1.
Ein
Gotteskrieger – whatever the case may be –
in ›einem der
ärmsten Länder der Erde‹ fordert die
›einzige
verbliebene Weltmacht‹ heraus. Selbstverständlich
wird er in
dem mutwillig angezettelten Duell unterliegen. Aber alle kennen auch
die Stimme aus dem Inneren, die unaufhörlich sagt, dass
Hochmut
vor dem Fall kommt, dass Weltreiche periklitieren und es sehr wohl
möglich sei, dass hier und heute – hier
hält sie inne,
die Stimme aus dem Inneren, ein wenig erschrocken, denn sie
weiß
sehr wohl, dass alles, was sie zu sagen wüsste, im Aussprechen
schal werden müsste: einerseits dem Gelächter
preisgegeben
aufgrund der allzu großen Disproportion zu dem, was wir
›Wirklichkeit‹ nennen, andererseits kaum mehr
wert als ein
Achselzucken, weil es den Grund der Welt berührt, der, wie man
weiß, in allen Dingen derselbe ist und deshalb keine
präzise
Auskunft über das, was nächstens geschieht,
ermöglicht.
Der
›Grund der Welt‹ ist nun keineswegs das Gegebene,
sondern – ein
etwas merkwürdiger Ausdruck – das Genommene,
und mit
dieser Wendung begibt man sich auf jenes etwas seltsame Areal
menschlicher Rede, welches das mythische genannt wird. Dieser
Ausdruck ist merkwürdig, er unterstellt, dass ›im
Mythos‹
anders gedacht wird als ... an der Stelle stockt die Rede ein
weiteres Mal, denn an der Bestimmung dieses anderen, welches wohl das
wirkliche wäre, jedenfalls die Art zu denken und zu reden, in
der wir uns bewegen, wenn wir uns als wirkliche Wesen in einer
wirklichen Welt ›begreifen‹, an dieser Bestimmung
hat sich das
Denken im Lauf der Zeit etwas müde gedacht, so dass am Ende
der
Ausdruck ›Etwas für etwas anderes
nehmen‹ als die
angemessene Formel angesehen werden kann, wenn es darum geht, den
Mythos zu bestimmen. Der Mythos ›nimmt etwas für
etwas
anderes‹, die Geburt eines Knäbleins etwa
für die Geburt
des Erlösers, wovon zu diesem Zeitpunkt niemand etwas wissen
kann – abgesehen davon, dass die Welterlösung an
sich als ein
Vorgang gilt, über den gesicherte Auskunft schwer zu erlangen
ist. Doch die Rede von einem bestimmten Zeitpunkt ist dem Mythos
ebenso fremd wie die von einer gesicherten Auskunft, wenn man von dem
Umstand absieht, dass in ihm von nichts häufiger die Rede ist
als von gewissen Ereignissen, die immer wieder erzählt werden
müssen, und von Beglaubigungszeichen, die zweifellos die
Aufgabe
haben, Gewissheit zu schaffen. Allerdings ficht die Gewissheit
dessen, der in einer Ordnung von Zeichen lebt, denjenigen, der in
einer anderen lebt, nicht im geringsten an, es sei denn, die
Berührung mit der ›anderen Kultur‹ wird
so stark, dass davon
eine bleibende, möglicherweise durch die Isoliertheit des
Eindrucks sich verstärkende Beunruhigung ausgeht.
Die
Entkräftung des Mythos durch das Wissen, das heißt
durch
Mythentheorie, ist eine offenkundige Tatsache, ebenso offenkundig wie
die immer wieder vorkommende Überwältigung der
Wissenskultur durch den Mythos, der überhaupt erst als ihr
Produkt ins Bewusstsein der Akteure tritt. Bei Wagner ist dieser
Vorgang ebenso zu beobachten wie bei Bachofen, bei einer obskuren
Figur aus der Frühzeit des zwanzigsten Jahrhunderts wie dem
Klages-Intimus Manfred Schuler wie bei den nicht minder obskuren
Theorien eines Klaus Theweleit, und man kann sich fragen, ob die
Kurven bei Nietzsche wie bei den raunenden Metaphysikern der Macht,
die ›von ihm herkommen‹ – eine
mythische Formel, die im
Wissenschaftsalltag gang und gäbe ist und sogar einen
›guten
Sinn‹ ergibt – nicht in eine ähnliche
Richtung deuten. In
diesen Bereichen hat die rationale Kultur alle Ängste abgelegt
und paktiert ungerührt mit den Mächten der
Finsternis, über
die sie sich einst erhob wie der strahlend neue Tag.
Die
Seele des Mythos ist das Raunen. Das gilt für den Wagnerschen
Mythos wie für irgendeinen, und es ergeht Wagner dabei nicht
viel anders als Hölderlin: jedesmal öffnet das Raunen
einer
sich formierenden Wissenschaft die Zugänge. Bei Wagner melden
sich die Anfänge der Mediävistik, in philosophischer
Hinsicht beanspruchen die theoretisch abgespeckten, weltanschaulich
hoch gerüsteten Fassungen Geltung, die Schopenhauer und
Feuerbach dem deutschen Idealismus geben. Wenn im Raunen die
Überführung – oder Überschreitung
– rationaler
Rede im Hinblick auf das geschieht, was Voltaire als
Ammenmärchen
aus den Kinderzimmern verbannt wissen wollte, dann tritt bei dieser
Gelegenheit ein Charakteristikum rationaler Rede hervor: sie bedarf,
obwohl oder weil sie nur innerhalb einer Kultur des methodisch
geleiteten Zweifels existiert, des ›unbezweifelbaren
Faktums‹,
das zu erörtern sie als ihre wesentliche Aufgabe erachtet. Die
Wissenschaftsgeschichte lehrt, dass es dieses
›unbezweifelbare
Faktum‹ in den seltensten Fällen gibt, dass es sich
also fast
immer um eine wissenschaftliche Chimäre handelt. Es
gehört
zu den elementaren Besonderheiten von Wissenschaft, dass sie ihre
unbezweifelbaren Fakten ungerührt kassiert, sobald der Zweifel
ihrer Herr geworden ist, sprich, sobald neue – vorerst
–
unbezweifelbare Fakten an ihre Stellen getreten sind. Anders das
Raunen, in dem solche ›Fakten‹ ein erstaunlich
zähes
Fortleben haben können, und das mit einem gewissen Recht: die
Tatsache, dass ›die Wissenschaft‹ immer schon
weiter ist, schafft
in einem wissenschaftsgeprägten Alltag die Notwendigkeit
stabilerer Denklagen, weil die primäre Weltorientierung danach
verlangt – das ›Volk‹ will es nicht nur
›sinnlich‹, wie
Wagner mit Blick auf den Mythos und seine Funktion im Gesamtkunstwerk
postuliert, es will es auch ›abstrakt‹, soll
heißen, es
will ein ›Grundwissen‹, an das es sich halten
kann, insbesondere
natürlich ›in Zeiten wachsender
Ungewissheit‹ – auch das,
am Rande sei es bemerkt, eine mythische Formel.
Das
Raunen über den Mythos vom Hort mitsamt seiner
halsbrecherischen
Ineinssetzung der germanisch-fränkischen
Herrscherhäuser
hin zum unglücklichen Konradin, in dem die Genealogie der
Nibelungen erlöschen darf, um dem schachernden dynastischen
Typus der Capetinger und ihrer Nachahmer in Europa Platz zu machen
–
dieses Raunen steht am Anfang einer biographischen Bewegung, an deren
Ende nicht nur der realisierte Ring, sondern auch
›Bayreuth‹
steht, die realisierte Idee einer nationalen Weihestätte
hinter
den sieben Bergen, weit entfernt vom Zivilisations- und
Industriequalm. Wagner stimmt sich ein, und es ist ein
auffälliger
Zug in der Realisierung dieses Lebensprojekts, dass es von Anfang an
die Doppelstruktur exzessiven Gebens und Nehmens besitzt: die
völlige
Selbstverausgabung des Künstlers ist an Bedingungen
geknüpft,
deren Realisierung schon die rara avis eines
exzentrischen
Wittelsbachers voraussetzte: im Grunde ein beeindruckender Potlatsch,
an dem der Musikbetrieb heute noch seine Freude hat und den zu
wiederholen er unaufhörlich strebt.
Wie
man sieht, besitzt das Raunen die wunderbare Eigenschaft,
Wirklichkeit zu schaffen, und wenn in der Formel, das Volk verlange
nach sinnlicher Anschauung, die Wagner in seiner Begründung
für
die Revision des ersten Siegfried verwendet, so
etwas wie ein
leises Bedauern über den nicht zu brechenden
›Realismus‹ der
mit Kunst- und Wissenschaftsdingen nur am Rande befassten
›Leute‹
mitschwingt, so lässt sich doch nicht
überhören, dass
eine der Eigenschaften des Raunens in diesem unaufhaltsamen
Fortsprechen liegt, das immerfort neue Anknüpfungspunkte in
der
sogenannten Realität der sogenannten Leute sucht und auch
findet. Das Fortsprechen auf der Grundlage ›unbezweifelbarer
Realitäten‹ ist das Erfolgskonzept des Raunens
schlechthin und
einer der stärksten Gründe für die Macht des
mythischen Denkens über halbwegs aufgeklärte
Gemüter.
›Unbezweifelbare Realität‹ ist der
Gegenmythos der
verderbten Kapitale des modernen Lebens, die bei Wagner wie fast
immer in seinem Jahrhundert Paris heißt und die er mit Worten
geißelt, an denen neuerdings jeder religiös
motivierte
Fundamentalist seine Freude hätte – eine wirkliche
Goldader und einer der Ermöglichungsgründe
für den Erfolg der
eigenen Sache. Aber ›unbezweifelbare
Realität‹ ist natürlich
auch der nationale Mythos, das Faktum brutum des
Nibelungenmythos, über dessen Details zu streiten das Beste
ist,
was dem auslegenden Künstler passieren kann, weil es zeigt,
dass
und wie sein Weizen blüht.
Es
gibt, wenn man von der Wissenschaftskultur einmal absieht, zweierlei
Raunen:das eine gilt dem, ›was die Spatzen von den
Dächern
pfeifen‹, wie der unübertreffliche Ausdruck lautet,
also dem,
was jedermann weiß, das andere dem, was
jedermann wissen
könnte, wenn ... nun, wenn ihm nicht die
Verderbtheit der
Sinne oder des modernen Lebens oder der falschen rationalen Kultur
das innere Gehör verstopfte. Wenn das eine, als reine
Einstimmung in eine unbestimmte Allgemeinheit, das Herz leicht macht
und den Witz beflügelt, so erzeugt das andere ein
Gefühl
der Beklommenheit, das sich bis zu finsterer Aggression steigern
kann. Das erste erzeugt aus der Retorte des allgemeinen Bewusstsein
den Helden, das zweite den Fanatiker. Siegfried versteht die Sprache
der Vögel, sobald er den Drachen erschlagen hat, und sie sagen
ihm, er sei ein Held. Alberich wiederum, den die Frustration
über
die Spiele der Rheintöchter hellhörig gemacht hat,
vernimmt
aus ihrem Munde die Sprache des Goldes, die er sogleich besser
versteht als jeder andere. Jedenfalls versteht er sie besser als
Siegfried, der den Ring erst verschenkt und später die
Todeswarnung der Rheintöchter in den Wind schlägt.
Die
zweite Szene im dritten Aufzug der Götterdämmerung
zeigt Siegfried auf der Höhe seiner Verblendung: die
Rheintöchter haben ihm, wie er lachend seinen Verfolgern
erzählt, den Tod geweissagt, und er berichtet es
unbekümmert
weiter:
»Auf
Waldjagd zog ich aus,
doch
Wasserwild zeigt sich nur.
War
ich dazu recht beraten,
drei
wilde Wasservögel
hätt
ich euch wohl gefangen,
die
dort auf dem Rhein mir sangen,
erschlagen
würd ich noch heut.«
Warum
behält er die Weissagung nicht für sich? Seine Rede
wirkt
überheblich, so als wolle er sich brüsten oder einen
lästigen Anflug von Beklommenheit abschütteln.
Hingegen
spart er, als ihm dank Hagens Nachhilfe die Erinnerung wieder kommt
und er den erstaunten Jagdbrüdern von seiner erfolgreichen
Werbung um Brünnhilde erzählt, die Episode mit dem
Wanderer
aus: Warum?
Auf
dieses doppelte Warum möchte ich die Aufmerksamkeit
fokussieren.
Es gilt dem Raunen aus der Tiefe wie, nun, nicht gerade dem Raunen
aus der Höhe, wenn es das denn gäbe, sondern dem
umgebenden
Raunen, dem Gerede, das sich im unverbindlichen Hier und Da der
Vögel
anschaulich darstellt. Das Gerede, wir wissen es, reizt den
jugendlichen Helden zu Taten, es macht ihn erst eigentlich zu dem,
was er war, ist und sein wird, soweit es ihm selbst fasslich werden
kann. Die Rede der Rheintöchter bleibt ihm dagegen
verschlossen.
Der Sinn dieser Rede ist aber unverhohlen und unzweideutig: Nicht
nur, dass sie ihm den Ring abfordern – da ließe er
mit sich
reden –, sie wollen auch noch, dass es aus der rechten
Gesinnung
heraus geschieht. Siegfrieds Weigerung, den Fluch des Nibelungen
überhaupt zur Kennntnis zu nehmen, geschweige denn, ihn zu
sühnen, ist der Kern dieser Szene, gerade ihn verschweigt der
Bericht, den er von ihr gibt. Seine Redseligkeit ist demnach hier wie
dort keineswegs grenzenlos. Was er – in beiden
Fällen –
verschweigt, bleibt sein Geheimnis, das er
sinnigerweise mit
ins Grab nimmt.
2.
Wir
stoßen hier, dies beiseite, auf eine interessante Spur, denn
das schroffe Gegeneinander des ›Geredes‹, das im
›Man‹ seine
Ursprung habe, und der existenziellen
›Entscheidung‹ gehört
zum Grundinventar einer von Heideggers Sein und Zeit herkommenden
Denkschule, und die den Ring durchziehende
Suggestion, beides
sei auf vielfältige Weise miteinander verquickt,
könnte
helfen, Heidegger als einen schlechten oder unaufmerksamen
Wagner-Adepten zu entlarven – oder auch, anders herum, als
einen
höchst aufmerksamen Zuhörer. Doch das sind schon
Weiterungen. Warum empfindet Siegfried das Raunen aus der Tiefe als
zweideutig, ganz im Gegensatz zum Gesang der Vögel, der diesen
Verdacht weit eher provozieren könnte? »... ich geb
ihn
euch«, antwortet er ihnen, »gönnt ihr mir
Lust. /
Doch bedroht ihr mir Leben und Leib: (...) / den Reif entringt ihr
mir nicht!« Die als Entscheidung maskierte
Unfähigkeit,
sich vom Ring zu trennen, ist also unmittelbar mit dem sexuellen
Begehren verknüpft, das auf der Gegenseite nur zwei modi
operandi zu registrieren bereit ist:
›Lust‹ und ›List‹.
Zur
Lust aber, das lehrt der Weg der wiederkehrenden Erinnerung,
führt
der Gesang der Vögel, der ihm im Zustand des Vergessens nur
wie
ein »Gelall« erschien. Auf diesem Weg ist die
Erscheinung
des Wanderers eine Erscheinung ›aus einer anderen
Welt‹, die
beiseitegeräumt werden muss und zu ihrem eigenen nicht
geringen
Erstaunen beiseitegeräumt wird: die wahre, die verborgene
Tat des Helden, das Zerbrechen des Speers, der die göttliche
Weltordnung ›garantiert‹, bleibt dem Helden
notwendigerweise
selbst verborgen. Notwendigerweise deshalb, weil
die absolute
Dominanz des Begehrens, die »Brunst«, wie der Text
das
nennt, nichts anderes zulässt. Der
›arglose‹ Held, der die
moralische Weltordnung umstürzt, weil er sie nicht kennt, die
unschuldige ›Bestie‹, deren Handeln a-moralisch
ist bis in die
Verästelungen ihrer Wahrnehmung hinein, das
›spielende Kind‹,
dem die Welt ausschließlich zum eigenen Ergötzen
dient,
das ganze Repertoire der Vorstellungen, die sich mit dieser Figur
verbinden, ist ein Geschöpf des Geredes, und dies gilt
augenscheinlich nicht nur für den Wagnerschen Text, sondern
für
die Auslegung, die den Unterschied von Text und Sache absichtsvoll
verwischt. Wir haben nicht die Welt, wir haben nur
Interpretationen, deren jede die Machtfrage stellt: Wer so
redet
und schreibt, der bleibt in der Welt des Mythos oder des Geredes
befangen, er repetiert sozusagen die Situation Siegfrieds. Nur der
zerbricht den Speer, der von der Sache nichts weiß.
Aber
lässt sich das Nichtwissen so weit treiben, dass es die
Erzählung nicht nur um eine Dimension, sondern um eine
wirkliche
Episode verkürzt? Kann die Arglosigkeit es so weit treiben,
dass
sie zur groben Verfälschung, zur Lüge
tendiert? Gibt
es eine verhüllende Rede ohne Verhüller? Zweifel
daran
sollten erlaubt sein. Andererseits fällt es schwer, Siegfried,
so wie Wagner diese Figur konzipiert, als Trickster
einzustufen. Es sollte also ein Mechanismus zu finden sein
(vorausgesetzt, die Auslassungen sind in der Sache hinreichend
motiviert), der beides zusammen ermöglicht: die Arglosigkeit
des
Sprechens und das Aussparen des Wesentlichen. Ein solcher Mechanismus
existiert zweifellos, es ist die Scham: eine anthropologische
Größe
von nicht zu unterschätzender Komplexität.
Scham
spielt in fast allen mythischen Erzählungen eine bedeutende
Rolle, sie findet sich am Ursprung der rhetorischen Figuren, in denen
wie in Metapher und Metonymie eines für ein anderes einsteht.
Siegfrieds unbedingtes sexuelles Streben könnte gut zu dem
Umstand passen, dass normalerweise Scham sexuell konnotiert ist. Das
Verschweigen des Vorgefallenen, das obsessive Von-etwas-anderem-Reden
erhält ein eigenes Leitmotiv durch den Gesang der
Vögel,
der Gesicht und Gehör des Helden in einen partiellen Gegensatz
bringt: Solange er hörend vorwärts dringt, hat alles,
was
sich ihm ›in den Weg stellt‹, die
Qualität des Hindernisses,
das um jeden Preis beiseitegeräumt werden muss; der erste zu
entrichtende Preis ist aber die Blindheit gegen das Eigenrecht, das
dem Hindernis innewohnt.Das wäre jedoch eine seltsame Scham,
welche die Obsession ›schamlos‹ preisgibt und die
eigentliche
›Mutprobe‹, um die es sich in beiden
Fällen handelt,
verschweigt.
Siegfried
der Erzähler, soviel wird deutlich, steht im Bann des Geredes,
das ihn in das Heldenschicksal hineinlockt und ihm den Weg weist.
Dass Hagen ihn reizt, diese Rolle zu geben, versteht sich mit Blick
auf den Ausgang der Szene von selbst: er weiß, was die
Spatzen
pfeifen, und er kennt das Ende vom Lied. Und ihm ist das sehr
bewusst, was man die ›Verblendung‹ des Helden
nennt; schließlich
brüstet er sich, sie selbst herbeigeführt zu haben.
Die
Frage ist aber, ob er sie richtig taxiert: Was er dafür
hält,
ist nur der reale Gedächtnisverlust, also ein
handlungstreibendes Element. Die Handlung ist aber die Ausfaltung
dessen, was als Heldenlos in dem Medium der Allgemeinheit, das
einerseits ›Gerede‹, andererseits
›Gesang‹ genannt wird,
Aspekte der Zeitlosigkeit und der Ubiquität gewinnt.
Siegfrieds
›Verblendung‹ besteht in jener
›schamlosen Scham‹, die mit
dem Herkommen und damit der eigenen Herkunft nur den Widerstand
›alter Männer‹ und mit der Zukunft nur
›Erfüllung‹
zu verbinden weiß und alles abwehrt, was auf einen
größeren
Zusammenhang deutet, also auf eine Form der Bettung des Geschehens,
die das, was ›der Vogel singt‹, noch
interpretiert: die
›Arglosigkeit‹, falls dies überhaupt der
richtige Ausdruck
sein sollte, gegen Hagen und gegen die Rheintöchter ist von
der
gleichen Art.
Jedermann
kennt sie, die Anmutung aus der Tiefe, das beklommene Innewerden
dessen, dass es so nicht weitergehen kann, dass es
›böse
ausgehen‹ wird, etc., und es ist bezeichnend, dass an
Siegfried
keine scharf umrissene Aufforderung zur ›Umkehr‹
ergeht, die den
Vorgang in einen stoisch-christlichen Kontext rücken
würde,
sondern ›Entscheidung‹ in einem weit simpleren
Sinn von ihm
verlangt wird, als ein Sich-Scheiden-von, als ein Weggeben, das
natürlich ein partielles Sich-Weggeben impliziert, um
›die
eigene Haut‹ zu retten. Darin oder dahinter steckt ein
weniger
simples Motiv, die Aufgabe der eigenen Identität, des
jeweiligen Way of Life, um eine neuerdings wieder
mit Emphase
zitierte
Vokabel zu benutzen. Es ist aber nicht so einfach, diesen
Zusammenhang auszusprechen, und viele Leute empfinden es einfach als
›obszön‹. Wir hätten hier also,
wenn schon keine
Erklärung, so doch ein Motiv für
Siegfrieds Scham,
die sich im Verschweigen artikuliert. ›Besser, man redet
darüber
nicht‹: sinnigerweise taucht in dieser Phrase das Man
wieder
auf, diese redselige Instanz. Offenbar hat die Redseligkeit Grenzen,
und offenbar liegen sie dort, wo eine andere Rede
beginnt, die
man nicht vorschnell die ›heilige‹ nennen sollte.
Natürlich
geht die Differenz in diese Richtung. Die Scheu vor dem Heiligen ist
ein starkes Movens, doch gibt es da Unterschiede. Brünnhilde
zum
Beispiel, über die Notlage der Götter informiert,
reagiert
auf ihrem Felsen zwar ebenfalls ›verblendet‹,
aber ihre Rede
fasst die Situation anders als Siegfried, wenn sie sagt:
»Welch
banger Träume Mären
meldest
du Traurige mir!
Der
Götter heiligem
Himmelsnebel
bin
ich Törin enttauscht:
nicht
fass ich, was ich erfahre.
Wirr
und wüst
scheint
mir dein Sinn...«
Nur
ist Brünnhilde als Wotanstochter anders im Bilde, und sie
sieht
sich nicht aufgefordert, sich, sondern den Göttern zu helfen
–
was sie ablehnt, solange es sie den Ring als Unterpfand ihrer Liebe
ansieht. Siegfried wiederum trägt keine Scheu, sich
gegenüber
den Rheintöchtern klar zu artikulieren; seine Scheu, wenn man
sie so nennen darf, gilt am ehesten dem Bewusstsein des eigenen
Todes, das er aus jenem Gespräch davonträgt, und zwar
nicht, weil es ihm vorher fehlte, sondern weil das Gespräch
ihn
gezwungen hat, sich ihm zu stellen: »Denn Leben und Leib,
/ seht: - so - / werf ich sie weit von mir! (Er hebt
eine
Erdscholle
vom Boden auf, hält sie über seinem Haupte und wirft
sie
mit den letzten Worten hinter sich.)« Aber, so muss
man
hinzufügen, diese Scheu hindert ihn nicht
daran, die
Todesprophezeiung in seinem Bericht zu erwähnen: sie
schlägt
in Trotz um, sobald sie sich artikuliert.
Die
Scham, die Siegfried zum Verschweigen der Episode mit dem Wanderer
und seiner Weigerung, sich vom Ring zu trennen, bringt,
müsste,
wenn sie ein und dieselbe ist, auch ein und dieselbe Ursache haben.
Das ist zwar kein logisch korrekter Schluss, wohl aber ein Schluss,
wie er im Mythos – und im Wagnerschen allemal –
gang und gäbe ist. Beide Male – das ist leicht zu
sehen – geht es um das
Weltregiment, um die Weltordnung, und beide Male
– das ist
nicht die Sicht des Helden, aber die des Zuschauers –
stört
das Handeln des Helden die Weltordnung und leistet damit ihrer
schließlichen (wie immer man das Ende der Götterdämmerung
einschätzen mag) Aufhebung Vorschub. Was der Wanderer redet,
was
die Rheintöchter prophezeien, es kann ihn nicht aufhalten, es
kann ihn nicht einmal ›zum Nachdenken anregen‹,
wie man das so
sinnig nennt, es erfüllt ihn mit einer Aversion, der sich die
Erleichterung beimischt, dass diese Stimmen von außen kommen
und also als äußere Widersacher bekämpft
werden
können. Dieser Vorteil würde durch den Bericht
zunichte;
die Reaktion der falschen Gefährten würde ihn
unmittelbar
darüber aufklären, dass diese Stimmen dem eigenen
Inneren,
dem eigenen Abgrund entsteigen – darum
unterbleibt der
Bericht. An diesem Punkt kommt die Arglosigkeit des Helden an ihr
Ende und Wagner muss das gewusst haben: er braucht die beiden
vorgängigen Szenen und er braucht den Bericht; was er nicht
braucht, ist die Ausbreitung dessen, worum es in allen drei Szenen,
die Todesszene eingeschlossen, in Wahrheit geht
oder gehen
soll: das Spiel um die Weltherrschaft.
Natürlich
ist dies die Wahrheit des Mythos, so wie er von Wagner konstruiert
wurde. Übrigens tritt das Motiv der Weltherrschaft am
eindringlichsten, um nicht zu sagen am krassesten in der Abhandlung
über die Wibelungen vom Sommer 1848
hervor, die im
Untertitel eine Weltgeschichte aus der Sage
verspricht. Wie
immer man das Verhältnis der dort ausgebreiteten Vorstellungen
zum fertigen Ring ansetzt, eines bleibt
unübersehbar: Das
nationale Weihespiel wird in der Verbindung der
›echten‹
fränkischen Herrscherhäuser zur Nibelungensage
vorgedacht,
und hier wie dort ist der Griff nach der Weltherrschaft das
eigentliche Movens des Geschehens. Siegfrieds
›Scham‹ enthält
die Weigerung, diesen Griff zu thematisieren. Übrigens
verhält
er sich darin kaum anders als sein Gegenspieler Hagen, dessen Treue
zum Vater allerdings bis zum Schluss nicht getestet wird. Anders als
im Falle Hagens kommt für Siegfried ein Aufschub nicht in
Betracht: seine Weigerung ist definitiv, das heißt, sie
enthält
in sich den eigenen Tod wie diejenige Hagens den Tod des anderen.
Damit
wird die Lebensspanne des Helden zwischen dem Zerbrechen des
Eschenspeers und seinem Ende zum Welt-Interregnum: Wotan,
gelähmt
im Kreise der Seinen inmitten des aufgeschichteten Scheiterhaufens
sitzend, der sie alle ins Nirwana befördern wird, ist ein
groteskes, ein irrwitziges Bild für diesen Sachverhalt
–
übrigens auch ein Gegenbild zum Mythos von Barbarossa, der im
Untersberg den Zeiten entgegendämmert, in denen er wieder
gebraucht wird. Die Verweigerung der Entscheidung gibt dem
Bösen
Raum, sie stabilisiert aber auch einen Weltzustand, in dem es allen
Unkenrufen zum Trotz ›immer weiter‹ geht. Die
Macht des Ringes
besitzen und sie nicht gebrauchen: diese Verschmelzung von
höchster
Torheit und Weisheit hat die Phantasy-Schreiber
nicht ohne Grund zu immer neuen Erfindungen gereizt. In gewisser
Weise entsteht das Phantasy-Genre
aus einer kleinen Korrektur Wagners, insofern in ihm dem
furchtlos-naiven Helden der wissend-gütige Magierfreund an die
Seite gestellt wird. Entsprechend relativiert und banalisiert sich in
diesen Geschichten die Macht der Liebe – ob man darin einen
gesteigerten Realitätssinn erkennen darf, bleibe
dahingestellt.
Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Wenn Scham das menschliche
Element
darstellt, das universale Freiheit von universaler Tyrannei
unterscheidet, dann bildet sie ein allzu schwaches Band, um letztere
zuverlässig zu verhindern, hingegen ein zu starkes Band, als
dass letztere sich dauerhaft einrichten könnte: gerade recht
also, um zuzulassen, dass sich die wirklichen Herren des Planeten so
auf ihm bewegen dürfen, wie es ihnen beliebt, sofern sie den
Tod, getarnt als Unfall oder als Attentat, nicht fürchten oder
erfolgreich verdrängen.
3.
Sofern
sie den Tod nicht fürchten: dieses
Siegfried-Motiv muss
insofern in den Gang der Überlegung eingehen, als die Scham,
dieses Sehen-Nichtsehen mitsamt seinen zugehörigen
Äußerungsformen, hier zu einer Korrektur zwingt.
Auch die
Furchtlosigkeit ist Teil des Geheimnisses, das der Held mit ins Grab
nimmt. Jede angebotene Begründung greift angesichts der Texte
zu
kurz: die Furchtlosigkeit des Helden ist sein eigentliches Erbteil
und Teil jener ›Arglosigkeit‹, welche die
Verblendung enthält
wie eine Matrjoschka-Figur die nächste. Sie ist der
provokanteste Teil seines Wesens, derjenige, der seiner Umgebung die
Scheu auferlegt, aus der die Tat eines Hagen ebenso hervorgeht wie
die etwas schwachsinnige Anhänglichkeit eines Gunther.
Siegfried will den Tod nicht fürchten – das ist ein
seltsamer Wille und
ein seltsamer Entschluss, der die Welt in zwei Hälften teilt:
die Welt derer, die sie furchtlos durchstreifen und die Herren sind,
ohne zu herrschen, und die Welt derer, denen die Furcht die Mittel in
die Hand gibt, sich dieser Herren von Zeit zu Zeit zu entledigen.
Furchtlosigkeit und Scham gehören zusammen, wer sie zu trennen
versuchte, hätte schon auf die eine oder andere Seite Verzicht
geleistet. Je nachdem, ob man an der Scham mehr die Reflexionshemmung
oder das zwanghafte Von-anderem-Reden herausstellt, ergibt sich ein
anderes Bild: die nachgelieferte Reflexion ergänzt das Symbol
des mythischen Helden zur ›Person‹, die Korrektur
seiner
verschweigenden Rede löscht das Bild des Helden aus wie Hagens
Speer seine Existenz. »Errätst du auch / dieser
Raben
Geraun’«, fragt letzterer mit
griffbereitem Speer, »Rache
rieten sie mir!«
Ein
kleines, höchst bezeichnendes Ritual eröffnet in dem
Prosa-Entwurf Der Nibelungen-Mythus die Todesszene.
»Er
vernimmt die näher kommenden Jagdgenossen«,
heißt es
da, »und stößt in sein Horn: die
Jäger, –
Gunther und Hagen an ihrer Spitze, – versammeln sich um
Siegfried.«
Man kennt dieses Ritual zur Genüge aus den Schriften von
René
Girard: es enthält, nach seiner Lesart, die Urszene der
Kultur,
den kollektiven Gründungsmord. Die Mörder
schließen
den Kreis um ihr Opfer. Ich habe mich mit dieser Theorie an anderer
Stelle eingehend auseinander gesetzt und möchte nur darauf
verweisen, dass die Ring-Szene insofern vom
Girardschen Schema
abweicht, als Gunther vor Hagens Tat Siegfrieds Unschuld erkennt und
dem Mörder in den Arm zu fallen versucht. Im entscheidenden
Augenblick wandelt sich die Kollektivtat in die Tat eines einzelnen,
der anschließend keine Scheu trägt, sich vor Gutrune
als
Mörder ihres Gatten zu bekennen.
Auch
diese Variante ist bei Girard vorgesehen: sie gehört zu den
nachträglichen Zurichtungen des Gründungsgeschehens,
das ja
nur in der Überlieferung durch den Mythos präsent
ist, das
heißt in Texten, in denen die Apotheose des geopferten Helden
im Mittelpunkt steht. Das geschieht im Ring ganz
unverkennbar,
dennoch liegt die Pointe des Rings nicht im
Gründungsgeschehen
– wie es dem »Weihespiel« eigentlich
zukäme –,
sondern darin, dass eine Ordnung zugrundegeht. Das lässt daran
denken, dass die Neugier, die hinter kulturellen Ursprungsgeschichten
greifbar wird, sich gewöhnlich weit weniger intensiv auf die
Ursprünge der eigenen, gewussten Kultur richtet als auf die
Ursprünge erloschener Kulturen, deren Gründungsimpuls
allenfalls in mythologischen resp. liturgischen Texten greifbar wird,
sofern man ihm nicht in sprachlosen
›Kulturzeugnissen‹ nachspüren
muss. Das ›Rätsel der Azteken‹ ist in
gewisser Weise das
Rätsel aller Kulturen, an deren Stelle die jeweils als
›eigen‹,
jedenfalls als offen und von innen
zugänglich empfundene
Kultur getreten ist. Seltsamerweise gilt gerade dieses Rätsel
als geeignet, die als banal empfundenen Bestimmungsstücke der
eigenen Kultur um jenen Faktor x zu ergänzen bzw. zu
erweitern,
der sie von ihrer Banalität erlöst und geeignet
erscheint,
jene gewisse Leere zu eskamotieren, die sensible Leute angesichts des
Umstandes empfinden, dass alle Wege gebahnt und alle
Verständigungs-
wie Verständnisleistungen kodifiziert sind, solange man sich
innerhalb einer als vollständig funktionalisiert empfundenen
Gemeinschaft bewegt. Ästhetisch gesehen, gilt das Beharren auf
den Ursprüngen der eigenen Kultur als geschmacklos, als latent
terroristisch. Das ästhetische Programm lautet: nur auf dem
Umweg über die Ursprünge anderer,
in der Regel
älterer, durch die Berührung mit der eigenen Kultur
vernichteter oder gefährdeter Kulturen kann es gelingen,
derjenigen Elemente des eigenen Lebens habhaft zu werden, die es aus
seiner unglücklichen Position relativ zur Allgemeinheit zu
erlösen imstande sind.
Es
scheint fast, als ob sich die Ring-Konzeption von
den
deutschtümelnden Anfängen weg auf ein solches mit
Vorsicht
›modern‹ zu nennendes Konzept zubewegt. Die
Fremdheit der
Nibelungen-Welt wird seltsamerweise durch die
sinnlich-sinnfällige
Ausformung gesteigert, die aus der Siegfried-Tragödie ein
monumentales Welterlösungsspektakel entstehen lässt.
Mit
jedem weiteren Explikationsschritt geht eine partielle
Sinnverdunkelung einher, weil die Kunst-Mythe den
logisch-rhetorischen Ort verdeckt, an dem in einer auf die Ratio
verpflichteten Gesellschaft Sinn entworfen wird. Die intendierte restlose
dramatisch-erzählerische
›Umsetzung‹ des
Entwurfs entspräche einer vollständigen Verdunkelung
des
›Gemeinten‹, insofern die Sinnfrage immer nur
neue Erzählungen
provoziert. Die Nibelungen-Welt entfremdet sich dem
Zuschauer-Zuhörer
in dem Maße, in dem sie auf Nur-Erzähltes verweist.
Das
ist kein singulärer Zug und schon gar kein marginaler. Gegen
das
uferlose Erzählen hilft nur Vergessen. Wenn also Siegfried
erzählend ›vergisst‹, was ihm widerfuhr,
und zwar just in
der Erzählung, die ihm die wieder einsetzende Erinnerung in
den
Mund legt, dann vergisst er auf ›bedeutungsvolle‹
Weise die
Elemente, auf denen – vor dem Hintergrund dessen, was man cum
grano
salis mit Blick auf Walhall die »göttliche
Weltordnung«
nennen kann – seine Existenz und seine
›Sendung‹ aufruht. Das
Vergessen schafft Raum für Interpretationen. Das gilt im
persönlichen wie im gesamtkulturellen Zusammenhang, und es
gehört zu den Eigentümlichkeiten dieses Vergessens,
dass es
jederzeit, wenn die Situation es erfordert, revidiert werden kann,
genauer, immer schon revidiert ist. Die fremd gewordene, die dem
kulturellen Bewusstsein artifiziell entfremdete Ringparabel bietet
sich in ihrer Gänze als Interpretation des Bewusstseins in
seiner Kultur an, und dieses Angebot wird nicht nur
angenommen,
es dient seinerseits als Grundlage interpretatorischer
Aktivitäten.
Darin
liegt übrigens ein wesentlicher Unterschied zu Lessings
Ringparabel, die von der Konkurrenz der Kulturen handelt, die alle ihrem
Vater-Gott folgen, obwohl oder
weil sie um die
verwandtschaftlichen Beziehungen wissen. Lessings Ringparabel kennt
kein Vergessen, sie protestiert energisch gegen den Gedanken der
Fremdheit und sie beharrt darauf, dass der ursprüngliche
Vorgang
sich dem rekonstruierenden Zugriff entzieht. Es ist geradezu seine
Pflicht, sich zu entziehen, damit es möglich wird, zu
handlichen
und handhabbaren Regelungen zwischen den Kulturen
wie in ihrem
internen Verkehr zu gelangen. Davon ist Wagners Ring
weit
entfernt, er setzt die Geltung der säkularen Verkehrsformen
voraus, um deren Herstellung es dem Aufklärer ging. Das im Ring
allgegenwärtige Wissen um die unaufhebbare Fremdheit, sprich:
Redundanz des Individuums wie ganzer Kulturen inmitten der
machtgeschützten Äußerlichkeit dieser
gesetzten
Verkehrsformen ist in Siegfrieds Vergessen (das ja nur sein
Vergessen ist und also eines, das den Hörer ununterbrochen
erinnert) ebenso präsent wie in seiner Scham. Die konstitutive
Unfähigkeit des Subjekts, sich als Ganzes und im Ganzen
präsent
zu sein, die das Vergessen virtuos interpretiert, findet ihren
adäquaten Ausdruck in der Scham. In der Scham wird die
phänomenale Unmöglichkeit, sich unmittelbar
zum Ganzen zu verhalten, ihrerseits unmittelbares Verhalten: sie ist
daher ebensosehr spontane Verhaltung wie zeichenhafte Handlung.
4.
›Das
Rätsel der Azteken‹ – dieser den
Kinderzimmern entlehnten
Ausdruck sollte daran erinnern, dass es auch eine Leyenda
negra der Alten Welt gibt. Es wäre eine
vergröbernde
Vorstellung zu glauben, in dieser Weltregion seien die Conquistadoren
und ihre Opfer identisch gewesen. Dagegen spricht schon eine
notorisch ›rätselhafte‹ Erscheinung wie
die
Hexenverbrennungen der frühen Neuzeit. Immerhin sind auch
letztere geeignet, daran zu erinnern, dass die Lösung des
Rätsels nicht im Zusammensetzen des Puzzles besteht, das einen
darüber belehrt, wie die Handelsströme verliefen und
mit
Hilfe welcher frühen Ingenieurskünste die
übriggebliebenen
Monumente einer Kultur zusammengefügt wurde. Das
Rätsel,
das diese vormodernen Kulturen aufgeben, lautet: Wie definieren sie
ihre Opfer? Unter welchen Voraussetzungen und zu welchen Bedingungen
wird in ihnen getötet? Der Mord, auf den sich die Herren der
Nibelungen-Welt einigen, verdankt sich dem Ressentiment – man
weiß,
wie Nietzsche auf dieses Motiv reagierte und welche weitreichende
Auslegung er ihm angedeihen ließ. Was Nietzsche nicht sah und
nicht sehen wollte, ist der Umstand, dass die Gegenwelt der Starken
und die Welt des Ressentiments ein und dieselbe sind, dass also die
einschlägigen Weltenwenden sich weitgehend unter Theaterdonner
vollziehen. Wagner geht weiter als Nietzsche: in der
Götterdämmerung
erlischt eine Welt, um einer anderen Platz zu machen, die ihr in den
wesentlichen Bestimmungsstücken gleichen wird. Das
Erlöschen
trifft die Akteure, nicht die zu vergebenden Rollen. Die
Komödie
der Auferstehung, die er seinem Siegfried
verständnisvollerweise
verweigert, findet im Morgengrauen statt oder im phylogenetischen
Prozess: der Held schlägt im Helden die Augen auf. Die Seele
des
Mythos ist der Tod.
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