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Central Institute for Distance Education Research - FernUniversität in Hagen
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05.Febr. 1998

Helmut Fritsch: 4.Januar 1998

LVU: Zum Stand der Dinge aus hochschuldidaktischer Sicht

Weltweit gibt es bereits einige voll ausgebaute Hochschul-Systeme (von der Interessentenberatung bis zum Diplom) die als "virtuelle Hochschulen" anzusehen sind. Die meisten Systeme sind an bestehende Universitäten angeschlossen, so wie eine Vielzahl von Fernstudiensystemen sich im Umfeld von klassischen Hochschulen etablieren konnten (dual mode universities). Mit der Etablierung neuer technischer Möglichkeiten in Bildungssystemen ist immer eine Phase der Euphorie verbunden gewesen, die nach kurzer Zeit einer nüchternen Einschätzung weichen mußte. So war auch mit der Gründung der FernUniversität die eher euphorische Vorstellung verbunden, sie könne nicht nur einfach die Hochschulen entlasten, sondern auch Reform von Studium und Lehre bewirken, ein bildungspolitisches Ziel, das jahrelang eingefordert und nur zögerlich von wenigen Hochschulen der Bundesrepublik in Angriff genommen wurde(einphasige Juristenausbildung, Gesamthochschul-Idee etc.). Die hochschulpolitische Entwicklung der FernUniversität zeigte aber, daß das Risiko des Scheiterns vermieden werden mußte durch eine klare Ausrichtung auf ein „grundständiges Studium", das von allen akzeptiert werden sollte - eher nach dem Motto „die Organisationsform des Hochschulstudiums ist Experiment genug!". Nach mehr als zwanzig Jahren gibt es nunmehr erneut einen Reformschub verbunden mit den neuen Medien, der wiederum einen großen organisatorischen Umbau der FernUniversität notwendig macht. Die Entwicklung und Erprobung des Lernraums Virtuelle Universität Einerseits geht es wieder um die Anpassung an technisch-organisatorische Gegebenheiten : die Möglichkeiten der neuen Medien nicht zu nutzen wäre eine Vernachlässigung des Auftrags der Universität. Dies aber gilt für die klassischen Universitäten genauso. So stellt sich die Situation in der Bundesrepublik so dar, das auch hier eine Vielzahl (die meisten vom BMBF gefördert) von "Projekten" die Möglichkeiten der neuen Medien und des Fernstudiums für ihre Aufgabe an Universitäten und an staatlichen Hochschulen nutzen wollen. Überblickt man die letzten 20 Jahre hochschuldidaktischer Projektentwicklungen, so sind die vielfältigen Versuche an deutschen Hochschulen stets allzu eng verbunden mit einzelnen Projektleitern, mit Personen, die für den Erfolg oder Mißerfolg der Projekte einstanden: Mit dem Verschwinden dieser Personen verschwand meist auch das Projekt- dies wird sich auch in der gegenwärtigen Runde der Finanzierung von mehr oder weniger großen Projekten, die Multimedia nutzen, erweisen. Aus diesen Erwägungen heraus kann es nur von Vorteil sein, wenn ein Projekt nicht an einzelne Personen gebunden ist, sondern an eine ganze Hochschule. Das didaktisch-organisatorische System einer FernUniversität hat hier den entscheidenden Vorteil, daß schon immer alle Beteiligten eingebunden sind in für Hochschulen untypische Prozesse der Kooperation bei der Lehre. Das an der FernUniversität praktizierte Fernstudium setzt didaktisches Problembewußtsein und entsprechende organisatorische Prozesse auf Seiten der Institution voraus, die als hochschuldidaktisches Desiderat noch lange nicht Eingang gefunden haben in die Lehre an allen Hochschulen. (curriculare Gewichtung von „Kursen", Diskussion und Formulierung von Lehrzielen, Zuweisung einzelner Lehrzielbereiche zu Medien, Entwicklung von Lehrmaterialien für Selbstlernprozesse, dezentrale, intensive Betreuung durch Mentoren, ständige kursbegleitende Evaluation, Qualitätskontrolle, etc).
Die für einen Qualitätssprung in der Lehre an Hochschulen notwendige Basis ist an keiner anderen Hochschule in Deutschalnd so vorgegeben. Drei Aspekte eines solchen Großversuchs müssen besonders beachtet werden:

1) Die Rolle des Prüfungssystems

Erst in jüngster Zeit (Max Syrbe, Christian Bayer in:Beiträge zur Hochschulforschung 3, 1997 S. 267ff) wurde in eindrucksvoller Einfachheit ein Vorschlag zur ganzheitlichen Systembetrachtung für die Leistungsbeschreibung von Universitäten gemacht, in dem für die Aufspaltung von Lehr- und Prüfungsleistung plädiert wird. „Die Lehrleistung ist insbesondere durch Diplom- oder Magisterprüfungsordnungen mittelfristig unabhängig von der Zahl der Studierenden. Der Prüfungsaufwand besteht aus einem Fixblock (z.B. Erstellen der Klausur) und überwiegend aus einem variablen Teil, in dem der Prüfungsaufwand (wenn auch unterproportional) mit der Zahl der Prüflinge wächst" (a.a.O.,S. 280)
Die Effizienzsteigerung, die sich die Antragsteller vom Lernraum Virtuelle Universität längerfristig erhoffen, wird solange am Prüfungssytem ihre Grenzen finden, wie der Großversuch konzeptionell ausschließlich eingebettet bleibt in das gegenwärtige Hochschulsystem: Die Rolle und Einschätzung der Weiterbildung und insbesondere die Wertschätzung nur „kurzer" Besuche im System (also ohne Prüfungen) ist im Bewußtsein der Politik noch stark verbesserungsbedürftig. Wenn der Erfolg des Lernraum Virtuelle Universität ausschließlich am „output" von traditionell Geprüften gemessen werden soll, kann schon heute behauptet werden, daß das Projekt scheitern muß.

2) Die „Umstellung" der anzubietenden Kurse

Um alle (über tausend) Kurse der FernUniversität in einem vertretbaren Zeitrahmen von ca 10 Jahren multimedial umzugestalten, müssen die Lehrenden selbst sensibilisiert werden, eigene Vorstellungen so formulieren lernen, daß Medienleute spontan verstehen, was gewünscht wird, dann kann man darauf hoffen, daß sich die multimedia-Qualifikationen genauso ausbreiten, wie heute die Textverarbeitungs- Datenbank- und mail-Qualifikationen. Das hat auch fast 10 Jahre gedauert.
„Wir werden uns also auf eine längere Dauer der didaktischen Innovationen einzurichten haben: die technischen Innovationen waren mal wieder zu schnell!"( Editorial FORUM 2,1996, Gesellschaft f.Medien i.d. Wissenschaft, Göttingen)
Das seit nunmehr zwei Jahre dauernde Verfahren, den Lernraum Virtuelle Universität innerhalb der ganzen Hochschule so zu verankern, daß er als Hochschulkonsens begriffen werden kann, hat bereits Lernprozesse angestoßen, wenn auch die Belastbarkeitsgrenzen der Mitarbeiter, neben ihren eigentlichen Aufgaben, für solche Art „Weiterbildung" überschritten ist. Die Weiterbildung der Lehrenden würde mit dem Projekt Lernraum Virtuelle Universität organisch einhergehen.

3) Das Primat der Didaktik

Die Referate und Papiere der 18. ICDE Weltkonferenz im Juni 1997 („The New Learning Environment - a Global Perspective" Pennsylvania State University ), machten deutlich, daß der Prozeß des Sich-Einlassens auf die neuen Medien zwar überall angelaufen ist, aber sehr unterschiedlich aussieht- es gibt kritische Stimmen zur „Virtualisierung" -bis hin zu Vergleichen zu Orwell`s 1984-, andere feiern die Möglichkeiten von two-way video, und müssen sich sagen lassen, daß damit die Errungenschaften des Fernstudiums wieder verloren gehen (wegen der abhanden gekommenen Zeit-und Orts-Unabhängigkeit).
Vielen Fernstudienexperten gemein ist die Betonung der Pflichtaufgaben einer jeden Lehre, daß nämlich Lehrziele formuliert werden müssen, daß eine genaue Diskussion der didaktischen Bedingungen und Konsequenzen zu erfolgen habe - man also nicht nur geschriebene Vorlesungen multiplizieren darf, daß Lehre an Hochschulen immer die individuelle Beratungskomponente haben muß und schließlich daß man die zur Verfügung stehenden Medien für unterschiedliche Lehrfunktionen wohlbedacht einzusetzen habe.
Solcherart produzierte Lehre läßt sich auch evaluieren. Die folgenden didaktischen Elemente müssen entsprechend auch in einem Projekt Lernraum Virtuelle Universität als Lehr-Funktionen des Systems realisiert werden:
  • Motivation der Lernenden:

das Lehrsystem muß in der Lage sein, die Lehrziele so zu formulieren, daß diese für die Studierenden/ Interessenten transparent werden und sie sich dem Lernprozeß in Kenntnis aller Randbedingungen unterziehen mögen.
  • Darstellung der Lehrinhalte:

Noch sind Texte die Hauptpräsentationsform wissenschaftlicher Kommunikation - und auch die Hauptkommunikationsform von Prüfung.
  • Festigung des Gelernten durch Anwendung:

Die meisten Anwendungen im Lehrbetrieb von Hochschulen haben zunächst Übungscharakter- für Weiterbildungsinteressierte sieht dies aber schon viel „ernster" aus. Die „Übungen" sind das Feld, wo alle Lernzielbereiche - kognitive,affektive und motorisch- habituelle erprobt bzw. angewendet und überprüft werden.
  • Lernwegdifferenzierung:

Der Lernweg eines jeden ist anders, ein Lehrsystem muß auf unterschiedliche individuelle „Umwege" eingehen können, je nach den Ergebnissen der vorgenannten didaktischen Elemente.
  • Lernfortschrittskontrolle:

Die Art und Weise wie Lernfortschritte häufig überprüft und dokumentiert werden ist kennzeichnend für die Qualität der Institution als helfender Organisation. Solche Kontrollen haben Bedeutung für den Lernenden aber auch nicht zu unterschätzende Bedeutung für die ständige Revision des Lehrgeschehens: Will man die Motivation der Lernenden nicht zerstören, so muß man Rückmeldungen zeitlich sehr eng an den Lernprozeß binden.