Der Risikobegriff im Wandel der Gesellschaft:

vom Schicksal hin zum eigenverantwortlichen monetären Transfer des Risikos in den Kapitalmarkt

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Einführung.......................................................................................................................... 2

a)       Entstehung des Risikobegriffs................................................................................... 4

Antike, Neuzeit................................................................................................................ 4

Entstehung der “Wahrscheinlichkeit”............................................................................. 6

b)       Risiko in der Gesellschaft – in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Entwicklung und der Auffassung des Menschen........................................................................................................................... 8

Wahrnehmung................................................................................................................ 8

Abschätzung................................................................................................................... 9

c)       Risiko in der Wirtschaft........................................................................................... 11

Wahrnehmung / Analyse............................................................................................... 11

Bewertung statt Abschätzung........................................................................................ 13

d)       Risiko heute: Transfer monetärer Risiken in den Kapitalmarkt.............................. 15

Überwälzen von Risiken (Versicherung, etc.)................................................................ 15

Risikotransfer in den Kapitalmarkt................................................................................ 15

Instrumente des Alternativen Risikotransfers................................................................ 17

Finite Risk Solutions.................................................................................................... 17

Captives / Rent-a-Captive.............................................................................................. 18

Multi-Line/Multi-Year Produkte (MMP)............................................................................ 18

e)       Der Mensch des 21. Jahrhunderts: Vorsorge oder Risikobewältigung über den Kapitalmarkt           20

Literaturverzeichnis.......................................................................................................... 23

 

 


 

Einführung

 

Risiko ist ein Begriff der Neuzeit. Erst durch das Bewußtwerden von Chancen und Risiken, erst durch die Loslösung von einem gottgegebenen Schicksal, das man nicht selbst bestimmen kann, konnte dieser Begriff entstehen.

Der Begriff Risiko fällt in den unterschiedlichsten Zusammenhängen und es gilt ihn einzugrenzen:

Risiko ist von der begrifflichen Wurzel her betrachtet laut Gerhard Banse[1] aus den romanischen Sprachen im Sinn von “Wagnis, Gefahr eingehen” abgeleitet. Andererseits fällt heute der Begriff in der Wirtschaft verstärkt in Beziehung auf Risikomanagement. Dies nimmt vorweg, daß man Risiken einschätzen, bewerten, messen kann, somit alles andere als eine Gefahr eingeht oder wagemutig sein muß.

 

In der Spiel- und Entscheidungstheorie kommt es zur Abgrenzung des Risikos in Bezug auf Entscheidungen unter Unsicherheit und Sicherheit. Hier bedeutet, ein Risiko eingehen, die Parameter der Situation einschätzen zu können. Man spricht von Erwartungen, die man beispielsweise durch Erfahrungswerte festgestellt hat, die zugrunde gelegt werden, um die Entscheidung unter Sicherheit zu treffen. Dies spiegelt sich auch im Alltag wider: Hat man Entscheidungen schon einmal getroffen, so weiß man, was danach passierte. Jeder kann sich an diesen Erfahrungswerten orientieren. Somit geht man von bestimmten Erwartungen aus, die bei der Entscheidung mit ähnlichen Parametern vorausgesetzt werden können. Da die Welt aber nicht perfekt ist, können diese Erwartungswerte immer nur Annäherungen an die Wirklichkeit sein. Zur Veranschaulichung:

Ich weiß, daß ich morgens für meinen Weg zur Arbeit, der 20 Kilometer lang ist, ohne Stau, ca. 20 Minuten Fahrzeit mit dem Auto benötige. Ich weiß aber auch, daß einmal in der Woche ein Stau von nicht vorauszusagender Dauer angenommen werden kann. Gehe ich trotzdem das Risiko ein, mit dem Auto statt mit der S-Bahn zu fahren, zu deren Haltestelle ich 10 Minuten zu Fuß gehen müßte und die ca. 25 Minuten Fahrzeit für den Weg benötigt?

Ich kenne die Parameter – doch jeden Tag stehe ich vor einer neuen Entscheidung, denn jeden Tag kommen andere Parameter hinzu, verändern sich, die ich in der Anfangsbetrachtung vernachlässigte. Was deutlich werden sollte, ist, daß erstens jeden Tag jeder Mensch mehr oder minder bewußt viele Entscheidungen trifft, viele Risiken dabei eingeht ohne sich dessen bewußt zu sein und es zweitens verschiedene Ansätze gibt, den Begriff Risiko zu definieren.

 

Diese Arbeit wird sich dem Begriff zunächst von einer gesellschaftlichen Betrachtungsweise nähern.

Es soll herausgearbeitet werden, daß sich mit dem Wandel der Gesellschaft, somit des Bewußtseins der Menschen, der Kultur und Sprache, sich auch der Risikobegriff einem steten Wandel zu unterziehen hat. Die Abhängigkeit der geistigen Entwicklung des Menschen von seinem Umgang mit der Mathematik soll deutlich werden.

Danach wird der Risikobegriff in der Wirtschaft der heutigen Zeit aufgezeigt.

Der Alternative Risikotransfer als Thema ist ein Kernpunkt der vorliegenden Arbeit. Erst die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre machen es möglich, Risiken monetär in großen Mengen zu erfassen und beispielsweise durch Trendberechnungen Erwartungswerte zu erstellen. Diese (mathematischen) Techniken machten es der Versicherungs- und Finanzdienstleistungsbranche möglich, Risiken handelbar zu machen und sie damit alternativ zur Absicherung über Prämienzahlungen an eine Versicherung in den Kapitalmarkt zu transferieren.

Die Handelbarkeit von Risiken schlägt sich letztendlich auch auf den Mensch innerhalb der Gesellschaft und Wirtschaft nieder: Jeder kann sich versichern – zwar nicht das Risiko mindern, aber den monetären Ausfall bei Negativwirkungen nach Eingehen des Risikos kompensieren. Der Mensch ist frei in seinen Entscheidungen, so lange er damit nicht andere in ihrem Handeln einschränkt .


 

a)    Entstehung des Risikobegriffs

Antike, Neuzeit

 

Schon die alten Griechen, Ägypter und Gelehrten aus Byzanz kannten mathematische Verfahren, die nur einen Hauch von der Wahrscheinlichkeitsrechnung entfernt scheinen. Was hielt sie ab, diese Verfahren weiterzuentwickeln?

Peter L. Bernstein[2] meint: “Bis zur Renaissance wurde die Zukunft kaum mehr denn als Glückssache oder als Resultat willkürlich erscheinender Wechselfälle wahrgenommen [...]. Mit der Ausbreitung des Christentums in der westlichen Welt trat der Wille eines einzigen Gottes als Orientierungsperspektive für die Zukunft in den Vordergrund.[...] In diesem Zusammenhang kam es zu einer bedeutsamen Wahrnehmungsverschiebung: Die Zukunft des Lebens auf Erden blieb zwar ein Geheimnis; sie wurde jedoch von einer Macht vorherbestimmt, deren Absichten und Maßstäbe für alle klar waren, die sich Zeit nahmen, sie zu ergründen.”

Im Zusammentreffen der arabischen Welt und der westlich-christlichen durch die Kreuzzüge lernten auch die zeitgenössischen Abendländer das weitentwickelte Zahlensystem der Araber kennen. Diese hatten sich durch die Eroberungen indischer Gebiete das hinduistische Zahlensystem angeeignet. Mit der Zeit hatten die Araber schriftliches Rechnen entwickelt, welches abstraktes Denken forderte und somit neue Bereiche der Mathematik erschloß. Denn nun konnte man Zahlen (schriftlich) voneinander direkt subtrahieren, addieren, multiplizieren und dividieren, was vorher mit dem Buchstabensystem der Römer nicht funktioniert hatte.

“Die Wurzeln des modernen Risikoverständnisses liegen im hindu-arabischen Zahlensystem, das vor achthundert Jahren die westliche Welt erreichte. Die eigentliche Risikoforschung begann jedoch erst in der Renaissance, als der Mensch sich von den Fesseln der Vergangenheit befreite und tradierte Meinungen und religiöse Vorstellungen offen in Frage stellte.”[3]

Erst die Renaissance und die Reformation brachten die notwendigen Fortschritte für die Einführung des Begriffes und der Verantwortung für das Risiko.

Mit der Reformation änderte sich nicht nur das Verhältnis zwischen Mensch und Kirche, auch das Verhältnis zwischen den Menschen konnte nun anders interpretiert werden: Wenn Gottes Wille, nun Entscheidungen erlaube, man nach evangelischem Glauben nicht mehr beichten müße, weil man selbst für sein Leben verantwortlich sei, dann ist es nicht mehr sinnvoll, sich in sein gesellschaftliches Schicksal zu ergeben. Leistung fing an sich zu lohnen – einmal für einen Platz im Himmelreich, aber auch schon auf Erden konnte es der Mensch zu Wohlstand bringen. Die Eigenverantwortlichkeit, Verantwortung für das eigene Leben und das anderer traten in den Vordergrund. Doch was heißt Verantwortung übernehmen? Hier ist es das erstmalige Begreifen einer Gesellschaft, daß sie nicht völlig ihrem Schicksal, ihrer Herrscher ausgeliefert ist. An anderer Stelle wird in dieser Arbeit auch von der Verantwortung gegenüber unserer Umwelt gesprochen. Dies unterscheidet sich dahingehend, daß hier erstmals ein Bewußtseinsprozeß in der abendländischen Neuzeit übergreifend einsetzte. Dies gleicht sich insofern, daß mit der Umweltbewegung sich ein neues Stadium des Bewußtwerdens eröffnete; jeder Mensch kann sich die Frage nach seiner ureigenen Verantwortung für Umwelt und kommende Generationen stellen. Die Frage der Umweltzerstörung und die Frage der Globalisierung lassen nach den Risiken großer Kriege, welche die Menschen in vorhergehenden Jahrhunderten vor allem bedrohten, neue, indirekte Risiken spüren. Andererseits spürte der Mensch der Renaissance und des Reformationszeitalters nicht nur die Risiken. “Im Zuge solch einer Ausweitung der Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten gelangte man allmählich zu der Erkenntnis, daß die Zukunft nicht nur Gefahren barg, sondern auch Chancen bot, daß sie offen, unbegrenzt und verheißungsvoll war.... Das neue Bewußtsein für mögliche Chancen führte zu einer dramatischen Wachstumsbeschleunigung im Handel, der sich als Stimulans für Wandel und Forschung auswirkte.”[4]

 


 

Entstehung der “Wahrscheinlichkeit”

 

Wenn es Risiko und Chance gibt, so gilt es zu diskutieren, was der Wahrheit, der Realität am nächsten kommt. Man macht sich Gedanken, wie die Zukunft aussehen wird. Dies läßt auf Mechanismen schließen, die den Menschen aufgrund seiner Neugier gegenüber der Zukunft einen Ausblick geben können. Man möchte nicht von einer Wahrsagerin die Zukunft aus der Glaskugel vorhergesagt bekommen, sondern man entwickelt den Begriff der Wahrscheinlichkeit, der den Anschein von Wahrheit widerspiegelt.

Schon bei den Griechen entspricht der Wahrscheinlichkeitsbegriff, dem, "was mit einem gewissen Grad an Wahrscheinlichkeit erwartet werden kann.” Nur gab es damals keine Verfahren oder Mechanismen, mit denen die Wahrscheinlichkeit greifbar gemacht wurde.

 

Der Wahrscheinlichkeitsbegriff entstand im 17. Jahrhundert. Er wurde wohl im Werk “La logique, ou l’art de penser” zum ersten Mal definiert. Hier wird die Wahrscheinlichkeit als Prozeß des Aufstellens einer Hypothese aus einer begrenzten Anzahl von Tatsachen gesehen. Auch gibt es eine Anwendung für jedermann: “Die Furcht vor Schaden sollte nicht der Schwere des Schadens, sondern auch der Wahrscheinlichkeit des Ereignisses proportional sein.” Der Gedanke, daß sowohl der Schweregrad als auch Wahrscheinlichkeit eines Phänomens die Entscheidung beeinflussen sollten, bedeutet einen weiteren großen Schritt.[5]

Weiterführend wurden nach Bernstein statistische Stichprobenverfahren durch die Royal Society in London durchgeführt. Diese Sichprobenverfahren benutzten Schätzungen, um nicht Gewerbe / Handel in Segmenten oder Sektoren voranzutreiben, die keinen Erfolg versprachen. Weiterhin ist hier anzumerken, daß die Stichprobenverfahren und ihre erste Verwendung somit eine frühe Form der Marktforschung darstellen.

Bernstein nennt beispielsweise Halley, der erste Berechnungen anstellte, wer mit welcher Wahrscheinlichkeit, welches Alter erreicht. Eine der ersten Statistiken, die über die bloße Volkszählung (schon aus der Bibel bekannt) hinausgeht.

 

Nicht mehr der Zufall allein bestimmt das Leben, sondern nun gibt es die Chance, Entscheidungen mit Wahrscheinlichkeiten abzuwägen. Zufall ist jetzt, mit welcher Erwartung man an eine Entscheidung herantritt; welche Untersuchungen man in welchem Umfang über die Erwartungswerte tätigt und welche man bei der Entscheidung wirklich nutzt.

 

Zufall als Gegensatz zur Wahrscheinlichkeit? Nein, es gilt nun den Begriff in einem anderen Licht zu betrachten:

Gilt es Entscheidungen unter Sicherheit oder unter Unsicherheit zu treffen?

Für das Individuum kann man annehmen, daß viele Taten oder Erfahrungen nicht im Bewußtsein der Prämissen, der Umstände des Tuns stattfinden. Somit kann man hier von zufälligen Entscheidungen oder Entscheidungen unter Unsicherheit sprechen. Da es für Individuen den exemplarischen Raum der vollständigen Kenntnis aller Umstände, also Entscheidungen unter Sicherheit, nicht geben kann (denn kein Mensch ist perfekt), wird es vorgezogen, dieses Modell als Vorbild für die Herangehensweise in der Wirtschaft, Politik oder Technologie zu benutzen, um dort zumindest modellhaft optimale Entscheidungswege zu gehen.

Zufall ist somit nicht mit dem Begriff des Risikos kongruent, sondern wird hier folglich unter die Prämissen der Entscheidung (unter Sicherheit / unter Unsicherheit) subsumiert. In der Literatur findet sich zum Begriff Zufall, daß beim Eintreffens eines Zufalls, eine Unregelmäßigkeit eintritt; aggregiert man aber eine Reihe der sogenannten Zufälle, entsteht ein Bild mit Regelmäßigkeiten, die einem Ursprungsplan, einer Ordnung entsprechen.[6] Heutzutage würde man sich dafür aussprechen, daß nach Untersuchungen der Chaostheorie Naturgesetze viele dem Menschen zunächst verborgene Regeln oder Formen enthalten, wie beispielsweise Blitze.

 

 

 

 

 

 

 

b)   Risiko in der Gesellschaft – in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Entwicklung und der Auffassung des Menschen

 

Wahrnehmung

 

Durch das Erwachsenwerden des Bewußtseins, wie es von Weizsäcker nennt, bekommt die Wahrnehmungsfähigkeit einen großen Stellenwert. Nur wer Risiken wahrnimmt, kann den Wert von Chance und Risiko schätzen lernen. Ärzte kennen das Problem der Verantwortungsübernahme seit jeher; in einer Welt des technischen Fortschritts gilt auch für beispielsweise Ingenieure und Finanzdienstleister Verantwortung für das Leben anderer zu übernehmen.[7]

Weiterhin ist heute zu erwarten, daß beispielsweise Umweltrisiken gesehen und bewußt wahrgenommen werden. In den letzten Jahren wurde es zwar ruhiger um das Waldsterben, um die Gefahren aus der dünner werdenden Ozon-Schicht, doch hat sich bei Individuen eine subjektive Wahrnehmung für diese globalen Risiken eingestellt. “Jeder” hat die Verantwortung übernommen, weniger FCKW zu versprühen. Produkte mit umweltgefährdeten Inhaltsstoffen sind nicht mehr “in”.

Somit kann man frei nach Kants kategorischem Imperativ sagen, daß “die Moral vor die Hunde [geht], wenn sie sich nur auf das legal Geforderte beschränkt. Das Prinzip der Legalität ist die größte moralische Errungenschaft der neuzeitlichen Politik: der Richter soll Handlungen beurteilen und nicht die Motive anderer Menschen verurteilen. Aber dazu gehört umgekehrt: meine eigenen Motive sollen die Verantwortung für die Folgen meiner Handlungen stets mitumfassen;...”[8]

 

Die Risikowahrnehmung ist nun im engeren Sinne als “Prozeß des Erkennens und Begreifens von Risiken, des Aufweisens und des Erfassens von möglichen Schadens- und Gefahrendimensionen, von Ursache-Wirkungs- bzw. Ursache-Folgen-Beziehungen, von Gewinnchancen, Verlustmöglichkeiten und Gefährdungspotentialen” zu verstehen.[9]

 

Abschätzung

 

In Ergänzung zur Risikowahrnehmung ist nun die Risikoabschätzung zu sehen, das heißt, sie zielt auf das Gewichten und Einordnen der Risiken in verschiedene Größenklassen oder Kategorien. Das Ab- oder Einschätzen eines Risikos wird im technischen oder wirtschaftlichen Zusammenhang auch Analyse genannt. Dies verdeutlicht, daß es sich im Gegensatz zur Wahrnehmung, um ein strukturiertes Verhalten handelt. Zielorientiert und effektiv werden die negativen Auswirkungen des Eintreffens eines Risikos ab- und aufgewogen gegen die Chancen, die das Eingehen des Risikos in sich trägt. Risikoabschätzung ist ein Prozeß, der eine systematische Einordnung durch Herausfiltern von Grenzerwartungswerten und Eintrittshäufigkeiten beziehungsweise -wahrscheinlichkeiten erlaubt.

 

Der Begriff der Analyse von Risiken findet eher im technischen und/oder wirtschaftlichen Umfeld Verbreitung. Im Zusammenhang mit Gesellschaft und dem Mensch als Individuum ist der Begriff der (individuellen) Abschätzung von Risiken der treffendere.[10]

 

Bei Wilson und Crouch werden die Begriffe Risikoanalyse und –abschätzung nicht getrennt.[11] Hier wird Risikoabschätzung als ein Weg gesehen, “Risiken zu untersuchen mit dem Ziel, sie wenn möglich zu vermeiden, zu reduzieren oder auf andere Weise zu bewältigen.” Wilson und Crouch vernachlässigen hiermit den Aspekt der Chance, beziehen beim Risiko nicht die Wahrscheinlichkeit der positiven Auslegungsmöglichkeit mit ein. Somit definieren sie Risiko vielmehr als Gefahr.

Da hier nicht auf einen gleichermaßen benutzten und verstandenen Begriff in Gesellschaft und in Wirtschaft abgestellt wird, soll diese Arbeit eine Trennung der Begriffe Wahrnehmung/Analyse und Abschätzung/Bewertung für die Gesellschaft und für die Wirtschaft ansetzen:

 

c)    Risiko in der Wirtschaft

 

Wahrnehmung als mehr sinnlicher, denn analytischer Begriff soll hier vor allem auf den rein menschlichen, individual-gesellschaftlichen Bereich angewendet werden. In dieser Arbeit wird der Begriff für den Bereich der Wirtschaft viel stärker auf die Analyse, die eher technologischer, mathematischer Art ist, bezogen.

 

Wahrnehmung / Analyse

 

Zunächst gilt es auch hier wiederum den Risikobegriff einzugrenzen: einerseits der monetäre, wirtschaftliche Begriff des Risikos und andererseits der technologische, wissenschaftliche Risikobegriff. “Dieser Risikobegriff ist nicht mit dem betriebswirtschaftlichen Konzept der monetären Risikoübernahme gleichzusetzen. Monetäre Risiken beziehen sich auf die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns oder Verlusts beim Einsatz von Kapital....”[12] Renn und Kals verstehen vor allem die Risikominimierung als unternehmerische Aufgabe, wobei dies so zu interpretieren ist, daß möglichst wenig Gefahren im Sinn von Verlusten entstehen sollen. Risikoanalysen sind in ihrem Sinne Instrumente, die Informationen zur Risikominimierung liefern. Über Risikostudien, die im Unternehmen durchgeführt werden, werden Quellen von vermeidbaren, zumutbaren und nicht zumutbaren Risiken ergründet. Die Analyse kann in sehr unterschiedlicher Form[13] stattfinden: Von rein monetärer Bilanzanalyse bis hin zu interaktiven Workshops über verschiedene Unternehmensebenen hinweg, die den Mitarbeiter als risiko- und verantwortungsbewußten Menschen fordern. Risikoworkshops haben sich als geeignet herausgestellt, um einerseits die verschiedenen Einschätzungen der Mitarbeiter der unterschiedlichen Risiken zu filtern, gleichzeitig erschließen sich durch Kommunikation bestenfalls über unterschiedliche Hierarchien hinweg, Risikoquellen, die die einzelne Ebene allein nicht erkannt oder falsch bewertet hätte. Somit wird in der Risikoanalyse sehr oft schon eine erste Bewertung vorweggenommen – denn nur, was als unternehmerisches Risiko erkannt wird, wird erwähnt und wäre eventuell für das Unternehmen bestandsgefährdend. Bei der Risikoanalyse im Unternehmen geht es vor allem darum, bestands-, das heißt, das ganze Unternehmen gefährdende, zu erkennen. Diese können monetärer oder betrieblicher, also produktionsspezifischer oder strategischer Art sein.

Was hier nicht vergessen werden sollte, ist die Tatsache, daß es sich bei “Wirtschaft” ebenso wie bei “Gesellschaft” um die Gruppierung von Menschen handelt, denen, betrachtet man sie als Individuen, die Wahrnehmung der Risiken und somit das Abschätzen und nicht das technische Analysieren zugeschrieben wird. Ein Unternehmen aber soll seine Risiken durch Risiko-Workshops erkennen, filtern, analysieren und schließlich managen. Managt das Unternehmen letztendlich nicht auch ein Individuum?

Letztendlich spricht dies wieder das Individuum als Teil des Systems Unternehmen an, das als Gruppe von Individuen den Prozeß der Risikoanalyse vornimmt. Bricht man nun aber diesen Prozeß auf die einzelnen Mitglieder des Systems herab, so wird durch die Gesamtheit der Individuen ein größerer Umfang von Risiken wahrgenommen und durch die technische, wissenschaftliche oder mathematische Bearbeitung analysiert. Da dem Unternehmen hierdurch unterschiedliche Einschätzungen über das Ausmaß beispielsweise eines bestimmten Risikos X zugetragen wurden, kann es auch zur durchschnittlich besseren Behandlung des Risikos kommen – nicht nur ein Individuum hat dieses Risiko verantwortet.

Weiterhin nutzen Unternehmen zur Analyse aufgrund der wissenschaftlichen, vor allem mathematischen Fortschritte und der Möglichkeit der Verarbeitung großer Datenmengen statistische Computerprogramme, um mögliche Fehlerquellen schnell zu erkennen. Fehleranalysen für Fehler ersten und zweiten Grades werden genutzt genauso wie Datenbanken, um vor allem über Email Informationen schnell zu sammeln und an die Verantwortlichen des Unternehmens weiterzuleiten.

Gerade durch offensive Risikokommunikation in Unternehmen, die zur Analyse notwendig ist und Risikobewußtsein im Unternehmen voraussetzt, steigt die Verantwortlichkeit jedes einzelnen Mitarbeiters. Dies setzt eine Unternehmensethik voraus, die den einzelnen als wertvollen Träger des Unternehmens erkennt und offene Kommunikation sowie Kommunikationskanäle fördert.

 

Bewertung statt Abschätzung

 

Risiken werden zumeist über die oben angesprochenen Risiko-Workshops oder durch die monetäre Einteilung in nicht zumutbare, zumutbare und vermeidbare Risiken unterteilt.

Zumeist wird dies sinnbildlich mit Ampelfarben in einem Schaubild dargestellt:

 

Höhe

des

Risikos

Unzumutbare

unzumutbare

Unzumutbare

Zumutbare

Zumutbare

Risiken

Unzumutbare

Vernachlässigbare Risiken

Zumutbare Risiken

Unzumutbare

 

Höhe der Eintrittswahrscheinlichkeit

 

 

 

 

Jeder Teilnehmer des beispielhaften Workshops trägt auf einem Fragebogen die von ihm erkannten Risiken ein und bewertet sie, nach der von seinem Unternehmen oder ihm selbst festgelegten Dringlichkeit. Dies kann durch einfache Gewichtung bespielsweise zwischen 1 für niedriges Risiko und 10 für hohes Risiko bestehen (wobei dies mit diese Gewichtung mit den monetären Auswirkungen verknüpft ist) oder durch wörtliche Beschreibungen, die hinterher zusammengefaßt bildhaft werden.

Die Verfeinerung der Prozesse und der Bewertung findet dann zusehends mit  mathematischen Methoden statt. Sind eine genügend große Anzahl von gefährdenden Risiken gefiltert, so können diese über statistische Verfahren, Trendanalysen zu Risikofeldern “verflochten” werden.

Das bekannteste Verfahren, ist hier das des Value-at-Risk, das zumeist mit der Monte-Carlo-Methode umgesetzt wird. Sinn der Herangehensweise ist wortwörtlich den Wert des Risikos zu bestimmen: Was bringt es dem Unternehmen das Risiko einzugehen, es zu übernehmen oder es zu transferieren?

Nachdem vernachlässigbare Risiken erkannt wurden, wird das “Geflecht” Unternehmen versuchen, diese gering zu halten oder aus den Unternehmensprozessen auszuschließen, wobei diese Risiken keine Bestandsgefährdung bedeuten. Dies könnte man gleichsetzen mit dem Kind, das sich einmal leicht die Finger an einer heißen Herdplatte verbrannt hat: Es hat das Risiko erkannt, es ist nichts Schlimmes passiert, aber es wird durch die Erfahrung die Erkenntnis gewonnen habe, vorsichtiger, verantwortungsbewußter mit sich, umzugehen, um sich nicht nochmals oder gar stärker in Gefahr zu bringen.

Zumutbare Risiken sind diejenigen, die das Unternehmen eingeht, um beispielsweise innovativ bleiben zu können. Forschungs- und Entwicklungsarbeit setzt voraus, sich auf unbekanntem Terrain zu bewegen; dieses Risiko geht eine Firma ein, um weiterhin ihr Unternehmertum zu bewahren – wer keine Risiken mehr eingeht, sei Beamter und nicht Unternehmer, heißt es im Volksmund...

Unzumutbare Risiken gilt es abzusichern oder zu überwälzen. Diese Risiken sind extrem bestandsgefährdend und wären sozusagen für das Unternehmen tödlich.

Für wen bzw. für welches Unternehmen nun was in welchem Ausmaß bedeutet, muß jedes Unternehmen für sich entscheiden, da es eine unendlich große Anzahl von Unbekannten, von Chancen und Risiken geben kann. Dieses Problem, das sowohl wirtschaftlicher als auch gesellschaftlicher Natur ist, sei hier so zusammengefaßt: Es “ist zu bedenken, daß infolge der technologischen Ausweitung von Alternativen die Entscheidungslagen zunehmen, in denen die Vermeidung riskanter Entscheidungen ebenfalls riskant ist. [...] Die praktischen Probleme liegen deshalb oft gar nicht in der Messung eines Risikos und in der Regulierung der Akzeptanz in einer Hinsicht, sondern in der Abwägung verschiedener Risiken, die wegen unterschiedlicher Betroffenheiten, unterschiedlicher Wahrscheinlichkeiten, unterschiedlicher kompensierender Vorteile untereinander unvergleichbar sind.”[14] Hier wird zusätzlich auf den Prozeß des Risikovergleichs eingegangen, der eine eingehende Analyse voraussetzt.

 

 


 

d)   Risiko heute: Transfer monetärer Risiken in den Kapitalmarkt

 

Überwälzen von Risiken (Versicherung, etc.)

 

Mitte des 17. Jahrhunderts entstand nach verstärktem Überseehandel und dadurch neu erschlossener Konsumgüter ein neuer Geschäftszweig: Versicherungen. Laut Bernstein wurde Lloyd’s in London in diesen Jahren gegründet.[15] Zunächst wollten sich Händler gegen die Gefahren (Risiken) aus ihren Geschäften absichern. Ein auf unternehmerische Risiken eingeschränkter Versicherungsbegriff entstand. Heute nutzen sowohl juristische als auch natürliche Personen Versicherungen zur Absicherung. Risiken werden monetär auf eine Versicherungsgesellschaft überwälzt, transferiert.

Der Transfer der Risiken ist auf die Einlagen derjenigen beschränkt, die sich absichern möchten. In Kranken-, Lebens-, Renten- oder Brandschutz-, Haftpflichtversicherung wird insoweit investiert, wie es sich für den Versicherungsnehmer lohnt. Die Police soll sich im allgemeinen auszahlen: Entweder wird ein Ende der Versicherung vereinbart, an dem die Prämien verzinst ausbezahlt werden, wenn das Risiko nicht eingetreten ist, oder es soll beim Eintreten des versicherten Risikos eine Entschädigung gezahlt werden, die dem Schaden entspricht. Nach der Schadenseintrittswahrscheinlichkeit und –höhe werden die Versicherungsprämien berechnet. Dies wiederum ist erst möglich geworden nach “Entdeckung” der oben angeführten Wahrscheinlichkeitstheorie.

 

 

Risikotransfer in den Kapitalmarkt

 

Große Erst- und Rückversicherungsgesellschaften sowie Investmentbanken erkannten die langfristige Bedeutung von Allfinanz[16] für ihre Firmenkunden. Durch neue Produkte, neue Forschungs- und Entwicklungstendenzen, andere Umwelt- und Wettbewerbsbedingungen entstanden neue Risiken, die über den herkömmlichen Versicherungsmarkt nur schwer abzudecken sind. Im Zuge des Trends zur Beachtung des Shareholder-Value[17] gilt es eine möglichst positive Bilanz im Jahresbericht der Unternehmen ziehen zu können. Dies ist im Interesse des Unternehmenswertes und der Wertsteigerungen am Aktienmarkt wichtig, denn nur durch positive Zahlen im Geschäftsbericht lassen sich die Interessenten am Unternehmen locken, weitere Aktien/Anteile zu kaufen. Über den Knappheitsgrad, der zu erlangenden Anteile, bestimmt sich dann der möglichst hohe Preis des einzelnen Anteils, der Aktie. Da die Anteilseigner an der Wertsteigerung besonders interessiert sind, liegt hier auch wieder das Risiko für das Unternehmen: Ist ein Sättigungsgrad erreicht, kann der Preis der Aktie oder der Wert des Unternehmens an der Börse wieder abfallen und die Anteilseigner verkaufen ihre Aktien – oder sie tun dies, nachdem “schlechte Zahlen” veröffentlicht wurden. Somit ist die Bedeutung des Shareholder-Values einerseits ein Kontrollmechanismus über die Leistung des Unternehmens andererseits ein Risiko für das Unternehmen selbst.

Um nach diesem Exkurs zurückzukommen auf den Transfer von Risiken in den Kapitalmarkt sei hier dasrgestellt, daß eine Verbesserung der Bilanzzahlen durch den Transfer von Risiken in den Kapitalmarkt erreicht wird. In den folgenden Abschnitten werden diese Mechanismen aufgezeigt.

Zielsetzung des Alternativen Risikotransfers ist die Ausweitung des Spektrums versicherbarer Risiken und Effizienzsteigerungen sowie bessere Bilanzkennzahlen.

Träger des Risikotransfers sind Securitisation und Derivate. Securitisation bedeutet üblicherweise Forderungsverbriefung, hier versteht man versucherungsgebundene Anleihen darunter. Derivate sind abgeleitete Versicherungsprodukte. Insgesamt können sich Kapitalmarktinvestoren direkt an Versicherungsrisiken über diese Risikoträger beteiligen. Die Instrumente, mit denen die Risiken in den Kapitalmarkt transferiert werden im nächsten Kapitel vorgestellt.

 

 

Instrumente des Alternativen Risikotransfers

 

Der Zusammenhang zwischen Globalisierung, kürzeren Produktionszyklen, größeren Kapitalflüsse impliziert den Bedarf an schnellerer, besserer und differenzierterer Information, um die wachsende Zahl an Risiken, die schnellere Reaktionszeiten verlangen und neue integrierte Systeme, zu bewältigen. Finite Risk Solutions und Captive/Rent-a-Captive Lösung stellen auszugsweise Mechanismen dar, die diese Probleme lösen sollen.

 

Finite Risk Solutions

Laut Wöhrmann,[18] bedeuten Finite Risk Lösungen handgeschneiderte Modelle, die weder von Banken noch von traditionellen Versicherern angeboten werden. Hier zeigt sich die Individualität, mit der für einen Firmenkunden eine Risikotransfer-Lösung zusammengestellt wird. Finite Risk Lösungen sind für eine Periode von mehreren Jahren, die individuell vom Firmenkunden festgelegt wird, festgeschrieben. In Abhängigkeit vom Volumen des (Finanz-) Risikos, das transferiert wird, und dem Risiko, das das Unternehmen selbst trägt, wird die Finite Risk Lösung Banken- und Versicherungstechniken beinhalten. In Finite Risk Verträgen wird eine feste Prämienrate für die Risikovorsorge festgelegt. Dies kann eine “Begrenzung” sein, die sich auf ein bestimmtes Ereignis bezieht, ein jährliches Limit, oder eine Vertragssumme für einen Vertragsteil sein, der sich auf mehrere Jahre bezieht. Dies ermöglicht es dem Unternehmen seine Bilanz zu schützen, indem Risiken budgetiert werden, ungeachtet der aktuell erfahrenen Risiken.

An dieser Form fällt vor allem die eigenverantwortliche Übernahme von Risiken auf. Zumindest ein Teil des Risikos wird bewußt selbst getragen, nachdem man sich der Schadenshäufigkeit und –höhe bewußt wurde, sie analysierte und für tragbar hielt. Die Umwälzung nur eines spezifischen Teils der Unternehmensrisiken, welcher individuell abgestimmt wird, belastet das Unternehmen nicht mit unnötigen Zahlungen für Versicherungen, die im Schadensfall nicht der speziellen Situation des Unternehmens genüge leisten wollen.

 

Captives / Rent-a-Captive

Eine weitere nicht-traditionelle Form der Risikofinanzierung sind Captives. Diese spezielle Möglichkeit der Absicherung beinhaltet die Gründung einer Firmentochter, auf die das monetäre Risikomanagement abgeleitet wird. Dies stellt eine firmeninterne, unternehmenseigene Versicherung dar. Bislang sind diese Lösungen in Europa hauptsächlich in der Schweiz und Liechtenstein zu finden, da sie für Unternehmen mit Captives einen Steuervorteil bieten. Die Bildung einer solchen Risikoabsicherung ist somit bilanzschonend und soll sich auf diese Weise für Unternehmen lohnen. Die Captive ist wiederum eine individuelle “Versicherungslösung”, denn insbesondere die “Rent-a-Captive”-Lösung zeigt die Nähe zur Versicherung: Ein Unternehmen mietet sich eine spezifisch angefertigte Versicherungsgesellschaft, sie führt ein “rent a captive” durch.

Die Definition des Begriffs der Captive umfaßt, daß hiermit eine Versicherungsgesellschaft, die an ein Unternehmen gebunden ist, das nicht selbst dem Versicherungssektor angehört und das eine Lösung sucht, inhärente Risiken aus dem Unternehmensbereich/-sektor abzusichern, gegründet oder genutzt (bei rent-a-captive) wird.[19]

 

Multi-Line/Multi-Year Produkte (MMP)

Bei MMP werden mehrere Sparten von Unternehmensrisiken über mehrere Perioden (beispielsweise Jahren) zusammengefaßt. Hier sind sehr hohe Eigenbehalte üblich, daß heißt, daß das Unternehmen selbst zunächst die Risiken einschätzt, inwiefern sie überwälzbar sind, wie oft sie eintreten und bis zu welcher Schadensgrenze das Unternehmen selbst den Schaden tragen würde. Durch dieses gezielte Herangehen lassen sich Risiken filtern, die vermeidbar sind, Risiken, bei denen es sich lohnt, sie einzugehen und wiederum Risiken, die gepoolt mit anderen Risiken oder Risikosparten besser abgesichert werden. Man spricht hier von integrierten Limiten, die über verschiedene Risikoklassen verteilt werden. Die Integration findet über alle Risikosparten statt, indem das Haftungslimit des MMP-Anbieters als auch der Eigenbehalt des Versicherungsklienten über alle Versicherungsbranchen und die Vertragslaufzeit aggregiert werden.[20] Eigenbehalt kann sich aus einem Selbstbehalt, also der unternehmensinternen Übernahme des Risikos oder einer Captive zusammensetzen.

 


 

e)    Der Mensch des 21. Jahrhunderts: Vorsorge oder Risikobewältigung über den Kapitalmarkt

 

“Wenn es keine Kapitalmärkte gäbe, die Sparern ein Diversifizieren der Risiken gestatten, und wenn Investoren (wie in der Frühzeit des Kapitalismus) auf eine Aktie beschränkt blieben, wären die großen innovativen Unternehmen unseres Zeitalters eventuell nie entstanden. Die Möglichkeit der Risikosteuerung und die dadurch gegebene Risikobereitschaft mit dem Willen zu zukunftsorientierten Entscheidungen setzt die Energien frei, die unser Wirtschaftssystem antreiben.”[21]

Dieses Wirtschaftssystem ist ein kapitalistisches und laut Bernstein war die Folge des Handeltreibens riskantes Geschäft. Der Handel nutzte die Regeln des Glücksspiels, um Reichtum zu schaffen. Somit lautete das unvermeidliche Ergebnis: Kapitalismus – die Verkörperung der Risikobereitschaft. [22]

 

Beck hält fest, daß die Wissenschaft Risiken feststellt und die Bevölkerung Risiken wahrnimmt.[23] Er kritisiert damit das Risikoverständnis von Wissenschaftlern, die das irrationale Denken und Handeln der gemeinen Bevölkerung nicht akzeptieren möchten. Andererseits meint er, daß das Risikobewußtsein der Bevölkerung, das sich in Umweltbewegung, Industrie-, Experten- und Zivilisationskritik unterschiedlich kundtut, beides sei, sowohl wissenschaftskritisch als auch wissenschaftsgläubig. “Um Risiken überhaupt als Risiken wahrzunehmen und zum Bezugspunkt des eigenen Denkens und Handelns zu machen, müssen prinzipiell unsichtbare Kausalbeziehungen zwischen sachlich, zeitlich und räumlich meist weit auseinanderliegenden Bedingungen sowie mehr oder weniger spekulative Projektionen geglaubt, geradezu gegen immer mögliche Gegeneinwände immunisiert werden. Das aber heißt: Das Unsichtbare, mehr noch: das, was sich der Wahrnehmung prinzipiell entzieht, das nur theoretisch Verknüpfte, Kalkulierte wird im zivilisatorischen Krisenbewußtsein unproblematischer Bestand des persönlichen Denkens, Wahrnehmens, Erlebens. [...] In diesem Sinne handelt es sich bei dem Risikobewußtsein also nicht mehr um ‚Erfahrungen aus zweiter Hand‘, sondern um ‚Nichterfahrungen aus zweiter Hand‘.”[24] Beck interpretiert somit weiter, daß durch Spekulativiät und Nichterfahrung von Risiken innerhalb der Gesellschaft, die nur Mathematik und Wissenschaft, bzw. Wahrscheinlichkeitstheorie traut, eine Art Schattenwelt zustande kommt: Der Mensch traut seiner Wahrnehmung und Abschätzung nicht mehr, sondern verläßt sich auf die Zahlenwerke der Theorie, legt auch Risiken nur noch spekulativ aus und läßt sich selbst zum Werkzeug dieser Spekulationen machen: Schatten, Geister, Mächte verbergen sich nun hinter monströsen Giften, Strahlungen, Umweltrisiken, die das Individuum selbst vielleicht nicht spürt oder erfährt; er/sie das Risiko der Zerstörung aber den kommenden Generationen nicht aufbürden möchte. “Mit dem zivilisationskritischen Risikobewußtssein betritt also in allen Bereichen des Alltags ein theoretisch bestimmtes Wirklichkeitsbewußtsein die Bühne der Weltgeschichte.” laut Beck.[25]

 

“Gerade in der Risikogesellschaft entstehen mit dem Anwachsen der Gefahren völlig neuartige Herausforderungen an die Demokratie. Sie enthält eine Tendenz zu einem legitimen “Totalitarismus” der Gefahrenabwehr.[...] Mit dem Recht, das eine Schlimmste zu verhindern, wird in nur allzu bekannter Manier leicht das andere Nochschlimmere geschaffen. [...] Es gerät in die ungute Zwickmühle, entweder angesichts der systematisch produzierten Gefahren zu versagen, oder aber durch autoritäre, ordnungsstaatliche Stützpfeiler demokratische Grundprinzipien außer Kraft zu setzen.”[26] Beck fordert weiterhin eine aktive Risikopolitik, die sich in einer Gesellschafts-, Industrie- und Technologiepolitik äußert, und die den menschlichen Irrtum nicht als größtes Übel hinstellt, sondern es als Zeichen gegen technologische Allmachtsvisionen versteht.

Somit fordert Beck nichts anderes als einen verantwortungsbewußten Umgang mit dem Individuum und seinen menschlichen, allzumenschlichen Grenzen. Was zwar einerseits als Ziel formuliert werden kann, daß die Furcht vor Schaden nicht nur der Schwere des Schadens, sondern auch der Wahrscheinlichkeit des Ereignisses proportional sein sollte, ist aber andererseits rein theoretisch: auch mit Blitzableitern an jedem Haus, werden Menschen Angst vor starken Gewittern haben, da sie die tatsächliche Macht der Naturgewalt im allgemeinen nicht technisch analysieren, sondern intuitiv wahrnehmen und abschätzen.

Andererseits gibt die Demokratie jedem Mitglied der Gesellschaft Chancen, Verantwortung, so weit es möchte, selbst zu tragen, somit Risiken einzugehen. Aktuelles Beispiel ist die Diskussion um die Rentenversicherung. Hier zeigt die Wissenschaft auf, was berechnet werden kann: Die Renten sind für künftige Generationen nicht sicher. Der mündige Bürger soll nun selbst für sein Alter vorsorgen. Jeder kann nun nach seiner Risikoneigung für das Alter vorbauen: über die Überwälzung auf eine Versicherung oder über den Kapitalmarkt, jeder sollte die Allfinanz nutzen und sich “absichern”. Dies setzt aber das vorhandene Risikobewußtsein des Einzelnen voraus. Somit stellt sich die Frage nach dem Wandel der Gesellschaft als Bedingung für die Entstehung der Zukunftsplanung und des bewußten Risikos. Diese Gesellschaft vereint die Entwicklungen in der Wirtschaft und im “Privatleben”: Becks Risikogesellschaft muß sich ihrer Menschlichkeit bewußt bleiben und darf nicht nur an die Allmacht der Technologie glauben. Sie muß sich die Technologie zu eigen machen und beide, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich einander bedingen, können Teile ihrer Risiken transferieren, können monetäre Risiken verlagern und somit einen höheren Wert, sei es für das Unternehmen, sei es für die eigene Versorgung erzielen. Dies alles setzt aber den Menschen voraus, der sich Risiken und Chancen bewußt macht. Ob jedes Gesellschaftsmitglied diese Verantwortung tragen will, ist fraglich. Eine Gesellschaft, die Freiheit propagiert, sollte sich auch dieser Freiheit bewußt sein. Nicht jeder will die volle Verantwortung für sein Handeln wirklich tragen, aus Angst, vor negativen Folgen, die das Eingehen von Risiken mit sich bringen können. Auftrag der Risikogesellschaft ist es somit, nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen der Freiheit aufzuzeigen.

 

 


 

Literaturverzeichnis

 

Banse, Gerhard: Herkunft und Anspruch der Risikoforschung, in: ders. (Hrsg.): Risikoforschung zwischen Disziplinariät und Interdisziplinariät. Von der Illusion der Sicherheit zum Umgang mit Unsicherheit, Berlin 1996

 

Beck, Ulrich: Politische Wissenstheorie der Risikogesellschaft, in: Gotthard Bechmann (Hrsg): Risiko und Gesellschaft – Grundlagen und Ergebnisse interdisziplinärer Risikoforschung, Opladen 1993

 

Bernstein, Peter L.: Wider die Götter, München, 1997

 

Bürer, Christoph u.a.: Fribourg à Zurich et Vaduz à la recherche de captives, in: l’agefi: haut finance, Beilage zu Nr. 120, vom 26. Juni 2000

 

Luhmann, Niklas: Die Moral des Risikos und das Risiko der Moral, in: Gotthard Bechmann (Hrsg): Risiko und Gesellschaft – Grundlagen und Ergebnisse interdisziplinärer Risikoforschung, Opladen 1993

 

Reist, Dieter: Einsatzmöglichkeiten der alternativen Risikofinanzierung für eine mittelgroße Schweizer Stadt. Diplomarbeit bei Prof. Dr. Matthias Haller, Universität St. Gallen – Hochschule für Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften, April 2000 (Diese Arbeit wurde dankenswerterweise von der Zürich Versicherung, Zürich, zur Verfügung gestellt.)

 

Renn, Ortwin/Kals, Johannes: Technische Risikoanalyse und unternehmerisches Handeln, in: Mathias Schüz (Hrsg.): Risiko und Wagnis, Bd. I: Die Herausforderungen der industriellen Welt, Gerling Akademie, Pfullingen 1990

 

Veranstaltungen: IIR Risiko-Forum, März 2000 und Integriertes Risikomanagement, April 1999, jeweils Frankfurt am Main, Dokumentation bei: IIR Deutschland GmbH, Sulzbach 1999 und 2000

 

Weizsäcker, Carl Friedrich von: Technik und Natur, in: Mathias Schüz (Hrsg.): Risiko und Wagnis, Bd. I: Die Herausforderungen der industriellen Welt, Gerling Akademie, Pfullingen 1990

 

Wilson, Richard/Crouch, Edmond A.C.: Risiko-Abschätzung und Risiko-Vergleiche, in: Mathias Schüz (Hrsg.): Risiko und Wagnis, Bd. I: Die Herausforderungen der industriellen Welt, Gerling Akademie, Pfullingen 1990

 

Wöhrmann, Paul: Finite Risk Solutions in Switzerland, in: European-American Business Council, London Spring 1999 (ohne Angaben von Seiten als Reprint dankenswerterweise vom Autor erhalten)



[1] Vgl. Gerhard Banse: Herkunft und Anspruch der Risikoforschung, in: ders.: Risikoforschung zwischen Disziplinarität und Interdisziplinarität, Berlin 1996, S. 23ff.

 

[2] Bernstein geht auf die Enstehungsgeschichte des Begriffs ausführlich und anschaulich ein. Peter L. Bernstein: Wider die Götter, München 1997, S. 30.

 

[3] Bernstein, S.11f.

 

[4] Ebd., S. 33.

 

[5] Vgl. ebd., S.94ff.

 

[6] Vgl. ebd., S. 164.

 

[7] Carl Friedrich von Weizsäcker: Technik und Natur, in: Mathias Schüz (Hrsg.): Risiko und Wagnis, Bd. I: Die Herausforderungen der industriellen Welt, Gerling Akademie, Pfullingen 1990, S. 15ff.

 

[8] Ebd., S.16f.

 

[9] Banse, S. 48 f.

 

[10] Ebd., S. 49ff.

 

[11] Richard Wilson/Edmond A.C. Crouch: Risiko-Abschätzung und Risiko-Vergleiche, in: Schüz, S. 42ff.

 

[12] Ortwin Renn/Johannes Kals: Technische Risikoanalyse und unternehmerisches Handeln, in: Schüz, S. 60 ff.

 

[13] Vgl. die Veranstaltungen: IIR Risiko-Forum, März 2000 sowie Integriertes Risikomanagement, April 1999, jeweils Frankfurt am Main, Dokumentation bei: IIR Deutschland GmbH, Sulzbach 1999 und 2000.

 

[14] Niklas Luhmann: Die Moral des Risikos und das Risiko der Moral, in: Gotthard Bechmann (Hrsg): Risiko und Gesellschaft – Grundlagen und Ergebnisse interdisziplinärer Risikoforschung, Opladen 1993, S. 331.

 

[15] Vgl. Bernstein, S. 115.

 

[16] Allfinanz ist als Zwischenbereich oder Zwitter zwischen Bank- und Versicherungsgeschäft zu verstehen: Einerseits kann man beispielsweise über Lebensversicherungen für den Ruhestand vorsorgen andererseits ist es möglich, sich durch langfristige Bankverbindungen, über Aktien, Fonds, Rentenpapieren, etc. abzusichern. Die Versicherungsgesellschaften selbst legen die Prämiengelder ihrer Kunden ebenso am Kapitalmarkt an. Da nun immer mehr Versicherungsgesellschaften auch ihren Privatkunden Versicherungen auf Fondsbasis anbieten, kann man auch hier den Trend der “Vermischung” dieser beiden Finanzbereiche erkennen. In den folgenden Abschnitten werden insbesondere diese “Zwitter”- oder Allfinanzlösungen  für Firmenkunden vorgestellt. Immer mehr Banken bieten Versicherungen in ihrem Portfoliko an, Versicherungen bieten Fonds an. Dieser Trend der Finanzbranche wird als Allfinanz bezeichnet.

 

[17] Shareholder sind die Anteilseigner an Unternehmen. Unternehmen werden verstärkt nach dem Wert beurteilt, den sie ihren Shareholdern erbringen, zum Beispiel über die Wertsteigerungen am Aktienmarkt. Somit ist die Unternehmensführung angehalten, sich transparent nach außen zu geben, die Entwicklungen, Chancen und Risiken offen abzubilden und die Verantwortung für eine wertsteigernde Unternehmensphilosophie zu übernehmen.

 

[18] Vgl. Paul Wöhrmann: Finite Risk Solutions in Switzerland, in: European-American Business Council, London Spring 1999 (ohne Angaben von Seiten dankenswerterweise vom Autor als Reprint erhalten). Dr. Paul Wöhrmann ist Leiter der Financial & Risk Services der Zürich Schweiz Firmenkundenabteilung.

 

[19] Vgl. Christoph Bürer u.a.: Fribourg à Zurich et Vaduz à la recherche de captives, in: l’agefi: haut finance, Beilage zu Nr. 120, vom 26. Juni 2000, S. 78: “Définitions: Captive: Société d’assurance affiliée à une entreprise qui n’appartient pas au secteur de l’assurance et qui cherche à assurer les risques inhérents au groupe d’entreprises auquel elle appartient.”

 

[20] Vgl. Dieter Reist: Einsatzmöglichkeiten der alternativen Risikofinanzierung für eine mittelgroße Schweizer Stadt, Diplomarbeit bei Prof. Dr. Matthias Haller, April 2000, S. 63.

Diese Arbeit wurde von der Zürich Versicherung, Zürich, dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

 

[21] Bernstein, S. 11.

 

[22] Ebd., S. 34.

 

[23] Vgl. Ulrich Beck: Politische Wissenstheorie der Risikogesellschaft, in: Bechmann, S. 305.

 

[24] Ebd., S. 320.

 

[25] Ebd., S.320ff.

 

[26] Ebd., S. 324.