Das Weiterbildungsprogramm "Wirtschaftsphilosophie" wird vom Christian Jakob Kraus-Institut für Wirtschafts- und Sozialphilosophie der FernUniversität in Hagen angeboten.
 

Christian Jakob Kraus

Wirtschaftsphilosophie

Sozialphilosophie

Kritik des Ökonomismus

Die Wirtschaftswissenschaften verdanken ihre Eigenständigkeit als Wissenschaften der Emanzipation aus der Tradition der Praktischen Philosophie. Ökonomische Fragen wurden aus dem Zusammenhang der Frage nach dem Guten, nach dem Sinn des Lebens, nach den Bedingungen einer gelungenen Lebensführung herausgelöst. Im Hinblick etwa auf die Preisbildung wurde die Frage danach aufgegeben, wie der Preis einer Ware sein solle, damit er ein gerechter Preis sei, und ersetzt durch die Frage, wie Preise auf dem Markt tatsächlich zustande kommen, ob man das Resultat nun gutheißen mag oder nicht. Damit verbunden ist die Unterstellung, daß Preisbildung einem Mechanismus unterliegt, der - wenn man alle störenden Faktoren isoliert - ähnlich wie die Fallgesetze mit eherner Notwendigkeit wirkt, und zwar völlig unabhängig davon, ob die Menschen dabei moralische oder unmoralische Absichten verfolgen.

Die umgekehrte Konsequenz dabei ist allerdings, daß alles, was unter der Handlungsperspektive einer Praktischen Philosophie frei entscheidbar und daher moralisch bewertbar war, nun als bloßer Sachzwang eherner ökonomischer Gesetze erscheint. Entscheidungsfreiheit reduziert sich auf die Einsicht in Sachzwänge; nur der meint noch frei zu handeln, der nicht begriffen hat, was die Sache gebietet. Und weiter: Diejenigen die nicht begriffen haben, was der ökonomische Sachzwang der Marktkoordination gebietet, die also sich der täuschenden Meinung hingeben, frei handeln zu können, werden - falls nicht ihre sogenannte freie Entscheidung zufällig mit der besten Einsicht in die Sachzwänge konvergiert - selbst mitsamt ihren moralischen Überzeugungen als marktuntüchtig vom Markt weggefegt. So stellte bereits Max Weber 1904 fest: "Der heutige, zur Herrschaft im Wirtschaftsleben gelangte Kapitalismus ... erzieht und schafft sich im Wege der ökonomischen Auslese die Wirtschaftssubjekte - Unternehmer und Arbeiter -, deren er bedarf."

[1]

Die Logik des Marktes und des Wettbewerbs setzt sich jenseits des Wollens handelnder Subjekte, und zwar im Zweifelsfall auch gegen die anders wollenden Subjekte, d. h. also ihnen gegenüber mit Zwang, durch. Freiheit reduziert sich in diesen Zusammenhängen auf die Freiheit, besser, erfolgreicher, konkurrenzfähiger als die Mitbewerber um einen Markt sein zu müssen, zu dürfen, zu wollen. Unter so bewandten Umständen werden Wollen und Müssen zu einer Identität vereinigt. Das macht den grundlegenden, ökonomischen Determinismus auch der freien Marktwirtschaft aus, der damit nolens-volens den Historischen Materialismus ideologisch unterstützt. Nur ist in dem ökonomistischen, nämliche liberalistischen Selbstverständnis verankert, daß gerade durch den Verzicht auf die Leitung des Marktgeschehens durch sinnintendierendes Handeln der eigene Sinn des Marktes auf wundersame Weise zustande kommt. Die Resultate des Marktgeschehens sind nach dieser Lehre so beschaffen, als wären sie - quasi durch eine "unsichtbare Hand", wie Adam Smith beiläufig meinte[2] - als Sinn intendiert gewesen. Indem jeder nur seinen eigenen Interessen folgt, stellt sich jenseits des individuellen Wollens ein überlegener Sinnzusammenhang ganz von selbst her. Friedrich Schiller fand diese liberalistische Grundüberzeugung noch so befremdlich, daß er sie mit der Annahme verglich, daß sich in einem Orchester die größte Harmonie genau dadurch herstellte, daß jeder einzelne Musiker falsch spielt.

Es könnte ja doch wohl auch so sein, daß die optimale Einpassung der Lebensführung in die Sachnotwendigkeiten des Marktes gerade nicht zur Erfüllung der menschlichen Existenz führt. Und es könnte doch wohl auch sein, daß die angenommenen Sachzwänge des Marktes nichts anderes sind als eine Form von Kapitulation, eine Form von Denkfaulheit, die sich angenommenen Denkzwängen freiwillig unterwirft. Die wirtschaftsphilosophische Kritik am Ökonomismus versucht, gegen solche Denkzwänge anzudenken. Gegenüber der totalisierenden Ideologie des Ökonomismus, der dann auch alle Lebensbereiche dem Modell des Marktes unterwerfen möchte, hält diese Kritik des Ökonomismus die Frage nach wie vor für eine berechtigte Frage, ob denn überhaupt überall das Marktprinzip gelten solle und wenn nein, wo denn dann die Grenzen des Marktes liegen sollen. Oder noch deutlicher gefragt, ob es nicht ein dem Ökonomieprinzip entgegenstehendes Kulturprinzip der Organisation von Lebens- und Sinnstrukturen gibt, das nicht danach strebt, beliebige und daher im Prinzip austauschbare Ziele mit möglichst geringem Aufwand in möglichst geringer Zeit zu erreichen, sondern das eher ein Prinzip des Aufschubs der Zielerreichung durch Umwege, durch Reflexion, durch Verweilen etc. beinhaltet.[3] Wie gesagt, die Kritik des Ökonomismus ist nichts anderes als die Annahme der Berechtigung, solche Fragen überhaupt noch stellen zu dürfen angesichts einer Tendenz zu einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche.

Wenn man nun aber die Zulässigkeit solcher Fragen überhaupt noch zugesteht, dann bereits löst sich der sogenannte ökonomische Sachzwang auf in eine bloße Parteilichkeit für die alleinige und ausnahmslose Geltung des Ökonomieprinzips. Wer sich unter der Herrschaft des Ökonomismus überhaupt noch etwas anderes als die Optimierung der Unternehmensziele zu denken getraut, z. B. indem er die soziale Sicherung durch das Sozialversicherungswesen als eine Errungenschaft ansieht, auf die wir stolz sein dürfen und die es zu erhalten gilt, der ist gefährlich; denn er gefährdet durch sein Denken, das nicht den "objektiven" ökonomischen Zwängen sich beugen will, unter anderem zur Senkung der neuerdings sogenannten "Lohnnebenkosten", den Standort Deutschland, der nur noch als ein ökonomischer, nicht mehr als ein kultureller Standort gedacht wird. Das hat einer der Hauptvertreter der Wirtschaftsphilosophie auf das kategorische, wirtschaftsethische Postulat gebracht: "Die wirtschaftlichen Akteure sollen sich systemkonform verhalten." Was also zunächst wie eine Diagnose eines Sachzwanges auftritt, enthüllt sich hier bereits durch die Sprachform als ein moralisches Postulat. Es ist allerdings sehr die Frage, ob dieses moralische Postulat nun auch einer wirtschaftsethischen Reflexion standhalten könnte. Ein bloßer Sachzwang, wie etwa die Fallgesetze, kann gar nicht, ohne daß ein Kategorienfehler begangen wird, als ein Sollens-Satz ausgesprochen werden, wie man leicht anschaulich machen kann, wenn man versuchen würde, die Fallgesetze als Sollens-Sätze zu formulieren. So ist der Ökonomismus in Wahrheit nichts anderes als die theoriepraktische Abschaltung von denkbaren Alternativen.

[1] M. Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.- In: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. 9. Aufl. Tübingen 1988, p. 17-206, hier p. 37.
[2] A. Smith: Der Wohlstand der Nationen, hrsg. v. H. C. Recktenwald. München 1978, p. 371.
[3] Cf. K. Röttgers: . Langsamkeit und Kultur