Schöne neue Welt: Gartenstädte lösen hässliche Urbanisierungsfolgen
Einleitung
Die Industrialisierung und die damit einhergehende Urbanisierung brachten im 19. Jahrhundert neben städteplanerischen vor allem immense soziale Probleme mit sich. Städte in Europa und in Nordamerika, dann auch in Indien, Lateinamerika und China wuchsen über die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtgrenzen hinaus. Gleichzeitig verdichtete sich innerhalb des städtischen Siedlungsbereiches der Wohnraum. Während einerseits die Stadtmauern eingerissen wurden, baute man andererseits die Hinterhöfe zu. Kaum vorstellbar war der gedrängte Wohnsituation. Untervermietung von einzelnen Zimmern, Schlafgängertum, Sutterain- und Kellerwohnungen waren ebenso überbelegt wie die regulären Ein- und Zweizimmerwohnungen. Berlin war in Europa das abschreckende Beispiel, Detroit wurde es bald in den USA und in Indien sollte es Bombay werden. Luftverschmutzung, unsauberes Wasser und eine wachsende gesundheitliche Gefährdung, die sich an den stetig steigenden Mortalitätsraten festmachen ließen, schreckten bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts manche Kommunalpolitiker, aber auch Regierungen auf. Gezielt sollte dem Übel an die Wurzel gegangen werden. Hygienekommissionen empfahlen Maßnahmen zur Stadtplanung, Kanalisationssysteme sollten angelegt und eine öffentliche Gesundheitsfürsorge inklusive Kontrolle eingerichtet werden.
Reformer aus allen Gesellschaftskreisen bezeichneten die fortschreitende Urbanisierung als „Unkultur“ und forderten eine kulturelle und gesellschaftliche Alternative. Neben zahlreichen lebensreformerischen Bewegungen wurde schließlich 1902 die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft gegründet. Unter dem Motto: Licht, Luft und Sonne sollte eine städtebauliche wie soziale Erneuerung in Gang gesetzt werden. Noch vor dem Ersten Weltkrieg entstanden in Deutschland fast 140 Gartenstädte, obgleich nicht alle, die den Namen trugen, die Bezeichnung auch verdienten, wie bereits kritische Zeitgenossen bemerkten. Die Gartenstadtbewegung war aber nicht nur eine idealistische Reformbewegung, sondern hatte zur Folge, dass sich in Deutschland in der Zwischenkriegszeit das Einfamilienhaus in Form von Reihenhäusern oder Doppelhäusern, aber auch Einzelhäusern auch für den unteren Mittelstand, den kleinen Beamten und Angestellten sowie den Facharbeiter als erstrebenswertes und erreichbares Ziel durchsetzte. Wie wurde dies erreicht und wer hatte ein Interesse daran, diese Gesellschaftsschicht durch materiellen Wohlstand abzusichern?
„Soziale Frage“, „Wohnungsfrage“ und Gartenstädte
Die Probleme der Urbanisierung traten im Deutschen Reich seit den 1880er Jahren offen zutage. Nicht nur eine rapide wachsende Bevölkerung bei gleichzeitigem Zug vom Land in die Stadt war zu verzeichnen, sondern hier war es die allgegenwärtige Wohnungsnot, die mit der Verstädterung einherging und in Kombination mit der Proletarisierung weiter Teile der Arbeiterschaft die „sozialen Frage“ entstehen ließ. Die Wohnungsnot war in den Industrie-, Handels- und Hansestädten sowie den großen Residenzstädten das gravierende kommunale Problem. Berlin steht hierfür einzigartig, wo in einem Haus zu Beginn dieses Jahrhunderts durchschnittlich 77 Menschen lebten, während es in München gerade 29 und in Hamburg 23 Bewohner waren. Paradiesisch mussten die Wohnverhältnisse im ersten industrialisierten Land der Welt anmuten, wo zur selben Zeit in London gerade einmal sieben, in Liverpool sechs und in Manchester fünf Bewohner pro Haus lebten. Zweifelsohne hing dies mit dem in England vorherrschenden Kleinhaustyp (Reihenhäuser) zusammen, mit denen Städte an der Peripherie expandierten. In Deutschland war in den Städten bereits vor der Industrialisierung und Großstadtbildung das mehrgeschossige Mietshaus dominant, das bei den Stadterweiterungen systematisch zur Anwendung kam.
Die Stadterweiterungen ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden weitgehend Privatgesellschaften überlassen. Bestehende Bauordnungen schrieben lediglich Fluchtlinien und Baublöcke vor. Ergänzt wurden diese Maßnahmen durch baupolizeiliche Verordnungen, die sich aber auf laxe hygienische und feuerschutzrechtliche Vorschriften beschränkten. Enteignungsmöglichkeiten bestanden nur im Zusammenhang mit Platz- und Straßenräumen. Der Baublock wurde unter diesen Bedingungen zum Spekulationsobjekt ersten Ranges. Vor allem in Berlin, aber auch in den anderen deutschen Großstädten, bildete sich der Haustyp der „Mietskaserne“ heraus, die zur Straßenseite durch ihre zunehmend historistisch gestaltete Fassade und mit Stuck und Putz angedeuteter „belle etage“ an ein großzügiges Bürgerhaus erinnert. In den Baublock hinein reihten sich schmucklose Seiten- und Quergebäude in bis zu acht Hinterhöfen. Hier drängten sich in Kellerwohnungen und Dachgeschossen die Tagelöhner und ungelernten Arbeiter. Aber auch der besser gestellte Arbeiter, wie auch die unteren Angestellten und Beamten konnten sich höchstens eine Wohnung mit einem oder zwei heizbaren Zimmern leisten, wenn sie Schlafgänger aufnahmen oder ein Zimmer untervermieteten. Fünfzehn bis zwanzig Prozent aller Großstadtwohnungen waren auf diese Art angemietet.
Der Wohnungs- und Bodenreform galt denn auch das Augenmerk der gesellschaftsreformerischen, zumeist bürgerlichen Kreise. Der englische Wohnungsbau galt Ende des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland als vorbildlich. Besonders die Industriesiedlung Port Sunlight des Seifenfabrikanten Lever galt als gelungenes Beispiel moderner Stadtplanung. In Deutschland erfuhr das englische Modell seine erste Umsetzung in der vom Münchner Architekten Theodor Fischer angelegten Arbeitersiedlung Gmindersdorf bei Reutlingen, wo zum ersten Mal eine städtebauliche Gesamtanlage unter Berücksichtigung regionaler architektonischer Stilbesonderheiten realisiert wurde. Trotz allen Vorbildcharakters wurde die englische Industriesiedlung mit ihrer historistischen Architektur, die an Schlossbauten und bürgerliche Wohnhäuser erinnern sollte, kritisch beäugt und als „Theater wohnen“ abgelehnt. Gleichzeitig setzte in Deutschland eine bislang ungekannte publizistische Aktivität auf den Gebieten des Wohnungsbaus und der Stadtplanung ein und 1904 erschien der 1. Jahrgang der international viel beachteten Zeitschrift „Der Städtebau“. Bund und Länder des Deutschen Reiches brachten in Bezug auf die Wohnungsfragen nur schleppend Gesetze auf den Weg. Kompetenzgerangel verhinderte nicht selten dringend anstehende gesetzgeberische Maßnahmen. Die Kommunen beschränkten sich bei der Unterstützung des sozialen Wohnungsbaus auf die Vergabe städtischer Hypotheken, die Übernahme von Bürgschaften für anderweitig aufgenommene Darlehen und die Abgabe von billigem Bauland für gemeinnützige Baugesellschaften (Baugenossenschaften). Im Allgemeinen sollte der private Wohnungsmarkt durch diese Maßnahmen nicht behindert werden. Der soziale Wohnungsbau vor dem Ersten Weltkrieg scheiterte nicht selten am Spagat zwischen privater Kapitalmaximierung und öffentlicher Verantwortlichkeit. Dieselben Schwierigkeiten sollten sich auch bei den Gründungen einzelner Gartenstädte auftreten.
Die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft
Was ist konkret unter einer Gartenstadt zu verstehen? Aus kritischer Distanz betrachtet zog sie von Anbeginn „mit magnetischer Kraft jeden Fruchtsaftapostel, Nudisten, Sandalenträger, Sexverrückten, Quäker, Naturheilpfuscher, Pazifisten und Feministen in England wie magisch an sich“, schrieb George Orwell rückschauend auf die erste Gartenstadt Letchworth. Nicht nur in England, sondern gerade auch in Deutschland schien die Gartenstadtbewegung ein Betätigungsfeld für verschiedene Reformbestrebungen, wie sie besonders im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts aufkamen, anzubieten. Das städtebauliche Konzept der Gartenstadt bot zudem einen Ausweg aus der verfahrenen Wohnungsmisere und den sozialen Missständen der unkontrolliert wachsenden Großstädte an.
Maßgeblich beeinflusste das Buch des Briten Ebenezer Howard „Garden-Cities of To-Morrow“, das 1898 in der ersten Auflage und 1902 in der zweiten erschienen war, die städteplanerischen Reformer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Knapp gefasst lässt sich Howards Gartenstadtmodell wie folgt darstellen: Zunächst war ein entsprechend für eine Stadtgründung geeignetes Gelände in einem landwirtschaftlich Gebiet preisgünstig zu erwerben und auf genossenschaftlicher Basis Grund und Bauten zu besitzen. Die eigentliche Stadt sollte nur ein Sechstel der Gesamtfläche umfassen und maximal 30.000 Einwohner haben. Hier liegt das eigentlich Innovative des Stadtkonzepts, denn es beschränkt die Einwohnerzahl auf einem begrenzten Terrain. Ein weiträumiger, landwirtschaftlich genutzter Grüngürtel sollte die Versorgung mit Lebensmitteln sichern. Bebauungsvorschriften gab es keine. Lediglich die Industrie sollte an der Peripherie liegen, im Zentrum hingegen die Einkaufsmöglichkeiten sowie öffentliche Gebäude, ebenso Bibliotheken und Theater.
Eine zonale Gliederung war nicht vorgesehen, es wurde dagegen Wert auf die Lebensgemeinschaft der gesamten Stadtbewohner gelegt. Ebenso betonte Howard den urbanen Charakter der Neugründung, die weder eine Vor- geschweige denn eine Schlafstadt sein sollte. Infrastrukturell war die Stadt durch Bahnlinien, Straßen und Kanäle anzubinden oder gleich in der Nähe solcher Einrichtungen zu gründen. Mehrere solcher Stadtanlagen konnten zu einem Verbund zusammengefasst werden. Jede einzelne von ihnen aber sollte autark und autonom sein. Die australische Stadt Adelaide schien ihm ein gelungenes Modell für eine moderne Stadtanlage, die nach Auffüllung des ersten Siedlungsareals einen Grüngürtel übersprang und ein nächster Siedlungsbereich entstand.
Die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft sah ihre Aufgabe allein in der Propaganda der Idee. Eine neue Form der Verbundenheit zwischen Stadt und Land, wo den neuesten Erkenntnissen der Hygiene, der Raumplanung und der Ästhetik Genüge getan werden konnte, bildete das Credo der Bewegung. Durch sich selbst würde die Gartenstadt auch das Ideal der Bodereform verwirklichen, also der Spekulation Einhalt gebieten. Zugleich wurde die sozialpädagogische und lebensreformerische Bedeutung der Gartenstadtbewegung hervorgehoben, die die Ausbildung von Körper und Geist zum Ziele haben sollte. Auch andere soziale, ethische oder ästhetische Reformideen der Zeit sollten sich in der Gartenstadt entfalten können. Eine möglichst breite Plattform galt es zu errichten, um in der Gesellschaft die benötigte Aufmerksamkeit hervorzurufen. Um ihre Ziele zu erreichen, griffen die Reformer auch auf die eigene städtebauliche Tradition zurück. Theodor Fritsch hatte bereits 1896 in seinem Buch „Die Stadt der Zukunft“ einen ähnli- chen Vorschlag wie Howard zur Neugründung einer Stadt vorgestellt. Fritsch legte besonderen Wert auf die „innere Ordnung“ und „Vernunft“ des „organischen Wesens“ einer künftigen Stadt. Konsequent nahm Fritsch auch die neuesten Erkenntnisse des Städtebaus auf wie die Kategorisierung der Straßen nach Verkehrs- und Wohnstraßen, die Durchgrünung des Stadtbereichs und die Anbindung an moderne Verkehrsmittel. Die im Bausektor erfolgreich wirtschaftenden Bau- Genossenschaften waren ihm das geeignete Mittel, billige, gesunde und bequeme Wohnungen in Einfamilien-Häusern mit Gärten vor der Stadt zu schaffen. Fritsch forderte eine strikte Zonengliederung mit entsprechender Bebauung des „organischen Gefüges“, womit er die soziale Segregation meinte. Konzeptionell arbeiteten die Ideologen der Gartenstadt nie mit urbanistischen Modellen, denn sie wurde nie als ein Ort von Handel und Gewerbe sowie der Dienstleistung definiert. Begriff und Inhalt der Stadt waren bald durch Siedlung ersetzt. Trotz aller Propagandatätigkeit stellte sich für die Gartenstadtbewegung der Erfolg nicht ein. Im Jahr 1904 nahm die Gartenstadt-Gesellschaft Abschied vom utopischen Programm der Gesellschaftserneuerung und wollte sich fortan nur noch für eine konsequente Bodenreform einsetzen. Man orientierte sich am Gängigen und Machbaren. Hans Kampffmeyer, Soziologe und Ökonom und seit Anbeginn Mitglied der Gartenstadt-Gesellschaft, trug wesentlich zu dieser Neuorientierung bei. Seine Forschungsergebnisse fanden Eingang in die Flugschriften der Gartenstadt- Gesellschaft, in denen er unter anderem den Zug der Industrie aufs Land als Innenkolonisation unter Ausschluss jeglicher Bodenspekulation organisieren wollte. Städtische Gemeinden forderte er auf, gezielt Industrie und Arbeiterschaft gemeinschaftlich anzusiedeln. Dies war ein erster Schritt zur Aufgabe der autarken und autonomen Gartenstadt, wie sie Howard und auch Fritsch gefordert hatten, zugunsten der Industriekolonie und der Trabantenstadt.
Hans Kampffmeyer gelang es, die Gartenstadt-Gesellschaft bis zur Neufassung des Programms 1907 auf eine bürgerliche-reformerische Linie zu bringen. Neben dem formulierten Ziel der Innenkolonisation wurden nun alle Bestrebungen zur Anlage von Wohnsiedlungen, Gartenvorstädten, Industriesiedlungen und die Erweiterung von Städten im Sinne der Gartenstadt begrüßt. Über die bislang bekannten Mittel zur Förderung des öffentlichen Wohnungsbaus stellte das Programm keine neuen Forderungen auf. Auffällig war hingegen die Betonung der privaten Eigeninitiative, die an die Stelle der genossenschaftlich-kommunalen trat. Kampffmeyer vertrat nun die Auffassung, dass eine Gartenstadt im Grunde keinen Platz für die verschiedensten wirtschaftlichen, sozialen, gesundheitlichen und künstlerischen Ziele bieten könne, denn das locke naturgemäß Anhänger der verschiedensten Reformbewegungen an, die man im bürgerlichen Milieu offensichtlich nicht mehr haben wollte. Die neue Politik schlug sich auch in der Zusammensetzung des Vorstandes der Gartenstadt-Gesellschaft nieder. Größen aus den Reihen der Stadtplaner, Architekten, Künstler, hoher Verwaltungsbeamter und dem industriellen Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus aus Hagen. Diese Professionalisierung brachte schließlich der Gartenstadt-Gesellschaft den Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung. Zahlreiche Vortrags- und Lichtbildveranstaltungen trugen zur Verbreitung der Gartenstadtidee bei. Erst die Bereinigung von der Utopie und die Ausrichtung auf eine die Gesellschaft stabilisierende, nicht aber sie erneuernde Reform machte die Gartenstadt-Gesellschaft für bürgerliche Kreise attraktiv; schloss aber die lebensreformerische Gruppen, heute würde man von „Alternativen“ sprechen, aus. Stattdessen tobten bis 1911 Richtungskämpfe wegen der künstlerischarchitektonischen Ausgestaltung der Gartenstädte. Die endlose und unfruchtbare Diskussion um einen funktional-modernen Stil einerseits und einem heimatbezogenen, romantisch-malerischen Stil andererseits lähmte die Gartenstadtbewegung früh. Am heftigsten entbrannte dieser Streit über die geraden oder krummen Straßenführungen. Für die einen stand die deutsche Kleinstadt als Modell für künftige Gartenstädte, die von Kritikern wegen ihrer Giebel und Gauben als Bauernromantik verachtet wurde. Für die anderen, darunter Karl Ernst Osthaus, war die Kleinstadt als Ideal absurd. Stadtkultur und Landkultur seien zwei unvereinbare Gegensätze, die man nicht vermengen könne. Er plädierte hingegen für Vorstädte in Gestalt von geschlossenen Siedlungen, die planetenhaft über Verkehrsverbindungen mit einem urbanen Zentrum verbunden werden sollten.
Nun war keine Rede mehr von der Verschmelzung von Stadt und Land, wie sie Howard nachdrücklich gefordert hatte, um damit die Übel der Großstadt zu überwinden. Die Gartenstadt war nun nichts anderes als die Bodenreform in einem begrenzten Bezirk, wobei sich die Kriterien der Bodenbeschaffung eher an den Forderungen der Industrie als an den Bedürfnissen der Bewohner orientieren müssten, so der Vorstand der Gartenstadt-Gesellschaft. Seitdem haftete fast allen Gartenstädten der Ruch industrieangepasster Planung an, wobei die Gartenstadt selbst sich kaum mehr von der industriellen Arbeitsersiedlung zu unterscheiden schien.
Die Gartenstadt Hellerau
Die bisher vorgestellten eher theoretischen Erörterungen lassen sich beispielhaft an der Gartenstadt Hellerau bei Dresden nachvollziehen. Hellerau ist ein ideales Objekt, weil sich einerseits an keiner anderen Gartenstadt in Deutschland die Geister so schieden wie hier, andererseits es wie keine zweite dem Ideal der Gartenstadt am nächsten kam. 1908 gegründet, ist Hellerau eigentlich eine bessere Werkssiedlung der „Deutschen Werkstätten“ des Kleinindustriellen Karl Schmidt. Von Dresden nach Hellerau führte eine Straßenbahnlinie, die die Gartenstadt von vornherein zu einem urbanen Annex reduzierte, da dieser Anschluss die einzige infrastrukturelle Maßnahme blieb. Damit war die erste Trabantenstadt oder Vorstadtsiedlung auf deutschem Boden konzeptionell und planerisch realisiert worden. Rein äußerlich spiegelte sich der Siedlungscharakter auch in der Architektur und Stadtplanung wider. Das Bebauungsschema entsprach einem dörflichen Schema, das keinerlei geometrische Elemente enthielt. Architektonisch kam es zu einer Vermischung von Stilelementen. Die süddeutsche Giebel- und Gaubenromantik wurde ergänzt durch die eher nüchterne Anordnung im Stil englischer Reihenhaussiedlungen. Gleichzeitig wurde in Hellerau der Prototyp des späteren deutschen Siedlungshauses geschaffen: drei Räume unter hohem Satteldach und hinter streng-schlichter klassizistischer Fassadeneinteilung, wie es in den 1930er Jahren, und dann wieder in den 1950er Jahren gebaut werden sollte.
Bei der Planung Helleraus fanden die neuesten Erkenntnisse des Städtebaus Anwendung, so beispielsweise die konsequente Trennung von Durchgangs- und Wohnstraßen. Auch die Fabrikanlage selbst wurde an den Rand der Siedlung gelegt. Diese begrüßenswerte Separation fand aber in der Anlage der Wohnbereiche eine bedauerliche Fortsetzung im Sinne gebauter Segregation. Das vornehmere Landhausviertel mit lockerer Bebauung war durch den Riegel der Werkstätten und das Areal der „Wohlfahrtseinrichtungen“ vom dicht bebauten Kleinhausviertel getrennt. Die äußerlich erkennbare Segregation fand im Innern der Kleinhäuser ihre Fortsetzung. Hier wurde auf die Einrichtung von Badezimmern verzichtet, ebenso auf eine Waschküche. Stattdessen wurde eine große zentrale Waschküche gebaut, die den gemeinschaftlichen Aspekt der Ansiedlung herausstreichen sollte. In den Landhäusern gab es freilich Badezimmer, ebenso Waschküchen. Allerdings wurden die künftigen Mieter von Hellerau zur Mitgestaltung ihrer Wohnungen aufgefordert, indem sie die bisherige Raumaufteilung und die gewünschte aufzeichnen sollte. Ein bislang einzigartiger Vorgang im deutschen Wohnungsbau.
Wenig bedacht blieb die alltägliche Versorgung der Bevölkerung. In einem Zeitraum von drei Jahren waren zwar 350 Einfamilienhäuser errichtet worden, die Ladenzeile am Marktplatz mit zehn Geschäften sowie ein Gasthof kamen über das Planungsstadium nicht hinaus. Das nächste Postamt und die Apotheke, ebenso die niedergelassenen Ärzte mussten in der Nachbargemeinde Klotzsche aufgesucht werden. Aus Kostengründen musste bei den zu bauenden Kleinhäusern auf Raumersparnis geachtet werden. Niedere Decken, steile Treppen und die fehlenden Badezimmer, sowie keine separaten Zugänge zu den Zimmern im oberen Geschoss waren die Folge. Und der Nutzgarten, Namenspatron der Bewegung, war eine zweischneidige Angelegenheit. Generell sollte die unentgeltliche Gartenarbeit der Frauen den Arbeiterfamilien neben dem Lohn der Männer kostengünstig Lebensmittel verschaffen, was allerdings zum Fluch wurde, wenn im Krankheitsfall von Hausfrau und Mutter nur durch Nachbarschaftshilfe größerer Schaden abgewendet werden konnte. Der Nutzgarten sorgte folglich nicht nur für ein willkommenes Zubrot, das den Speisezettel bereicherte, sondern war ein wirtschaftlicher Zwang.
Die Mieten für die Kleinhäuser in Hellerau bewegten sich je nach Größe zwischen 250 und 380 Mark. Hinzu kam für die hinter dem Haus gelegenen Gartenparzellen nochmals ein jährlicher Mietpreis von 18 Pfennigen pro Quadratmeter, was bei den gängigen Gartengrößen von 100 bis 200 Quadratmetern zusätzliche Kosten von 18 bis zu 36 Mark bedeutete. Wenzel Holek, Arbeiter in den „Deutschen Werkstätten“ und zeitweilig wohnhaft in Hellerau, berichtete, dass diejenigen, die nur 39 bis 40 Pfennige Stundenlohn verdienten, sich eine Wohnung in Hellerau nicht leisten konnten und nur die Schicht der besser verdienenden Arbeiter die Möglichkeit dazu hatte. Aber auch diesen Leuten fiel es immer schwerer, sich in Hellerau zu halten, weil der Preis der Wohnungen auf 320 Mark und dann auf 350 Mark kletterte. Zum Vergleich: Im benachbarten Klotzsche betrug die Miete einer vergleichbaren Neubauwohnung 220 Mark.
Im Vergleich mit den Mieten in den anderen Gartenstädten nimmt Hellerau keine gesonderte Stellung ein. In Karlsruhe-Rüppurr betrug die Jahresmiete für eine Zweizimmerwohnung mit Wohnküche 330 bis 335 Mark, für drei Zimmer mit Wohnküche musste man bereits 450 Mark bezahlen, und für ein zusätzliches Zimmer waren es 385 bis 520 Mark je nach Bauart (Reihenhaus, Doppelhaus oder Einzelhaus). Insgesamt lagen die Mieten auch hier leicht über dem ortsüblichen Niveau. Für Mannheim kann Ähnliches festgestellt werden. Hier lagen die Mieten jedoch leicht unter dem Ortsniveau. In der Gartenstadt Hüttenau gab es wegen der Bezuschussung durch die Hattinger Henrichshütte die günstigsten Mieten. Die meisten Häuser hatten drei bis vier Zimmerwohnungen und kosteten pro Jahr 228 bis 252 Mark. Der Wohnkomfort war hier zudem am höchsten. Gleiches gilt für die Margarethenhöhe in Essen. Die Industriesiedlung, die unter der Bezeichnung Gartenstadt firmierte, stellte guten Wohnraum zu günstigen Preisen in ansprechender Lage zur Verfügung.
In der Tendenz lagen die Mieten in den Gartenstädten leicht über denen des freien Marktes und waren in jedem Fall höher als die Mieten für rein genossenschaftlich erstellten Wohnraum. Zu diesen gegenüber dem Genossenschaftsbau definitiv und gegenüber dem freien Wohnungsmarkt relativ überteuerten Mieten kam es, weil die Finanzierung der Gartenstadthäuser über zweierlei Modelle lief. Statt dass das Kapital, wie ursprünglich bei der Gartenstadtidee vorgesehen, in einen Genossenschaftsfond floss, wurden in Hellerau nur die Kleinhäuser genossenschaftlich, die Landhäuser jedoch privatwirtschaftlich finanziert. Begründet wurde diese finanzielle Differenzierung damit, dass nicht alle Menschen in Genossenschaften zusammengefasst werden könnten, weil es nicht ihrer Lebensart entspräche. Offensichtlich sollten zwei gesellschaftliche Gruppen durch die Gartenstadt gefördert werden. Zum einen diejenigen, die es sich leisten konnten, im „Landhaus“ zu wohnen, womit auf den gehobenen Mittelstand abgezielt wurde. Zum anderen auf diejenigen, für die nur das „Kleinhaus“ in Frage kam, und das war der untere Mittelstand und die gehobene Arbeiterklasse.
Das wird auf Grund der Statistischen Jahrbücher des Deutschen Reiches deutlich, die unter anderem die Einkommensverhältnisse der verschiedenen Gesellschaftsschichten und ihre Kategorisierung auflisteten. Danach wurde zwischen Unbemittelten und Minderbemittelten, deren Jahreseinkommen unter bzw. zwischen 900 und 1500 Mark lag, unterschieden. Sie gaben etwa zwanzig bis dreißig Prozent für Miete aus. Unterbeamte konnten etwa 300 Mark für die Jahresmiete bezahlen, Volksschullehrer bis an die 600 Mark. In Berlin kostete ein Zimmer in einem besseren Stadtteil bis zu 300 Mark, eine Hofwohnung mit Küche und Stube 275 Mark. Sechzig Prozent des Jahresverdienstes mussten Arbeiter für Nahrungsmittel aufbringen. Das heißt, dass die Gartenstadt nicht für den Unbemittelten mit einem Jahreseinkommen unter 900 Mark gedacht gewesen sein konnte. Diese konnten auch bei genossenschaftlich organisiertem Bauen nur dann partizipieren, wenn sie ein Mindesteinkommen von 800 Mark und eine Miete von 100 Mark aufbrachten und die Jahresmieten bis zu zwanzig Prozent unter den ortsüblichen lagen.
Vornehmlich sollte Wohnraum für Minderbemittelte geschaffen und damit diese Schicht gefördert werden. Die Unbemittelten, meist un- oder nur angelernte Arbeiter, fielen aus diesem „Förderschema“ heraus, was, nach Berechnungen anhand der Statistischen Jahrbücher auf das damalige Deutsche Reich hochgerechnet knapp 50 Prozent der Einkommensteuer zahlenden Bevölkerung betraf. Die Minderbemittelten machten nach diesen Angaben etwa 25 Prozent aus, regional allerdings recht unterschiedlich verteilt. Während die Baugenossenschaften die unteren Bereiche der Minderbemittelten ansprachen, also diejenigen mit einem Jahresverdienst zwischen 900 und 1200 Mark, und auch die Unbemittelten berücksichtigten, war die Zielgruppe der Gartenstadt-Gesellschaft die Einkommensklasse von 1200 bis 1500 Mark. Diese machte in Preußen 11,8, in Sachsen 8,3 und in Bayern 6,9 Prozent der Steuerpflichtigen aus. Im Kern ging es also den Reformern der Gartenstadtbewegung um die ökonomische Förderung und politische Stabilisierung von kaum neun Prozent der Gesamtbevölkerung.
Zusammenfassung
Ein Blick auf die „Leistungsbilanz“ und die Bedeutung der Gartenstadtbewegung im Rahmen der gesellschaftlichen Reformen in den zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg zeigt magere Ergebnisse. Das fängt bei der Wohnungsstatistik an. Gerade einmal 4591 Wohneinheiten errichteten die Gartenstadt Gesellschaften bis 1915. Verglichen mit den Bauaktivitäten der Baugenossenschaften, die ca. 100.000 Wohnungen schufen, und des Werkswohnungsbaus mit etwa 140.000 Wohneinheiten, eine fast zu vernachlässigende Größe. Die unmittelbaren Auswirkungen der Gartenstadtbewegung fallen kaum ins Gewicht. Den nachhaltigsten Erfolg hatte die Gartenstadtbewegung in ihrem Bemühen gegen die Mietskaserne und für das Einfamilienhaus zu verzeichnen. Hier betonten die Protagonisten nicht nur das freistehende Einfamilienwohnhaus als die vollkommenste Wohnart, sondern auch, dass die Hauptforderung der Bewegung auf den selbstständigen Bauherrn bei möglichst großer Einschränkung aller Bestimmungen, die den Bau von Einfamilienhäusern betreffen, liegen sollte.
Die ausgeschlossenen Schichten der Bevölkerung, also die Unterbemittelten und die wenig Bemittelten wurden durch die Protagonisten der Gartenstadt-Bewegung instrumentalisiert. Gerne wurde mit statistischen Zahlen argumentiert, die das arge Los der Arbeiter darstellten. Trotz der Probleme, die von der Verelendung weiter Bevölkerungskreise in den innerstädtischen Ballungszonen ausgingen, blieb es bei Betroffenheitserklärungen. Einig waren sich die bürgerlichen Gartenstadtideologen indes in der Einschätzung, dass die Wohnungsfrage als Teil der sozialen Frage nicht allein auf die Unbemittelten beschränkt bleiben könne. Und neben dem besser situierten Arbeiter, dem potenziellen Mieter in Gartenstädten, müsse auch der vermögende Mittelstand mit seinen spezifischen Wohnbedürfnissen befriedigt werden. Der Fortbestand der konfliktträchtigen Klassengesellschaft war also Programm geworden. Umgesetzt wurde dies über die gigantische Umverteilung der Finanzmittel, die die Landesversicherungsanstalten in Form von Krediten zur Verfügung stellten, nach oben innerhalb der unteren Gesellschaftsschichten. Unbemittelte finanzierten die soziale Stabilisierung des gesellschaftlich unteren Mittelstandes, dessen Ursprung recht eigentlich hier zu suchen ist.
Je mehr die radikal- bzw. lebensreformerischen Ideen aus der Gartenstadtbewegung ausgegrenzt wurden, desto stärker fand eine ideologische Vereinahmung durch konservativ-nationalistische Kreise statt. Lebensraum galt es bald auch außerhalb von Wohnung und Siedlung zu sichern. Innenkolonisation und Außenkolonisation sollten Hand in Hand gehen, denn beide verfolgten sie das gleiche Ziel, nämlich die Stärkung des deutschen Volkes. Der Volksgesundheit galt in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auch in der Gartenstadtgesellschaft ein großes Augenmerk. Niemand nahm Anstoß daran, als die Stadt Straßburg im Zuge einer Straßenerweiterung und der damit einhergehenden Altstadtsanierung 900 der ärmsten Familien in der eigens gegründeten „Gartenstadt Stockfeld“ eine halbe Straßenbahnstunde entfernt auf der feuchten Wiese ansiedelte. Das soziale Elend und der hässliche Anblick war damit aus dem innerstädtischen Blockfeld entfernt und ästhetisch mit schönen Fassaden ,gelöst' worden. Und noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde eine „Stadt für Geisteskranke“ als Gartenstadt geplant. Schließlich verstand auch der Staat die Gartenstadtbewegung für seine Ziele zu instrumentalisieren. Seit 1915 arbeiteten regierungsamtliche Kommissionen daran, Unruhepotenziale der nach dem Krieg zu demobilisierenden Armee in Gartenstädten aufzufangen, um so umstürzleri- schen Tendenzen von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen. Gleichzeitig sollten Kriegsverletzten und Kriegerwitwen, also die überlebenden Opfer des Krieges, in eigens gebauten Gartenstädten wieder in den industriellen Produktionsprozess eingegliedert werden - von einem gesellschaftlichen war bewusst nicht die Rede. Die Gartenstadt war inzwischen auch ein Hort für ,unerwünschte gesellschaftliche Elemente', anders ausgedrückt: marginalisierte soziale Gruppen geworden. So endete die lebensreformerische Utopie der Gartenstadt und ihrer Befreiung des Menschen von der urbanen „Unkultur“ in dessen Marginalisierung und Segregation in vorstädtischen Siedlungen.
Literaturhinweise:
Michael Fasshauer, Das Phänomen Hellerau. Die Geschichte der Gartenstadt (Dresden 1997) Thomas Krückemeyer, Gartenstadt als Reformmodell. Siedlungskonzeption zwischen Utopie und Wirklichkeit (Siegen 1997)
Klaus Novy, Genossenschafts-Bewegung. Zur Geschichte und Zukunft der Wohnreform (Berlin 1983)
Karl Ernst Osthaus, Die künstlerische Gestaltung des Arbeiterwohnhauses (Berlin 1906) Adelheid von Saldern, Häuserleben. Zur Geschichte städtischen Arbeiterwohnens vom Kaiserreich bis heute (Bonn, 2. Aufl. 1997)
Axel Schollmeier, Gartenstädte in Deutschland. Ihre Geschichte, städtebauliche Entwicklung und Architektur bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts (Münster 1990)
