Forschungskonzept

Im Mittelpunkt steht die Bedeutung kulturgeschichtlicher Fragestellungen für die Verfassungsgeschichte. Gegenstand ist die kulturelle Dimension verfassungsmäßig organisierter politischer Herrschaft, wobei sich „Verfassung“ nicht auf das moderne öffentlich-rechtliche System und seine Begrifflichkeit (Gewaltenteilung, Repräsentation, Staat, Nation u.a.m.) reduziert, sondern auch Ordnungsformen der Vormoderne sowie außereuropäische Zivilisationskreise ausdrücklich mit einschließt. Politische Herrschaft wird dabei als ausdifferenziertes System von konkurrierenden und kooperierenden Herrschaftsträgern verstanden. Ausgehend von einem Kulturbegriff, der Kultur als Ensemble aller Verhaltensmuster einer Gesellschaft samt ihrer intellektuellen, künstlerischen und symbolischen Objektivationen versteht, beinhaltet die Frage nach der „Verfassungskultur“ einer Gesellschaft die Untersuchung von Formen der Deutung, symbolischen Vermittlung und symbolischen Aneignung staatlicher (oder vorstaatlicher) gewaltenteiliger Ordnungsmodelle.

Daraus ergeben sich zwei Forschungsschwerpunkte:

  1. Auf dem Weg in die Verfasstheit: Personale Netze politischer Kommunikation in Alteuropa.
  2. Kulturelle Deutungsmuster und Handlungsformen moderner Verfassungsstaatlichkeit.

Innerhalb dieser Schwerpunkte können folgende Forschungsfelder bearbeitet werden:

Inszenierung

Die Inszenierung politischer Ordnungssysteme und die Selbstdarstellung von Herrschaftsträgern und Verfassungsakteuren im Hinblick auf deren eigene Positionierung innerhalb des Systems bzw. ihre Wahrnehmung, Deutung und Funktionalisierung der bestehenden politischen Ordnung stehen hier im Mittelpunkt. Beispiele: Politische Feiern und Feste, Initiationen, Hymnen, politische Architektur, einzelne Herrschaftssymbole u.a.m..

Kulturelle Praxis

Hier steht die Perspektive des gesellschaftlichen Umgangs mit den Inszenierungen, Symbolen und Repräsentanten von Herrschaft im Vordergrund. Das Spektrum reicht von Huldigung und Akzeptanz über Umdeutung von Herrschaftssymbolik bis hin zu Protestkultur und revolutionären Akten mit ihren symbolischen Formen. Beispiele: Begehung nationaler Feiertage, Umgang mit politischer Architektur und Denkmälern, politische Karikaturen, Protest in Verbindung mit Herrschafts- und Verfassungssymbolen, Gegensymbolik u.a.m..

Diskurse

Grundlegende Diskurse über Herrschaft und Verfassung bzw. über einzelne Verfassungskomponenten sollen im europäischen Vergleich untersucht werden. Dabei kann es sich sowohl um zeitgenössische intellektuelle Debatten auf der Ebene von Staatsrechtslehre und Verfassungstheorie als auch um Deutungskontroversen im populären öffentlichen Raum handeln, die die Stabilität und Entwicklung von Herrschafts- und Verfassungsordnungen behandeln und unter diskursanlytischen Aspekten untersucht werden können. Beispiele: Grundrechtsdiskurse, „pouvoir neutre“-Debatte des 19. Jahrhunderts, Durchbruch der positivistischen Verfassungslehre u.a.m..

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