Historisches Institut Lehrgebiet Neuere Deutsche und Europäische Geschichte
Kursmaterial 04151 Ausländische Arbeitnehmer in Deutschland
Kurseinheiten Einsendeaufgaben

 

KE 2 Einsendeaufgabe
Im Anhang der Kurseinheit 2 finden Sie als Text 4 zwei Berichte der Maschinenfabrik "Heller" in Nürtingen über die Erfahrungen bei der Beschäftigung von Ostarbeitern in diesem Betrieb 1942/43.

Bestimmen Sie zunächst den Quellenwert dieser Berichte, stellen Sie sie in den spezifischen historischen Kontext und untersuchen Sie, nach welchen Grundsätzen die Firma die Ostarbeiter behandelte, in welchem Verhältnis dabei Behandlung und Arbeitsleistung standen, warum und wie die Unternehmensleitung die Einsatzbedingungen der Ostarbeiter seit 1943 änderte und welche Bedeutung dem Verhalten der deutschen Belegschaft gegenüber den Ostarbeitern beizumessen ist. Versuchen Sie, in einer abschließenden Würdigung der Texte ein Urteil über den Charakter der Ausländerbeschäftigung in dieser Firma und in der deutschen Kriegswirtschaft generell.

Verfassen Sie dazu einen Text von etwa 5 Schreibmaschinenseiten.

Quelle 4

Aus: Einsatz von Ostarbeitern in der deutschen Maschinenindustrie;

Hrsg. Vom Hauptausschuß Maschinen beim Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Essen 1943 (vertraulich), S.77-93

Quelle 4 entstammt einem 1943 erschienenen, aber für einen engen Leserkreis gedachten Buch, das eine

Reihe von Erfahrungsberichten von deutschen Maschinenbaubetrieben versammelte, die seit längerer

Zeit ausländische Arbeitskräfte vor allem Ostarbeiter beschäftigten. Einer der Beiträge stammt von der Maschinenfabrik Gebr. HELLER in Nürtingen.

Er unterscheidet sich u.a. dadurch von anderen Berichten, dass die 1943 vorgenommenen Umstellungen bei der Ostarbeiterbeschäftigung ausführlich geschildert und begründet werden.

Wie wir die Sache anfassten.

Von Dipl. Ing. H. Heller.

Maschinenfabrik Gebr. Heller in Nürtingen.

Der Einsatz von Ostarbeitern wurde bei der Maschinenfabrik Gebr. Heller dadurch erleichtert, dass wir im Laufe der letzten Jahre wertvolle Erfahrungen in der Umschulung ganz allgemein und mit der Umschulung von Kriegsgefangenen und von Angehörigen befreundeter, neutraler und früher feindlicher Staaten im besonderen sammeln konnten. Schließlich sind ja die für die Umschulung erforderlichen Maßnahmen im Grunde genommen immer wieder dieselben, abgesehen davon, dass das von uns Zug um Zug einzusetzende Menschenmaterial durchaus verschieden war, was besonders für die Ostarbeiter gilt und wodurch sich besondere Schwierigkeiten im Einsatz derselben erklären.

Wie sie ankamen.

Es erscheint deshalb notwendig, sich ein annäherndes Bild zu machen, in welcher Verfassung die uns zugewiesenen männlichen und weiblichen Ostarbeiter in Nürtingen eintrafen. Der Transport setzte sich aus 60% Frauen und 40% Männern zusammen, die aus der Ukraine kamen und vom platten Land und aus ländlichen Berufen stammten. Es war kein einziger Facharbeiter darunter, ja, die Industriefremdheit ging so weit, dass sich nach unseren Beobachtungen keiner der Neulinge irgendeine Vorstellung von einer Fabrik und von Fabrikarbeit machen konnte. Zu diesen Ostarbeitern kam ein Transport von Bulgaren, d. h. nur der Staatsangehörigkeit nach Bulgaren, in Wirklichkeit geborene Griechen, die sich aus den heute von Bulgarien besetzten Gebieten rekrutieren, ausschließlich Männer, alle jedoch ohne industrielle Vergangenheit, mit Ausnahme von zwei Hafenarbeitern durchweg Hirten, im übrigen Menschen, die an keinerlei Arbeit gewöhnt waren. Sowohl die Leute aus der Ukraine als auch die Leute vom Balkan brachten kenntnismäßig keinerlei Voraussetzungen für die Tätigkeit mit, die sie bei uns ausüben sollten. Viele wussten ihren Geburtstag nicht, konnten selbst ihr Geburtsjahr nicht mit Bestimmtheit angeben, die damit für eine höherwertige Arbeit von vornherein ausschieden. Das Alter bewegte sich zwischen 14 und 50 Jahren.

Der in anderen Maschinenfabriken beobachtete Unterschied zwischen ukrainischen Männer und Frauen zeigte sich auch bei uns: Die Frauen waren körperlich und geistig besser als die Männer. Das erklärt sich wohl daraus, dass Russland alles an Industriearbeitern. Was auch nur einigermaßen brauchbar war, evakuiert bzw. zur Armee eingezogen hat, so dass der verbliebene Teil, der die Arbeitskräfte für Deutschland stellt, weitaus unter russischem Durchschnitt liegt. Das fällt besonders auf, wenn man die russischen Zivilarbeiter mit russischen Kriegsgefangenen vergleicht. Während diese durchweg einen äußerlich guten Eindruck machen, kann das für die uns überwiesenen russischen Zivilarbeiter leider nicht gesagt werden. Fast alle Männer haben größere oder kleinere Gebrechen. So hatte ein Mann vor Jahren einen Oberschenkelbruch erlitten, den er selbst, was für die Zustände in Russland allgemein und für das heimatliche Niveau unserer überwiesenen Zivilarbeiter aus Russland Bände spricht, zur Heilung brachte allerdings so, dass der Knochen unter einem Winkel von 45 Grad angewachsen ist. Die meisten haben Leistenbrüche, etliche Erfrierungserscheinungen. Außerdem befindet sich unter den Männern eine Anzahl von Geschlechtskranken. Die ärztliche Fürsorge erfordert um so größere Aufwendung, weil, entweder durch die Umstellung in der Ernährung oder durch irgendwelche andre Ursachen, sehr viele offene Wunden an Armen und Beinen auftraten, die sehr langwierig und schwer zu heilen sind. In einigen Fällen mussten wir feststellen, dass sich die Russen diese Wunden selbst beibrachten und die Ausheilung verzögerten, u.a. dadurch, dass sie sich Salz in die Wunden einrieben, wohl in der Hoffnung, eine Rückführung in die Heimat zu erzwingen. Man sieht, dass unsere Ostarbeiter gerade nicht eine Auslese darstellen. Wir haben alle Veranlassung anzunehmen, dass das Menschenmaterial, auf das die Industrie in Russland normal zurückgreifen kann, bei weitem besser ist. Demgegenüber können wir für die uns zugeteilten russischen Frauen annehmen, dass sie ungefähr dem Durchschnitt dessen entsprechen, was in Russland für die Fabrikarbeit zur Verfügung steht. Aber diese Feststellung darf die Erwartung anderswo. Wo man demnächst mit dem Eintreffen von Russentransporten zu rechnen hat, nicht allzu hoch spannen, wie noch zu zeigen ist.

Die ganze Verfassung der Neulinge machte es unmöglich, sie in unseren Bearbeitungsabteilungen einzusetzen, da es bei uns auf Grund unseres ganzen Fabrikationsprogramms keine Arbeit in großen Serien gibt, für die man einem Neuling ein paar Handgriffe mechanisch beibringen kann, damit dieser schon nach kurzer Anlernzeit in der bekannten Massenfertigung einigermaßen seinen Mann zu stehen vermag, und die Leute, die unsere Maschinen bedienen, unbedingt in der Lage sein müssen, nach Zeichnung zu arbeiten. Im Arbeitseinsatz waren wir deshalb auf die Montageabteilungen beschränkt und auch hier kamen die Neulinge nur als Helfer für untergeordnete Arbeiten in Betracht. Der Einsatz erfolgte so, dass jede Montagekolonne zunächst einmal Russen zugeteilt erhielt. Die einzelnen Kolonnen hatten dann den Einsatz selbst so zu regeln, dass sie die ihnen zugeteilten Neulinge für solche Arbeiten verwandten, für die sei tauglich erschienen, z.B. als Helfer und Zubringer. Eine andere Möglichkeit des geschlossenen Russeneinsatzes ergab sich beim Schaben, da diese Arbeit nach ganz kurzer Anleitung, allerdings unter dauernder Überwachung, ausgeführt werden kann, weil hier die für den Einsatz von Neulingen notwendige und wünschenswerte Gleichförmigkeit der Arbeit gegeben ist und ein Wechsel in der Arbeit, der bei unseren Maschinen immer wieder und oft in Kauf genommen werden muss, nicht vorkommt. Naturgemäß lag die Leistung in den ersten Wochen außerordentlich niedrig,

  1. weil die Ostarbeiter ja zum erstenmal in einer Fabrik arbeiteten und damit in eine vollkommen neue uns sie verwirrende Umgebung kamen,
  2. weil die Angewöhnung an das Lager und an die ganz anderen Verhältnisse nur langsam erfolgte,
  3. weil jeder sprachliche Kontakt zwischen der deutschen Gefolgschaft und den Neulingen fehlte und die deutschen Arbeitskameraden die ihnen gestellte Aufgabe, die Fremdlinge schnell mit ihrem Arbeitsplatz und mit ihrer neuen Tätigkeit bekannt und vertraut zu machen, zunächst nicht recht anzupacken wussten und
  4. weil eine gewisse Abneigung der deutschen Gefolgschaft gegen die Ostarbeiter nicht zu verkennen war.

Welche Probleme sie uns stellten.

Die Beseitigung der Schwierigkeiten konnte nur mit der psychologischen Bereinigung der ganzen Atmosphäre beginnen. Ausgangspunkt war für uns die Erkenntnis, dass die Abneigung der deutschen Arbeiter gegenüber den Ostarbeitern, man kann ruhig sagen die Scheu des deutschen Gefolgschaftsmitglieds, mit einem Russen zusammen zu arbeiten, vorwiegend darauf beruhte, und deshalb besonders groß war, weil die hygienischen Verhältnisse der Russen himmelweit von dem verschieden waren, was sich für die deutschen Menschen von selbst versteht. Hier musste also erst Wandel geschaffen werden. So mussten wir die russischen Männer zwingen, sich zu waschen, Taschentücher zu verwenden, Aborte entsprechend zu benutzen usw. Aber das galt beileibe nicht nur für die Männer, sondern auch für die Frauen, hier insofern noch verschärft, als die uns überwiesenen Russinnen es nicht gelernt hatten, die einfachsten Grundsätze der Frauenhygiene zu beachten. Es mussten für die Russinnen anschauliche Unterrichtskurse durchgeführt werden, wie sich eine zivilisierte Frau in dieser zeit benimmt und führt, da die einfachsten hygienischen Gebrauchsgegenstände wie Frauenbinden überhaupt nicht bekannt waren. Nach dem die hier notwendige Erziehungsarbeit, die uns schon Kopfzerbrechen machte, einigermaßen zu Ergebnissen geführt hatte, fassten wir das Problem einer ersprießlichen Zusammenarbeit zwischen unseren deutschen Arbeitern und den Ostarbeitern von der anderen Seite an, indem wir unsere deutschen Arbeitskameraden, was ich angesichts der ganzen Situation für äußerst wichtig hielt, und was sich auch als richtig erwiesen hat, in einem Betriebsappell klipp und klar darauf hingewiesen, dass der Russe nach Deutschland gekommen ist, um die durch den Dienst von Arbeitskameraden in der Wehrmacht entstandenen Lücken zu schließen und um die Leistungen des Betriebes zu halten und möglichst zu steigern, wobei auf Gefühle keine Rücksicht genommen werden könne. Es würde der deutschen Gefolgschaft eindrücklich gesagt: Es erscheint dem deutschen Arbeitskameraden anfänglich bequemer und leichter, wenn er die Arbeit für zwei Mann macht, als wenn er sich mit der Anlernung der Russen abplagt. Auf die Dauer gehe das aber nicht. Der deutsche Arbeitskamerad schneide sich auch damit ins eigene Fleisch, weil der Russe, der stumpfsinnig an seinem Arbeitsplatz steht und zuschaut, wie der deutsche Mann für zwei schafft aus der Leistung der deutschen Gefolgschaft bezahlt werden muss. So verliere der ganze Russeneinsatz auch seinen Sinn. Nicht nur der Betriebsführung, sondern dem gesamten Betrieb ist mit der Zuteilung der Ostarbeiter eine Aufgabe zugewiesen worden, die Betriebsführung mit ihrem normalen Aufsichtspersonal nicht bewältigen kann, schon deshalb nicht, weil man dann für die ganz kleine Gruppe von Russen jeweils Aufsichts- und Anleitungspersonal stellen muss. Was heute bei der Knappheit an guten und brauchbaren Leuten nicht möglich ist. Auf diese und ähnliche Weise haben wir unseren deutschen Arbeitskameraden das Gefühl beigebracht, dass es sich bei der in unserem Betrieb zu leistenden Anlern- und Erziehungsarbeit der Ostarbeiter um eine kriegswichtige Gemeinschaftsarbeit handelt, die nur dann gelöst werden kann, wenn die deutsche Gefolgschaft unter allen Umständen dafür sorgt, dass der Russe begreift, was der Betrieb von ihm fordern muss, und sich bald an seine Tätigkeit gewöhnt.

Wie wir sie lösten.

Wir sind damit zu einer Art von Selbstverantwortung der deutschen Arbeitskameraden für die in ihren Gruppen und Kolonnen eingesetzten Russen gekommen und haben diese Verantwortung, als sich die Auswirkungen des obenerwähnten Appells, vor allem der hygienischen Verhältnisse und der Unsauberkeit der Russen wegen und infolge der sprachlichen Schwierigkeiten, zu verwischen drohten, höchst materiell unterbaut, schon deshalb, weil Appelle und Aufforderungen durch ewige Wiederholung gerade nicht wirkungsvoller werden. Wir gingen dabei von folgender Überlegung aus: Es ist aus naheliegenden Gründen für jeden deutschen Gruppenführer nicht gerade angenehm, wenn er sich neben seiner sicherlich hinreichenden Arbeit, für die vielfach nur ungelernte oder nur kurz angelernte deutsche Kräfte zu überwachen und anzuleiten sind, noch mit Russen abgebe muss, die er nicht versteht und die ihn nicht verstehen. Um die Gruppenführer für ihre zusätzliche Aufgabe zu interessieren, gingen wir dazu über, die Russen direkt bei der Berechnung der Gruppenakkorde zu bewerten, Der Russe wurde also bei uns nicht nur arbeitsmäßig in die Gruppe hineingestellt, sondern auch am Gruppenakkord insofern beteiligt, als wir ihn mit einem gewissen leistungsgrad einsetzten und im Gruppenakkord entlohnten. Damit war die deutsche Gruppe geldmäßig an den Leistungen des Russen interessiert, d.h. arbeitet der Russe nicht oder kam er nur auf eine sehr geringe Leistung, so ging das auf Kosten der deutschen Arbeiter. Dagegen hatte der deutsche Arbeiter den Vorteil, sofern der Russe es zu einer annehmbaren Leistung brachte. Wir haben diese Regelung ganz offen mit unserer deutschen Belegschaft besprochen und ihr gesagt, dass es nach Lage der Dinge bei uns keinen anderen weg gibt, um Anforderungen zu erfüllen, die aus kriegswichtigen Gründen an uns gestellt werden und denen wir aus nationalen Überlegungen heraus gerecht werden müssen. Wir haben die Russen zunächst mit 20% der Leistungsfähigkeit eines deutschen Arbeitskameraden in die Gruppe eingestuft. Von Monat zu Monat wurde die Leistungsbewertung der Russen gesteigert, so dass es sich die Gruppe, wenn sie nicht durch ihre Russen belastet werden wollte, angelegen sein lassen musste, den einzelnen Russen schnell anzulernen und vorwärtszubringen.

Was wir nach drei Monaten leisteten.

Heute, Ende September 1942, zwölf Wochen nach Eintreffen der beiden Transporte, sind die meisten Ostarbeiter mit 40 oder 50, in einzelnen Fällen sogar mit 60% der durchschnittlichen deutschen Leistung eingestuft. Der Prozentsatz wird sich heben, nach unseren Erwartungen und auf Grund unserer Erfahrungen bis zu einer Leistungsfähigkeit von ungefähr 70%. Damit dürfte aber bei uns angesichts der uns zur Verfügung stehenden Menschenmaterials und in Rücksicht daraus, dass wir bei dem Einsatz der Ostarbeiter aus den dargelegten Gründen auf die Montagekolonnen beschränkt sind, das Optimum erreicht sein. Denn Schwierigkeiten, mit denen sich der Betrieb durch die Anlernung und Erziehung von Ostarbeitern belastet, verlieren sich keineswegs mit der fortschreitenden Ausbildung: Sie werden nur anders, aber nicht geringer. Der Schritt von einer Leistungsstufe zur anderen gestaltet sich um so schwerer, je höher es die Leistungsleiter hinaufgeht, und deshalb haben bei uns die letzten Schritte in der Einstufung von 50 auf 70% nur sehr langsam getan werden können. Flachen sich die Sprachschwierigkeiten mit der zeit ab und erfolgt naturgemäß eine Aussiebung unter den Neulingen nach der Richtung hin, dass nur die Fähigen und Tauglichen in eine Weiterausbildung genommen werden und nur zu nehmen sind, so muss man andererseits in Rechnung stellen, das Fremdlinge nach einigen Wochen Anlernzeit für hochwertige Arbeit eingesetzt werden müssen , die in normalen Zeiten von gelernten deutschen Arbeitern ausgeführt werden, von Menschen, die auf jeden Fall weit intelligenter sind als die uns zugeteilten Russen und die nach ihrer Lehrzeit mindestens eine fünfjährige Berufszeit benötigen, um das zu leisten, was unser Betrieb von ihnen fordern muss. Dass es uns gelungen ist, die uns zugewiesenen Ostarbeiter in verhältnismäßig kurzer Zeit auf den Stand zu bringen, den wir erreicht haben, beweist mir, dass ohne eine Regelung, wie wir sie vornehmen mussten und wie sie oben dargestellt wurde, ein Russeneinsatz, der auf baldmögliche Leistung abgestellt ist, überhaupt nicht durchgeführt werden kann.

Welche Voraussetzungen die Leistungssteigerung bedingt.

Ist der eine Teil, die deutsche Gefolgschaft, mit dem Herzen dabei, unter allen Umständen herauszuholen, was sich aus den Neulingen herausholen lässt, dann wird das nur glücken, wenn der andere Teil dem entgegenkommt. So rückt der Arbeitswille der Ostarbeiter in den Vordergrund, der allerdings nur beschränkt der Beeinflussung des Betriebs zugänglich ist, weil er naturgemäß aus einer Reihe von Faktoren resultiert, auf die der Betrieb nicht einwirken, zumindest nur ungenügend einwirken kann. Hemmend hat sich für den Arbeitswillen bei uns das Heimweh ausgewirkt, besonders bei unseren russischen Frauen und schließlich die Geldfrage. Augenscheinlich ist dem Russen an Nahrung und Kleidung viel mehr gelegen als an Geld, was damit zusammenhängen dürfte, dass er an eine geldliche Entlohnung nicht in dem Umfang gewöhnt ist wie unsere Leute. Der Begriff des Sparens scheint ihm auch weniger in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, so dass er für Sparmarken wenig Verständnis aufbringt. Wir haben alles getan, was uns möglich war, den Arbeitswillen zu wecken und zu fördern, vielfach mit primitiven Mitteln, z.B. dadurch, dass wir diejenigen, die eine gute Leistung aufweisen konnten, in Ernährung und Unterbringung besser stellten, wovon wir uns noch heute einiges versprechen. Andererseits kamen wir nicht darum herum, auch schärfere Maßnahmen für die Erziehung Arbeitsunwilliger und Widerspenstiger in Anwendung zu bringen, wozu wir erfreulicherweise jedoch nur in einigen Fällen gezwungen waren. In schweren Fällen, die an Arbeitsverweigerung grenzten oder wo eine dauernde Arbeitsunwilligkeit festgestellt werden musste, hat sich die Auslieferung der Übeltäter an die Polizei bewährt, unmittelbar nach Arbeitsschluss am Wochenende, bei der sie bis zum Wiederbeginn der Arbeit am Monatmorgen bleiben.

Abschließend soll festgestellt werden, dass es nach unseren Erfahrungen durchaus möglich ist, allerdings mit sehr viel Mühe, mit Geduld und bei einem Maß von Arbeit, die uns im deutschen Maschinenbau immerhin nur gewohnt sein kann, da es unsere Aufgabe ist, Maschinen zu bauen und nicht schwer erziehbare Landarbeiter zu zivilisierten Menschen zu machen, Ostarbeiter im Durchschnitt nach drei- bis viermonatiger Einarbeitzeit dahin zu bringen, dass zwei Russen einen Deutschen ersetzen. Unbedingte Voraussetzung ist aber dafür, dass angesichts der Eigenart unserer Produktion genügend deutsche Fachkräfte zur Verfügung stehen. Die Schulung von Russen ist an derartige Fachkräfte geknüpft, und diese dürfen unter keinen Umständen unter die erforderliche Anzahl sinken, wenn der an sich mögliche Erfolg nicht von vornherein gefährdet und vereitelt werden soll. Sind deutsche Facharbeiter nicht in genügender Anzahl vorhanden, dann ist es überhaupt sinnlos, Russen einsetzen zu wollen, weil damit die Voraussetzungen für jeden Erfolg der Anlern- und Erziehungsarbeit fehlen. In einem Betrieb wie dem unsrigen kann der Russe wohl in den verschiedenen Gruppen zu einer produktiven Leistung gebracht werden und man kann hier auch in gewissen Grenzen zu annehmbaren Leistungssteigerungen kommen. Die Möglichkeiten dürfen aber durch übermäßigen Abzug deutscher Arbeitskräfte nicht verbaut werden.

Und wie wir uns umstellten.

Ein Nachtrag der Maschinenfabrik Gebr. Heller in Nürtingen.

Ende Januar 1943

Von Dipl. Ing. H. Heller, Nürtingen

Wenn wir nach einem Ostarbeitereinsatz von 6 bis 7 Monaten nochmals dazu Stellung nehmen, dann geschieht das deshalb, weil sich im Rahmen des Einsatzes von Ostarbeitern in unserem Werk, wie er im vorstehenden Erfahrungsbericht geschildert wird, zusätzliche Erfahrungen ergaben. Sie wurden von uns schnellstens so ausgewertet, dass wir neue Wege beschreiten und gewissermaßen vom empirischen Einsatz zum methodischen Einsatz übergehen konnten. Die damit erzielten Ergebnisse sind befriedigend, haben die aufgewandte Mühe gelohnt und rechtfertigen schon eine Beschreibung unserer neuen Methoden.

Weshalb wir umstellten.

Die Notwendigkeit andere Maßnahmen ergab sich einmal daraus, dass sich die Art der Fertigung bei uns sich weiter in das Gebiet der Spezial- und Rationalisierungsmaschinen verschoben hat, womit sich die Einsatzmöglichkeit im Serienbau natürlich beschränkt. Des anderen hat sich der Einsatzradius von Ostarbeitern durch Abzug deutscher Gefolgschaftsleute so verändert, dass wir unsere Ostarbeiter, die wir anfänglich nur in den Montagen nur durch Zuteilung an Montagegruppen beschäftigten, auch in größerem Umfang in den bearbeitenden Abteilungen einsetzen mussten. Schließlich hat uns bei der Anwendung neuer Maßnahmen die Notwendigkeit geleitet, die eingesetzten Ostarbeiter nicht nur an die produktive Arbeit, sondern auch auf die bei uns übliche Durchschnittsleistung zu bringen.

Die im vorstehenden Erfahrungsbericht näher dargestellte grundsätzliche Beteiligung der Ostarbeiter am Gruppenakkord hat sich, vom Standpunkt des deutschen Arbeiters gesehen durchaus bewährt. Der Betrieb aber war dadurch gehalten, den Ostarbeiter im Leistungsgrad verhältnismäßig niedrig einzustufen, da dieser weder über sprachliche noch über fachliche Kenntnisse verfügte. Es zeigte sich nun sehr bald, dass sich so nur ein ziemlich bescheidener Leistungsgrad erzielen lässt. Überdies hatten wir auch damit zu rechnen, dass wir uns so für immer auf einen nicht genügenden Leistungsgrad festlegen mussten, weil eine weitere Fortbildung des Ostarbeiters im Rahmen der Gruppenarbeit keinen hinreichenden Erfolg versprach, was durchaus verständlich ist,. Der Gruppenführer und die noch in der Gruppe beschäftigten deutsche Arbeitskameraden haben ja alle Hände voll zu tun, um dazu noch, hinreichende pädagogische Veranlagung vorausgesetzt, die Weiterbildung zusätzlich übernehmen zu können. Andererseits wären wir, wenn die Weiterbildung den in den Gruppen beschäftigten deutschen Gefolgschaftsmitgliedern überlassen blieb, niemals zu einer einheitlichen Linie gekommen, zu jener Systematik, die nun einmal Grundsatz in der Anlernung des Ostarbeiters sein muss, weil dieser infolge seines geistigen Zustands und der sprachlichen Schwierigkeiten wegen die ihm beizubringenden Begriffe nur dann in sich aufzunehmen in der Lage ist, wenn diese sprachlich eindeutig und einheitlich bezeichnet werden, so dass ein bestimmter begriff und ein bestimmtes Wort unbedingt und für immer zusammengehören. Von dem mit der Anlernung in der Gruppenarbeit ganz zufällig beauftragten deutschen Gefolgschaftsmitglied kann man aber diese methodische Disziplin nicht erwarten und verlangen. Wenn aber ein Werkzeug einmal so und das andere Mal so bezeichnet wird, muss eine solche, uns allerdings geläufige und nicht störende Doppel- und Mehrfachbezeichnung desselben Gegenstandes bei dem Ostarbeiter zu einer begrifflichen Verwirrung führen und die Anlernung erschweren.

Andere Anregungen dafür, die Anlernung methodisch zu gestalten und vor allem in einheitliche Form zu bringen, ergaben sich aus den natürlichen Mängeln des früher durchaus empirisch gehandhabten Einsatzes. In der mechanischen Bearbeitung ging man z.B. bei uns anfänglich so vor, dass ein als Einrichter für Ostarbeiter bestimmter Dreher eine Gruppe von Ostarbeitern zu betreuen hatte. Um nun möglichst schnell vorwärtszukommen, wurden einem an der Maschine arbeitenden Ostarbeiter zwei weitere Ostarbeiter beigegeben, Die drei sollten abwechselnd an der Maschine arbeiten und einer von dem anderen lernen. Es ergab sich aber, dass nach den Weisungen des Einrichters wohl zugesehen, aber dabei nichts gelernt wurde. Alle drei kamen nicht vorwärts und verbummelten sogar auf diese Weise. Der Anlernungserfolg lässt sich nämlich nur durch praktische Arbeit erzielen, durch Bedienung der Maschine selbst und nicht durch zusehen. Das Interesse fällt auch sofort ab, wenn der Ostarbeiter nicht an die Maschine rankommt und an ihr dauernd beschäftigt wird. Außerdem ergab sich, was nur das über die unbedingt erforderliche Einheitlichkeit in der Anlernung gesagte bestätigt, dass der eine Einrichter seine Aufgabe so, der zweite anders und er dritte wieder anders auffasste. Vor allem mussten wir feststellen, dass durch diese Art Anlernung unserer Ostarbeiter das notwendige Messen nicht beigebracht wurde.

Wie wir umstellten.

Nachdem wir uns das lange genug angesehen hatten, um zu wisse, wo der Hase im Pfeffer lag, stellten wir unseren ganzen Ostarbeitereinsatz und die Anlernung vollkommen um, getrennt nach Montagen und Bearbeitungsabteilungen.

a) Was sie für die Montage zu lernen hatten

In den Montagen wurden die Ostarbeiter abteilungsweise in Gruppen von ihren Arbeitsplätzen weggenommen und einer systematischen Umschulung in unserer Lehrwerkstätte unterzogen. Da die des Denkens wenig gewohnten Gehirne dieser Leute Neues nur in beschränktem Umfang und dieses nur stückweise aufzunehmen vermögen, setzte unser Ausbildungsleiter das Höchstmaß der dem Ostarbeiter täglich zu vermittelnden Begriff auf 10 fest. Am ersten Tag wurde ihm beigebracht, begrifflich und sprachlich, dass er an einer "Werkbank" arbeitet sein "Werkstück" in eine "Schraubstock einspannt", diese nun mit der "Feile feilt", zuerst mit der "Schruppfeile" und dann mit der "Schlichtfeile", und dass er "Kanten abrundet" und "Winkel feilt". Das und mehr nicht war das Pensum des ersten Tages. Anschließend wurden Langfeilen, Meißel und Hammer, Reißnagel, Körner, Bohrer, Gewindebohrer usw. behandelt, dann das Messen, wofür wir verhältnismäßig viel zeit verwendeten, da der Ostarbeiter sich hier eine ganze Reihe neuer Begriffe und Namen anzueignen hat. ER muss die neuen Dinge auch so in sich aufnehmen, dass er logisch mit ihnen arbeiten kann. Damit sich die neuen Vorstellungen genügend setzten und hinreichend in den Anschauungskreis des Ostarbeiters einfügten, nahmen wir systematisch Wiederholungen vor, immer wieder dasselbe. Mit derselben Bezeichnung und in der gleichen Satzstellung, einzeln und im Chor, in deutsch und russisch, womit sich gleichzeitig auch eine Sprachschulung ergab. Die Richtigkeit des gelernten wurde ständig durch Abfragen kontrolliert, Damit verknüpften wir praktische Übungen im allergrößten Umfange, vor allem im Messen. Das ging 14 Tage hindurch. Nach Beendigung des Lehrgangs wurden die Ostarbeiter wieder an die Werkstatt zurückgegeben.

b) Für die Bearbeitung gingen wir ähnlich vor.

Da es sich in den bearbeitenden Abteilungen um Maschinenbedienung handelt, konnte der Ostarbeiter hier von Anfang an für einfache Arbeiten, also für das reine Laufenlassen der Maschine, eingesetzt werden, Aber die Maschine stand bei der geringstfügigen Ursache still und der sie bedienende Ostarbeiter konnte noch messe und konnte auch keinen Stahl einspannen. Damit wurde das Einrichtpersonal so beansprucht, dass es den Anforderungen nicht mehr nachzukommen vermochte, weshalb ständig Maschinen stillstanden. Der Versuch, über de Anlernung durch den Einrichter zu einem höheren leistungsgrad zu kommen, erwies sich als nicht tauglich. Darauf setzten wir die Ostarbeiter in den Bearbeitungsabteilungen täglich n dreifacher Schicht zu je 8 Stunden ein. Grundsatz war, dass jeder Ostarbeiter zunächst mal seine eigene Maschine erhielt. Die hatte er dauernd zu bedienen. Zuschauer gab es nicht mehr. Ausserdem wurde er täglich 1 ½ Stunden auf seine Maschine einexerziert, aber nicht an der Produktionsmaschine in der Werkstatt, sondern an der Maschine in der Lehrlingsausbildungswerkstätte, genau nach denselben Grundsätzen, wie sie bereits für den Montagearbeiter dargestellt wurden. Veranschaulicht und angeeignet wurden ihm Begriffe wie "Drehbank", "Support" usw. Er lernte die verschiedenen "Stähle" kennen. Vor allem aber stand das Messen und das Ablesen von Maßen aus Zeichnungen im Vordergrund. Auch hier wurde durch systematische Wiederholung mit entsprechender Kontrolle durch Abfragen darauf hingewirkt, daß das Gelernte in Fleisch und Blut überging.

Abschließend wird geprüft.

Die oben beschriebene Grundausbildung hat bei uns jeder Ostarbeiter und jede Ostarbeiterin durchzumachen, soweit sie überhaupt umschulungsfähig sind, was wir durch eine psychologisch-technische Prüfung feststellen. Nach Beendigung der Umschulung gibt es eine Abschlußprüfung, die angesichts des sehr ausgeprägten Sinns dieser primitiven Menschen für alles, was aus dem Alltag herausfällt, überaus ernst genommen wird und bei uns ganz allgemein derart gute psychologische und moralisch gute Auswirkungen hatte, daß wir nur empfehlen können, allergrößten Wert auf solche ähnlichen Einrichtungen zu legen, die den einzelnen anspornen, seine Fähigkeiten zur Geltung zu bringen und an sich selbst zu arbeiten. Die bei uns eingerichtete Prüfung erstreckt sich in jedem Fall auf Kenntnisse der Werkzeuge und auf Kenntnisse von Arbeitsvorgängen, stets im Zusammenhang mit einer Kontrolle, ob der Prüfling mit irgendeiner Bezeichnung den dazugehörigen Begriff richtig verbindet. Fällt während der Prüfung z.B. das Wort "Hammer", dann hat der Prüfling einen solchen vorzuzeigen. Wir überzeugen uns, daß er ganz genau weiß, was gemeint ist, wenn vom "Kanten abrunden" gesprochen wird, usw. Das ist gewissermaßen der theoretische Teil unserer Prüfung. Der praktische umfaßt den Gebrauch der Werkzeuge und die Durchführung der Arbeitsvorgänge. Schließlich gibt es ein Abschlußstück. Für die Schlosser z.B. haben wir vorgesehen, daß in eine Eisenplatte, die außenseitig zu feilen ist, ein Loch gebohrt und in dieses ein Bolzen eingepaßt werden muß und auf der Platte 2 durch Feilen in eine gewisse Form zu bringende Stücke zu verbohren und verstiften sind, einschließlich Gewindeschneiden usf., für die Dreher Messen von verschiedenen Teilen und Eintragen der erhaltenden Maße in eine Zeichnung, weiter Dreher eines Bolzens bzw. eines Ringes, und zwar vom rohen Stück, in ein Dreibackenfutter eingespannt bzw. zwischen Spitzen usw.

Wir wollen sie als Hilfslehrkräfte heranziehen.

Wenn wir mit den Ergebnissen dieser Grundausbildung zufrieden sein könne, so ist das mit darauf zurückzuführen, daß sich unsere Ostarbeiter außerordentlich für die Umschulungskurse interessieren und sich als sehr lernbegierig erweisen. Wir habe auch für die jeweils besten in den Kursen und in der Werkstatt Preise ausgesetzt, kleine und an sich wertlose Dinge, auf die unsere Ostarbeiter aber mächtig erpicht sind. Sie sollen nicht nur Belohnung sein, vielmehr sind sie für uns ein wertvolles pädagogisches Mittel, um den Ehrgeiz zu wecken, der nach unseren Erfahrungen geeignet ist, die Einsatzmöglichkeiten für den Ostarbeiter zu verbreitern und seine Arbeitsfähigkeit zu steigern. Den Ehrgeiz dafür ausnutzen zu können, ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die wir in Durchführung unserer neuen Schulungsmaßnahmen seit nunmehr drei Monaten machen konnten. Die Umschulung hat auch eine durchweg begrüßte Abwechslung in die Gestaltung der Freizeit unserer Ostarbeiter getragen und sich auch so ausgewirkt, daß sie sich außerhalb der Umschulungskurse mit dem Unterrichtsstoff beschäftigen. Im Zusammenhang mit anderen Anregungen hat das bei uns zu dem Entschluß geführt, weitere Schulungskurse für besonders tüchtige und interessierte Leute einzurichten, um zu erreichen, daß diese noch weiterkommen und andere Ostarbeiter für einfachste Arbeiten anzulernen vermögen. Wieweit das möglich ist, muß der versuch ergeben, den wir gegenwärtig mit einer Reihe von Ostarbeitern und Ostarbeiterinnen machen. Er sieht neben der täglichen Achtstundenschicht eine Schulung von 3 Stunden vor. Die bisher gemachten Erfahrungen berechtigen zu der Annahme, daß das uns vorliegende Ziel erreichbar ist.

Wie die psychologische Bereinigung glückte.

Zu den Abschlußprüfungen werden die Gruppenführer und Einrichter grundsätzlich zugezogen, aus mancherlei Gründen. Wir wollen ihnen damit eine Vorstellung von dem geben, was die Prüflinge in den Kursen gelernt haben, damit der notwendige Kontakt zwischen Werkstatt und Umschulung hergestellt wird und die Werkstatt auf dem weiter aufbauen kann, zu dem der Kursus den Grund legte. Des anderen erblicken wir in dem Interesse unserer deutschen Leute an der Schulung der Ostarbeiter und den Schulungserfolgen die beste Gewähr für die im vorstehenden Erfahrungsbericht als äußerst wichtig bezeichnete psychologische Bereinigung der Zusammenarbeit unserer deutschen Gefolgschaftsleute mit unseren Ostarbeitern, mit dem Ziel einer sachlichen Fundierung derselben, da gerade ein sachliches Verhältnis ohne Sentimentalität und getragen von der Einsicht, daß der Ostarbeiter etwas lernen und möglichst viel lernen muß, Fehleinstellungen bei den deutschen Arbeitskameraden nach den verschiedensten Richtungen hin zu vergüten in der Lage ist.

Daß wir hier auf dem richtigen Weg sind, geht z.B. daraus hervor, daß deutsche Gefolgschaftsleute, die zur Prüfung hinzugezogen waren, um zu sehen und sich persönlich davon überzeugen, was der Ostarbeiter gelernt hat und was er kann, immer wieder während des praktischen Teils der Prüfung aus ihrer Zuschauerrolle herausfielen und dem Ostarbeiter zu helfen versuchten. Nur ein Zeichen dafür, daß unsere deutsche Gefolgschaft den höheren Sinn einer solchen Umschulung begreift und sie restlos anerkennt. Mit dieser Einstellung ist aber die notwendige Bereinigung durchgeführt und der psychologische Ausgangspunkt für einen gegenüber früher weit besseren Einsatz des Ostarbeiters im Betrieb gegeben. Haben wir durch die Umschulung an sich erreicht, daß der Ostarbeiter heute dem Kolonnenführer eine wesentlich bessere Hilfe als früher ist und an der Maschine nahezu selbständig arbeitet, so verdanken wir es der psychologischen Bereinigung, daß der Deutsche den Ostarbeiter in korrekter Weise betreut und seine Aufgabe nicht resigniert als aussichtslos betrachtet, vielmehr mit innerer Befriedigung dabei ist, die Kenntnisse des Ostarbeiters zu erweitern.

Welche technischen Maßnahmen wir getroffen haben.

Auch die bloßen Theoretiker haben sich mit der zeit davon überzeugen müssen, daß es keineswegs genügt, dem Betrieb Ostarbeiter zur Verfügung zu stellen, da ihre Arbeitskraft nur dann durch den Betrieb in erhöhte Ausbringung umzusetzen ist, wenn dieser die ihm zugewiesenen Leute an die produktive Arbeit und ihre Leistung auf den Werkstattdurchschnitt bringen kann. Die Anlernung vermag, wie oben gezeigt wurde, dafür eine sehr große Hilfe zu sein, aber sie hat ihre Grenzen, und zwar hinsichtlich der Anlernzeit und hinsichtlich der Anlernungsmöglichkeit überhaupt. Man kommt über die bloße Anlernung nicht über die Gesetze der zunehmenden Schwierigkeiten bei wachsenden Anforderungen hinweg, wie sie im vorstehenden Erfahrungsbericht zu skizzieren versucht worden ist. Die Anlernung auf einen Arbeitsplatz in der ausgesprochenen Massenfertigung wird immer weit weniger Zeit in Anspruch nehmen als die Anlernung auf einem Arbeitsplatz mit häufig wechselnder Fertigung. Außerdem ist die Anlernung an eine höherwertige Tätigkeit durch manuelle Eignung und durch geistige Fähigkeiten beschränkt. Man darf deshalb das Problem, wenn man weiterkommen will, nicht nur von der pädagogischen, sondern muß es auch von der technischen anfassen, wofür man jeden Arbeitsprozeß, jede Maschine, im Gebrauch der Vorrichtung und in der Handhabung des Werkzeugs nicht Vereinfachungen erzielen lassen, die praktisch Erleichterungen im Sinne der bekannten Erleichterungen in der Massenfertigung erlauben. Davon ausgehend haben wir in der mechanischen Bearbeitung die entsprechenden organisatorischen Maßnahmen getroffen, z.B. die Arbeitsgänge viel weiter als früher unterteilt. So überließen wir früher dem Ostarbeiter das Fertigdrehen eines Stückes. Heute muß ein Ostarbeiter die Einstiche machen. Das ist seine Arbeit. Er kann sich in diesem beschränkten Aufgabenkreis aber bald auf Höchstleistungen bringen. Das Fertigdrehen auf Durchmesser ist wiederum Sache eines anderen Ostarbeiters. Wir haben gerade mit der Unterteilung von Arbeitsvorgängen gute Erfolge erzielen können.

Worüber wir uns klar sind.

Trotz aller Verfeinerung der Anlernungs- und Umschulungsmethoden, die sich ja erst mit der längeren Beschäftigung von Ostarbeitern ergeben kann, beschränkt sich die Möglichkeit der Umschulung und Anlernung nur auf einfachste Arbeiten. Es kann sich nur um reine Zweckschulung handeln. Dadurch wird der Ostarbeiter nie zum Facharbeiter. Während die Einschulung auf bestimmte Arbeiten möglich ist, z.B. auf Einstechen, Schlichten, auf Maß Drehen, allerdings nur bei gleichartigen oder ähnlichen Stücken, wird man ihm nie die universellen Kenntnisse, die langjährigen Erfahrungen und das souveräne Können eines deutschen Facharbeiters vermitteln können. Wirklich hochwertige Arbeit, wie das Einrichten auf neue Stücke, wird immer Sache des deutschen Facharbeiters bleiben müssen. Je mehr sich also die Decke an deutschen Gruppenführern, deutschen Einrichtern und deutschem Lehrpersonal verknappt, werden die Einsatzmöglichkeiten von Ostarbeitern verringert, zumindest in Betrieben der Werkzeugmaschinenindustrie und vor allem in Betrieben mit Einzelfertigung. Gute Erfahrungen mit Ostarbeitern dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß jede Schulung illusorisch wird, wenn der deutsche Facharbeiter nicht mehr hinter dem Ostarbeiter steht.

Aus: Einsatz von Ostarbeitern in der deutschen Maschinenindustrie; hrsg. Vom Hauptausschuss Maschinen beim Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Essen 1943 (vertraulich), S. 77-93

FernUni Logo02.11.04, Redaktion