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Zentrales Institut für Fernstudienforschung
Central Institute for Distance Education Research - FernUniversität in Hagen
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20.02.2003

Helmut Fritsch

Kontrastprogramm: Fernstudiendidaktik der 80er Jahre - Fernstudium heute

A. Noch in den 80er Jahren gab es akademische Diskussionen um die Frage, mit welchen Medien man was am besten erreichen könnte. Nach den vielen Aufsätzen der sechziger Jahre, wo es um diese feinsinnigen Fragen einer "aptitude treatment interaction" ging, brach Ende der achtziger Jahre das www in die Fernstudiendidaktik ein:
Ach wie schön waren doch die Zeiten, wo man ganz für sich, im Elfenbeinturm der Fernstudiendidaktik, zu immer differenzierteren Ergebnissen optimaler Gestaltung kommen konnte. Was Medienentwickler immer von den Psychologen und Pädagogen vorgehalten bekamen: Ihr müsst Lernziele definieren, Tests sollten nach Möglichkeit das messen, was vorher als Ziel aufgeschrieben worden war, Lernen findet nun einmal im Zentralnervensystem des Lerners statt und nicht im Buch oder im Fernsehen, Hilfen zur Optimierung des individuellen Lernweges sind meist kommunikative Akte, die Zeit und Personal brauchen, all das war schließlich beherzigt worden.
Bis zu diesem Zeitpunkt waren sich die Fernstudiendidaktiker aller Welt eigentlich einig, ein randständiges, spezialisiertes Völkchen zu sein, das zwar gute Arbeit abliefern konnte aber irgendwie doch gewohnt war, elfenbeinturmmäßig beäugt zu werden um immer erst bei näherem Kontakt offenlegen zu können, dass das, was geplant, entwickelt und evaluiert wurde, offenbar Hand und Fuß hatte: Jetzt auf einmal kamen sie alle, die Hochschulen, wollten lernen, wie man das denn mache, wie denn ein Konzept für den Einsatz von Medien im Hochschulstudium auszusehen habe.
Und dann floss auch noch viel Geld. Zahllose "Projekte" bereicherten die Hochschullandschaft wie Sterne am Firmanent, nur um, alsbald nach Auslaufen der Projektfinanzierung, wieder als Schnuppen zu verlöschen. Viele begeisterte Mitarbeiter empfingen ihre hochschuldidaktische Initiation aus dieser Ecke und befruchteten die deutsche Hochschullandschaft mit immer neuen Projekten. Projektarbeit wurde zur Parallel-Welt.

Die Gelassenheit, mit der Fernstudieninstitutionen der Herausforderung der neuen Medien entgegentraten, war begründet im Bewußtsein, all die Forderungen durchaus erfüllen zu können - und zwar mit links - die an das "Umdenken" zugunsten des Einsatzes neuer Medien gestellt wurden. Kein Wunder: War man doch gewohnt, die Medien kategorial längst als eigenständiges Element im didaktischen Feld zu kennen und untersucht zu haben, während andere erst einmal die Grundlegungen von Didaktik im Hochschulbereich lernen mussten. Mir fällt dazu öfters die Hase - und - Igel - Geschichte ein: Längst schon da, während die andern sich noch abstrampeln.
B. Das liegt an der Definition des Fernstudiums, die sich zwar in Nuancen unterscheiden mag, aber meist die folgenden Elemente enthält:
    Fernstudium ist eine Organisationsform von Studium wo
  • - die Vermittlung der Lehrinhalte
  • - tutorielle Interaktionen
  • - individuelle Lernkontrollen
  • - und Prüfungen
    über Medien ermöglicht werden können.

Sir John Daniel von der Britischen Open University sprach von "Mega-Universities" - wenn diese regelmäßig mehr als jährlich einhunderttausend Studierende einschreiben. Dabei ist das Fernstudium in Europa weniger eng an Hochschulen gekoppelt als z.B. im fernen Osten, wo sowohl in Korea als auch in China solche Mega-Universitäten bestehen. Ohne Weiterbildungs-Studierende kämen wir in Europa kaum auf solche Zahlen. Aber immerhin, insgesamt sind in Europa zum Ende des 20.Jahrhunderts 2,2 Millionen Menschen förmlich eingeschrieben in irgendwelchen Fernstudiensystemen. Allein in Frankreich betreut das CNED jährlich 400.000 Teilnehmer.
Und gerade im früheren Ostblock blüht ein Fernstudienmarkt mit hunderttausenden von Teilnehmern an Englisch- Computer- und "busines administration" Kursen..
Mega-Universitäten können nur Universitäten mit überwiegendem Medieneinsatz sein. Der manchmal verspürte Minderwertigkeitskomplex von Fernstudieninstitutionen der 80er Jahre ist längst verschwunden angesichts der Erkenntnis, dass
  • - Unterrichtsplanung - oder sollte man "Design" sagen-
  • - strukturierte Kommunikationsangebote
  • - regelmäßige Lernerfolgsprüfung für individuellen Lernforschritt und
  • - beständige Qualitätskontrolle
  • zur Tradition des Fernstudiums gehören und sich neuerdings auch als Schlüssel-elemente für den Erfolg von Mega-Universitäten erwiesen haben.

B. Welch ein Siegeszug der Fernstudiendidaktik!

Wenn es da nicht, verknüpft mit der Geschichte aller großen Fernstudien-Institutionen, das Problem des sogenannten "drop-out" gäbe.
Bis zu 85% Abbrecherquoten werden von vielen Fernstudieninstitutionen berichtet und entschuldigend kann man hinzufügen, dass es den andern Institutionen auch so gehe: weltweit.
Nun, das liegt an der Heterogenität der Teilnehmer, die sich vom Fernstudium als -oft - berufsbegleitender - Weiterbildung angezogen fühlen. Dabei kommt es vor, dass auch umgekehrt, über 90% der Teilnehmer einen Kurs erfolgreich abschließen. Und dann muss man sich fragen, was man dazu tun kann, damit die Abbrecherquoten nicht das System selbst in Frage stellen.
Manchmal hilf eine Definition: Wer sind die "Abbrecher"? 1988 haben wir versucht diese Gruppen an einem Pflichtkurs "Mathematik für Wirtschaftswissenschaftler" zu identifizieren (Prozentzahlen beziehen sich auf die Gruppe aller ursprünglich in diesem Kurs Eingeschriebenen):
  • - Manche wollten ja eigentlich nur das Kursmaterial besitzen, weil es aktuelle Entwicklungen im Fachgebiet schön übersichtlich darstellt, sie fangen gar nicht erst an, Aufgaben einzuschicken und werden "nonstarter" genannt (34%)
  • - Manche wollten das Kursmaterial haben und auch durcharbeiten, weil sie auf dem Laufenden bleiben wollten- vielleicht haben sie auch mal die eine oder andere Eindendeaufgabe eingeschickt und sich dann wieder zurückgezogen: die nennen wir "draw-backs" (22%)
  • - manche haben angefangen, regelmäßig das Material zu bearbeiten, Einsendeaufgaben einzuschicken und hören dann letztlich vor der Klausur auf, melden sich nicht mehr oder sind frustriert: die nennen wir "drop-out" weil sie ja ursprünglich mal den Kurs zu Ende bearbeiten wollten (16,5%)
  • - Manche aber wollten mehr machen, schicken alles ein, könnten auch die Abschlussprüfung schaffen, aber kommen nicht zur Prüfung (weil sie eine ähnliche Prüfung vor vielen Jahren schon mal gemacht haben und keine Bescheinigung über ihren Lernerfolg brauchen) die nennen wir "no-shows" (13%)
  • - Die letzte - kleine- Gruppe fällt bei der Prüfung durch (5%) oder besteht (9,5%) .
Man kann natürlich diese Zahlen auch anders rechnen: Wenn wir den jeweiligen Anteil im Verlauf des Studium anschauen, also die Größe der Gruppe zur jeweils vorher noch verbliebenen Kohorte berechnen, dann ergibt sich ein anderes Bild:
1. Ein Drittel der eingeschriebenen Studierenden fängt gar nicht erst an. (nonstarters)
2. vom Rest zieht sich ein Drittel nach der ersten Eindendeaufgabe zurück (draw-backs)
3. vom Rest hört ein Drittel vor dem Minimum an Einsendearbeiten, die zur Zulassung zur Klausur nötig wären, wieder auf (drop-outs)
4. vom Rest, die alle Voraussetzungen erreicht haben, melden sich aber 47% nicht zur Prüfung (no-shows)
5. Ein Drittel der Kandidaten fällt bei der Prüfung durch. Auf Befragen darf man also ohne zu lügen auch äußern, dass in solch einem Kurs die Erfolgsquote 66,5% war.
Mnemotechnisch braucht man sich also nur zu merken, dass es verschiedene Ebenen des Studienabbruchs gibt und dass auf jeder Stufe mindestens ein Drittel der Kursbeleger rausfällt.
Studienabbruch hat so viele biographische Gesichter und solange die Organisationsform des Fernstudiums auf solch heterogene Biographien keine Rücksicht nehmen kann, solange wird "Studienabbruch" ein Problem bleiben.

C. Ansätze zur Lösung:

Nehmen wir als Beispiel wieder den Vergleich von Kursen an der FernUniversität. Bei der Erforschung von Studienabbrechern sind uns 1988 die oben genannten Gruppen in wirtschaftswissenschaftlichen Grundkursen aufgefallen:
"Erfolgsquoten" von nur 15% der ursprünglichen Beleger-Kohorte sind bei schwierigen Kursen an der FernUniversität keine Seltenheit; wenn dann aber das Verhältnis in einem Studiengang für die Ausbildung von Sonderschulpädagogen genau umgekehrt wird und wir nur weniger als 15% Abbrecher über die gesamte Dauer des Studienganges finden, dann müssen wir nach Erklärungen suchen:
Also, welches sind die Merkmale von Organisationsformen, wo Studierende erfolgreich ein Fernstudium absolviert haben?
Schon die System-Beschreibung der Teilnehmerschaft macht die Unterschiede deutlich. Auf der einen Seite eine völlig heterogene Teilnehmerschaft mit unterschiedlichsten Voraussetzungen und Lebenssituationen -
auf der andern Seite eine sehr homogene Zielgruppe, regional in Gruppen zusammengefasst, im selben Berufsfeld tätige Lehrer (also lern-gewohnte Erwachsene), mit immerhin deutlicher Anerkennung des Arbeitgebers (Stundenreduktion im Beruf) und , was mir didaktisch am wichtigsten erschien, höchst bedeutungsvollen Inhalten: was heute gelernt wurde, konnte morgen in der Praxis erprobt werden. Wenn Hochschulweiterbildung sich einer solchen Organisationsform des Fernstudiums bedienen kann, werden 85% Erfolgsquote möglich!

D. Micro Didaktik für Mega Systeme

Fernstudium heute hat mehrfach seinen Namen geändert, man hört so Begriffe wie "Distance Learning", früher war der Name der Hauszeitschrift der OpenUniversity "Teaching at a Distance", parallel dazu wäre "Learning at a Distance" als Übersetzung von "Fernstudium" noch verständlich, aber stattdessen spricht man in den achtziger und neunziger Jahren von "Open DistanceLearning" und seit dem Einzug des Begriffs des Virtuellen sogar von "virtual learning", was natürlich Quatsch ist, weil das Lernen im Zentralnervensystem des Lerners wirklich stattfinden soll und nicht in der virtuellen Welt von Computernetzen: Meine Bedenken gegen diesen Ausdruck sind schnell erklärt. Virtuelles Lernen wäre dann möglich, wenn der Computer selbst in einer Art AI System Wissen akkumuliert und sein Verhalten aufgrund des erworbenen Wissens ändern kann, das ist denkbar, wird in einigen "lernfähigen" sogenannten "bot"- Umgebungen auch gemacht, aber hat zunächst wenig mit menschlichem Lernen zu tun.
Dann schon lieber "Distance Learning", besonders wenn man es als klassische Form des Fern-Unterrichts begreift. Dies wäre dann der Vorläufer von "e-Learning", was sich als Ausdruck für das Lernen mit elektronischen Medien eingebürgert hat und seinerseits zumVorläufer der speziellen, modernen - Situation des "m-learning" ("mobile Learning") geworden ist.
Nehmen wir einfach mal an, dass das Fernstudium gut erforscht ist, dass es seine Leistungsfähigkeit in zahlreichen Facetten auch beweisen konnte und dass die Menschen, die sich mit Fernstudium auskennen auch den Netz-Lehrmaterial-Entwicklern gute Ratschläge geben können, weil die Struktur didaktischer Interventionen im Lernprozess eigentlich unabhängig von den benutzten Präsentations- und Kommunikations- Medien geplant und evaluiert werden muss.
Fernstudium heute muss sich also nicht mehr nur mit dem, was gelehrt werden soll auseinandersetzen sondern auch mit dem Transport, den Medien und ihren Eigenheiten und schließlich besonders auch mit der Situation in der der Lernende sich gerade befindet. Das ist ein wirkliches Kontrastprogramm zu der Fernstudiendidaktik der achtziger Jahre: In jenen Jahren ging es um die Optimierung von Hochschullehre, wie wenn es schon erreicht wäre, dass Wissenschaft sich selbst zu vermitteln im Stande sei. Heute wird vom Fernstudium auch noch verlangt, dass es die Kommunikationskanäle optimal nutzt und die lebensgeschichtliche Situation des Lernwilligen mit in ihre Überlegungen einschließt. Was wird denn da heute noch besonderes zu erforschen sein?
Fernstudium besitzt heute als organisatorisches Angebot folgende Standard-elemente:
  • · Werbung und Aquise (Einschreibung) über moderne Medien,
  • · Präsentation von "Lehrmaterial" in unterschiedlichen "Medien", oft komplett im WWW,
  • · Kommunikation mit Interessenten und eingeschriebenen Studierenden zur Begleitung des Lernweges und zur ständigen Rückmeldung über Lernerfolg
  • · Ermöglichung eines Diskurses zwischen Lehrenden und Lernenden
  • · Kommunikation der Teilnehmer untereinander
  • · Trainings - schleifen bei Routine-Lernmaterial
  • · Prüfungen
  • · Zertifizierung des Erfolgs und Evaluation des Systems
Diese Standard-elemente sind einerseits technischer Bestandteil von gängigen software-Paketen aber auch zentrale Elemente von hunderten von mittlerweile entwickelten "Plattformen", ineinandergreifenden Systemen, die speziell für e-learning entwickelt wurden. Didaktisches Problem heute ist, dass es noch viel zu wenig echtes Lehrmaterial - wenn man von Informatik, Betriebswirtschaft und Computernutzungskursen absieht - gibt, als dass die Plattformen mit echten konkurrierenden Angeboten auch gefüllt werden könnten.
Was ist der Sinn solcher Plattformen? Das WWW ist tendenziell zu groß. Ein Ausdruck wie "lost in hyperspace" mutet zwar chic an, wem dies aber passiert, wenn er eigentlich etwas Dringendes zu erledigen gehabt hätte, muss sich vorkommen wie ein kleines Kind, das sich im Wald verirrt hat. Völlige Orientierungslosigkeit im Netz ist eine Gefahr, der jene zu begegnen haben, die zuständig sein wollten für die Strukturierung eines Lernweges - Der unendliche Lernraum hat keine natürlichen Wegweiser - das WWW ist Realität. Sich ohne "Lotse" darin zurechtzufinden, birgt viele Gefahren, einschließlich der, die vom bösen Wolf in Rotkäppchens Wald ausgehen. Moderner ausgedrückt- versuchen Sie mal, auf der Autobahn quer durch das Ruhrgebiet zu fahren, ohne ein einziges Hinweisschild sehen zu können. So werden wir uns also um hierarchisch angeordnete Suchmaschinen, um strukturierende Entscheidungshilfen, um "bots" ("lernende" Systeme mit natürlichsprachigem Ein- und Ausgang) kümmern müssen.
Es ist noch viel zu erforschen: und das Feld des e-learning ist auch gut für mancherlei Überraschung. Wer würde denken, dass in einem virtuellen Seminar sich ähnliche Verhaltensweisen finden lassen wie in jedem Hochschulseminar? Hier wie dort finden wir zum Beispiel viele Lernwillige, die lieber den Lernweg anderer still beobachten und sich nie "melden". Manche Seminarleiter beschweren sich über "lurking" oder "Zaungäste" und vergessen dabei ihre eigene Schulzeit, wo sie sich eher bedeckt gehalten haben, wenn die ganze Gruppe gefragt war, wo sie trotzdem gelernt haben ohne selbst "dran" zu sein. Oder die Erkenntnis, dass Menschen nur schwer erreichbar sind für traditionelle Bildungsveranstaltungen in Institutionen- In England gibt es deswegen ein EU Projekt im Bereich des "mobile learning" wo ein Alphabetisierungskurs über Mobiltelefone läuft.
Die Geschichte des modernen Fernstudiums hat gerade erst angefangen.