Das Weiterbildungsprogramm "Wirtschaftsphilosophie" wird vom Christian Jakob Kraus-Institut für Wirtschafts- und Sozialphilosophie der FernUniversität in Hagen angeboten.
 

Christian Jakob Kraus

Wirtschaftsphilosophie

Sozialphilosophie


Aktuell:
Soeben erschienen:

Kurt Röttgers: Wirtschaftsphilosophie - Die erweiterte Perspektive.- In: zfwu 5/2 (2004), p. 114-133.
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Wirtschaftsphilosophie in Forschung und Weiterbildung

 

Die Ausgangslage

Die kurze Geschichte der wirtschaftsethischen Diskussionen in Deutschland beginnt nicht in den Köpfen der Philosophen, die sich in alles und jedes einmischen wollten, sondern es ist eine Diskussion, die in den letzten Jahren in den Wirtschaftswissenschaften selbst als ein Desiderat ihrer eigenen bisherigen Diskussionen entstanden ist. Inwiefern das so ist, soll im ersten Teil gezeigt werden. Wie immer, wenn Nichtphilosophen eine ihrem Wesen nach philosophische Diskussion führen wollen (oder allgemeiner: wenn Nichtfachleute aus ihrer eigenen Disziplin heraus spüren, daß sie Wissen und Fertigkeiten einer anderen Disziplin integrieren müssen), kommen sie bald an einen Punkt, wo sie feststellen, daß sie ohne ein interdisziplinäres Gespräch mit den Fachleuten aus der Philosophie in der Gefahr stehen, sich im Kreise zu drehen oder eine Position neben die andere zu stellen ohne zu wissen, wie man weiter kommt, oder auch längst überholte Ansichten immer wieder neu zu diskutieren. Aus den Wirtschaftswissenschaften selbst und ihrer Ethik-Diskussion kam daher der Ruf an die Philosophie, sich an den laufenden Diskussionen mehr als bloß punktuell zu beteiligen. Daher haben wir in Hagen frühzeitig begonnen, zunächst in der Weiterbildung und dann auch in der Forschung die Philosophie stärker in diese Diskussionen einzubeziehen. Inzwischen aber ist der Ruf "Wirtschaftsethik - aber wo bleibt die Philosophie?" sogar bis in den Vorstand der "Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland" vorgedrungen; der Vorstand dieses deutschen Fachverbandes der Philosophen hat sich daher entschlossen, einen Ausschuß zu gründen, die sich dieser Fragen annehmen soll. Die erste wissenschaftliche Tagung dieser Arbeitsgemeinschaft fand am 29. Und 30. Oktober 1998 in Hildesheim unter dem Titel "Wirtschaftsethik - wo ist die Philosophie?" statt.[1] Die grundlegenden Diskussionen dieser Tagung wurden vom ZFE der FernUniversität aufgezeichnet, um als Videokassette in der Weiterbildung "Wirtschaftsphilosophie" der FernUniversität in Zukunft eingesetzt zu werden. Im dritten Modul unserer Weiterbildung wird den Teilnehmern dieses Kursmaterial (ausgewählte Texte in gedruckter Fassung und ein Video mit ausgewählten Sequenzen der Vorträge und Diskussionen) zur Verfügung gestellt.

 

2. Zum Begriff "Wirtschaftsphilosophie"

"Wirtschaftsphilosophie" ist ein von Josef Meran und mir im Zusammenhang mit der Erstellung eines Studienbriefs für die FernUniversität wieder eingeführter (d. h. zuvor vergessener) Begriff.[2] Im ersten Drittel unseres Jahrhunderts war es ein sehr wohl bekannter Begriff: ich erinnere nur daran, daß die renommierte Zeitschrift, die heute den Namen "Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie" führt, herausgegeben von der IVR, der Internationalen Vereinigung für Rechtsphilosophie, in ihren ersten Jahrgängen den Titel trug "Archiv für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie". Seit seiner Wiedereinführung macht der Begriff, wie man feststellen kann, in zunehmendem Maße und in erfreulicher Weise Karriere. Was aber ist unter Wirtschaftsphilosophie zu verstehen? Unter dem Begriff sind mindestens zwei Aspekte vereinigt, nämlich die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Reflexion der wirtschaftswissenschaftlichen Begriffs- und Theoriebildung einerseits, die ethische Reflexion wirtschaftlichen Handelns andererseits. Weil beides, wie leicht zu zeigen ist, eng miteinander verzahnt ist, muß die philosophische Reflexion auch beides aufeinander beziehen. Es ist z. B. zu fragen, ob nicht bereits in die Theoriebildung normative Annahmen eingehen und damit die Normativität nicht erst eine Frage der Anwendung der sogenannten reinen Theorie auf eine Sphäre der Praxis ist. Wirtschaftsphilosophie als Konzept ermöglicht es daher, immer schon Erkenntnistheorie und Ethik der Wirtschaft in einem gemeinsamen Zusammenhang zu diskutieren. Darüber hinaus erschließt sich vom Begriff der Wirtschaftsphilosophie der Zugang zu einer nicht unbedingt normativ figurierten Sozialphilosophie.[3] Aber ein weiteres mögliches Mißverständnis über den Begriff "Wirtschaftsphilosophie" verdient es noch ausgeräumt zu werden.

In Zusammenhängen der Wirtschaft gibt es häufig eine Verwendung des Wortes "Philosophie", die mit Philosophie nichts zu tun hat, sondern sich einer Eindeutschung des amerikanischen "philosophy" verdankt. Dann heißt es etwa, es sei die "Philosophie" dieses oder jenes Unternehmens, dieses oder jenes zu tun oder zu lassen. Mit einer solchen Verwendung von "philosophy" ist generell gemeint ein Ensemble von Meinungen und Einstellungen, die für das betreffende Unternehmen relativ grundsätzliche Bedeutung hat, die aber als begründungsunbedürftig und vielleicht begründungsunfähig angesehen werden. Die Berufung auf eine solche "philosophy" hat damit sehr viel mehr Ähnlichkeit mit einem religiösen Bekenntnis, das ja auch nicht begründet werden kann und trotzdem für die Person, die das Bekenntnis teilt, eine sehr grundlegende Funktion hat. Mit Philosophie, die sich seit ihren Ursprüngen als Suche nach guten Gründen und Begründungen versteht, hat eine solche, bekenntnishafte "philosophy" nicht das mindeste zu tun. In der Philosophie geht es überhaupt nicht um Meinungen, die ja in ihrer privaten Beliebigkeit durch allgemeine Toleranz geschützt sind; es geht um wissenschaftlich-rationale, intersubjektiv nachvollziehbare Begründungen. Wirtschaftsphilosophie ist demnach nicht die "philosophy" von Wirtschaftsunternehmen. Ja, die eigentlich so zu nennende Wirtschaftsphilosophie befaßt sich nicht einmal kritisch mit solchen Meinungen von Wirtschaftsunternehmungen, oder allenfalls nebenbei.

 

Womit aber befaßt sich die wirtschaftsphilosophische Forschung heute vorrangig? Ich wähle im folgenden drei Aspekte aus:

1. Kritik des Ökonomismus;

2. Aufklärung über den Sinn des Wirtschaftens

3. Wirtschaftsethik.

[1] "Wirtschaftsethik - Wo ist die Philosophie?, hrsg. v. P. Koslowski. Heidelberg 2001.
[2] Dieser Studienbrief ist Bestandteil des ersten Moduls der Weiterbildung "Wirtschaftsphilosophie"
[3] Dieser Aspekt wird im dritten Modul im Kurs "Einführung in die Sozialphilosophie" (Autor: K. Röttgers) entfaltet.