Der Risikobegriff im Wandel
der Gesellschaft:
vom Schicksal hin zum
eigenverantwortlichen monetären Transfer des Risikos in den Kapitalmarkt
Inhaltsverzeichnis
Einführung.......................................................................................................................... 2
a) Entstehung
des Risikobegriffs................................................................................... 4
Antike, Neuzeit................................................................................................................ 4
Entstehung der “Wahrscheinlichkeit”............................................................................. 6
b) Risiko
in der Gesellschaft – in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Entwicklung
und der Auffassung des Menschen........................................................................................................................... 8
Wahrnehmung................................................................................................................ 8
Abschätzung................................................................................................................... 9
c) Risiko
in der Wirtschaft........................................................................................... 11
Wahrnehmung / Analyse............................................................................................... 11
Bewertung statt Abschätzung........................................................................................ 13
d) Risiko
heute: Transfer monetärer Risiken in den Kapitalmarkt.............................. 15
Überwälzen von Risiken (Versicherung, etc.)................................................................ 15
Risikotransfer in den Kapitalmarkt................................................................................ 15
Instrumente des Alternativen Risikotransfers................................................................ 17
Finite Risk Solutions.................................................................................................... 17
Captives / Rent-a-Captive.............................................................................................. 18
Multi-Line/Multi-Year Produkte (MMP)............................................................................ 18
e) Der
Mensch des 21. Jahrhunderts: Vorsorge oder Risikobewältigung über den
Kapitalmarkt 20
Literaturverzeichnis.......................................................................................................... 23
Risiko ist ein Begriff der Neuzeit.
Erst durch das Bewußtwerden von Chancen und Risiken, erst durch die Loslösung
von einem gottgegebenen Schicksal, das man nicht selbst bestimmen kann, konnte
dieser Begriff entstehen.
Der Begriff Risiko fällt in
den unterschiedlichsten Zusammenhängen und es gilt ihn einzugrenzen:
Risiko ist von der begrifflichen
Wurzel her betrachtet laut Gerhard Banse[1]
aus den romanischen Sprachen im Sinn von “Wagnis, Gefahr eingehen” abgeleitet.
Andererseits fällt heute der Begriff in der Wirtschaft verstärkt in Beziehung
auf Risikomanagement. Dies nimmt vorweg, daß man Risiken einschätzen, bewerten,
messen kann, somit alles andere als eine Gefahr eingeht oder wagemutig sein
muß.
In der Spiel- und
Entscheidungstheorie kommt es zur Abgrenzung des Risikos in Bezug auf
Entscheidungen unter Unsicherheit und Sicherheit. Hier bedeutet, ein Risiko
eingehen, die Parameter der Situation einschätzen zu können. Man spricht von
Erwartungen, die man beispielsweise durch Erfahrungswerte festgestellt hat, die
zugrunde gelegt werden, um die Entscheidung unter Sicherheit zu treffen. Dies
spiegelt sich auch im Alltag wider: Hat man Entscheidungen schon einmal
getroffen, so weiß man, was danach passierte. Jeder kann sich an diesen
Erfahrungswerten orientieren. Somit geht man von bestimmten Erwartungen aus,
die bei der Entscheidung mit ähnlichen Parametern vorausgesetzt werden können.
Da die Welt aber nicht perfekt ist, können diese Erwartungswerte immer nur
Annäherungen an die Wirklichkeit sein. Zur Veranschaulichung:
Ich weiß, daß ich morgens
für meinen Weg zur Arbeit, der 20 Kilometer lang ist, ohne Stau, ca. 20 Minuten
Fahrzeit mit dem Auto benötige. Ich weiß aber auch, daß einmal in der Woche ein
Stau von nicht vorauszusagender Dauer angenommen werden kann. Gehe ich trotzdem
das Risiko ein, mit dem Auto statt mit der S-Bahn zu fahren, zu deren
Haltestelle ich 10 Minuten zu Fuß gehen müßte und die ca. 25 Minuten Fahrzeit
für den Weg benötigt?
Ich kenne die Parameter – doch jeden
Tag stehe ich vor einer neuen Entscheidung, denn jeden Tag kommen andere
Parameter hinzu, verändern sich, die ich in der Anfangsbetrachtung
vernachlässigte. Was deutlich werden sollte, ist, daß erstens jeden Tag jeder
Mensch mehr oder minder bewußt viele Entscheidungen trifft, viele Risiken dabei
eingeht ohne sich dessen bewußt zu sein und es zweitens verschiedene Ansätze
gibt, den Begriff Risiko zu definieren.
Diese Arbeit wird sich dem Begriff
zunächst von einer gesellschaftlichen Betrachtungsweise nähern.
Es soll herausgearbeitet werden, daß
sich mit dem Wandel der Gesellschaft, somit des Bewußtseins der Menschen, der
Kultur und Sprache, sich auch der Risikobegriff einem steten Wandel zu
unterziehen hat. Die Abhängigkeit der geistigen Entwicklung des Menschen von
seinem Umgang mit der Mathematik soll deutlich werden.
Danach wird der Risikobegriff in der
Wirtschaft der heutigen Zeit aufgezeigt.
Der Alternative Risikotransfer als
Thema ist ein Kernpunkt der vorliegenden Arbeit. Erst die Entwicklungen der
vergangenen 20 Jahre machen es möglich, Risiken monetär in großen Mengen zu
erfassen und beispielsweise durch Trendberechnungen Erwartungswerte zu
erstellen. Diese (mathematischen) Techniken machten es der Versicherungs- und
Finanzdienstleistungsbranche möglich, Risiken handelbar zu machen und sie damit
alternativ zur Absicherung über Prämienzahlungen an eine Versicherung in den
Kapitalmarkt zu transferieren.
Die Handelbarkeit von Risiken
schlägt sich letztendlich auch auf den Mensch innerhalb der Gesellschaft und
Wirtschaft nieder: Jeder kann sich versichern – zwar nicht das Risiko mindern,
aber den monetären Ausfall bei Negativwirkungen nach Eingehen des Risikos
kompensieren. Der Mensch ist frei in seinen Entscheidungen, so lange er damit
nicht andere in ihrem Handeln einschränkt .
Schon die alten Griechen, Ägypter
und Gelehrten aus Byzanz kannten mathematische Verfahren, die nur einen Hauch
von der Wahrscheinlichkeitsrechnung entfernt scheinen. Was hielt sie ab, diese
Verfahren weiterzuentwickeln?
Peter L. Bernstein[2]
meint: “Bis zur Renaissance wurde die Zukunft kaum mehr denn als Glückssache
oder als Resultat willkürlich erscheinender Wechselfälle wahrgenommen [...].
Mit der Ausbreitung des Christentums in der westlichen Welt trat der Wille
eines einzigen Gottes als Orientierungsperspektive für die Zukunft in den
Vordergrund.[...] In diesem Zusammenhang kam es zu einer bedeutsamen
Wahrnehmungsverschiebung: Die Zukunft des Lebens auf Erden blieb zwar ein
Geheimnis; sie wurde jedoch von einer Macht vorherbestimmt, deren Absichten und
Maßstäbe für alle klar waren, die sich Zeit nahmen, sie zu ergründen.”
Im Zusammentreffen der arabischen
Welt und der westlich-christlichen durch die Kreuzzüge lernten auch die
zeitgenössischen Abendländer das weitentwickelte Zahlensystem der Araber
kennen. Diese hatten sich durch die Eroberungen indischer Gebiete das
hinduistische Zahlensystem angeeignet. Mit der Zeit hatten die Araber
schriftliches Rechnen entwickelt, welches abstraktes Denken forderte und somit
neue Bereiche der Mathematik erschloß. Denn nun konnte man Zahlen (schriftlich)
voneinander direkt subtrahieren, addieren, multiplizieren und dividieren, was
vorher mit dem Buchstabensystem der Römer nicht funktioniert hatte.
“Die Wurzeln des modernen
Risikoverständnisses liegen im hindu-arabischen Zahlensystem, das vor
achthundert Jahren die westliche Welt erreichte. Die eigentliche
Risikoforschung begann jedoch erst in der Renaissance, als der Mensch sich von
den Fesseln der Vergangenheit befreite und tradierte Meinungen und religiöse
Vorstellungen offen in Frage stellte.”[3]
Erst die Renaissance und die
Reformation brachten die notwendigen Fortschritte für die Einführung des
Begriffes und der Verantwortung für das Risiko.
Mit der Reformation änderte sich
nicht nur das Verhältnis zwischen Mensch und Kirche, auch das Verhältnis
zwischen den Menschen konnte nun anders interpretiert werden: Wenn Gottes
Wille, nun Entscheidungen erlaube, man nach evangelischem Glauben nicht mehr
beichten müße, weil man selbst für sein Leben verantwortlich sei, dann ist es
nicht mehr sinnvoll, sich in sein gesellschaftliches Schicksal zu ergeben.
Leistung fing an sich zu lohnen – einmal für einen Platz im Himmelreich, aber
auch schon auf Erden konnte es der Mensch zu Wohlstand bringen. Die Eigenverantwortlichkeit,
Verantwortung für das eigene Leben und das anderer traten in den Vordergrund.
Doch was heißt Verantwortung übernehmen? Hier ist es das erstmalige Begreifen
einer Gesellschaft, daß sie nicht völlig ihrem Schicksal, ihrer Herrscher ausgeliefert
ist. An anderer Stelle wird in dieser Arbeit auch von der Verantwortung
gegenüber unserer Umwelt gesprochen. Dies unterscheidet sich
dahingehend, daß hier erstmals ein Bewußtseinsprozeß in der abendländischen
Neuzeit übergreifend einsetzte. Dies gleicht sich insofern, daß mit der
Umweltbewegung sich ein neues Stadium des Bewußtwerdens eröffnete; jeder Mensch
kann sich die Frage nach seiner ureigenen Verantwortung für Umwelt und kommende
Generationen stellen. Die Frage der Umweltzerstörung und die Frage der
Globalisierung lassen nach den Risiken großer Kriege, welche die Menschen in
vorhergehenden Jahrhunderten vor allem bedrohten, neue, indirekte Risiken
spüren. Andererseits spürte der Mensch der Renaissance und des
Reformationszeitalters nicht nur die Risiken. “Im Zuge solch einer Ausweitung
der Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten gelangte man allmählich zu der
Erkenntnis, daß die Zukunft nicht nur Gefahren barg, sondern auch Chancen bot,
daß sie offen, unbegrenzt und verheißungsvoll war.... Das neue Bewußtsein für
mögliche Chancen führte zu einer dramatischen Wachstumsbeschleunigung im
Handel, der sich als Stimulans für Wandel und Forschung auswirkte.”[4]
Wenn es Risiko und Chance gibt, so
gilt es zu diskutieren, was der Wahrheit, der Realität am nächsten kommt. Man
macht sich Gedanken, wie die Zukunft aussehen wird. Dies läßt auf Mechanismen
schließen, die den Menschen aufgrund seiner Neugier gegenüber der Zukunft einen
Ausblick geben können. Man möchte nicht von einer Wahrsagerin die Zukunft aus
der Glaskugel vorhergesagt bekommen, sondern man entwickelt den Begriff der
Wahrscheinlichkeit, der den Anschein von Wahrheit widerspiegelt.
Schon bei den Griechen entspricht
der Wahrscheinlichkeitsbegriff, dem, "was mit einem gewissen Grad an
Wahrscheinlichkeit erwartet werden kann.” Nur gab es damals keine Verfahren
oder Mechanismen, mit denen die Wahrscheinlichkeit greifbar gemacht wurde.
Der Wahrscheinlichkeitsbegriff
entstand im 17. Jahrhundert. Er wurde wohl im Werk “La logique, ou l’art de
penser” zum ersten Mal definiert. Hier wird die Wahrscheinlichkeit als Prozeß
des Aufstellens einer Hypothese aus einer begrenzten Anzahl von Tatsachen
gesehen. Auch gibt es eine Anwendung für jedermann: “Die Furcht vor Schaden
sollte nicht der Schwere des Schadens, sondern auch der Wahrscheinlichkeit des
Ereignisses proportional sein.” Der Gedanke, daß sowohl der Schweregrad als
auch Wahrscheinlichkeit eines Phänomens die Entscheidung beeinflussen sollten,
bedeutet einen weiteren großen Schritt.[5]
Weiterführend wurden nach Bernstein
statistische Stichprobenverfahren durch die Royal Society in London
durchgeführt. Diese Sichprobenverfahren benutzten Schätzungen, um nicht Gewerbe
/ Handel in Segmenten oder Sektoren voranzutreiben, die keinen Erfolg
versprachen. Weiterhin ist hier anzumerken, daß die Stichprobenverfahren und
ihre erste Verwendung somit eine frühe Form der Marktforschung darstellen.
Bernstein nennt beispielsweise
Halley, der erste Berechnungen anstellte, wer mit welcher Wahrscheinlichkeit,
welches Alter erreicht. Eine der ersten Statistiken, die über die bloße
Volkszählung (schon aus der Bibel bekannt) hinausgeht.
Nicht mehr der Zufall allein
bestimmt das Leben, sondern nun gibt es die Chance, Entscheidungen mit Wahrscheinlichkeiten
abzuwägen. Zufall ist jetzt, mit welcher Erwartung man an eine Entscheidung
herantritt; welche Untersuchungen man in welchem Umfang über die
Erwartungswerte tätigt und welche man bei der Entscheidung wirklich nutzt.
Zufall als Gegensatz zur
Wahrscheinlichkeit? Nein, es gilt nun den Begriff in einem anderen Licht zu
betrachten:
Gilt es Entscheidungen unter
Sicherheit oder unter Unsicherheit zu treffen?
Für das Individuum kann man
annehmen, daß viele Taten oder Erfahrungen nicht im Bewußtsein der Prämissen,
der Umstände des Tuns stattfinden. Somit kann man hier von zufälligen
Entscheidungen oder Entscheidungen unter Unsicherheit sprechen. Da es für
Individuen den exemplarischen Raum der vollständigen Kenntnis aller Umstände,
also Entscheidungen unter Sicherheit, nicht geben kann (denn kein Mensch ist
perfekt), wird es vorgezogen, dieses Modell als Vorbild für die
Herangehensweise in der Wirtschaft, Politik oder Technologie zu benutzen, um
dort zumindest modellhaft optimale Entscheidungswege zu gehen.
Zufall ist somit nicht mit dem
Begriff des Risikos kongruent, sondern wird hier folglich unter die Prämissen
der Entscheidung (unter Sicherheit / unter Unsicherheit) subsumiert. In der
Literatur findet sich zum Begriff Zufall, daß beim Eintreffens eines Zufalls,
eine Unregelmäßigkeit eintritt; aggregiert man aber eine Reihe der sogenannten
Zufälle, entsteht ein Bild mit Regelmäßigkeiten, die einem Ursprungsplan, einer
Ordnung entsprechen.[6]
Heutzutage würde man sich dafür aussprechen, daß nach Untersuchungen der
Chaostheorie Naturgesetze viele dem Menschen zunächst verborgene Regeln oder
Formen enthalten, wie beispielsweise Blitze.
Durch das Erwachsenwerden des
Bewußtseins, wie es von Weizsäcker nennt, bekommt die Wahrnehmungsfähigkeit
einen großen Stellenwert. Nur wer Risiken wahrnimmt, kann den Wert von Chance
und Risiko schätzen lernen. Ärzte kennen das Problem der
Verantwortungsübernahme seit jeher; in einer Welt des technischen Fortschritts
gilt auch für beispielsweise Ingenieure und Finanzdienstleister Verantwortung
für das Leben anderer zu übernehmen.[7]
Weiterhin ist heute zu erwarten, daß
beispielsweise Umweltrisiken gesehen und bewußt wahrgenommen werden. In den
letzten Jahren wurde es zwar ruhiger um das Waldsterben, um die Gefahren aus
der dünner werdenden Ozon-Schicht, doch hat sich bei Individuen eine subjektive
Wahrnehmung für diese globalen Risiken eingestellt. “Jeder” hat die
Verantwortung übernommen, weniger FCKW zu versprühen. Produkte mit
umweltgefährdeten Inhaltsstoffen sind nicht mehr “in”.
Somit kann man frei nach Kants
kategorischem Imperativ sagen, daß “die Moral vor die Hunde [geht], wenn sie
sich nur auf das legal Geforderte beschränkt. Das Prinzip der Legalität ist die
größte moralische Errungenschaft der neuzeitlichen Politik: der Richter soll
Handlungen beurteilen und nicht die Motive anderer Menschen verurteilen. Aber
dazu gehört umgekehrt: meine eigenen Motive sollen die Verantwortung für die
Folgen meiner Handlungen stets mitumfassen;...”[8]
Die Risikowahrnehmung ist nun im
engeren Sinne als “Prozeß des Erkennens und Begreifens von Risiken, des
Aufweisens und des Erfassens von möglichen Schadens- und Gefahrendimensionen,
von Ursache-Wirkungs- bzw. Ursache-Folgen-Beziehungen, von Gewinnchancen,
Verlustmöglichkeiten und Gefährdungspotentialen” zu verstehen.[9]
In Ergänzung zur Risikowahrnehmung
ist nun die Risikoabschätzung zu sehen, das heißt, sie zielt auf das Gewichten
und Einordnen der Risiken in verschiedene Größenklassen oder Kategorien. Das
Ab- oder Einschätzen eines Risikos wird im technischen oder wirtschaftlichen
Zusammenhang auch Analyse genannt. Dies verdeutlicht, daß es sich im Gegensatz
zur Wahrnehmung, um ein strukturiertes Verhalten handelt. Zielorientiert und
effektiv werden die negativen Auswirkungen des Eintreffens eines Risikos ab-
und aufgewogen gegen die Chancen, die das Eingehen des Risikos in sich trägt. Risikoabschätzung
ist ein Prozeß, der eine systematische Einordnung durch Herausfiltern von
Grenzerwartungswerten und Eintrittshäufigkeiten beziehungsweise
-wahrscheinlichkeiten erlaubt.
Der Begriff der Analyse von Risiken
findet eher im technischen und/oder wirtschaftlichen Umfeld Verbreitung. Im
Zusammenhang mit Gesellschaft und dem Mensch als Individuum ist der Begriff der
(individuellen) Abschätzung von Risiken der treffendere.[10]
Bei Wilson und Crouch werden die
Begriffe Risikoanalyse und –abschätzung nicht getrennt.[11]
Hier wird Risikoabschätzung als ein Weg gesehen, “Risiken zu untersuchen mit
dem Ziel, sie wenn möglich zu vermeiden, zu reduzieren oder auf andere Weise zu
bewältigen.” Wilson und Crouch vernachlässigen hiermit den Aspekt der Chance,
beziehen beim Risiko nicht die Wahrscheinlichkeit der positiven
Auslegungsmöglichkeit mit ein. Somit definieren sie Risiko vielmehr als Gefahr.
Da hier nicht auf
einen gleichermaßen benutzten und verstandenen Begriff in Gesellschaft und in
Wirtschaft abgestellt wird, soll diese Arbeit eine Trennung der Begriffe
Wahrnehmung/Analyse und Abschätzung/Bewertung für die Gesellschaft und für die
Wirtschaft ansetzen:
Wahrnehmung als mehr sinnlicher,
denn analytischer Begriff soll hier vor allem auf den rein menschlichen,
individual-gesellschaftlichen Bereich angewendet werden. In dieser Arbeit wird
der Begriff für den Bereich der Wirtschaft viel stärker auf die Analyse, die
eher technologischer, mathematischer Art ist, bezogen.
Zunächst gilt es auch hier wiederum
den Risikobegriff einzugrenzen: einerseits der monetäre, wirtschaftliche
Begriff des Risikos und andererseits der technologische, wissenschaftliche
Risikobegriff. “Dieser Risikobegriff ist nicht mit dem betriebswirtschaftlichen
Konzept der monetären Risikoübernahme gleichzusetzen. Monetäre Risiken beziehen
sich auf die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns oder Verlusts beim Einsatz von
Kapital....”[12] Renn und
Kals verstehen vor allem die Risikominimierung als unternehmerische Aufgabe,
wobei dies so zu interpretieren ist, daß möglichst wenig Gefahren im Sinn von
Verlusten entstehen sollen. Risikoanalysen sind in ihrem Sinne Instrumente, die
Informationen zur Risikominimierung liefern. Über Risikostudien, die im Unternehmen
durchgeführt werden, werden Quellen von vermeidbaren, zumutbaren und nicht
zumutbaren Risiken ergründet. Die Analyse kann in sehr unterschiedlicher Form[13]
stattfinden: Von rein monetärer Bilanzanalyse bis hin zu interaktiven Workshops
über verschiedene Unternehmensebenen hinweg, die den Mitarbeiter als risiko-
und verantwortungsbewußten Menschen fordern. Risikoworkshops haben sich als
geeignet herausgestellt, um einerseits die verschiedenen Einschätzungen der
Mitarbeiter der unterschiedlichen Risiken zu filtern, gleichzeitig erschließen
sich durch Kommunikation bestenfalls über unterschiedliche Hierarchien hinweg,
Risikoquellen, die die einzelne Ebene allein nicht erkannt oder falsch bewertet
hätte. Somit wird in der Risikoanalyse sehr oft schon eine erste Bewertung
vorweggenommen – denn nur, was als unternehmerisches Risiko erkannt wird, wird
erwähnt und wäre eventuell für das Unternehmen bestandsgefährdend. Bei der
Risikoanalyse im Unternehmen geht es vor allem darum, bestands-, das heißt, das
ganze Unternehmen gefährdende, zu erkennen. Diese können monetärer oder
betrieblicher, also produktionsspezifischer oder strategischer Art sein.
Was hier nicht vergessen werden
sollte, ist die Tatsache, daß es sich bei “Wirtschaft” ebenso wie bei
“Gesellschaft” um die Gruppierung von Menschen handelt, denen, betrachtet man
sie als Individuen, die Wahrnehmung der Risiken und somit das Abschätzen und
nicht das technische Analysieren zugeschrieben wird. Ein Unternehmen aber soll
seine Risiken durch Risiko-Workshops erkennen, filtern, analysieren und
schließlich managen. Managt das Unternehmen letztendlich nicht auch ein
Individuum?
Letztendlich spricht dies wieder das
Individuum als Teil des Systems Unternehmen an, das als Gruppe von Individuen
den Prozeß der Risikoanalyse vornimmt. Bricht man nun aber diesen Prozeß auf
die einzelnen Mitglieder des Systems herab, so wird durch die Gesamtheit der
Individuen ein größerer Umfang von Risiken wahrgenommen und durch die
technische, wissenschaftliche oder mathematische Bearbeitung analysiert. Da dem
Unternehmen hierdurch unterschiedliche Einschätzungen über das Ausmaß
beispielsweise eines bestimmten Risikos X zugetragen wurden, kann es auch zur
durchschnittlich besseren Behandlung des Risikos kommen – nicht nur ein Individuum
hat dieses Risiko verantwortet.
Weiterhin nutzen Unternehmen zur
Analyse aufgrund der wissenschaftlichen, vor allem mathematischen Fortschritte
und der Möglichkeit der Verarbeitung großer Datenmengen statistische
Computerprogramme, um mögliche Fehlerquellen schnell zu erkennen.
Fehleranalysen für Fehler ersten und zweiten Grades werden genutzt genauso wie
Datenbanken, um vor allem über Email Informationen schnell zu sammeln und an
die Verantwortlichen des Unternehmens weiterzuleiten.
Gerade durch offensive
Risikokommunikation in Unternehmen, die zur Analyse notwendig ist und
Risikobewußtsein im Unternehmen voraussetzt, steigt die Verantwortlichkeit
jedes einzelnen Mitarbeiters. Dies setzt eine Unternehmensethik voraus, die den
einzelnen als wertvollen Träger des Unternehmens erkennt und offene
Kommunikation sowie Kommunikationskanäle fördert.
Risiken werden zumeist über die oben
angesprochenen Risiko-Workshops oder durch die monetäre Einteilung in nicht
zumutbare, zumutbare und vermeidbare Risiken unterteilt.
Zumeist wird dies sinnbildlich mit
Ampelfarben in einem Schaubild dargestellt:
|
des Risikos |
Unzumutbare |
unzumutbare |
Unzumutbare |
||
|
Zumutbare |
Zumutbare Risiken |
Unzumutbare |
|||
|
Vernachlässigbare
Risiken |
Zumutbare Risiken |
Unzumutbare |
|||
|
Höhe der
Eintrittswahrscheinlichkeit |
|
|
|||
Jeder Teilnehmer des beispielhaften
Workshops trägt auf einem Fragebogen die von ihm erkannten Risiken ein und
bewertet sie, nach der von seinem Unternehmen oder ihm selbst festgelegten Dringlichkeit.
Dies kann durch einfache Gewichtung bespielsweise zwischen 1 für niedriges
Risiko und 10 für hohes Risiko bestehen (wobei dies mit diese Gewichtung mit
den monetären Auswirkungen verknüpft ist) oder durch wörtliche Beschreibungen,
die hinterher zusammengefaßt bildhaft werden.
Die Verfeinerung der Prozesse und
der Bewertung findet dann zusehends mit
mathematischen Methoden statt. Sind eine genügend große Anzahl von
gefährdenden Risiken gefiltert, so können diese über statistische Verfahren,
Trendanalysen zu Risikofeldern “verflochten” werden.
Das bekannteste Verfahren, ist hier
das des Value-at-Risk, das zumeist mit der Monte-Carlo-Methode umgesetzt wird.
Sinn der Herangehensweise ist wortwörtlich den Wert des Risikos zu bestimmen:
Was bringt es dem Unternehmen das Risiko einzugehen, es zu übernehmen oder es
zu transferieren?
Nachdem vernachlässigbare Risiken
erkannt wurden, wird das “Geflecht” Unternehmen versuchen, diese gering zu
halten oder aus den Unternehmensprozessen auszuschließen, wobei diese Risiken
keine Bestandsgefährdung bedeuten. Dies könnte man gleichsetzen mit dem Kind,
das sich einmal leicht die Finger an einer heißen Herdplatte verbrannt hat: Es
hat das Risiko erkannt, es ist nichts Schlimmes passiert, aber es wird durch
die Erfahrung die Erkenntnis gewonnen habe, vorsichtiger,
verantwortungsbewußter mit sich, umzugehen, um sich nicht nochmals oder gar
stärker in Gefahr zu bringen.
Zumutbare Risiken sind diejenigen,
die das Unternehmen eingeht, um beispielsweise innovativ bleiben zu können.
Forschungs- und Entwicklungsarbeit setzt voraus, sich auf unbekanntem Terrain
zu bewegen; dieses Risiko geht eine Firma ein, um weiterhin ihr Unternehmertum
zu bewahren – wer keine Risiken mehr eingeht, sei Beamter und nicht
Unternehmer, heißt es im Volksmund...
Unzumutbare Risiken gilt es
abzusichern oder zu überwälzen. Diese Risiken sind extrem bestandsgefährdend
und wären sozusagen für das Unternehmen tödlich.
Für wen bzw. für welches Unternehmen
nun was in welchem Ausmaß bedeutet, muß jedes Unternehmen für sich entscheiden,
da es eine unendlich große Anzahl von Unbekannten, von Chancen und Risiken
geben kann. Dieses Problem, das sowohl wirtschaftlicher als auch
gesellschaftlicher Natur ist, sei hier so zusammengefaßt: Es “ist zu bedenken,
daß infolge der technologischen Ausweitung von Alternativen die
Entscheidungslagen zunehmen, in denen die Vermeidung riskanter Entscheidungen
ebenfalls riskant ist. [...] Die praktischen Probleme liegen deshalb oft gar
nicht in der Messung eines Risikos und in der Regulierung der Akzeptanz in
einer Hinsicht, sondern in der Abwägung verschiedener Risiken, die wegen
unterschiedlicher Betroffenheiten, unterschiedlicher Wahrscheinlichkeiten,
unterschiedlicher kompensierender Vorteile untereinander unvergleichbar sind.”[14]
Hier wird zusätzlich auf den Prozeß des Risikovergleichs eingegangen, der eine
eingehende Analyse voraussetzt.
Mitte des 17. Jahrhunderts entstand
nach verstärktem Überseehandel und dadurch neu erschlossener Konsumgüter ein
neuer Geschäftszweig: Versicherungen. Laut Bernstein wurde Lloyd’s in London in
diesen Jahren gegründet.[15]
Zunächst wollten sich Händler gegen die Gefahren (Risiken) aus ihren Geschäften
absichern. Ein auf unternehmerische Risiken eingeschränkter
Versicherungsbegriff entstand. Heute nutzen sowohl juristische als auch
natürliche Personen Versicherungen zur Absicherung. Risiken werden monetär auf
eine Versicherungsgesellschaft überwälzt, transferiert.
Der Transfer der Risiken ist auf die
Einlagen derjenigen beschränkt, die sich absichern möchten. In Kranken-,
Lebens-, Renten- oder Brandschutz-, Haftpflichtversicherung wird insoweit
investiert, wie es sich für den Versicherungsnehmer lohnt. Die Police soll sich
im allgemeinen auszahlen: Entweder wird ein Ende der Versicherung vereinbart,
an dem die Prämien verzinst ausbezahlt werden, wenn das Risiko nicht
eingetreten ist, oder es soll beim Eintreten des versicherten Risikos eine
Entschädigung gezahlt werden, die dem Schaden entspricht. Nach der
Schadenseintrittswahrscheinlichkeit und –höhe werden die Versicherungsprämien
berechnet. Dies wiederum ist erst möglich geworden nach “Entdeckung” der oben
angeführten Wahrscheinlichkeitstheorie.
Große Erst- und
Rückversicherungsgesellschaften sowie Investmentbanken erkannten die
langfristige Bedeutung von Allfinanz[16]
für ihre Firmenkunden. Durch neue Produkte, neue Forschungs- und
Entwicklungstendenzen, andere Umwelt- und Wettbewerbsbedingungen entstanden
neue Risiken, die über den herkömmlichen Versicherungsmarkt nur schwer
abzudecken sind. Im Zuge des Trends zur Beachtung des Shareholder-Value[17]
gilt es eine möglichst positive Bilanz im Jahresbericht der Unternehmen ziehen
zu können. Dies ist im Interesse des Unternehmenswertes und der
Wertsteigerungen am Aktienmarkt wichtig, denn nur durch positive Zahlen im
Geschäftsbericht lassen sich die Interessenten am Unternehmen locken, weitere
Aktien/Anteile zu kaufen. Über den Knappheitsgrad, der zu erlangenden Anteile,
bestimmt sich dann der möglichst hohe Preis des einzelnen Anteils, der Aktie.
Da die Anteilseigner an der Wertsteigerung besonders interessiert sind, liegt
hier auch wieder das Risiko für das Unternehmen: Ist ein Sättigungsgrad
erreicht, kann der Preis der Aktie oder der Wert des Unternehmens an der Börse
wieder abfallen und die Anteilseigner verkaufen ihre Aktien – oder sie tun
dies, nachdem “schlechte Zahlen” veröffentlicht wurden. Somit ist die Bedeutung
des Shareholder-Values einerseits ein Kontrollmechanismus über die Leistung des
Unternehmens andererseits ein Risiko für das Unternehmen selbst.
Um nach diesem Exkurs zurückzukommen
auf den Transfer von Risiken in den Kapitalmarkt sei hier dasrgestellt, daß
eine Verbesserung der Bilanzzahlen durch den Transfer von Risiken in den
Kapitalmarkt erreicht wird. In den folgenden Abschnitten werden diese
Mechanismen aufgezeigt.
Zielsetzung des
Alternativen Risikotransfers ist die Ausweitung des Spektrums versicherbarer
Risiken und Effizienzsteigerungen sowie bessere Bilanzkennzahlen.
Träger des Risikotransfers sind Securitisation und Derivate. Securitisation bedeutet üblicherweise Forderungsverbriefung, hier versteht man versucherungsgebundene Anleihen darunter. Derivate sind abgeleitete Versicherungsprodukte. Insgesamt können sich Kapitalmarktinvestoren direkt an Versicherungsrisiken über diese Risikoträger beteiligen. Die Instrumente, mit denen die Risiken in den Kapitalmarkt transferiert werden im nächsten Kapitel vorgestellt.
Der Zusammenhang zwischen
Globalisierung, kürzeren Produktionszyklen, größeren Kapitalflüsse impliziert
den Bedarf an schnellerer, besserer und differenzierterer Information, um die
wachsende Zahl an Risiken, die schnellere Reaktionszeiten verlangen und neue
integrierte Systeme, zu bewältigen. Finite Risk Solutions und
Captive/Rent-a-Captive Lösung stellen auszugsweise Mechanismen dar, die diese
Probleme lösen sollen.
Laut Wöhrmann,[18]
bedeuten Finite Risk Lösungen handgeschneiderte Modelle, die weder von Banken
noch von traditionellen Versicherern angeboten werden. Hier zeigt sich die
Individualität, mit der für einen Firmenkunden eine Risikotransfer-Lösung
zusammengestellt wird. Finite Risk Lösungen sind für eine Periode von mehreren
Jahren, die individuell vom Firmenkunden festgelegt wird, festgeschrieben. In
Abhängigkeit vom Volumen des (Finanz-) Risikos, das transferiert wird, und dem
Risiko, das das Unternehmen selbst trägt, wird die Finite Risk Lösung Banken-
und Versicherungstechniken beinhalten. In Finite Risk Verträgen wird eine feste
Prämienrate für die Risikovorsorge festgelegt. Dies kann eine “Begrenzung”
sein, die sich auf ein bestimmtes Ereignis bezieht, ein jährliches Limit, oder
eine Vertragssumme für einen Vertragsteil sein, der sich auf mehrere Jahre
bezieht. Dies ermöglicht es dem Unternehmen seine Bilanz zu schützen, indem
Risiken budgetiert werden, ungeachtet der aktuell erfahrenen Risiken.
An dieser Form fällt vor allem die
eigenverantwortliche Übernahme von Risiken auf. Zumindest ein Teil des Risikos
wird bewußt selbst getragen, nachdem man sich der Schadenshäufigkeit und –höhe
bewußt wurde, sie analysierte und für tragbar hielt. Die Umwälzung nur eines
spezifischen Teils der Unternehmensrisiken, welcher individuell abgestimmt
wird, belastet das Unternehmen nicht mit unnötigen Zahlungen für
Versicherungen, die im Schadensfall nicht der speziellen Situation des
Unternehmens genüge leisten wollen.
Eine weitere nicht-traditionelle
Form der Risikofinanzierung sind Captives. Diese spezielle Möglichkeit der
Absicherung beinhaltet die Gründung einer Firmentochter, auf die das monetäre
Risikomanagement abgeleitet wird. Dies stellt eine firmeninterne,
unternehmenseigene Versicherung dar. Bislang sind diese Lösungen in Europa
hauptsächlich in der Schweiz und Liechtenstein zu finden, da sie für
Unternehmen mit Captives einen Steuervorteil bieten. Die Bildung einer solchen
Risikoabsicherung ist somit bilanzschonend und soll sich auf diese Weise für
Unternehmen lohnen. Die Captive ist wiederum eine individuelle
“Versicherungslösung”, denn insbesondere die “Rent-a-Captive”-Lösung zeigt die
Nähe zur Versicherung: Ein Unternehmen mietet sich eine spezifisch angefertigte
Versicherungsgesellschaft, sie führt ein “rent a captive” durch.
Die Definition des Begriffs der
Captive umfaßt, daß hiermit eine Versicherungsgesellschaft, die an ein
Unternehmen gebunden ist, das nicht selbst dem Versicherungssektor angehört und
das eine Lösung sucht, inhärente Risiken aus dem Unternehmensbereich/-sektor
abzusichern, gegründet oder genutzt (bei rent-a-captive) wird.[19]
Bei MMP werden mehrere Sparten von
Unternehmensrisiken über mehrere Perioden (beispielsweise Jahren)
zusammengefaßt. Hier sind sehr hohe Eigenbehalte üblich, daß heißt, daß das
Unternehmen selbst zunächst die Risiken einschätzt, inwiefern sie überwälzbar
sind, wie oft sie eintreten und bis zu welcher Schadensgrenze das Unternehmen
selbst den Schaden tragen würde. Durch dieses gezielte Herangehen lassen sich
Risiken filtern, die vermeidbar sind, Risiken, bei denen es sich lohnt, sie
einzugehen und wiederum Risiken, die gepoolt mit anderen Risiken oder
Risikosparten besser abgesichert werden. Man spricht hier von integrierten
Limiten, die über verschiedene Risikoklassen verteilt werden. Die Integration
findet über alle Risikosparten statt, indem das Haftungslimit des MMP-Anbieters
als auch der Eigenbehalt des Versicherungsklienten über alle
Versicherungsbranchen und die Vertragslaufzeit aggregiert werden.[20]
Eigenbehalt kann sich aus einem Selbstbehalt, also der unternehmensinternen
Übernahme des Risikos oder einer Captive zusammensetzen.
“Wenn es keine Kapitalmärkte gäbe,
die Sparern ein Diversifizieren der Risiken gestatten, und wenn Investoren (wie
in der Frühzeit des Kapitalismus) auf eine Aktie beschränkt blieben, wären die
großen innovativen Unternehmen unseres Zeitalters eventuell nie entstanden. Die
Möglichkeit der Risikosteuerung und die dadurch gegebene Risikobereitschaft mit
dem Willen zu zukunftsorientierten Entscheidungen setzt die Energien frei, die
unser Wirtschaftssystem antreiben.”[21]
Dieses Wirtschaftssystem ist ein
kapitalistisches und laut Bernstein war die Folge des Handeltreibens riskantes
Geschäft. Der Handel nutzte die Regeln des Glücksspiels, um Reichtum zu
schaffen. Somit lautete das unvermeidliche Ergebnis: Kapitalismus – die
Verkörperung der Risikobereitschaft. [22]
Beck hält fest, daß die Wissenschaft
Risiken feststellt und die Bevölkerung Risiken wahrnimmt.[23]
Er kritisiert damit das Risikoverständnis von Wissenschaftlern, die das
irrationale Denken und Handeln der gemeinen Bevölkerung nicht akzeptieren
möchten. Andererseits meint er, daß das Risikobewußtsein der Bevölkerung, das
sich in Umweltbewegung, Industrie-, Experten- und Zivilisationskritik
unterschiedlich kundtut, beides sei, sowohl wissenschaftskritisch als auch
wissenschaftsgläubig. “Um Risiken überhaupt als Risiken wahrzunehmen und zum
Bezugspunkt des eigenen Denkens und Handelns zu machen, müssen prinzipiell
unsichtbare Kausalbeziehungen zwischen sachlich, zeitlich und räumlich meist weit
auseinanderliegenden Bedingungen sowie mehr oder weniger spekulative
Projektionen geglaubt, geradezu gegen immer mögliche Gegeneinwände immunisiert
werden. Das aber heißt: Das Unsichtbare, mehr noch: das, was sich der
Wahrnehmung prinzipiell entzieht, das nur theoretisch Verknüpfte, Kalkulierte
wird im zivilisatorischen Krisenbewußtsein unproblematischer Bestand des
persönlichen Denkens, Wahrnehmens, Erlebens. [...] In diesem Sinne handelt es
sich bei dem Risikobewußtsein also nicht mehr um ‚Erfahrungen aus zweiter
Hand‘, sondern um ‚Nichterfahrungen aus zweiter Hand‘.”[24]
Beck interpretiert somit weiter, daß durch Spekulativiät und Nichterfahrung von
Risiken innerhalb der Gesellschaft, die nur Mathematik und Wissenschaft, bzw.
Wahrscheinlichkeitstheorie traut, eine Art Schattenwelt zustande kommt: Der
Mensch traut seiner Wahrnehmung und Abschätzung nicht mehr, sondern verläßt
sich auf die Zahlenwerke der Theorie, legt auch Risiken nur noch spekulativ aus
und läßt sich selbst zum Werkzeug dieser Spekulationen machen: Schatten,
Geister, Mächte verbergen sich nun hinter monströsen Giften, Strahlungen,
Umweltrisiken, die das Individuum selbst vielleicht nicht spürt oder erfährt;
er/sie das Risiko der Zerstörung aber den kommenden Generationen nicht
aufbürden möchte. “Mit dem zivilisationskritischen Risikobewußtssein betritt
also in allen Bereichen des Alltags ein theoretisch bestimmtes
Wirklichkeitsbewußtsein die Bühne der Weltgeschichte.” laut Beck.[25]
“Gerade in der Risikogesellschaft
entstehen mit dem Anwachsen der Gefahren völlig neuartige Herausforderungen an
die Demokratie. Sie enthält eine Tendenz zu einem legitimen “Totalitarismus”
der Gefahrenabwehr.[...] Mit dem Recht, das eine Schlimmste zu verhindern, wird
in nur allzu bekannter Manier leicht das andere Nochschlimmere geschaffen.
[...] Es gerät in die ungute Zwickmühle, entweder angesichts der systematisch
produzierten Gefahren zu versagen, oder aber durch autoritäre,
ordnungsstaatliche Stützpfeiler demokratische Grundprinzipien außer Kraft zu
setzen.”[26] Beck
fordert weiterhin eine aktive Risikopolitik, die sich in einer Gesellschafts-,
Industrie- und Technologiepolitik äußert, und die den menschlichen Irrtum nicht
als größtes Übel hinstellt, sondern es als Zeichen gegen technologische
Allmachtsvisionen versteht.
Somit fordert Beck nichts anderes
als einen verantwortungsbewußten Umgang mit dem Individuum und seinen
menschlichen, allzumenschlichen Grenzen. Was zwar einerseits als Ziel
formuliert werden kann, daß die Furcht vor Schaden nicht nur der Schwere des
Schadens, sondern auch der Wahrscheinlichkeit des Ereignisses proportional sein
sollte, ist aber andererseits rein theoretisch: auch mit Blitzableitern an
jedem Haus, werden Menschen Angst vor starken Gewittern haben, da sie die
tatsächliche Macht der Naturgewalt im allgemeinen nicht technisch analysieren,
sondern intuitiv wahrnehmen und abschätzen.
Andererseits gibt die Demokratie jedem Mitglied der Gesellschaft Chancen, Verantwortung, so weit es möchte, selbst zu tragen, somit Risiken einzugehen. Aktuelles Beispiel ist die Diskussion um die Rentenversicherung. Hier zeigt die Wissenschaft auf, was berechnet werden kann: Die Renten sind für künftige Generationen nicht sicher. Der mündige Bürger soll nun selbst für sein Alter vorsorgen. Jeder kann nun nach seiner Risikoneigung für das Alter vorbauen: über die Überwälzung auf eine Versicherung oder über den Kapitalmarkt, jeder sollte die Allfinanz nutzen und sich “absichern”. Dies setzt aber das vorhandene Risikobewußtsein des Einzelnen voraus. Somit stellt sich die Frage nach dem Wandel der Gesellschaft als Bedingung für die Entstehung der Zukunftsplanung und des bewußten Risikos. Diese Gesellschaft vereint die Entwicklungen in der Wirtschaft und im “Privatleben”: Becks Risikogesellschaft muß sich ihrer Menschlichkeit bewußt bleiben und darf nicht nur an die Allmacht der Technologie glauben. Sie muß sich die Technologie zu eigen machen und beide, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich einander bedingen, können Teile ihrer Risiken transferieren, können monetäre Risiken verlagern und somit einen höheren Wert, sei es für das Unternehmen, sei es für die eigene Versorgung erzielen. Dies alles setzt aber den Menschen voraus, der sich Risiken und Chancen bewußt macht. Ob jedes Gesellschaftsmitglied diese Verantwortung tragen will, ist fraglich. Eine Gesellschaft, die Freiheit propagiert, sollte sich auch dieser Freiheit bewußt sein. Nicht jeder will die volle Verantwortung für sein Handeln wirklich tragen, aus Angst, vor negativen Folgen, die das Eingehen von Risiken mit sich bringen können. Auftrag der Risikogesellschaft ist es somit, nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen der Freiheit aufzuzeigen.
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Zürich Versicherung, Zürich, zur Verfügung gestellt.)
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Paul: Finite Risk Solutions in Switzerland, in: European-American Business
Council, London Spring 1999 (ohne Angaben von Seiten als Reprint
dankenswerterweise vom Autor erhalten)
[1] Vgl. Gerhard Banse: Herkunft und Anspruch der
Risikoforschung, in: ders.: Risikoforschung zwischen Disziplinarität und
Interdisziplinarität, Berlin 1996, S. 23ff.
[2] Bernstein geht auf die Enstehungsgeschichte des
Begriffs ausführlich und anschaulich ein. Peter L. Bernstein: Wider die Götter,
München 1997, S. 30.
[3] Bernstein, S.11f.
[4] Ebd., S. 33.
[5] Vgl. ebd., S.94ff.
[6] Vgl. ebd., S. 164.
[7] Carl Friedrich von Weizsäcker: Technik und Natur,
in: Mathias Schüz (Hrsg.): Risiko und Wagnis, Bd. I: Die Herausforderungen der
industriellen Welt, Gerling Akademie, Pfullingen 1990, S. 15ff.
[8] Ebd., S.16f.
[9] Banse, S. 48 f.
[10] Ebd., S. 49ff.
[11] Richard Wilson/Edmond A.C. Crouch:
Risiko-Abschätzung und Risiko-Vergleiche, in: Schüz, S. 42ff.
[12] Ortwin Renn/Johannes Kals: Technische Risikoanalyse
und unternehmerisches Handeln, in: Schüz, S. 60 ff.
[13] Vgl. die Veranstaltungen: IIR Risiko-Forum, März
2000 sowie Integriertes Risikomanagement, April 1999, jeweils Frankfurt am
Main, Dokumentation bei: IIR Deutschland GmbH, Sulzbach 1999 und 2000.
[14] Niklas Luhmann: Die Moral des Risikos und das Risiko
der Moral, in: Gotthard Bechmann (Hrsg): Risiko und Gesellschaft – Grundlagen
und Ergebnisse interdisziplinärer Risikoforschung, Opladen 1993, S. 331.
[15] Vgl. Bernstein, S. 115.
[16] Allfinanz ist als Zwischenbereich oder Zwitter
zwischen Bank- und Versicherungsgeschäft zu verstehen: Einerseits kann man
beispielsweise über Lebensversicherungen für den Ruhestand vorsorgen
andererseits ist es möglich, sich durch langfristige Bankverbindungen, über
Aktien, Fonds, Rentenpapieren, etc. abzusichern. Die
Versicherungsgesellschaften selbst legen die Prämiengelder ihrer Kunden ebenso
am Kapitalmarkt an. Da nun immer mehr Versicherungsgesellschaften auch ihren
Privatkunden Versicherungen auf Fondsbasis anbieten, kann man auch hier den
Trend der “Vermischung” dieser beiden Finanzbereiche erkennen. In den folgenden
Abschnitten werden insbesondere diese “Zwitter”- oder Allfinanzlösungen für Firmenkunden vorgestellt. Immer mehr
Banken bieten Versicherungen in ihrem Portfoliko an, Versicherungen bieten
Fonds an. Dieser Trend der Finanzbranche wird als Allfinanz bezeichnet.
[17] Shareholder sind die Anteilseigner an Unternehmen.
Unternehmen werden verstärkt nach dem Wert beurteilt, den sie ihren
Shareholdern erbringen, zum Beispiel über die Wertsteigerungen am Aktienmarkt.
Somit ist die Unternehmensführung angehalten, sich transparent nach außen zu
geben, die Entwicklungen, Chancen und Risiken offen abzubilden und die
Verantwortung für eine wertsteigernde Unternehmensphilosophie zu übernehmen.
[18] Vgl. Paul Wöhrmann: Finite Risk Solutions in
Switzerland, in: European-American Business Council, London Spring 1999 (ohne
Angaben von Seiten dankenswerterweise vom Autor als Reprint erhalten). Dr. Paul
Wöhrmann ist Leiter der Financial & Risk Services der Zürich Schweiz
Firmenkundenabteilung.
[19] Vgl. Christoph Bürer
u.a.: Fribourg à Zurich et Vaduz à la recherche de captives, in: l’agefi: haut
finance, Beilage zu Nr. 120, vom 26. Juni 2000, S. 78: “Définitions: Captive:
Société d’assurance affiliée à une entreprise qui n’appartient pas au secteur
de l’assurance et qui cherche à assurer les risques inhérents au groupe
d’entreprises auquel elle appartient.”
[20] Vgl. Dieter Reist: Einsatzmöglichkeiten der
alternativen Risikofinanzierung für eine mittelgroße Schweizer Stadt,
Diplomarbeit bei Prof. Dr. Matthias Haller, April 2000, S. 63.
Diese Arbeit wurde von
der Zürich Versicherung, Zürich, dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.
[21] Bernstein, S. 11.
[22] Ebd., S. 34.
[23] Vgl. Ulrich Beck: Politische Wissenstheorie der
Risikogesellschaft, in: Bechmann, S. 305.
[24] Ebd., S. 320.
[25] Ebd., S.320ff.
[26] Ebd., S. 324.