Christian Jakob Kraus

Biographie von Christian Jakob Kraus, dem Namensgeber des Instituts für Wirtschafts- und Sozialphilosophe der Fernuniversität Hagen
 

Christian Jakob Kraus

Wirtschaftsphilosophie

Sozialphilosophie

Christian Jakob Kraus

Obwohl die Universität Königsberg den Philosophen und Ökonomen Christian Jakob Kraus im Bewußtsein von dessen Verdiensten noch 1862 dadurch ehrte, daß sie an der Fassade des auf dem Paradeplatz neu errichteten Universitätsgebäudes die Porträts von nur neun der bedeutendsten Gelehrten der Albertina anbringen ließ1, unter ihnen dasjenige von Kraus, ist doch sein Name heute so vollständig aus dem Bewußtsein selbst der Fachleute verschwunden, daß es einem geschehen kann, daß heutige Philosophieprofessoren ihn mit dem lateinamerikanischen "Krausismo" assoziieren, d. h. mit dem Philosophen Karl Christian Friedrich Krause verwechseln. Der Königsberger Kraus ist im Verlaufe von fast 200 Jahren zu einem "unbekannten Philosophen" geworden. Dabei hatte Hamann am Beginn von dessen Laufbahn über ihn gesagt: "Kraus ist ein groß Genie, philosophisch und mathematisches."2 Kant hatte diesen seinen Schüler nach Kräften unterstützt und dafür gesorgt, daß er 1781 das Ordinariat für Praktische Philosophie, sozusagen das Ordinariat nebenan, erhielt; und jahrelang war Kraus Teilhaber3 an Kants Mittagstisch. Nach seinem Tode sagte der Freiherr vom Stein über ihn: "Der Mann hat mehr gethan, als diese Herren [gemeint sind Heinrich von Kleist und Adam H. Müller als Herausgeber der national-konservativen Berliner Abendblätter, die 1810/11 eine Kampagne gegen die liberale Ökonomie von Kraus begonnen hatten, K. R.4], je vernichten werden. Die ganze Provinz hat an Licht und Anbau durch ihn zugenommen, seine Belehrung drang in alle Zweige des Lebens ein.... eine geniale Persönlichkeit, seine Umgebungen mächtig ergriff, er hatte Blitze neuer Einsichten, großer Anwendungen, und setzte uns durch sein unerwartetes Urteil oft in Erstaunen."5 Herbart pries anläßlich der Herausgabe der "Moralphilosophie" aus dem Nachlaß im Rahmen der "Vermischten Schriften" Kraus als Metaphysiker, dem (1812) "schwerlich Einer unter den jetzt lebenden Philosophen . . . Tiefe des Denkens und Kenntniß der Gegenstände wird streitig machen wollen; ja es wird ein seltner Ruhm seyn, wenn Jemand, bei eben so viel Tiefe, so wenigen Irrthümern wird gehuldiget haben. "6

Was seine wissenschaftlichen Errungenschaften betrifft, so sind diese von Kennern lange schon neidlos anerkannt: Er war derjenige, der als einer der ersten in Deutschland überhaupt, unumstritten jedoch der erste in Preußen7, die liberalistische Ökonomie Adam Smiths einführte und seinen ökonomischen Vorlesungen zugrundelegte. Er verfertigte ökonomische Gutachten, und der Besuch seiner Lehrveranstaltungen war zeitweise Pflicht für diejenigen, die in Preußen in den öffentlichen Dienst im Bereich der Kameralia eingestellt werden wollten; nur wer einen "Schein" von Kraus aus Königsberg vorweisen konnte, wurde berücksichtigt. Zweitens aber war er -- nach Anerkennung der Humboldt-Forschung -- ein herausragender Sprachforscher und derjenige, der als erster den Grundsatz der "inneren Sprachform" aufstellte, für den Humboldt dann in die Annalen der Wissenschaftsgeschichte einging.8 Und er hat drittens als erster in einem interdisziplinären und empirischen Forschungsprojekt (unter Beteiligung mehrerer Personen) die Sprache, Herkunft, Physiognomie und den sozialen und moralischen Charakter der Zigeuner erforscht; das anerkannte erstmals der Linguist Pott, der 1844 das lange Zeit maßgebliche Werk über die Zigeunersprache verfaßte.9 Allerdings weiß die bislang umfassendste Darstellung der Zigeunerforschung nichts davon: M. Ruch spricht noch 1986 davon, daß Biester seinen Aufsatz in der Berlinischen Monatsschrift "neben eigenen Erfahrungen", die es tatsächlich nicht gab, zwei Personen verdankt, "einem Pfarrer Zippel aus Litauen und einem Gelehrten Krause [sic!] aus Königsberg''.l0

Die Biographie eines seinerzeit berühmten, heute unbekannten Philosophen kann nicht von einer Kontinuität der Bedeutung des Lebenswerkes dieser Figur ausgehen; diese ist historisch effektiv abgebrochen, vergeblich die Bemühung, diese Diskontinuität als historisches "Unrecht" darzustellen und durch heutige Erinnerungen an damalige Bedeutungen wiederzubeleben zu versuchen. Damit bekommt diese Biographie jenseits des Bedeutungskontinuitätsbruchs eine ganz eigene Bedeutung: wir lernen einzusehen, was es bedeutet, daß Männer wie Kraus im Laufe der Zeit unbedeutend wurden.

Geboren wurde Christian Jakob Kraus am 27.7.1753 in Osterode, Kreis Mohrungen/Ostpr. Sein Vater war Chirurgus, der die Mutter, geb. Buchholz, Bürgermeisterstochter, ursprünglich als Patientin kennengelernt hatte. Auch Christian Jakob war so schwächlich, "daß man schon bei seiner Geburt kein langes Leben seines außerordentlich kleinen und zarten Körpers erwarten zu können glaubte.''11 Wahrscheinlich wurde er am 13. 4. 1771 als Student der Theologie an der Albertina immatrikuliert, 1773 wechselte er in die juristische Fakultät. Seit 1771 gehörte Kraus zu den eifrigsten Hörern des Philosophieprofessors Immanuel Kant. Durch frühzeitigen Tod beider Elternteile war Kraus seit 1770 Vollwaise und seit 1773 auch der finanziellen Unterstützung durch seinen Onkel, den Pfarrer Buchholz, beraubt, so daß er sich seinen Lebensunterhalt neben dem Studium durch Hauslehrertätigkeiten selbst verdienen mußte. Kant trat von sich aus an diesen eifrigen Schüler heran und nahm ihn 1772 in sein Disputatorium auf. Seit 1774 jedoch stellte Kraus den Besuch der Kantischen Vorlesungen ein und erwarb seine weitere Bildung weitgehend durch Selbststudium, zuerst der englischen Sprache und der Mathematik.

Die intellektuelle Entwicklung von Kraus hat auch Hamann von Anfang an mit Sympathie verfolgt und in seinem Briefwechsel liebevoll dokumentiert.

So wissen wir durch ihn, daß Kraus seit 1775 versucht, etwas Philosophisches zu schreiben, wir erfahren, wieviel Mühe und Energie er in die jeweiligen Pläne investierte, und wie dann immer nichts daraus wurde. Zuerst ist es der Plan, an dem Preisausschreiben der Akademie über die Urkräfte der Seele teilzunehmen; dann ist es eine nie geschriebene Arbeit über "Pythagoras und seine Weisheit", die ihn beschäftigt. Selbst die vom Minister Zedlitz im Hinblick auf eine zukünftige Professur in Preußen an ihn ergangene Aufforderung, Exzerpte aus philosophischen Werken anderer herzustellen, bereitet ihm unsägliche Mühe.12 Hamann berichtet 1776 über ihn: "Krause hat woran gearbeitet -- Was es gewesen hat er und ich nicht vielleicht recht gewust. Er wurde darüber krank vor Ueberspannung seiner Kräfte.''13 Und er spricht auch von dessen "unermüdlicher Erschlappung''.14

Gleichwohl wird Kraus 1781 durch Fürsprache von Kant und durch eigenen guten Eindruck auf Zedlitz anlässlich seines Berlin-Aufenthalts 1778/79 Professor für Praktische Philosophie in Königsberg. Er beginnt seine Lehrtätigkeit mit einem Privatissime über Homer und Platon. Die erste Schrift, die er nun tatsächlich fertigstellt, ist eine "kriminalistische" Untersuchung über einen berühmten zeitgenössischen Hochstapler. Während Kant seine "Ideen zur allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" erscheinen läßt, erblickt das Erstlingswerk seines Kollegen das Licht der Welt: "Der geistliche Abentheurer"15.

Man mag dieses Nichtschreiben von Kraus als ein Versagen angesichts eines Diskurses beschreiben, der Schriftlichkeit normativ vorschreibt. Dann müßte man freilich erklären, warum alle Zeitgenossen ihn außerordentlich hoch schätzten und Kant seine Genialität nur derjenigen Keplers für vergleichbar hielt. Man könnte aber auch von einer Schriftlichkeitsverweigerung sprechen, d. h. von einem heimlichen Sichtentziehen den Regeln des philosophischen Diskurses gegenüber.16 Das würde zugleich erklären können, warum nach all dem Stöhnen über unsägliche Mühen, Erschöpfungszustände, Krankheit und Wahnsinn beim Anfertigen etwa der Rezension eines Russischen Wörterbuchs er 1784 eine Materie entdeckt, die er geradezu lustvoll bearbeitet, nämliche eine Studie über die Zigeuner, selbst illiterat und ständig auf der Flucht vor den Regularitäten der herrschenden großen Ordnungen. Er selbst ironisiert staunend das von ihm gewählte Sujet: "Seine Autorschaft mit einer Spitzbubengeschichte (des Mortczinni) anfangen und mit Untersuchungen über die Zigeuner fortsetzen -- ich weiß nicht, was ich von dem Kopf oder dem Herzen denken soll, der das wollte.''17 Fast täglich sucht er zunächst eine Gruppe von Zigeunern im Königsberger Gefängnis auf, die dort aufgrund des Edikts vom 5.10.1725 festgehalten wurden. Dieses Edikt sah für jeden in Preußen aufgegriffenen Zigeuner den Galgen vor, gleichgültig, ob ihm irgend etwas Bestimmtes vorzuwerfen war. Unter Leitung des Professors für Praktische Philosophie arbeiteten einige weitere Personen zusammen in einem relativ breit angelegten empirischen Forschungsprojekt über die Sprache, die Physiognomie und den moralischen Charakter der preußischen und litauischen Zigeuner. Kraus formulierte sein Forschungsprogramm: "Drey Dinge sind mir an den Zigeunern interessant; ihre originale Sprache, ihr uneuropäischer Körper, und ihr unbürgerlicher Charakter. Sie sehen leicht, mein Liebster, diese drey Puncte sind ebenso viel wichtige Probleme für den Forscher der Geschichte der Menschheit, qui humani nil a se absens putat."18 Kraus ersann ein ausgefeiltes Forschungsdesign, das erstens Fragen enthielt, die zu erforschen wären, zweitens aber auch methodische Anweisungen darüber, wie die Zigeuner zu befragen seien, um die richtigen, eindeutigen und verwertbaren Antworten zu bekommen. Die Sprachforschungen sind die ausgedehntesten; sie sollen und sie allein können die seit Jahrhunderten strittige Frage der Herkunft der Zigeuner klären; Kraus ist der erste, der auf wirklich breiter Basis die kurz zuvor von Rüdiger19 aufgestellte These der Herkunft aus Indien nachgewiesen hat. Er selbst hielt die bisher vorliegenden Beweise für unzureichend.20

Was die Physiognomie anbetrifft, so war zu der Zeit offenbar unklar, ob die Hautfarbe der Zigeuner abfärbt oder durch Körperpflege abzuwaschen wäre; Grellmann, der ein in jener Zeit weit verbreitetes Werk über die Zigeuner geschrieben hatte, meinte, daß, wenn sie sich nur ordentlich wüschen, die dunkle Hautfarbe verschwinden würde.21 Und noch Kant glaubte, daß die gelbe Hautfarbe, die er allerdings nicht auf Schmutz, sondern auf Gallensekret zurückführte, auf die Kleidung abfärbe.22 Kraus bezieht hierzu aufgrund seiner Erhebungen eindeutig Stellung.

Am interessantesten aber sind die Fragen der dritten Art, warum beispielsweise die Zigeuner, obwohl sie seit Jahrhunderten in Europa, seit 1417 nachgewiesen, unter zivilisierten Völkern lebten, sich keine bürgerliche Lebensweise angewöhnt hätten, ob dieses für sie prinzipiell unmöglich ist, ob ihnen die Aufklärung unzugänglich ist (dieses wiederum die von Grellmann vertretene Meinung), oder ob sie in ihrer Lebensweise vielleicht einen eigenen Weg zur Aufklärung haben: das ist die These, die in dem letztlich auf der Grundlage des Krausschen Materials von Biester veröffentlichten Aufsatz in der Berlinischen Monatsschrift vertreten wird.23 Das Material, das Kraus und seine Mitarbeiter gesammelt haben, ist nicht in ein Opus magnum eigenen vielmehr hat Kraus selbst letztlich nichts aus ihm gemacht: andere haben es benutzt: Biester für einen Aufsatz in der von ihm herausgegebenen Berlinischen Monatsschrift,24 Pott für sein großes Werk über die Zigeunersprache.

Beginnend bereits in den Achtzigerjahren widmet sich Kraus seit den Neunzigerjahren mehr und mehr der politischen Ökonomie, obwohl er noch 1789 von sich selbst das Bild entwirft eines "armen Philosophen, der nicht weiß, was Geld ist und was wirthschaften heißt . . . "25 und obwohl er noch 1794 zugibt, daß die Staatswirtschaft seinem Geschmack eigentlich zuwider gewesen sei; aber er habe mit viel Fleiß diesen Widerwillen überwunden.26 Die frühesten erhaltenen Arbeiten sind zwei Gutachten aus dem Jahr 1786: "Über den Frachthandel der Städte Königsberg und Elbing" und "Über das Seesalz-Monopol". 1794 etwa liest er nur noch über ökonomische Gegenstände. Aber auch hier bleiben seine Publikationen äußerst spärlich. Seine Wirkung ging von seinem mündlichen Vortrag aus: Zu seinen Schülern gehörten von Schrötter, von Schön u. a. 1794/95 arbeitete er (auf Aufforderung von Schrötters) einen Plan zur Reform der kameralistischen Studien an der Universität Königsberg aus. Auf diese Weise ist Kraus der entscheidende Inspirator der Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen gewesen. Dieses hat er bewußt und gewollt getrieben: er wollte seine Schüler auf "unheilbare Art" mit diesen politischen Ketztereien des Liberalismus anstecken, damit diese sie dann unter den Orthodoxen als Apostel verbreiteten.27 Pertz berichtet: "Am 17ten August legten sowohl die Immediat-Commission als der Provinzialminister [d. i. v. Schrötter, K. R.] dem König Anträge für die Herstellung des Landes vor. Beide gingen im Wesentlichen von denselben staatswirtschaftlichen Grundsätzen aus, welche an der Königsberger Universität seit vielen Jahren durch den Professor Kraus gelehrt und in die Überzeugung seiner zahlreichen Zuhörer übergegangen waren. Kraus folgte den Lehren Adam Smith's; er stand in vielfacher Verbindung mit Geschäftsmännern, Landbesitzern, Handeltreibenden, hatte ein eindringendes scharfes Urtheil und eine klare Darstellungsgabe; der Ort seines Wirkens, eine Handelsstadt, welche mit England in lebhaftem Verkehr stand, der Mittelpunkt der Provinz Preußen, wo die meisten Beamten ihre Bildung erhielten, begünstigte das Eindringen seiner Grundsätze. Das thätigste Mitglied der ImmediatCommission Herr v. Schön, Minister v. Schrötter, der Regierungspräsident v. Auerswald waren seine Schüler."28 1800 ordnete der Provinzialminister v. Schrötter an, "daß in Ostpreußen niemand in den Verwaltungsdienst eingestellt werden dürfe, der nicht den Nachweis über den erfolgreichen Besuch der Vorlesungen von Kraus erbringen konnte. "29 Die meisten seiner Papiere jedoch sind erst nach seinem Tode ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, so seine mehrfach wiederholte Vorlesung über "Staatswirtschaft".30 Daraus geht hervor, wie eng sich Kraus in seinen ökonomischen Anschauungen der liberalistischen Lehre von Adam Smith anschloß, ja die ersten vier Bände sind nichts anderes als eine Paraphrase von Smiths "Wealth of Nations", erst der fünfte bietet eine sehr praxisnahe Anwendung der Gesichtspunkte liberaler Ökonomie auf die spezifischen Verhältnisse in Preußen. Seine kleineren ökonomischen Arbeiten und Gutachten sind ebenfalls sehr konkret, praxisnah und zeitgebunden: z. B. seine Stellungnahme "Über das Verbot der Getreideausfuhr vom linken Rheinufer" von 1801, andere dagegen auch politisch brisant, wie beispielsweise seine Befürwortung der Aufhebung der Leibeigenschaft ("Über die Aufhebung der Privatunterthänigkeit in Ost- und Westpreußen", 1802, die seine reformerischen Freunde dazu motivierte, auf ihren eigenen Gütern, der allgemeinen Reform vorauseilend, die Leibeigenschaft bereits aufzuheben) oder seine Überlegungen "Über die Mittel, das zur Bezahlung der französischen Kriegsschuld erforderliche Geld aufzubringen" (1807), die ihm in einer persönlichen Ordre des Königs dessen Lob und Dank einbrachte, der Kraus jedoch wegen seines plötzlichen Todes nicht mehr erreichte. Generell eint seine ökonomischen Arbeiten die Überzeugung vom Vorteil der freien privaten Initiative gegenüber der Staatsintervention.

Im Nachlaß fand sich auch eine Vorlesung über Moralphilosophie, in den "Vermischten Schriften" herausgegeben von Herbart; sie versucht, in einer heute weder das eine noch das andere Lager überzeugenden Weise eine Kantische Ethik und eine empiristische Ethik miteinander zu verbinden.31 Das meiste, was der veröffentlichte Nachlaß zutage gefördert hat, verdient heute nicht mehr der Erwähnung; und man möchte es geradezu vorauseilende Einsicht seitens Kraus' nennen, daß er alles dieses nicht veröffentlicht hat und so dem strengen Urteil der Zeit und dem noch strengeren Urteile der Nachwelt entzogen zu haben meinte. Er wollte lieber "in Männern, die ihm ihre Bildung verdankten" fortleben, "nicht aber in in todten Büchern"32; und von Kant vermutete er, daß dieser deswegen so viel schreibe, "weil er Abends nicht mehr in Gesellschaft gehn mochte, und seine Gedanken doch gerne los seyn wollte."33 Trotz dieser einleuchtenden Begründungen und Rationalisierungen seiner eigenen Schriftlichkeitsverweigerung gilt doch im Diskurs der neuzeitlichen Wissenschaften generell Publikation als Ausweis erreichten Wissens und nicht privat geteiltes oder auch durch die Lehre verbreitetes Wissen, so daß z. B. Prioritätenfragen einzig und allein anhand nachprüfbar veröffentlichten Wissens entschieden werden. Das wußte auch er selbst: "Tradition ohne Schrift hilft nichts in historischen Dingen daher fängt alle Geschichte erst mit Schriften an . . . "34 Gleichwohl hat er selbst permanent und wie er glaubte mit guten Gründen gegen diese Einsicht verstoßen. Noch seinen wissenschaftlichen Nachlaß wollte er zwar in der Obhut guter Freunde, nicht aber publiziert wissen. Sein Freund v. Auerswald hat ihm nur mühsam die Erlaubnis abgerungen, das, was er geeignet fände, auch dem Druck zu übergeben.35 Er hat auf diese Weise gegen Kraus' selbst ein Leben lang verfolgte Maximen bereits ein Jahr nach dessen Tod verstoßen; und jede Veröffentlichung über Kraus wie auch die hier vorliegende folgt dem Beispiel seiner Schriftlichkeitsverweigerung nicht. So ist auch er wie die von ihm erforschten Zigeuner in Europa in ihrer Nichtseßhaftigkeit - ein Zuspätgekommener. Europa ist unter Seßhaften aufgeteilt und läßt keinen Platz für die Nomaden; und die Welt des wissenschaftlichen Diskurses ist unter den diversen Standpunkten aufgeteilt, und läßt keinen Raum für eine nomadische skeptische36 Vernunft, die sich der Schrift zu entziehen versucht.

Daß da einer war, lehrte und hoch geschätzt wurde, obwohl er sich der Schriftlichkeitszumutung der wissenschaftlichen Diskurse entzog, konnte nicht hindern, daß andere in seinen Vorlesungen saßen, mitschrieben und publizierten, was dieser Diskursverweigerer sagte. Jede sogenannte Rettung von Kraus als Schriftsteller blamiert ihn und den, der die Rettung versuchen wollte. Aber unter einem ganz anderen Aspekt ist die Erinnerung an diesen großen Gelehrten der Albertina wichtig. Sein Fall lehrt auf engstem Raum, d. h. in unmittelbarer Nähe zum großen Philosophen Kant, wie in der Zeit bestimmte theoriepolitische und diskursstrategische Entscheidungen gefallen waren, wie sie inhaltlich aussahen, was sie aussortierten als "unmögliches" Wissen und was sie schließlich als unser "wissenswertes" Wissen übrig ließen. Zeitgenossen haben die Unverträglichkeit eines Philosophierens wie Kant und eines Philosophierens wie Kraus beschrieben in dem von Lessing stammenden Bild,37 sie haben gemeint, es wäre ein Konflikt großer Individuen gewesen. Tatsächlich aber lag dahinter eine große historische Entscheidung über die Möglichkeiten des philosophischen Diskurses, die Kant selbst in die Bilder eines "nomadischen" und eines architektonischen Wissens gefaßt hat. Der Fall Kraus lehrt heute einzig dieses: was aus nomadischer, skeptischer Vernunft vielleicht hätte werden können, wenn sie historisch noch eine Chance gehabt hätte.

1 darunter drei Philosophen: Kant, Kraus und Herbart

2 J. G. Hamann: Briefwechsel, hrsg. v. W. Ziesemer u. A. Henkel, III, Wiesbaden 1957, p. 205.

3" Kr. war jedoch kein Gast an diesem Tische, er speiste täglich daran und gab seinen Theil dazu. "Nachrichten Im Betref des verewigten Proffessor Kraus, mitget. in W. Stark: Kant und Kraus. Eine übersehene Quelle zur Königsberger Aufklärung.-- In: R. Brandt/W. Stark (Hrsg.): Neue Autographen und Dokumente zu Kants Leben, Schriften und Vorlesungen. Hamburg 1987, p. 165-200, hier p. 185.

4 In Nr. 11 der Berliner Abendblätter vom 12.10.1810 fand sich ein Artikel von Adam Müller unter dem Pseudonym Ps. und u. d. T. "Über Christian Jakob Kraus." Darin erklärt er Kraus für einen "scharfsinnigen und wohlgeordneten, obwohl etwas langsamen und unfruchtbaren Kopf. Einen gegebenen Gedanken zu zerlegen, zu periphrasieren, von allem falschen Beisatz zu läutern, nacher in allen seinen Elementen zu rubrizieren und zu numerieren und dergestalt ihn auch ganz mechanischen Köpfen annehmlich zu machen, hat er trefflich verstanden.... also müssen wir die Positivität und Tyrannei, womit jetzt— nach 30 Jahren -- der Buchstab desselben [des Smithschen ökonomischen Systems, K. R.] in der Krausschen Bearbeitung auftritt, für etwas Unzeitiges erklären. Tief überzeugt von dem Unheil, welches dieser Buchstab in der Gesetzgebung unsers Vaterlandes anrichten könnte, müssen wir angehenden Staatswirten raten, über den dogmatisierten und fixierten Adam Smith des Professor Kraus nicht das Studium ihrer lehrreichen Zeit zu versäumen." Schließlich wirft er in gespielter Naivität hinsichtlich Königsberger lokaler Verhältnisse zwei Fragen auf: "zuerst, wie konnte ein guter aber völlig unproduktiver und abhängiger Kopf zu der Lokalautorität gelangen, von der wir uns manches Wunder haben erzählen lassen?" und zweitens: wie konnte die liberale Ökonomie mit so viel Verspätung, d. h. veraltet, in Königsberg zu so einem übertriebenen Ansehen gelangen? Abgedr. in: Adam Müller: Ausgewählte Abhandlungen, hrsg. v. J. Baxa. Jena 1931, p. 81-85. In den sich ausweitenden Streit mischten sich nacheinander ein: J. G. Hoffmann, der Nachfolger auf dem Krausschen Lehrstuhl, G. H. L. Nicolovius, J. G. Scheffner, Freunde von Kraus, dann H. v. Kleist, A. v. Arnim; der Streit ging mehrfach hin und her und nahm einen Raum ein, den Fouqué in einem Brief an Varnhagen vom 7.1.1811 mißbilligend kommentierte als "Streit über das Verdienst oder Nichtverdienst des seeligen Prof. Kraus in Königsberg den die mehrsten Leser—mich Unstatistiker mit eingeschlossen noch nicht einmal hatten nennen hören . . . ", Adam Müllers Lebenszeugnisse, hrsg. v. J. Baxa. 2 Bde. München Paderborn, Wien 1966, I, p. 604. Und schließlich A. v. d. Marwitz, den F. List "Deutschlands größten Nationalökonomen" genannt hat (Das nationale System der politischen Ökonomie. Stuttgart, Tübingen 1841, p. LVI) in einem Brief an Rahel Varnhagen: ". . . wie über den Staatswirt Kraus, der den Ad. Smith auf die geistloseste und impertinenteste Weise abschreibt . . . Alle ihre Weisheit haben sie aus Ad. Smith, einem bornierten, aber in der beschränkten Sphäre scharfsinnigen Mann, dessen Grundsätze sie bei jeder Gelegenheit mit langweiliger Breite und schülerhaft nachbetend proklamieren. Seine Weisheit ist sehr bequem, denn er konstruiert, unabhängig von allen Ideen, losgerissenvon allen Richtungen des menschlichen Daseins, einen allgemeinen, für alle Nationen gleichpassendenHandelsstaat, dessen ganze Kunst darin besteht, die Leute machen zu lassen, wie sie wollen.", 1. c., p. 662

5 Berichtet von K. A. Varnhagen van Ense: Denkwürdigkeiten des eignen Lebens. Leipzig 1871, III, p. 176f.

6 Chr. J. Kraus: Vermischte Schriften, hrsg. v. H. v. Auerswald. Königsberg 1809-1819, V, p. V, im folgenden zit. als Verm. Schr.

7 Es gibt in dieser Frage einen Prioritätenstreit mit dem Göttinger Sartorius. 1796 war von G. Sartorius erschienen: Handbuch der Staatswirtschaft, zum Gebrauche bey akademischen Vorlesungen, nach Adam Smith's Grundsätzen ausgearbeitet. Berlin 1796. Als Kraus das Werk in die Hände bekam, soll er gesagt haben, daß er bereits seit sechs Jahren Vorlesungen dieser Art halte, bedeutende Leute wie den Oberpräsidenten v. Schön, den Minister v. Schrötter und den Grafen Dohna Wundlacken zu seinen Schülern zählen dürfe; und er verstehe das Aufheben um das Buch nicht, Verm. Schr. VIII, p. 388.

8 W. v. Humboldt: Werke in fünf Bden., hrsg. v. A. Flitner u. K. Giel. Stuttgart 1981, V, p. 460.

9 A. F. Pott: Die Zigeuner in Europa und Asien. Bd. 1. Halle 1844; K. Röttgers: Kants Kollege und seine ungeschriebene Schrift über die Zigeuner. Heidelberg 1993, im folgenden zit. als KK.

10 M. Ruch: Zur Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen "Zigeunerforschung" von den Anfängen bis 1900. Diss. Freiburg 1986, p. 130f.

11 Verm. Schr., VIII, p. 7.

12 KK.,., p. 29

13 J. G. Hamann: Briefwechsel III, p. 242.

14 p. 261.

15 Königsberg 1784.

16 So dezidiert KK

17 Verm. Schr. VIII, p. 213.

18 Abgedr. in KK, p. 55.

l9 J. C. C. Rüdiger: Grundriß einer Geschichte der menschlichen Sprache nach allen bisher bekannten Mund- und Schriftarten mit Proben und Bücherkenntniß. Tl. 1: Von der Sprache. Leipzig 1782; ders.: Neuester Zuwachs der teutschen, fremden und allgemeinen Sprachkunde in einigen Aufsätzen, Bücheranzeigen und Nachrichten. 1.-4. Stck. Leipzig 1782-1785, dort I, p. 37-84: Von der Sprache und Herkunft der Zigeuner aus Indien. Zu dem Prioritätenstreit zwischen Grellmann/Büttner (vertreten von M. Ruch: 1. c.) und Rüdiger (vertreten von S. A. Wolf: Großes Wörterbuch der Zigeunersprache. Mannheim 1960, p. 17) s. K. Röttgers: Zigeunerforschung am Ende des 18. Jahrhunderts.-- In: Handlung— Kultur -- Interpretation 3 (1994), p. 194-205, hier p. 197-200.

20 Verm. Schr. VIII, p. 213.

21 H. M. G. Grellmann: Historischer Versuch über die Zigeuner, betreffend die Lebensart und Verfassung, Sitten und Schicksale dieses Volkes seit seiner Erscheinung in Europa und dessen Ursprung. 2. Aufl. Göttingen 1787, p. 40.

22 I. Kant: Akad. Ausg. II, p. 439; R. Malter (Hrsg.): Immanuel Kant in Rede und Gespräch. Hamburg 1990, p. 527; s. dazu KK, p. 99ff.; sowie K. Röttgers: Kants Zigeuner.- In: Kant-Studien 88 (1997), p. 60-86.

23 KK, p. 89ff.

24 Biester: Über die Zigeuner; besonders im Königreich Preußen.- In: Berlinische Monatsschrift 21 (1793), p. 108-165, 360-393.

25 Verm. Schr. VIII, p. 288.

26 Verm. Schr. VIII, p. 343.

27 Verm. Schr. VIII, p. 360f.

28 G. H. Pertz: Das Leben des Ministers Freiherrn vom Stein. Berlin 1850, II, p. 13.

29 Zit. nach W. Treue: Adam Smith in Deutschland. Zum Problem des "Politischen Professors" zwischen 1776 und 1810.- In: Deutschland und Europa. Fs. Hans Rothfels, hrsg. v. W. Conze. Düsseldorf 1951, p. 101-133, hier p. 115.

30 Chr. J. Kraus: Staatswirtschaft, hrsg. v. H. v. Auerswald. Königsberg 1808-1811.

31 S. dazu G. Viereck: Christian Jakob Kraus' "Moralphilosophie" in ihrem Verhälnis zu Adam Smith's "Theory of Moral Sentiments" Diss. Königsberg 1940.

32 Verm. Schr. VIII, p. 154.

33 W. Stark: Kant und Kraus, p. 188f.

34 Verm. Schr. III, p. 81.

35 Verm. Schr. I, p. V.

36 Zu Krausens früher Hume-Rezeption und seiner bleibenden Begeisterung für ihn s. J. G. Hamann: Briefwechsel VI, p. 154, 167, sowie seine Übersetzung aus Humes Essays u. d. T. David Hume's politische Versuche . . . Königsberg 1800, auch in: Verm. Schr. VII; zu Kants Identifikation von Skeptizismus und Nomadentum s. Vorr. zur 1. Aufl. der "Kritik der reinen Vernunft", A IX.

37 G. E. Lessing: Nathan der Weise II, 5: "Der große Mann braucht überall viel Boden;/ Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen / Sich nur die Äste . . . . ", Lessing: Werke in 3 Bden., hrsg. v. H. G. Göpfert. München, Wien 1982, I, p. 641, von Brahl kolportiert von J. F. Abegg: Reisetagebuch von 1798, hrsg. v. W. u. J. Abegg. Frankfurt a. M. 1987, p. 148: "Mit Prof. Kraus kam er [Kant] sonst viel zusammen, aber es traf auch hier ein, was Lessing sagte: Zu große Bäume zerschlagen sich die Äste, pp."; c£ dazu W. Stark: Kant und Kraus, p. 167f.

Literatur:

  • Kraus, Christian Jakob: Vermischte Schriften, hrsg. v. H. v. Auerswald. Königsberg 1809-1819
  • Kraus, Christian Jakob: Staatswirtschaft, hrsg. v. H. v. Auerswald. Königsberg 1808-1811
  • Röttgers, Kurt: Kants Kollege und seine ungeschriebene Schrift über die Zigeuner. Heidelberg 1993 [Edition der wichtigsten Passagen aus den Ms. zur Zigeunerforschung von Kraus]
  • Krause, Gottlieb: Beiträge zum Leben von Christian Jacob Kraus.-In: Altpreußische Monatsschrift 18 (1881), p. 53-96, 193-224.
  • Warda, Arthur: Blätter der Erinnerung an Christian Jakob Kraus. In: Altpreußische Monatsschrift 48 (1911), p. 24-36.
  • Stark, W.: Kant und Kraus. Eine übersehene Quelle zur Königsberger Aufklärung.- In: R. Brandt/W. Stark (Hrsg.): Neue Autographen und Dokumente zu Kants Leben, Schriften und Vorlesungen. Hamburg 1987, p. 165-200.
  • Viereck, Georg: Christian Jakob Kraus' "Moralphilosophie" in ihrem Verhälnis zu Adam Smith's "Theory of Moral Sentiments" Diss. Königsberg 1940.
  • Hasek, Carl William: The Introduction of Adam Smith's Doctrines into Germany. Diss. New York 1925 (=Studies in History, Economics und Public Law, ed. by the Faculty of Political Science of Columbia University, vol. CXVII, 2).
  • Nahrgang, Alfred: Die Aufnahme der wirtschaftspolitischen Ideen von Adam Smith in Deutschland zu Beginn des XIX. Jahrhunderts. Diss. Frankfurt a. M. 1933.
  • Kühn, Erich: Der Staatswirtschaftslehrer Chr. Jakob Kraus und seine Beziehungen zu Adam Smith.- In: Alt-Preußische Monatsschrift XXXIX/IL (1902/03), p. 325-379, 1-61.
  • Graul, Hugo: Das Eindringen der Smithschen Nationalökonomie in Deutschland und ihre Weiterbildung bis zu Hermann. Diss. Halle 1928.
  • Milkowski, Fritz: Die Bedeutung von Chr. J. Kraus für die Geschichte der Volkswirtschaftslehre.- In: Schmollers Jb. 1926, p. 921ff.
  • Treue, Wilhelm: Adam Smith in Deutschland. Zum Problem des "Politischen Professors" zwischen 1776 and 1810.- In: Deutschland und Europa. Fs. Hans Rothfels, hrsg. v. W. Conze. Düsseldorf 1951, p. 101133, hier p. 115.
  • Dobbriner, Benny: Christian Jakob Kraus. Ein Beitrag zur deutschen Wirtschaftsgeschichte. Diss. Frankfurt a. M. 1926.
  • Niemer, Ellen: Die Einführung der Adam Smith'schen Nationalökonomie in Deutschland durch Christian Jakob Kraus. Diss. Breslau 1924.

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