Gesellschaft begreifen
Soziologie im Gespräch
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26. Januar 2009

Schnelllebige Moderne

Prof. Dr. Hartmut Rosa, Friedrich-Schiller-Universität Jena

>>> zur Vita von Hartmut Rosa

info Weitere Informationen aus dem Interview:

  • Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone (2005)
  • Peter Sloterdijk: Sphären. 3 Bände (1998-2004)
  • Charles Taylor: Quellen des Selbst (original: Sources of the self. The Making of the Modern Identity, 1989)
  • Michel Foucault: Nietzsche, Genealogy, History. In: D.F. Bouchard (ed.), Language, Counter-Memory, Practice. Selected Essays and Interviews. Ithace: Cornell University Press (1977)

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„Man stelle sich einen abgelegenen Schwarzwaldbauernhof vor nur einhundert Jahren vor: Das nächste Dorf war zwei Gehstunden entfernt, es gab kein Auto, kein Telefon, kein Fernsehen, erst recht keinen Internetanschluss und vielleicht noch nicht einmal Elektrizität. Wer dagegen heute für ein Wochenende in den Schwarzwald fährt, wird sich etwa mit folgender Aufgabenliste konfrontiert sehen: Wenn du angekommen bist, schicke mir doch die Datei, an der wir arbeiten, als Attachment. Rufe mich doch übers Wochenende mal an. Wenn du im Schwarzwald bist, musst du mich unbedingt in Freiburg besuchen, das ist ja höchstens eine Autostunde von dir entfernt. Am Wochenende hast du ja dann einmal Zeit, dir unsere Homepage anzuschauen. Am Sonntag kommt übrigens diese interessante Fernsehsendung auf Kanal Soundso, die genau dein Thema betrifft, etc. pp.“ Mit diesem Beispiel skizziert Rosa in seinem 2005 erschienenen und Aufsehen erregenden Buch Beschleunigung die Veränderung der Temporalstrukturen von der Frühmoderne über die klassische Moderne hin zur Spätmoderne.
Während es den arbeitslosen Landarbeiter einst in die Stadt trieb, wo er im Zeitalter der Industrialisierung zum Proletarier wurde, so flüchtet im eben erwähnten Beispiel der Großstädter für ein erholsames Wochenende aufs Land. Während der Landarbeiter sich in die beschleunigte Welt aufmachte, versucht der Städter, aus ihr zu flüchten. Doch sicher ist, dass es für beide kein Entrinnen aus der modernen sich immer weiter beschleunigenden Gesellschaft gibt. Bot der industrielle Fortschritt dem Neu-Städter vielleicht Arbeit in einer Fabrik, so kommt der stadtflüchtige Wochenendtourist aus einer Welt der Entindustrialisierung – der modernen Dienstleistungsgesellschaft. Konnte der zum Industriearbeiter gewordene Dörfler mit einer Vollzeitstelle bis zur Rente rechnen, so hangelt sich der Erholungssuchende von Praktikum zu Praktikum oder von Job zu Job. Immer bereit, dank Handy und Laptop jederzeit erreichbar und interaktionsfähig gelingt ihm selbst in der Freizeit kein abschalten.
Der Begriff allein ist verräterisch, setzt er doch den Menschen mit der Maschine gleich und so wie die Industrie für 24-Stunden Maschinen-Laufzeiten kämpfte, erwartet die Wirtschaft auch vom Menschen eine fast 24-stündige Verfügbarkeit. Wenn es die Technik möglich macht, wird der Mensch gezwungen, ihr zu folgen, denn Zeit ist Geld und alles muss möglichst just in time erledigt werden. Dabei hat sich die Konkurrenz durch die moderne Technik und die Öffnung der Märkte zusätzlich entgrenzt. Es ist inzwischen nicht nur jeder ein Konkurrent, nein er ist es auch zu jeder Zeit. Wenn Geld bekanntlich nicht schläft, wie kann es sich dann der Mensch leisten, eine Entwicklung zu verschlafen. Und im Bemühen, jederzeit zu funktionieren, werden die Akteure zu Egoisten und entfremden sich immer mehr voneinander. Sie finden keine Zeit mehr, Freundschaften zu pflegen, einen Lebenspartner zu suchen, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen. Wer sollte sich um die auch kümmern? Der Fernseher, der Computer, die Ganztagsschule? Dass in vielen Fällen die ersten beiden Möglichkeiten real genutzt werden, erschreckt nur noch am Rande.

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