Das Ziel der Voctade-Studie besteht darin, zu der
Entwicklung von Wissen auf dem Gebiet der beruflichen Bildung
und der Berufsausbildung (Vocational Education and Training, VET)
per Fernstudium innerhalb der Europäischen Union (EU) beizutragen.
Unter den Methoden, die zum Erreichen dieser Zielsetzung
eingesetzt wurden, befindet sich u.a. eine Schätzung des
industriellen Marktes für die Ausbildung per Fernunterricht
innerhalb der EU.
Wenige Tage vor dem Beenden der Untersuchung wurde
Ende 1997 durch eine äußerst systematisch arbeitende
Methodik herausgefunden, daß sich der größte
VET-Anbieter innerhalb der EU im niederländischen Nijmegen
befindet. Dies ist ein Faktum, das der europäischen VET-Dokumentation
bis dahin recht unbekannt geblieben war.
Frühere Forschungen innerhalb des Projekts hatten
das dem französischen Bildungsministerium angehörige
Centre National d'Enseignement a Distance (CNED) als den größten
VET-Anbieter einer Regierung in der EU identifiziert.
Im Jahr 1997 haben beide Institutionen zusammen 1.050.000
Auszubildenden eine Berufsausbildung angeboten, wobei alle Auszubildenden
per Fernunterricht studierten. Das CNED zählt im Jahr 400.000
eingeschriebene Studenten, während das Krakov Beheer, das
Institut in Nijmegen, auf eine Zahl von 650.000 kommt.
Das Voctade-Projekt beginnt damit, VET per Fernstudium in der EU im globalen Kontext zu analysieren. Dabei zeigt die Untersuchung, daß es vier Arten der Versorgung gibt:
Obwohl dies ein reichhaltiges und komplexes Gebiet
bezeichnet, belegt die Studie, daß seine Dimensionen bis
heute in Europa unerkannt geblieben sind. Nur der letzte Teilbereich,
also die auf dem Individuum beruhende Versorgung mit zuvor vorbereiteten
Materialien, kommt innerhalb der Europäischen Kommission
oder in nationaler Gesetzesdokumentation vor.
Wichtig bei diesem fehlenden Wissen über die
Dimensionen des Gebietes der Ausbildung per Fernstudium ist, daß
heute in den USA ein dynamisches Feld für das auf Gruppen
basierende Fernstudium für Teilzeitstudenten existiert. Dieses
gründet auf der durch den Fernunterricht wahrgenommenen Anwendung
der neuen Technologien innerhalb der Telekommunikation, die die
elektronische Revolution der 80er Jahre verfügbar gemacht
hat.
Charakteristisch für diese Entwicklungen sind
Satellitensysteme, Videokonferenzsysteme, ein aktiver Listserver
sowie ein Online- Fernstudiensymposium auf einem Server der Pennsylvania
State University, das das theoretische Denkgebäude darstellt,
mit dem nahtlos an eine durch das Netz garantierte Versorgung
angeknüpft wird.
Es besteht kaum ein Zweifel, daß das World
Wide Web das erfolgreichste Werkzeug verkörpert, das seit
langem Eingang in das Gebiet der Bildung gefunden hat. Es verbindet
und integriert Texte sowie hör- bzw. sichtbares Material
mit der Interaktion unter den Teilnehmern. Es kann auf einer globalen
Ebene genutzt werden und ist nicht von einer Plattform abhängig.
Obwohl es zum größten Teil ein asynchrones Medium ist,
kann es auch für synchrone Ereignisse verwendet werden. Es
ist daher nicht weiter verwunderlich, daß Ausbilder, Dozenten,
Fernstudienanbieter sowie Lehreinrichtungen aller denkbaren Ebenen
das Netz mehr und mehr als ein Zustellungsmedium nutzen.
Der Voctade-Bericht geht daraufhin dazu über, die vier Sektoren zu benennen, in denen VET normalerweise in der EU studiert wird:
und konstatiert, daß sein Augenmerk auf 'Ausbildung
per Fernstudium' liegt, 'Ausbildung' aber weitreichend interpretiert
wird, und daß höhere Bildung per Fernstudium ebenfalls
als ein Kontext untersucht werden wird.
Dann unterteilt der Voctade-Bericht die per Fernstudium
in der European Union angebotene VET in vier Kategorien, von denen
jede ihr spezifisches didaktisches und institutionelles Modell
besitzt:
Diese Einteilung bezeichnet den Rahmen, auf dem die
Untersuchung fußt. Da es 16 Nationen gibt, wobei Belgien
zweimal gezählt wird, folgt, daß es 64 einzelne Zellen
innerhalb der Studie gibt. Jede der 64 europäischen Zellen
ist dann Subjekt einer intensiven Untersuchung, durch die die
genaue Zahl der institutionellen Anbieter bestätigt wird;
die genaue Zahl der Eingeschriebenen für jeden institutionellen
Anbieter in jeder der 64 Zellen; das Ausmaß des Beitrags
jeder Zelle für den europäischen Fernbildungsindustriemarkt;
die Arten der Evaluation, des Testens und der Zertifizierung,
die angeboten werden, die Übertragbarkeit der Qualifikationen
von einer Zelle zur anderen und von ausserhalb der EU nach Mittel-
und Osteuropa. Die Ergebnisse sind bemerkenswert: So wurden nicht
weniger als 874 institutionelle Anbieter identifiziert. Des weiteren
wurden nicht weniger als 2.600.000 EU-Bürger gefunden, die
sich im Jahr 1997 ab dem 1. Januar dazu entschlossen haben, sich
für ein Ausbildungsprogramm per Fernstudium einzuschreiben,
wobei ein sich jährlich wiederholendes industrielles Volumen
für die Ausbildung per Fernunterricht von mehr als einer
Milliarde Ecu ergab.
Die Untersuchung der Bewertungs- und Testtheorien
und seiner Praxis für die Fernstudiensysteme innerhalb der
Voctade-Berichte führt zu der überraschenden Schlußfolgerung,
daß die Kreierung einer Bildungsumgebung für Fernstudenten
ausschlaggebend für Erfolg oder Mißerfolg im Fernstudium
ist. Daraus folgt, daß weniger die Entwicklung von projektgestützten
Materialien als der Aufbau von Systemen als zentrales Element
für Fernstudenten angesehen werden muß.
Die Schlußfolgerung des Berichts im Hinblick
auf die Transparenz und die Übertragbarkeit von via Fernstudium
erworbenen Qualifikationen scheint über die 64 Zellen hinweg
eher pessimistisch. Es gibt keine spezifischen Regelungen für
per Fernunterricht erworbene Qualifikationen, und die Problematik
der in mehreren Ländern gleichzeitig stattfindenden Unterrichtung
von Fernstudienprogrammen, etwa via Satellit, durch Videokonferenzen
oder das World Wide Web, scheint nicht angesprochen worden zu
sein.
Es wird verdeutlicht, daß das Modell der durch
eine Regierungsinstitution angebotenen Ausbildung per Fernunterricht
durch die französische Regierung seit 1939 weiterentwickelt
worden ist. Dieses Modell wird für Australien, Neuseeland,
Wallonien, Flandern, Spanien und Großbritannien weiter verfolgt
und als ein wichtiger europäischer Beitrag für den Fernunterricht
herausgestellt. 1997 betrug der Anteil dieses Modells am europäischen
Fernunterrichtsmarkt 35%, wobei sich diese Zahl auf die Anzahl
der Bürger bezieht, die in einem beruflichen Ausbildungsprogramm
eingeschrieben waren.
Das Modell der privaten Institutionen, die Ausbildung
per Fernunterricht anbieten, hat seine Ursprünge im 19. Jahrhundert,
und Beispiele für dasselbe können heute noch immer in
fast jedem Land der EU gefunden werden. Die größten
Anbieter findet man in Spanien, den Niederlanden, Deutschland
und Großbritannien. Diese Einrichtungen besitzen einen Anteil
von 39% an dem für das Jahr 1997 geltenden Markt für
Ausbildung via Fernstudium.
In den frühen 70er Jahren übernahm Europa
durch die Gründung von Fernuniversitäten, die von den
Regierungen Großbritanniens, Spaniens und dem Bundesland
Nordrhein-Westfalen vorgenommen wurden, die weltweite Führung
auf dem Gebiet des Fernstudiums. Es folgten Gründungen in
den Niederlanden und Portugal sowie jüngste Einrichtungen
in Barcelona (Spanien) und Patras (Griechenland). Für das
Jahr 1997 betrug der Anteil dieser Institutionen am europäischen
Fernstudienmarkt 19%.
Die Versorgung mit universitären Fernstudienkursen,
die mit einem akademischen Grad abschließen, oder Teile
von akademischen Kursen geht auf das späte 19. Jahrhundert
in den USA und (in der Art und Weise von auf dem Individuum basierender
Fernstudienversorgung ohne zuvor vorbereitetes Material) auf ca.
1840 an der University of London zurück. Dies ist die normale
Form der Versorgung mit universitären Graden im Fernunterricht
in Ländern, die sich dazu entschieden haben, keine offene
Universität zu gründen wie Dänemark, Finnland,
Frankreich, Irland, Italien, Schweden, oder die ein Modell gewählt
haben, in dem konventionelle Universitäten mit einer etablierten
offenen Universität um den Markt konkurrieren, wie. z.B.
Großbritannien. Diese Programme nehmen 7% des Marktes ein.
Die Studie zeigt auf, daß die Ausbildung per
Fernunterricht ein wichtiges Gebiet der VET innerhalb der EU darstellt,
da sie diejenige Art der Ausbildung darstellt, die jedes Jahr
von fast 2.600.000 EU-Bürgern gewählt wird. Sie bedeutet
eine normale Form der Bereitstellung von Ausbildung für viele
Bürger, die isoliert leben, für diejenigen Personen,
die zu weit entfernt von der Institution sind, die einen bestimmten
benötigten Kurs anbieten, für die, die einer Vollzeitbeschäftigung
nachgehen und für all diejenigen, die nicht den Zeitplänen
für Vorlesungen, Unterricht, Praktika und Workshops nachkommen
können, die charakteristisch für andere Formen der VET-Versorgung
sind. Außerdem ist sie die einzige Form der Versorgung für
viele Gefängnisinsassen, Krankenhauspatienten, Behinderte,
benachteiligte Schichtarbeiter und Hausfrauen.
Die Studie übernimmt die Schlußfolgerungen
des Online-Fernstudiensymposions, nach dem auf globaler Basis
mehr als 60% aller Fernstudenten Frauen sind.
Weiterhin erhellt die Studie, daß die Ausbildung
per Fernunterricht die normale Art der Ausbildung für Steuerzahler
darstellt. Sie stellt heraus, daß Steuerzahler ihre Steuern
für die Bildung der Altersgruppe von 5 bis 25 Jahren entrichten.
Wer aber kommt für die Bildung der Steuerzahler selbst auf?
Seit Jahrzehnten ist diese Funktion hauptsächlich vom Fernstudium
erfüllt worden.
Die stetig anwachsende Literatur über berufliche
Bildung und Berufsausbildung in Europa enthält bereits einige
wichtige Veröffentlichungen wie z.B.:
Diese Veröffentlichungen behandeln jedoch nicht
den Aspekt der Komplexität und Reichhaltigkeit der Ausbildung
per Fernunterricht in Europa. Daher wird eine ergänzende
Veröffentlichung von aus den Voctade-Daten gewonnenen Bänden
angestrebt.
Die Voctade-Studie kommt rechtzeitig zu einem Zeitpunkt,
da die vier Sektoren virtueller Ausbildung und der Ausbildung
per Fernunterricht in Europa mit ihren sich jährlich wiederholenden
Marktvolumen großen Herausforderungen an der Schwelle zum
21. Jahrhundert gegenüber sehen. Es gibt zudem Hinweise darauf,
daß die zuwenig realisierte globale Bedeutung virtueller
Systeme und Fernstudiensysteme sowie die fehlenden Fertigkeiten,
elektronische und auf dem WWW basierende Technologien für
die Ausbildung per Fernstudium nutzbar zu machen, bewirkt, daß
die Initiative in dieser Form von VET, in der die europäischen
Nationen einst führend waren, anderen Ländern überlassen
wird.
H. Fritsch
D. Keegan
B. Vertecchi
30/11/1997