Rudjer Boskovic, Gelehrter und Diplomat

Prof. Dr. K. Veselic, Fernuniversität in Hagen
Leicht überarbeiteter Text des Vortrages, gehalten im Verein der Freunde Dubrovniks "St. Blasius", Hilden am 10. November 2001.

 Sehr verehrte Damen und Herren ,

 seitens der Vereinsleitung wurde ich gebeten, Ihnen einen der größten Söhne Dubrovniks vorzustellen, den Jesuiten Rudjer Josip Boskovic. Dieses Thema ist für mich naheliegend: er ist mein Landsmann im engeren Sinne -- meine Familie väterlicherseits ist in der ehemaligen Republik Dubrovnik seit jeher ansässig, zudem steht Boskovic als Mathematiker und Mechaniker meinem eigenem wissenschaftlichen Bereich nahe. Was viel wichtiger ist, sein Leben und Werk werfen ein grelles Licht auf die kulturellen und politischen Verhältnisse in Europa des ausgehenden XVIII. Jh. in die Dubrovnik mit seiner sehr empfindlichen geopolitischen Lage zutiefst verwickelt war. Einige politische Zusammenhänge von damals werden ihre Schatten bis hin zu unserer Zeit werfen.

Boskovic's portret

Boskovic war ein universeller Geist, wie es nicht viele vor ihm und sicherlich wenige nach ihm gegeben hat. Die Felder, wo er sich schöpferisch betätigt und wichtige Beiträge geleistet hat, sind

Ich bin kein besonderer Kenner Boskovics, mein ehemaliger Hochschullehrer Professor Zeljko Markovic jedoch hat sich ganz diesem Thema gewidmet und etliche Bücher veröffentlicht, darunter eine großartige Biographie Boskovics sowie etwas von seiner umfangreichen Korrespondenz. Als junger Mathematiker habe ich die Boskovic-Forschungen meines Lehrers vielmals unterschätzt. Heute weiß ich, dass das Studium einer solchen Persönlichkeit zeitlich viel mehr als ein Menschenleben erfordert. Etliche Wissenschaftler befassten und befassen sich heute mit der Boskovic-Forschung. Wenn Sie im Internet nach Boskovic fragen, erhalten Sie hunderte von Einträgen. Die Sekundärliteratur ist schier enorm. Jede nur halbwegs systematische Schilderung seiner Tätigkeit etwa nach der o. Tabelle würde den Rahmen dieses Abendvortrages hundertmal sprengen. Wir werden jetzt einen kurzen Spaziergang durch seinen Lebensweg unternehmen:

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Altes Haus der Familie Boskovic in Orahov Do

Die Boskovics stammten aus Orahov Do, einem kleinem Dorf aus Dubrovniks Hinterland. Sein Vater zog von dort nach Dubrovnik, und war im Handel tätig. Schon er hat sich in der Literatur versucht. Die zahlreichen Kinder waren sämtlich sehr begabt, drei von ihnen, Baro (Bartholomäus), Rudje (Rogerius) und Ivan studierten Theologie und wurden Priester, der älteste Sohn Bozo blieb als Stammhalter zuhause und kümmerte sich um die Mutter, die über 100 Jahre alt wurde, und die unverheiratete Schwester Anica. Beide waren dichterisch vernlagt. Dem Bruder Petar, auch dichterisch begabt, stand eine glänzende politische Laufbahn bevor, als er an einem tragischen Unfall starb. Eine weitere Schwester wurde Nonne. Nur die dritte Schwester heiratete und brachte Nachkommen.

Das Gymnasium besuchte Boskovic in Dubrovnik bei den Jesuiten. Dieser erste Kontakt bestimmte seinen Lebensweg. Mit 15 Jahren zog er nach Rom, um am Collegium Romanum seine Studien fortzusetzen, dort wurde er Jesuit und Priester. Schon sehr früh fiel seine große Begabung auf, und noch ganz jung, musste er sich nach dem Jesuitenbrauch als Lehrer betätigen, vor allem in der Mathematik. Bald wurde er Professor der Mathematik am Collegium Romanum.

In der Physik wurde Boskovic zum glühenden Verehrer und Propagator Newtons, eine Haltung, die sowohl in seinem Orden als auch in vielen Ecken des gelehrten Europas nicht unumstritten war. Boskovic hat wesentlich dazu beigetragen, dass Rom 1757 das Verbot aufhob zu lehren, dass sich die Erde um die Sonne bewegt, in dem darüber beratenden Ausschuss war er Mitglied. Davon abgesehen betrachtete er die Newtonsche Idee über den 'Absoluten Raum' sehr kritisch ganz im Sinne der viel später entwickelten Relativitätstheorie. Schon damals vertritt Boskovic die These über die Relativität menschlicher Erkenntnis. 'Alles ist relativ in der Natur und nichts ist absolut einfach, nichts regelmäßig außer den Elementarteilchen', so Boskovic. Diese, für seine Zeit 'forschen' Ansichten konnte er offenbar mit seinem christlichen Glaubensverständnis stets gut vereinbaren.

Seine laufende Forschung galt u.a. der Astronomie und der Entwicklung von entsprechenden optischen Instrumenten, Linsen, Prismen, Wasserferngläsern usw. Seine Arbeiten in der Mechanik machten ihn zum begehrten Experten bei vielen wichtigen Anlässen. Sein Gutachten über die Schäden an der Kuppel des Petersdoms gilt als erste solche Untersuchung, in der die modernen mathematischen Methoden eingesetzt wurden. Ebenso untersuchte er das Gebäude der Hofbibliothek in Wien, etliche Flussbetten und Hafenanlagen bei Überflutungsgefahren, sowie die Möglichkeiten, die berüchtigten Pontinischen Sümpfe bei Rom trockenzulegen.

Eine weitere Episode war die geodätische Vermessung des Kirchenstaates, eine Maßnahme, die nach seinem Vorbild und auf seinen Rat hin auch andere europäische Länder bei sich unternommen haben.

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Sein Hauptwerk 'Theoria Philosophiae Naturalis' stellt seine atomare Theorie dar, in der er den Elementarteilchen keinen Rauminhalt, lediglich 'variable Kraftfelder' zuspricht, eine Idee, die erst im 20. Jh. bei den modernen Atom- und Kernphysikern Wiederhall fand, die berühmten Heisenbergschen Versuche gingen ja in die gleiche Richtung. Hier zeigt sich Boskovic auch als Naturphilosoph.

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Als letztes erwähnen wir noch eine Pionierleistung Boskovics: die Erfindung der sog. 'Ausgleichsrechnung': aus vielen fehlerbehafteten Messdaten die mittleren Werte zu bestimmen. Diese Methode wurde später vom deutschen Mathematiker C. F. Gauss weiter ausgebaut und vervollkommnet.

In regierenden Kreisen hatte Boskovic zahlreiche Gönner, einmal, weil seine Kenntnisse für das Staatswesen vielmals wichtig waren, dann auch deshalb, weil er als Mathematiklehrer ausgezeichnete 'crash'-Kurse für deren Sprösslinge liefern konnte.

Seine diplomatische Tätigkeit begann mit dem Auftrag des Papstes, in einem Grenzgewässerstreit zwischen Lucca und Toscana (damals österreichisch) als sachverständiger Vermittler für Lucca zu agieren. Dies führte ihn nach Wien -- er verband stets dies mit seiner laufenden wissenschaftlichen Tätigkeit. Nach dem Erfolg in diesem Geschäft kamen die 'wahren Kunden' Boskovics: seine eigene Heimatrepublik. Die Diplomatie war für Dubrovnik nicht einfach die 'äussere Zierde', sondern schier Lebenskunst. Warum? Weil Dubrovnik ein Ministaat mit etwas Einkommen und absolut keiner Militärmacht war, musste es sich mit seinen Nachbarn, dem Osmanischen Reich, arrangieren und gegenüber den Grossmächten Frankreich, Russland, Österreich und England behaupten. Es galt, in diesem labilen Gleichgewicht die eigene Existenz zu retten, die einzige Waffe war die Diplomatie. Vor allem war Russland mit seiner Flotte, die von der Ostsee aus erstmals 1770 ins Mittelmeer eingelaufen war, ein neu hinzugekommener Faktor. Die Russen beschuldigten Dubrovnik des Neutralitätsbruchs -- seine Handelsschiffe mussten für die Türken Truppen und Munition transportieren -- und verlangten den Bau einer Russisch-Orthodoxen Kirche in Dubrovnik. Sie drohten mit den Kriegsmaßnahmen, insbesondere mit der Beschlagnahme der Schiffe. Hier hat Boskovic den Dubrovniker Diplomaten Frano Ranjina kräftig unterstützt, insbesondere durch seine persönliche Verbindung mit dem polnischen König, der wiederum guten Draht nach Moskau hatte. Die Arbeit war hart und langwierig, aber es gelang schließlich die Gefahr abzuwenden.

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Boskovic auf einer zeitgenössischen Karikatur

Als Leiter des Instituts für Optik der Marine in Paris, übernahm Boskovic auch die französische Staatsbürgerschaft -- eine für ihn überaus wichtige Angelegenheit, war er ja nach der Abschaffung seines Ordens durch den Papst praktisch auf der Straße geblieben. Als Beamter des französischen Staates war es ihm aber offiziell verboten, Dubrovnik in Paris zu vertreten. Und gerade da schrieben ihn 'die Herrschaften' aus der Heimat wieder an. Probleme gab es mit dem frz. Konsul in Dubrovnik, in der Frage der Doppelbesteuerung sowie des Handelsstatus Dubrovniks in Frankreich. Man beabsichtigte, Dubrovnik als einen Teil des 'Levante', d.h. des Orients zu betrachten, dies zog ganz gewaltige Nachteile nach sich, z.B. lange Quarantänen für Dubrovniks Schiffe, die in den westeuropäischen Häfen anlegten. Auch das erledigte Boskovic bravourös, indem er seine persönlichen Beziehungen mit den entscheidenden französischen Ministern ausspielte und zugleich für Dubrovnik einen excellenten Botschafter in Paris fand, Francesco Favi. Insbesondere galt Dubrovnik seither als ein westlicher Hafen.

Dubrovniks Regierung hatte absolutes Vertrauen in Boskovic, obwohl er nicht dem Adel angehörte, er hat mehrere Male Dubrovniks Botschafter selbst ernennen dürfen. Als ausgezeichneter Beobachter informierte Boskovic ständig und ausführlich seine Heimatrepublik über alle wichtigen politischen Ereignisse, wobei er seine äusserst wertvollen Kommentare und Ratschläge mit einschloss. Ob die (beiden) siebenjährigen Kriege, Ereignisse in Flandern oder Portugal, über all das wurde der Dubrovniker Senat ununterbrochen auf dem Laufenden gehalten. In Italien hatten die Habsburgs die Spanier aus Mailand vertrieben. In Amerika erhoben sich die nördlichen britischen Kolonien gegen das Mutterland. Eine Zeitlang abonnierte Boskovic einige wichtige Zeitungen für den Dubrovniker Senat, einige Artikel versah er gleich mit seiner Übersetzung ins Italienische oder ins Kroatische.

Boskovics politische Einschätzungen waren sicher und weitsichtig. Auf seiner Reise nach London -- dort sollte er gerade in die Royal Society aufgenommen werden -- beobachtete er längs der Themse 'so zahlreiche Schiffe, dass sie keine Namen, sondern Nummern trugen; unser Schiff hatte die Nummer 7750'. Schnell erkannte er in England die aufsteigende Weltmacht. Nach Boskovic war es 'das Ziel britischer Anstrengungen, Kontrolle über den Osthandel zu erhalten, indem sie Ägypten helfen würden, die türkische Herrschaft abzuschütteln, dort eine Republik oder ein Sultanat unter britischer Obhut zu errichten und so eine Art Gibraltar am Weg nach Indien zu schaffen' -- all dies geschah in der Tat mehr als hundert Jahre später! In seinen Berichten verheimlichte er nicht seine politischen Sympathien, sie galten vor allem dem habsburgischen Österreich, dessen Herrscher ja auch deutsch-römische Kaiser waren. In dem britisch-amerikanischen Konflikt dagegen standen seine Sympathien an der Seite des jungen amerikanischen Staates, mit dem Staatsmann und Physiker Benjamin Franklin war er gut bekannt.

Boskovics Korrespondenz war enorm. Ein guter Teil davon ist uns erhalten geblieben. Ausser an die Kollegen Wissenschaftler sowie Staatsmänner schrieb er regelmäßig an seine Geschwister: Bruder Baro in Rom, sowie an Bruder Bozo und Schwester Anica in Dubrovnik. Etliche dieser Briefe waren in kroatisch. Auch als dem Bruder in Rom Wichtiges mitzuteilen war, was nicht für jedermanns Ohr bestimmt war, wurde umgehend 'aufs kroatische umgeschaltet'. 'Ovo nije za svacije usi' oder 'Ovo samo tebi', begannen oft solche Abschnitte, in denen er meistens vermied, jegliche Namen zu erwähnen. So schreibt er über vielmals chaotische Verhältnisse im vorrevolutionären Frakreich: 'A da cujes, sto se ovdi govori; nije ni glave ni repa: Gospodja sama sve vlada...', 'wenn Du bloß hören würdest, was hier erzählt wird, da geht es ohne Kopf und Fuß zu, die Dame (Pompadour) regiert ganz allein'.

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Boskovic beim Schachspiel

Seine Beobachtungsgabe ist uns auch in seinen Reiseberichten bezeugt. Dies gilt insbesondere für die Reise über Westeuropa, sowie die Reise von Konstantinopel nach Warschau über Bulgarien und Rumänien, die er in der Form eines wertvollen Tagebuchs veröffentlichte. Durch seine Kroatischkenntnisse konnte er sich mit Russen und Bulgaren ohne Dolmetscher verständigen. Schnell erfasste er geographische, politische und kulturelle Zusammenhänge in den komplizierten Verhältnissen Osteuropas.

Boskovic war ein ausgezeichneter lateinischer Dichter. Anlässlich seiner Aufnahme in die britishe Royal Society, veröffentlichte er in London sein Werk 'De Solis ac Lunae Defectibus' (`Über die Sonnen- und Mondfinsternisse') in lauter lateinischen Versen -- deren 5570! Sofort nach dem Erscheinen des Buches wurde ihm hohes Lob der literarischen Kritik zuteil. Sein dichterischer Stil schöpfte aus der großen Tradition eines Vergil und Lukrez. Einige seiner Gedichte übersetzte seine Schwester Anica später ins Kroatische. Verblüffend schnell konnte er improvisieren. Deshalb und wegen seiner universellen Bildung und offenen Natur war er begehrter Gast hoher Gesellschaften Paris', Londons und Wiens. Alle luden ihn überall ein. Er wiederum benutzte diese Treffen, um die so wichtigen Nachrichten für seine Heimatrepublik zu sammeln.

Wo es ihm Gelegenheit gab, wurde Boskovic auch Archäologe, über seine Ausgrabungen an einer antiken Villa in der Nähe von Rom berichtete er in wissenschaftlichen Zeitschriften. Während seiner Türkeireise besichtigte er die Ortschaft Tenedos in Kleinasien, wo sich nach der Überlieferung aus der Antike die Ruinen des legendären Troja befunden hätten. Diese Lokalität untersuchte Boskovic kurz und systematisch. Sein Schluss war, dass es sich dabei kaum um Troja handeln könnte, was später von Schliemann auch bestätigt wurde.

Die ersten Jahre seines wissenschaftlichen Lebens verbrachte er in stiller Arbeit in Rom, wo er sowohl in seinem Orden als auch in der päpstlichen Kurie hohes Ansehen genoss. Dass er seinen römischen Lehrstuhl doch verlassen und es ihn ins weite Ausland gezogen hat, liegt vor allem darin begründet, dass er das veraltete Studiensystem am Collegium Romanum nicht hatte zum besseren bewegen können, und dass er zugleich von etlichen seiner Mitbrüder wegen seines Newtonismus schief angesehen wurde, obwohl er persönlich der Unterstützung und des Vertrauens seiner Ordensoberen stets sicher sein konnte. Später in Paris beklagte er offen seine mangelhafte mathematische Ausbildung am Collegium Romanum. Seinem Bruder schreibt er: '... ma brate ja ne mogu prid njekijem od njih figurat. Ja cutim, koliko sam slab u onemu, sto ovi prvi dzeometri stimaju ... i valja (s tim) rano pocet, ko jezika naucit...' ('... aber, mein Lieber, mit einigen dieser hervorragenden Geometer hier kann ich überhaupt nicht mitreden, weil ich weiß, wie schwach ich bin in der Sache, die hier so hochgeschätzt wird... damit muss man jung anfangen, wie mit dem Erlernen einer Sprache...'.) Gemeint waren die berühmten frz. Mathematiker um d'Alembert, welche die Analysis so weit vorangebracht hatten; Boskovic aber war mit ihr auf dem damals schon veralteten Niveau der Newtons 'Prinzipien' vertraut. Seinem Ordensgeneral schlug er eine umfangreiche Studienreform vor, dieser lehnte sie unter Berufung auf die fehlenden Kräfte ab.

In der Tat befand sich zu Boskovics Zeiten der Jesuitenorden in keinem guten Zustand, seine Unternehmungen in Lateinamerika missfielen in Spanien, Frankreich und Portugal, und sie wurden aus diesen Ländern nacheinander ausgewiesen. Schließlich hob der Papst den Jesuitenorden in der ganzen Katholischen Kirche auf. Seinem Orden blieb Boskovic allerdings bis zum Ende ergeben und loyal, noch kurz vor dem Verbot des Ordens hatte er lukrative und angesehene Stellungen abgelehnt, weil er als Bedingung den Orden hätte verlassen sollen. Der Schwächen des Ordens war er sich durchaus bewusst, das Ordensverbot traf ihn jedoch tief. 'Die meisten waren doch ganz anständige Leute' meinte er später einmal. Seine priesterlichen Pflichten nahm er ernst, sogar im antipäpstlichen England zelebrierte er einmal die Messe für eine Gruppe der damals entrechteten Katholiken in einer provisorisch hergerichteten Halle.

Besonders hervorzuheben ist seine Verbundenheit mit der Heimat, die er seit seinem 15. Lebensjahr nur einmal kurz besuchen konnte. Stets hat er sich seiner natürlichen Heimat angehörig und verbunden gefühlt, an allen Einzelheiten des Lebens in Dubrovnik war er lebhaft interessiert. Die große Raumdistanz wurde in einer dichten Korrespondenz bewältigt. Rührend sind seine wiederholten Erklärungen, es wäre doch selbstverständlich, dass er sich für seine 'natürliche Heimat' nach Kräften einsetze, auch als er gezwungen war, die fremde Staatsangehörigkeit zu übernehmen. In einem Brief an den vatikanischen Staatsekretär Kardinal Valenti, als Boskovic wieder eine delikate diplomatische Aufgabe für Dubrovnik bevorstand, heißt es: '...und ich bezeuge, dass mein Seelenzustand so beschaffen ist, dass es kein Interesse, keine Schwierigkeit, nicht mal die Sorge ums eigene Leben vermag, mich in der Ausübung meiner Pflicht aus dem rechten Weg zu bringen, und ich hoffe, dass mich der Herrgott in dieser Haltung mein Leben lang erhalten wird'. Und später: '...Heimat ist Heimat, und Eure Eminenz kennt gut die Pflicht des Bürgers, wenn große Gefahren drohen'.

Boskovics Fürsorge galt vor allem seinen jungen Landsleuten, die auf der Suche nach Ausbildung nach Europa zogen, er half ihnen und begleitete ihre Fortschritte. Besonders verbunden war er dem Kroatischem Kolleg St. Hieronymus in Rom und setzte all seine Kräfte ein, um dort Priestern aus der Heimat die leitenden Posten zu verschaffen. Beim Kolleg legte er eine stattliche Summe Geld an, um dort im Alter eine Pension für sich und seinen Bruder Baro beziehen zu können.

Auf ganz besondere Weise verbunden war er seiner Familie in Dubrovnik. Er verlangte -- und erhielt -- ausführlichste Nachrichten über das tägliche häusliche Familienleben. Über die Feier des hundertsten Geburtstages seiner Mutter ließ er sich genau informieren und gab eine entsprechende Notiz in die Pariser 'Gazette de France', wo es in der Ausgabe vom 24.02 1775 hieß: 'Abbé Boskovic, der berühmte Mathematiker hat eine Mutter, welche nunmehr 101 Jahre alt ist, gut alleine schreiben und lesen kann und geistig voll frischauf ist'. Seiner 'Frau Mutter' entrichtete er einmal den (schwer überstzbaren) Neujahrsgruß: 'Da moze ova knjiga leteci doci, cestitio bih i na grasti loncic i na raznju prascic i na bedru nozic i sve sto se uza'. (Etliche kroatische Zitate habe ich eigens deshalb gebracht, um zu illustrieren, wie aktiv er seine Muttersprache beherrschte, obwohl er, wie ich schon sagte, seit seinem 15. Lebensjahr im Ausland lebte un nur einmal kurz Dubrovnik besuchen konnte.) Nichts aus dem Hause war ihm unbedeutend. Als er 1786 erfuhr, daß seine Schwester, allein im Hause, Salat als ihr Abendbrot verzehre, schrieb er: '... hätte ich den Neffen und die Nichte in meiner Nähe wie Du sie hast, würde ich doch mit ihnen zusammen leben wollen; bleibe allein, wenn Du willst, mir wäre lieber, wenn Du was Besseres zu Abend essen würdest als nur Salat'.

In den letzten Jahren vor dem Tod dachte er immer mehr daran, nach Hause zu gehen, um dort zu sterben, schließlich wurde er zu schwach, um eine solche Reise ertragen zu können. 1787 starb er in Mailand, wo er, beurlaubt von Paris, seine letzten Jahre verbracht hatte. Diese Beurlaubung wurde vom Kaiser in Wien erwirkt, wo Boskovic großes Ansehen genoß. Die Sternwarte in Brera errichtete ihm eine schöne Büste in ihrem Hauptgebäude, seine Heimatrepublik ließ ein großes Requiem feiern unter Teilnahme des Rektors und des Senats. In der Kathedrale von Dubrovnik wurde eine Gedenkplatte angebracht. Sein großer Verehrer, der Spliter Gelehrte un Musiker Julio Bajamonti, komponierte für diese Feier eine 'Requiemmesse', die leider nicht rechtzeitig ankam, und erst später in Dubrovnik aufgeführt werden konnte.

Der Titel meines Vortrages war: 'Rudjer Boskovic, Gelehrter und Diplomat', ich hätte durchaus hinzufügen können: 'und Gastarbeiter'. In dieser seiner mustergültigen Haltung bleibt er insbesondere allen Kroaten im Ausland ein leuchtendes Beispiel. Ich danke Ihnen.

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Sternwarte in Brera/Mailand, umgebaut nach Boskovic's Entwürfen