Das Weiterbildungsprogramm "Wirtschaftsphilosophie" wird vom Christian Jakob Kraus-Institut für Wirtschafts- und Sozialphilosophie der FernUniversität in Hagen angeboten.
 

Christian Jakob Kraus

Wirtschaftsphilosophie

Sozialphilosophie

Wirtschaftsphilosophie in Forschung und Weiterbildung

 

 

Wirtschaftsethische Anwendungsüberlegungen

Ich möchte das an drei Anwendungsbeispielen erläutern. Für moderne Gesellschaften ist anscheinend nicht mehr die Knappheit materieller Güter zur Lebensführung das Hauptproblem und die Ökonomie nicht mehr das Mittel eine solche Knappheit zu beseitigen oder - ethisch angeleitet - diese Knappheit gerecht zu verteilen. Sondern für diese Gesellschaften stellen vielmehr drei ganz andere aus dem ursprünglichen Problem hervorgegangene Probleme sich dar:

1. Güterknappheiten und damit ökonomische Bedürfnislagen werden künstlich erzeugt. Als Nebenschauplatz des Ökonomischen gab es das freilich immer schon und wurde seit dem Mittelalter unter dem Stichwort "Luxus" als Problem auch ethisch breit diskutiert. Immer wieder und auch immer wieder zu Recht wurde auf die arbeitsplatzsichernde bzw. -schaffende Funktion solcher an sich sinnloser Produktionen wie des Luxus, der Unterhaltungs-, Freizeit- und Rüstungsindustrie hingewiesen.[1]

2. Güterknappheiten sind im Übergang zum 21. Jahrhundert zu Arbeitsknappheiten transformiert worden. An sich sollten ja moderne Gesellschaften sich darüber freuen, wenn es genug zu essen und weniger mühevolle Arbeit gibt: das scheint doch der erste Schritt ins allen erträumte Schlaraffenland zu sein. Tatsächlich aber spricht zweierlei dagegen, eine solche Bewertung zu akzeptieren. Erstens ist dieses "Genug-zu-essen" in den Industriegesellschaften - momentan jedenfalls - erkauft durch Hunger in der Dritten Welt. Zwar ist es im Ökonomischen falsch, in Kategorien eines Nullsummenspiels zu denken, so daß einem etwas weggenommen werden müßte, wenn ein anderer genug haben soll, Reichtum läßt sich unter bestimmten Bedingungen vielmehr allseitig steigern; aber derzeit ist es jedenfalls ganz eindeutig noch so, daß der Welthandel bestimmte Positionen der Industrienationen privilegiert. Zweitens aber spricht gegen die Bewertung des Eintritts in das Schlaraffenland auch die soziale Bewertung von Arbeit. Hannah Arendt schrieb dazu die charakteristischen Worte: "Die Neuzeit hat im siebzehnten Jahrhundert damit begonnen, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen, und sie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts damit geendet, die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln. Die Erfüllung eines uralten Traums (sc. die Befreiung von der Arbeit, K. R.) trifft wie in der Erfüllung von Märchenwünschen auf eine Konstellation, in der der erträumte Segen sich als Fluch auswirkt. Denn es ist ja eine Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll, und diese Gesellschaft kennt kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvolleren Tätigkeiten, um deretwillen die Befreiung sich lohnen würde. ... Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?"[2] Wir können es uns nicht leisten, der Vorstellung oder Illusion weiter Vorschub zu leisten, wir hätten, wie ein hoffnungslos naiver Zweckoptimist einmal zu glauben vorgab, die Arbeitslosenzahlen von damals wohl unter 4 Millionen bis zum Jahre 2000 halbieren können. Unter diesen extremen Bedingungen ist ein radikales wirtschaftsphilosophisches Denken angesagt. Ein, wie ich oben schon sagte, relativ hilfloser, aber genau aus dem Herzen des liberalen Kapitalismus geborener Gedanke ist es, alle Arbeitslosen zur Existenzgründung aufzurufen. Denn was sollen wir in dieser Gesellschaft mit 4,5 Millionen Existenzgründern?

Drittens - und damit greife ich einen Gedanken von Ulrich Beck auf - sind wir deswegen nicht im Übergang zu einem Schlaraffenland, weil sich das Problem der gerechten Verteilung knapper Güter zum Teil verwandelt hat in das neue Problem der gerechten Verteilung von Risiken.[ 3 ] Für die Wirtschaftsphilosophie besteht in dieser Wendung eine gewaltige Herausforderung. Die Zuteilung knapper Güter hat in dem subjektiv eingeschätzten Befriedigungsgrad von Bedürfnissen ihr Maß. Und die Nichterfüllung oder ungleiche Erfüllung oder das subjektiv Illusionäre von Erfüllung oder Nichterfüllung kann ethisch beurteilt werden. Die Allokation von Risiken jedoch ist selbst sozial definiert. Das soll heißen: wenn ich mit meiner materiellen Versorgung durch knappe Güter am Ende zufrieden bin, dann gibt es in dieser Hinsicht keine ethisch rechtfertigbaren Ansprüche mehr. Es gibt in ethischer Hinsicht einen Sättigungsgrad. Ob ich jedoch mit der Allokation von Risiken zufrieden leben kann (Restrisiken gibt es ja immer), das sagt mir erst genau die Gesellschaft (durch ihre Experten, Journalisten etc.), die selbst diese Allokation vornimmt. - Daher kommt auch die Neigung der Offiziellen, ein Risiko zu verharmlosen oder ganz zu verschweigen, das dann wiederum durch einen anderen Teil der Öffentlichkeit den Betroffenen offenbart wird, die vielleicht sonst nie davon erfahren hätten, wenn nämlich der mit dem Risiko - über Eintrittswahrscheinlichkeiten - verbundene Schadensfall niemals eingetreten sein wird. Es gibt mithin keinen ethisch rechtfertigbaren Sättigungsgrad von Risikofreiheit.

Indem diese drei Hauptprobleme im Übergang zum 21. Jahrhundert entstanden sind, bekommt die Wirtschaftsphilosophie ganz andere Aufgaben als bloß ethisch-kritisch zu kommentieren, was als Effekt einer Ökonomie der Produktion und Distribution knapper Güter zur Lebensfristung auftritt. Indem die Wirtschaft über die Aufgabe - die sie gleichwohl immer noch zur Selbstdefinition ihres Sinns verwendet - hinausgewachsen ist, ist der Philosophie als Wirtschaftsphilosophie die Aufgabe zugekommen, diese neuen Sinndimensionen des Ökonomischen zu reflektieren. Meines Erachtens gilt für alle drei Dimensionen der Transformation des Ökonomischen, daß die Überlegungen nicht mehr auf der individualistischen Ebene und damit in ethischer Hinsicht nicht mehr individualethisch zu lösen sind. Das aber heißt auch, daß die zentralen Kategorien der Moderne an diesen ethischen Problemen scheitern, und wir uns, gerade gefördert durch die Entwicklung der Wirtschaft, auf eine Ethik der Postmoderne besinnen sollten, selbst wenn die Lösungsvorschläge derzeit weitgehend immer noch individualistisch, mit den Kategorien der Moderne konfiguriert werden: nämlich Existenzgründung gegen Arbeitslosigkeit und Versicherungswesen gegen den Super-GAU. So wenig das funktionieren kann, so wenig funktioniert auch für die erste Dimension die individuelle Besinnung auf eine "Ökonomie der Lebensfülle", wie Peter Ulrich, darin ein konsequenter Vertreter der Moderne, sie vorschlägt, die die individuelle Lebensentscheidung beinhaltet, das "genug" "genug" sei und man nicht mehr haben müsse. Diese individualistische Orientierung scheitert schon an dem Problem einer den Luxus einbeziehenden expansiven Produktion, und allgemeiner noch an einer ökonomischen Entwicklung, z. B. auch der Geldmärkte. "Genug ist genug" - ich will und brauche nicht mehr als 3% Zinsen, das ist als individuelle Haltung bereits nichts anderes als Narrheit, die tatsächlichen ökonomischen Entscheidungen würden aber in jedem Falle über solche individuellen und privaten Narrheiten hinausgehen. "Das Streben nach Erfolg ist in bürgerlichen Gesellschaften nicht ein in persönlichen Vorlieben oder Neigungen gegründeter Habitus, sondern eine allen Gesellschaftsmitgliedern vom System zugemutete Haltung."[4] Deswegen kann es gar nichts bringen, die wirtschaftsethische Reflexion von der Ebene der Subjekte und ihrer individuellen Handlungsorientierung ausgehen zu lassen. Am Ende der Moderne kann die Wirtschaftsphilosophie nicht mehr auf die ethischen Kategorien einer Moderne zurückgreifen, die sich am individuellen Subjekt als Zentrum ihrer Überlegungen ausrichtete. Die Wirtschaftsphilosophie wird vielmehr in Zukunft als eine Ethik der sozialen Freiheit zu entwerfen sein.[5]

[1] Anonym (d. i. B. Mandeville): The Fable of the Bees: or, Private Vices, Publick Benefits. London 1714
[2] H. Arendt: Vita activa oder vom tätigen Leben. 2. Aufl. München 1981, p. 11.
[3] U. Beck: Risikogesellschaft. Frankfurt a. M. 1986, bes. Kap. I.
[4] E. Hermes: Gesellschaft gestalten. Beiträge zur evangelischen Sozialethik. Tübinghen 1991, p. 385.
[5] K. Röttgers: Ein Freiheitsbegriff für die Wirtschaftsphilosophie.- In: Wirtschaftsethik - Wo ist die Philosophie? hrsg. v. P. Koslowski. Heidelberg 2001.