässt sich auf ein System von
Stützpunkten, die rund um die Welt dafür sorgen, dass
ihm
nichts abgeht.
11.
Ist Mersmann
ein Europäer? Ist
Mersmann ein ›guter‹ Europäer? Solche
Fragen stellt
man besser nicht ohne Anlass und die Szenekunst bietet keinen Anlass,
denn sie ist Oberfläche – die Oberfläche
der Welt. Die
imaginäre Oberfläche der Kunst ist die
Oberfläche einer
anderen Welt, einer Welt aus untergegangenen Dingen, einer Welt des
Gedächtnisses, nicht des Gedenkens, der Denkmäler und
der
Witzblätter, die sich an ihnen mästen. Ob Mersmann
ein guter
Europäer ist, entschiede sich daran, ob diese
Oberfläche bei
ihm vorhanden, ob sie ausgebreitet genug, ob sie europäisch
genug
ist, ob sie hinreichend über Europa hinausreicht, um
europäisch genug zu sein, ob sie in Funktion, das
heißt
aufnahmebereit ist, ob sie atmet. Das Elefantengedächtnis der
Kunst ist nicht allein gut organisiert, es ist dicht: wer Reihen
auslässt oder unterschlägt oder willkürlich
überspringt, treibt sie unweigerlich in die Wälder
und in den
Schwachsinn. Die Idolatrie des Neubeginns, die deutsche
Schwäche,
das Abonnement auf eine Moderne, die sich jenseits der Sprachgrenze in
Moden verflüchtigt und eher einem ästhetischen
Zwangsbewirtschaftungssystem ähnelt als einem offenen
Austausch,
die leere Hoffnung auf eine neue Mythologie, die aus Lucky Luke einen
ästhetischen Frondeur gemacht hat und aus dem
spöttischen
Einfall der Brillo Box
ein
trostlos heroisches Nevermore der Kunst, hat sehr wenig von Europa, sie
hat nur Geld. Überdies macht sie, wie jede Droge,
abhängig
– in diesem, in unserem Fall von einem eingebildeten, bis an
die
Grenzen des Lächerlichen aufgeblasenen Amerika, in dem all das
Neue wirklich sein soll, das man sich hierzulande als Norm auferlegt.
12.
Mersmanns
Bibel-Blättern liegt ein grandioser Einfall zugrunde: Was
wäre, wenn die Durchlässigkeit dieser
Erzählungen, ihre
unbegrenzte Aufnahmefähigkeit für alle folgenden,
diese
auffallend heilsame und vielleicht letzte Transparenz der auf die
westliche Moderne fokussierten Geschichte, sich als Fälschung
erwiese? Wenn die Fremdheit zwischen der Bibel und uns letztlich
unaufhebbar bliebe? Und: wenn wir nicht imstande wären, diesen
Gedanken trennscharf durchzuführen? Wären dann unsere
Geschichten gefälscht oder die biblischen? Eine
unentscheidbare
Frage, doch nicht weniger plausibel als die, welche Kafkas Mann vom
Lande in Vor dem Gesetz
am
Ende zu stellen wagt. Immerhin ist es ein und dieselbe Frage, nur
einmal zu Ende gedacht. Wie alle Bücher wird die Bibel von
Leuten
abgeschrieben und ›reproduziert‹, die sich und
ihre
plumpen Gedanken in sie eintragen. Das Weitertragen und das
Sich-Eintragen ist derselbe Vorgang, getragen vom Willen zur
Selbstauslegung, zur Schriftförmigkeit des eigenen Geschicks.
Ist
die Fälschung einmal erkannt, dann herrscht Krieg zwischen den
haltlos aufeinander zufallenden Instanzen: ein Sammelsurium der Bilder
und Anspielungen, der aufgeknüpften Gedanken und der sich
gleichmütig im Fluss des Absurden wiegenden Betrachtungen. Als
letzte und zweckloseste aller Verknüpfungen bleibt dem
Maler-Kommentator die Kapiteleinteilung. Sie gilt als sakrosankt, als
kulturelle Leitnorm lebt der Abzählzwang fort und fort.
13.
Mersmann
beginnt zu schreiben, als mit dem Begriff des Geistes auch die Kunst
von den Radarschirmen der westlichen Welt verschwindet und die
Straßenbahnhaltestelle an ihren Platz tritt. Im Grunde hat er
immer geschrieben, in weiser Voraussicht, voller Nachsicht sich selbst
und anderen gegenüber und voll Vertrauen in die
unzerstörbare
intellektuelle Substanz des Wortes. Er hat weitergeschrieben, wie es
sich für einen Nachfahren der Argonauten gehört, der
einmal
aus Versehen ein paar Wikinger gebeten hat, ihm Platz zu machen. Im
Weiterschreiben enthüllt sich die Welt, aber sie
verhüllt
sich auch. Ein solches Schreiben ist kaleidoskopisch. Es wirft sich
nach vorn, es weckt die Erwartung, dass es sich einmal stellt: die
großen Linien treten hervor, die Rosette glüht, das
Licht
wandelt sich in Erscheinung und wird zum Brot der Gläubigen,
die
in der Kathedrale des Buches ausharren, obwohl der Altar nur ein
billiges Replikat des bei einem Bombenangriff zerstörten
Originals
ist, obwohl die Zentralheizung unter den Bänken den letzten
Funken
Frömmigkeit in ästhetisches Behagen verwandelt hat,
obwohl
die Knochen der Heiligen in ihren Blechbüchsen den
Karbontest nicht überstanden haben. Eine solche Erwartung ist,
wie
auch das Wort, nicht zu entwerten. Als der Malerfürst
Immendorf
tot ist, bemerkt Mersmann: »Er war ein schlechter Maler, aber
rechtfertigt das so ein Leben?«
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| Paul Mersmann:
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Ulrich Schödlbauer |