ZIFF-Papiere 109 - Benedetto Vertecchi -
Elemente einer Theorie des Fernunterrichts
Fußnoten
- Siehe B. Vertecchi (Hrsg.),
Il secolo della scuola, Florenz, La Nuova Italia, 1995.
- Der letzte Abschnitt dieses
Jahrhunderts beginnt, die widersprüchlichen Aspekte unserer
Bildungssysteme, die sich bis dato entwickelt haben, aufzudecken.
Unter allen Anzeichen der Regression erscheint besonders das Phänomen
des "wiedererworbenen Analphabetentums" von Bedeutung,
das eine wachsende Anzahl Erwachsener betrifft. Man sollte bedenken,
daß sich wiedererworbenes Analphabetentum - der fortschreitende
Verlust von Lese- und Schreibfähigkeiten - auf diejenigen
Personen bezieht, die in ihrer Jugend bereits mehrere Jahre an
Bildung erhalten haben. Dieses Phänomen stellt unsere Vorstellung
von "schulischer Bildung" eindeutig in Frage, oder,
mit anderen Worten ausgedrückt: Obwohl schulische Bildung
notwendig bleibt, ist sie keineswegs mehr ausreichend, um die
Ausstattung mit denjenigen intellektuellen Fertigkeiten zu garantieren,
die als fundamental für unsere Kultur angesehen werden. Zu
diesem Zeitpunkt untersuchen mehrere Länder das Phänomen
des wiedererworbenen Analphabetentums. Die eingehendste Studie
unter diesem Aspekt ist eine Untersuchung des Statistischen Instituts
in Kanada, an der die Statistischen Institute anderer Nationen
wie der USA, Großbritanniens und der Bundesrepublik Deutschland
teilnehmen.
- Das 19. Jahrhundert bietet,
obwohl es nur wenig quantitativ erfaßbare Daten geliefert
hat, viele Zeugnisse aus erster Hand wie z.B. die äußerst
eindrucksvollen Beschreibungen innerhalb literarischer Werke.
Man denke nur an die Beschreibung der Kindheit in den Romanen
von Dickens oder Verga oder an das, was direkt oder auch indirekt
De Amicis beschreibt, z.B. in seinem Roman Amore e ginnastica,
wo die physische Schönheit der Protagonistin, einer Lehrerin,
im Kontrast zu den mißgebildeten Kindern der ihr anvertrauten
Schulklasse steht.
- Daß ein Zusammenhang
besteht zwischen verlängerter Schulzeit und der Unzufriedenheit
unter Jugendlichen, ist längst kein Geheimnis mehr. So hat
sich z.B. in den USA insbesondere eine Form "aggressiv-urbaner"
Unzufriedenheit unter Jugendlichen derart ausgeweitet, daß
ein neuer Forschungszweig "urbaner Erziehung" gebildet
wurde, der o.g. Phänomen analysieren soll. Dies bedeutet
natürlich nicht, daß ein einfaches Ursache-Wirkung-Prinzip
zwischen schulischer Bildung und Unzufriedenheit unter Jugendlichen
besteht, da es noch viele andere Faktoren gibt, die in dieser
Hinsicht eine Rolle spielen (z.B. die schlechte Qualität
des Schulunterrichts).
- Verläßliche Schätzungen
taxieren die Lebensdauer vieler heutiger Wissensgebiete auf nur
wenige Jahre. Obwohl dies sicherlich nicht für alle Domänen
gilt, so stellt sich durch den schnellen Wechsel von Gegenständen
in den Inventaren bestimmter Wissensgebiete doch die Frage, wie
das Individuum innerhalb dieser Bereiche im Verlauf seines gesamten
Lebens auf dem neuesten Stand des Wissens gehalten werden soll.
- Die ersten Versuche auf
dem Gebiet des Fernunterrichts in der Form von Korrespondenzunterricht
liegen mehr als 150 Jahre zurück. Diese Kurse bestanden aus
stark vereinfachten Lektionen, die in Fortsetzungen versandt wurden
und üblicherweise Methoden zur Bearbeitung von speziellen
Aufgaben behandelten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnten
aber in den USA bereits universitäre Fernkurse belegt werden.
- Für eine Gesamtübersicht
bezüglich der Probleme des Fernunterrichts vgl. D. Keegan,
Principi di istruzione a distanza, Florenz, La Nuova Italia,
1994.
- Diese Überlegungen
gelten für den Fall, daß man das Fernunterrichtsangebot
einem umfangreichen, in einem weiten Gebiet gleichmäßig
verteilten Publikum unterbreiten möchte. Sicherlich ist die
Lage anders, wenn das Publikum begrenzt ist oder wenn man innerhalb
eines Forschungsvorhabens tätig wird, das sich gerade der
Erforschung der von neuen Mitteln eröffneten Möglichkeiten
widmet. Beispielsweise wird in den von der Erziehungswissenschaftlichen
Fakultät der Università di Roma Tre angebotenen post-universitären
Fernkursen von der Verfügbarkeit spezieller Ausstattung seitens
der Studenten abgesehen. Dennoch werden, parallel zum aktuellen
Angebot, das die Mehrzahl der Studenten betrifft, Experimente
durchgeführt, die den Gebrauch fortgeschrittener Technik
vorsehen. In diesem zweiten Fall müssen die Studenten über
eine Verbindung zum Internet und über eine Email Adresse
verfügen.
- Die Didactica Magna (in
der die oben erwähnte Definition von Didaktik auftritt) wurde
1657 veröffentlicht. In der Überschrift des Werkes steht
der erklärende Untertitel Universale omnes omnia docendi
artificium exhibens, unmittelbar danach, in der Widmung an
die Leser, liest man Didactica docendi artificium sonat.
- Über die unterschiedlichen
Auslegungen der Lehrtätigkeit siehe B. Vertecchi, Interpretazioni
della didattica, Florenz, La Nuova Italia, 1990.
- Der naturalistische Vorschlag
wird durch Argumente bestärkt, die aus der statistischen
Analyse der Verteilung bevölkerungsbezogener deskriptiver
Variablen stammen. Es wird z.B. festgestellt, daß die Verteilung
der wichtigsten Verhaltensvariablen eine Glockenform annimmt,
also der Zufallsverteilung einer binomischen Variablen entspricht.
Bei der Analyse der Verteilung der Variablen, die sich auf schulisches
Lernen beziehen, trat (und tritt unter den "traditionellen"
didaktischen Bedingung heute noch) eine starke Korrelation mit
jenen Variablen auf, die sich auf die verhaltensmäßige
Begabung beziehen. Dies wurde als Argument für die deterministischen
Interpretationen der Wahrscheinlichkeit des Studienerfolgs verwendet.
Solche Gedankengänge sind von B. S. Bloom und anderen rigoroser
Kritik unterzogen worden, und zwar im Umfeld der genaueren Beschreibung
des theoretischen Rahmens des Vorschlags, die Lehrtätigkeit
zu individualisieren, bekannt als mastery learning (vgl.
J. H. Block (Hg.), Mastery Learning. Procedimenti scientifici
di educazione individualizzata, Turin, Loescher, 1972). Das
Problem bleibt aktuell und ruft in regelmäßigen Abständen
lebhafte Debatten hervor; die letzte folgte auf die Veröffentlichung
eines Aufsatzes von R. Herrnstein und C. Murray, The Bell Curve:
Intelligence and class structure in American life, New York,
The Free Press, 1994. Die Argumente von Herrnstein und Murray
sind sicher nicht originell, da sie zu Ergebnissen kommen, die
an die bereits von A.R. Jensen in einem Artikel von 1969 entwickelten
erinnern. In diesem Artikel behauptet er, daß die in den
USA Anfang der 60er Jahre begonnenen ausgleichenden Erziehungsprogramme,
deren Ziel die Überwindung der sozialen und kulturellen Beeinflussung
und insbesondere der Beeinflussung ethnischen Ursprungs war, im
wesentlichen nutzlos sind (vgl. "How Much Can We Boost IQ
and Schoolastic Achievement?", Harvard Educational Review,
Winter 1969). Die durch den Aufsatz von Herrnstein und Murray
angeregten Reaktionen heben vor allem den mittlerweile ideologischen
Charakter der Hinweise auf die Normalverteilung hervor, deren
Rolle die Tarnung von Standpunkten geworden ist, die auf sozialer
Ebene konservativ sind (vgl. R. Jacoby, N. Glauberman (Hg.), The
Bell Curve Debate, New York, Random House, 1995; J. L. Kincheloe,
S. R. Steinberg, A. D. Gresson III (Hg.), Measured Lies.
The Bell Curve examined, New York, St. Martin's Press,
1996.
- In der starken Bedeutung
wird die Didaktik immer eine Vielzahl von Dimensionen umfassen,
die kognitive, affektive und relationale Dimensionen der Lehrtätigkeit
einbeziehen. In den schwachen Bedeutungen werden eine oder mehr
Dimensionen gegenüber den anderen hervorgehoben: Das ist
es, was bei vielen didaktischen Vorschlägen geschieht, die
sich als "alternativ" vorstellen, bei denen aber der
großen Aufmerksamkeit hinsichtlich einer Komponente des
Unterrichts die Vernachlässigung der anderen gegenübersteht.
Eine Zusammenstellung der Bedeutungen "stark" und "schwach"
findet sich in B. Vertecchi, "La didattica", in: B.
Vertecchi, La scuola italiana verso il 2000, Florenz, La
Nuova Italia, 1984, S. 370-381.
- Das ist der Fall des Fernstudiums,
aber auch vieler Organisationsmodelle schulischer Bildung, die
in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurden und in unterschiedlichem
Maße von der Spezialisierung und der Aufteilung der didaktischen
Aufgaben charakterisiert werden.
- Eine ideologische Komponente,
die in der Debatte um die Nutzung technischer Ausrüstung
in der Lehre häufig vorkommt, ist der "Konsumismus"
(die Verbrauchstendenz). Vgl. B. Vertecchi, "Per una critica
del consumismo educativo", Cadmo, I, 2, 1993, S. 5-16.
- Der "Neuismus"
in der Erziehung ist Ausdruck einer gedanklichen Haltung, die
von der manichäischen Gegenüberstellung des Wissens
und der verfügbaren Vorgehensweisen, die als das Böse,
und derjenigen, die sich als Ersatz anbieten, die als das Gute
angesehen werden, gestützt wird. Da die Ersatzvorschläge
nicht überprüft sind, ist der ihnen geschenkte Glaube
nur Ausdruck von Ideologie. Und es handelt sich um eine Ideologie,
die im Grundsatz destruktiv ist und im Gegensatz zur wissenschaftlichen
Rationalität steht, welche hingegen durch die rigorose empirische
Überprüfung der innovativen Hypothesen voranschreitet.
- Dieses Mißverhältnis
ist um so offensichtlicher, wenn man die historische Entwicklung
des Fernstudiums betrachtet, in der das Auftreten einer neuen
Bildungsnachfrage die dynamische Komponente ist. Die Verfügbarkeit
technischer Ressourcen hat einige Aspekte des Bildungsangebots
verbessert, kann sich aber nicht als der zentrale Bestandteil
in der Definition der übernommenen Lösungen verstehen.
Noch heute bedient sich ein bei weitem mehrheitlicher Teil des
Fernstudiums der traditionellen didaktischen Werkzeuge. Dabei
fällt es schwer auszudrücken, wie groß der tatsächliche
Beitrag der Lösungen gewesen sein mag, die sich eher auf
komplexe Technologien verlassen haben, auch wegen der Geschwindigkeit
der Verringerung des Marktwertes der einzelnen Vorschläge.
Es ist in der Tat nicht selten, daß mit Nachdruck ein Prototyp
mit stark innovativen Merkmalen vorgestellt wird, daß dieser
Prototyp dann aber keine Folge hat, weil die Projektierung und
Realisierung der Lehrprogramme mit den Zeiten der technologischen
Veränderung nicht kompatibel ist. In vielen Fällen sollte
man sich auch fragen, welcher Nutzen darin liegt, Lösungen,
die sich als zweckmäßig erwiesen haben, durch andere
zu ersetzen, deren Zweckmäßigkeit nicht wesentlich
anders ist, die aber weit mehr Ressourcen beanspruchen, sowohl
bei denen, die Bildung verteilen, als auch bei denen, die davon
profitieren. Man gewinnt den Eindruck, daß allzu oft die
Logik der Schaffung eines Marktes vorherrscht gegenüber der
Logik der didaktischen Entwicklung. Für eine allgemeine Einführung
zu den Problemen des Fernstudiums, auch im Hinblick auf seine
historische Entwicklung, siehe D. Keegan, Principi di istruzione
a distanza, IV, 5, 1992, S. 37-46.
- Der Mangel an Theorie betrifft
vor allem die didaktischen Aspekte des Fernstudiums, während
zu anderen Aspekten Beiträge von großer Bedeutung vorhanden
sind. Solche Beiträge haben das Erkennen spezifischer struktureller
Komponenten ermöglicht, so daß das konzeptionelle Repertoire
zur Interpretation des Fernstudiums entschieden erweitert werden
konnte. Unter diesem Aspekt sind die Beiträge von O. Peters
beispielhaft, in denen die Besonderheit der Produktion des Fernstudiums
festgestellt wird. Vgl. O. Peters, "Distance Teaching and
Industrial Production: A comparative interpretation", in:
D. Sewart, D. Keegan, B. Holmberg (Hg.), Distance Education.
International Perspective, London, Croom Helm, 1983; O. Peters,
"The Iceberg Has Not Melted: Further Reflections on the Concept
of Industrialisation and Distance Teaching", Open Learning,
IV, 3, 1989.
- Damit wird die alte Frage
der Beziehung zwischen Erziehung und Bildung wieder aufgeworfen.
Sicherlich umfaßt Erziehung sowohl die primäre Anpassung
als auch die sekundäre, während der Bildung eine zentrale
Stellung in der sekundären Anpassung zugesprochen werden
muß. Das bedeutet offensichtlich nicht, daß die primäre
Anpassung nicht den Erwerb von Kompetenzen mit sich bringt, sondern
nur, daß solche Kompetenzen sozusagen in der Kultur des
sozialen Existenzumfelds implizit sind. Grundlegend in dieser
Hinsicht sind Beiträge der anthropologischen Forschung zur
Rekonstruktion der Erziehungsmodelle (man denke an M. Mead, R.
Benedict, C. Lévi-Strauss): Vgl. M. Callari Galli, Antropologia
culturale e processi educativi, Florenz, La Nuova Italia,
1993.
- Die wechselseitige Fremdheit
der Erforschung des Präsenzunterrichts und des Fernunterrichts
mag überraschen. Betrachtet man die Literaturhinweise, so
wird man feststellen, daß es ganz außergewöhnlich
ist, daß Beiträge, die sich auf schulische Didaktik
beziehen, Forschungen nennen, die im Bereich des Fernunterrichts
durchgeführt wurden und umgekehrt. Diese wechselseitige Fremdheit
ist um so unerklärlicher, je eher die Beiträge Querverbindungen
zwischen den beiden Unterrichtsformen betreffen, darunter z.B.
solche bezüglich der Definition der didaktischen Strategie,
bezüglich der Evaluationsmittel, bezüglich der Nutzung
von Technologie beim Lehren und Lernen. Dieses sind Aspekte, bei
denen die Zusammenarbeit zwischen der Fernstudienforschung und
der Erforschung des Präsenzunterrichts vorteilhaft sein könnte.
Besonders bei der näheren Bestimmung der didaktischen Strategie
und des innovativen Werkzeugs (zur Evaluation und zur Kommunikation
der Lehrbotschaft) stellt sich der Fernunterricht wegen der geringeren
Zahl persönlicher Variablen, die in die didaktische Beziehung
verwickelt sind, als eine Umgebung dar, die für empirische
Zwecke besonders gut geeignet ist. Dies wurde bestätigt vom
Laboratorio di Pedagogia sperimentale del Dipartimento di Scienze
dell'Educazione dell'Università di Roma Tre (Laboratorium
für experimentelle Pädagogik der Erziehungswissenschaftlichen
Fakultät der Universität Roma Tre): Die Notwendigkeit,
die Kenntnis einiger Merkmale der Fernstudenten zu vertiefen (es
handelte sich vor allem darum, diejenige Zielsetzungen vorherzusehen,
bezüglich derer sich die größten Lernschwierigkeiten
bemerkbar machen würden), hat zur Formulierung einer neuen
Evaluationstheorie geführt (analoge Evaluation) mit
den damit verbundenen Werkzeugen (analoge Prüfungen).
Später wurden genau diese Theorie und diese Werkzeuge für
die Definition eines neuen Modells individualisierter Bildung
verwendet (Diva, d.h. Didattica Individualizzata con Valutazione
Analogica - Individualisierte Didaktik mit analoger Evaluation),
das sich seit einigen Jahren in der Erprobungsphase an einigen
weiterbildenden Schulen befindet. Siehe: B. Vertecchi, E. Nardi,
M. La Torre, Valutazione analogica e istruzione individualizzata,
Florenz, La Nuova Italia, 1994; E. Nardi, Per una didattica
individualizzata. Gli esperimenti Diva, Neapel, Tecnodid,
1997.
- Eine der Ursachen der geringen
Beachtung des Fernstudiums kann der Glaube gewesen sein (der noch
immer in Teilen der öffentlichen Meinung verwurzelt ist),
daß Fernstudium eine Notlösung ist, auf die man zurückgreift
wegen der Unmöglichkeit, Bildung in der normalen Form bereitzustellen,
als die selbstverständlich der Präsenzunterricht angesehen
wird. Auch aufgrund dieses Glaubens war Fernstudium oft eine zweite
Wahl, die nicht deshalb gewählt wurde, weil man von der Wirksamkeit
dieser Lösung überzeugt war, sondern aufgrund sozialökonomischer
Bedingungen. Solche Bedingungen betrafen sicher nicht die begünstigten
sozialen Schichten, sondern die eher bescheidenen, und einige
Kategorien innerhalb der Schichten betrafen sie auch eher als
andere (z.B. die Frauen mehr als die Männer, die Landwirte
mehr als die Arbeiter aus den Städten usw.). Das Fortdauern
der abweisenden Haltungen wirkt sich ungünstig auf die Möglichkeit
aus, das Angebot an Fernunterricht auszudehnen, um der steigenden
Bildungsnachfrage der Erwachsenen zu entsprechen. Und dennoch
handelt es sich in diesem Fall nicht um eine untergeordnete Lösung,
sondern um die Lösung, die - obwohl nicht die einzige - sicherlich
die meisten Vorteile bietet.
- Es ist ratsam, auf die sich
voneinander weg entwickelnden Ansätze zu achten, die in der
Entwicklung der Massenkommunikation und in der Entwicklung der
Didaktik erkennbar sind: Während die Entwicklung der Massenkommunikation
von der Forderung beherrscht wird, ein immer größeres
Publikum zu erreichen, stellt sich in der Didaktik eine wachsende
Aufmerksamkeit gegenüber individuellen Bedürfnissen
ein. Im ersten Fall wird versucht, die Logik eines kollektiven
Gedankens auszumachen, indem nach gemeinsamen Faktoren gesucht
wird und solche, die divergierende Standpunkte ausdrücken,
fallengelassen werden, während im zweiten Fall genau diese
divergierenden Standpunkte von Bedeutung sind.
- Es wird aus zwei Gründen
auf die "Zentralwerte" Bezug genommen, statt einen spezifischen
Kennwert der zentralen Tendenz anzugeben. Der erste Grund ist,
daß, wenn die Integration von Daten ausgeht, die mit ausreichend
verläßlichen Instrumenten von einer recht großen
Zahl von Subjekten erhoben worden sind, es sehr wahrscheinlich
ist, daß die Kennwerte der zentralen Tendenz sehr ähnliche,
fast übereinstimmende Werte annehmen; der zweite Grund ist,
daß sich der Sachverhalt vollkommen anders darstellt, wenn
bei der Integration subjektive, durch Erfahrung gewonnene Wahrnehmungen
überwiegen, oder wenn die Zusammensetzung der Population
durch selektive Filter oder sozialökonomische Bedingungen
modifiziert wurde. Bei den subjektiven Wahrnehmungen kann der
stärkste Hinweis der Integration von Daten entstammen, die
sich auf die Verhaltensweise von Gruppen beziehen, statt auf die
der ganzen Population. So kann ein Lehrer sein eigenes Modell
des virtuellen Schülers aufstellen unter Berücksichtigung
der zuvor gemachten positiven Erfahrungen; er kann dies aber auch
ausgehend von den negativen Erfahrungen tun. In diesen Fällen
ist die Fähigkeit der Anziehung der modalen Werte wahrscheinlich
größer als die der mittleren Werte.
- Eine Lösung, die sich
im Umfeld der Hypothesen zur synchronischen Integration, in der
das Empfängerprofil kontinuierlich neu aufgebaut und die
Lernbotschaft entsprechend anders formuliert wird, befindet, wird
z.Zt. am Laboratorio di Pedagogia sperimentale del Dipartimento
di Scienze dell'Educazione dell'Università die Roma Tre
(Laboratorium für experimentelle Pädagogik der Erziehungswissenschaftlichen
Fakultät der Universität Roma Tre) definiert. Ausgehend
von der Feststellung, daß ein Teil der Lernschwierigkeit
durch den Besitz unangemessener verbaler Repertoires erklärt
werden kann, wurde zunächst die Funktionsweise eines "Schätzers"
definiert, d.h. einer Prozedur, die es ermöglicht, einen
Hinweis auf die Anzahl der Worte zu erhalten, die seitens des
Empfängers der Lehrbotschaft verfügbar sind. Das Versuchsdesign
sieht vor, die Korrelation zu erheben, die zwischen den vom Schätzer
gelieferten Daten und der Fähigkeit zum Verständnis
eines schriftlichen Textes der Subjekte besteht. Wenn man, wie
angenommen, auf eine hohe Korrelation trifft, kann der Schätzer
als gültig betrachtet und zur Anpassung der Lernbotschaften
verwendet werden. Man wird vorab den Umfang des verbalen Repertoires
bestimmen müssen, das für die "virtuelle"
Formulierung (also abgestimmt auf einen Empfänger, der vollständig
fähig ist, sie zu verstehen) einer bestimmten Lehrbotschaft
verwendet wird, und dann diesen Umfang mit dem der Repertoires
vergleichen, über die jeder einzelne Schüler verfügt.
Die Abweichung zwischen der Beschaffenheit des verbalen Repertoires,
das von der virtuellen Formulierung vorausgesetzt wird, und derjenigen,
über welche die einzelnen Schüler tatsächlich verfügen,
liefert das Ziel der didaktischen Intervention: Es handelt sich
nämlich darum, die Botschaft so neu zu formulieren (es wird
an automatisierten Lösungen gearbeitet), daß eine Anzahl
von Worten verwendet wird, die etwas größer ist, als
die Zahl der den einzelnen Schülern bereits verfügbaren
Worte. Diese Anzahl wird in dem Maße erhöht, wie man
auf eine analoge Erhöhung der Kompetenz der Schüler
trifft. Die Zahl der bei der Neuformulierung der Botschaft verwendeten
Worte wird etwas größer sein als die Zahl der dem einzelnen
Schüler zugesprochenen verfügbaren Worte, da einerseits
die Funktion der Verdeutlichung des Kontextes berücksichtigt,
und andererseits aber die Banalität verhindert werden muß,
die man erhalten würde, wenn die verwendete Sprache exakt
der vorhandenen Sprache gleich wäre: Dann würde man
nämlich eine Situation schaffen, die derjenigen der Massenkommunikation
sehr ähnlich wäre.
- Über die Anwendungen
der Entscheidungstheorie in der Didaktik siehe B. Vertecchi, Decisione
didattica e valuatazione, Florenz, La Nuova Italia, 1993.
- Die verschiedenen Arten,
den Stimulus vorzubringen und die Antwort der Schüler vorab
zu gestalten, machen ebenso vielen Typologien von Tests zur Überprüfung
des Lernens Platz. Da sowohl der Stimulus als auch die Antwort
offen oder geschlossen sein können, erhält man durch
die Kombination dieser Möglichkeiten die vier grundsätzlichen
Typologien, bestehend aus den Tests, bei denen sowohl Stimulus
als auch Antwort offen sind, bei denen beide geschlossen sind,
bei denen der Stimulus offen und die Antwort geschlossen ist,
und umgekehrt bei denen der Stimulus geschlossen, aber die Antwort
offen ist. Die einzelnen Typologien weisen viele Varianten auf,
je nach dem Kontext in dem die Tests tatsächlich eingesetzt
wurden und je nach der mehr oder weniger großen technischen
Schwierigkeit ihrer Organisation: Beispielsweise umfassen die
Tests mit geschlossenen Stimuli und geschlossenen Antworten sowohl
einen großen Teil des traditionellen didaktischen Übungsmaterials
(Wortanalyse, Satzanalyse, Rechenaufgaben usw.), als auch die
strukturellen Tests, wie Multiple-choice-Aufgaben oder den Lückentext
(siehe B. Vertecchi, Manuale della valutazione, Rom, Editori
Riuniti, 1984). Im Fall der geschlossenen Antworten könnte
eine weitere Differenzierung darin bestehen, die formulierte Antwort
von der erkannten Antwort zu unterscheiden. Bislang überwog
die formulierte Antwort in den Situationen traditionellen Typs,
während in den durch eine gewisse organisatorische Komplexität
ausgezeichneten Situationen (dies ist der Fall des Fernstudiums)
die Tests mit erkannter Lösung überwogen. Dennoch besteht
die Möglichkeit signifikanter Veränderungen in dem Maße,
wie sich Programme zur automatisierten Erkennung formulierter
Antworten entwickeln.
- Die Bedingung des Fernstudenten
sollte nicht mit der des Autodidakten verwechselt werden. Während
letzterer dazu neigt, eine subjektive Antwort auf die eigenen
Bedürfnisse zu finden, vergleicht der Fernstudent das eigene
Studienbedürfnis mit einem organisierten Angebot und beschließt
bewußt, dieses Angebot wahrzunehmen. Das impliziert die
Annahme des Status als Schüler und den Respekt einer bestimmten
Anzahl von Regeln, unter denen solche herausragen, die sich auf
Prüfungsverfahren beziehen. Es ist zu bemerken, daß
die Prüfungsverfahren zwei unterschiedlichen Bedürfnissen
begegnen: Das erste Bedürfnis ist didaktischer Art und ist
funktional für die Regulierung der Lernprozesse, das zweite
betrifft die soziale Anerkennung der absolvierten Studien, d.h.,
das Ansehen der Kompetenz, die man mit dem Bestehen bestimmter
Prüfungen verbindet. Unbefangene Initiativen, die sich als
Fernstudium qualifiziert haben, denen aber die aufgezeigten Anforderungen
fehlen, bestärken die negativen Haltungen des Publikums,
indem sie das Bild des Fernstudiums als "minderwertigen"
Bildungsgelegenheit bestätigen.