ZIFF-Papiere 109 - Benedetto Vertecchi - Elemente einer Theorie des Fernunterrichts

Fußnoten

  1. Siehe B. Vertecchi (Hrsg.), Il secolo della scuola, Florenz, La Nuova Italia, 1995.
  2. Der letzte Abschnitt dieses Jahrhunderts beginnt, die widersprüchlichen Aspekte unserer Bildungssysteme, die sich bis dato entwickelt haben, aufzudecken. Unter allen Anzeichen der Regression erscheint besonders das Phänomen des "wiedererworbenen Analphabetentums" von Bedeutung, das eine wachsende Anzahl Erwachsener betrifft. Man sollte bedenken, daß sich wiedererworbenes Analphabetentum - der fortschreitende Verlust von Lese- und Schreibfähigkeiten - auf diejenigen Personen bezieht, die in ihrer Jugend bereits mehrere Jahre an Bildung erhalten haben. Dieses Phänomen stellt unsere Vorstellung von "schulischer Bildung" eindeutig in Frage, oder, mit anderen Worten ausgedrückt: Obwohl schulische Bildung notwendig bleibt, ist sie keineswegs mehr ausreichend, um die Ausstattung mit denjenigen intellektuellen Fertigkeiten zu garantieren, die als fundamental für unsere Kultur angesehen werden. Zu diesem Zeitpunkt untersuchen mehrere Länder das Phänomen des wiedererworbenen Analphabetentums. Die eingehendste Studie unter diesem Aspekt ist eine Untersuchung des Statistischen Instituts in Kanada, an der die Statistischen Institute anderer Nationen wie der USA, Großbritanniens und der Bundesrepublik Deutschland teilnehmen.
  3. Das 19. Jahrhundert bietet, obwohl es nur wenig quantitativ erfaßbare Daten geliefert hat, viele Zeugnisse aus erster Hand wie z.B. die äußerst eindrucksvollen Beschreibungen innerhalb literarischer Werke. Man denke nur an die Beschreibung der Kindheit in den Romanen von Dickens oder Verga oder an das, was direkt oder auch indirekt De Amicis beschreibt, z.B. in seinem Roman Amore e ginnastica, wo die physische Schönheit der Protagonistin, einer Lehrerin, im Kontrast zu den mißgebildeten Kindern der ihr anvertrauten Schulklasse steht.
  4. Daß ein Zusammenhang besteht zwischen verlängerter Schulzeit und der Unzufriedenheit unter Jugendlichen, ist längst kein Geheimnis mehr. So hat sich z.B. in den USA insbesondere eine Form "aggressiv-urbaner" Unzufriedenheit unter Jugendlichen derart ausgeweitet, daß ein neuer Forschungszweig "urbaner Erziehung" gebildet wurde, der o.g. Phänomen analysieren soll. Dies bedeutet natürlich nicht, daß ein einfaches Ursache-Wirkung-Prinzip zwischen schulischer Bildung und Unzufriedenheit unter Jugendlichen besteht, da es noch viele andere Faktoren gibt, die in dieser Hinsicht eine Rolle spielen (z.B. die schlechte Qualität des Schulunterrichts).
  5. Verläßliche Schätzungen taxieren die Lebensdauer vieler heutiger Wissensgebiete auf nur wenige Jahre. Obwohl dies sicherlich nicht für alle Domänen gilt, so stellt sich durch den schnellen Wechsel von Gegenständen in den Inventaren bestimmter Wissensgebiete doch die Frage, wie das Individuum innerhalb dieser Bereiche im Verlauf seines gesamten Lebens auf dem neuesten Stand des Wissens gehalten werden soll.
  6. Die ersten Versuche auf dem Gebiet des Fernunterrichts in der Form von Korrespondenzunterricht liegen mehr als 150 Jahre zurück. Diese Kurse bestanden aus stark vereinfachten Lektionen, die in Fortsetzungen versandt wurden und üblicherweise Methoden zur Bearbeitung von speziellen Aufgaben behandelten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnten aber in den USA bereits universitäre Fernkurse belegt werden.
  7. Für eine Gesamtübersicht bezüglich der Probleme des Fernunterrichts vgl. D. Keegan, Principi di istruzione a distanza, Florenz, La Nuova Italia, 1994.
  8. Diese Überlegungen gelten für den Fall, daß man das Fernunterrichtsangebot einem umfangreichen, in einem weiten Gebiet gleichmäßig verteilten Publikum unterbreiten möchte. Sicherlich ist die Lage anders, wenn das Publikum begrenzt ist oder wenn man innerhalb eines Forschungsvorhabens tätig wird, das sich gerade der Erforschung der von neuen Mitteln eröffneten Möglichkeiten widmet. Beispielsweise wird in den von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Università di Roma Tre angebotenen post-universitären Fernkursen von der Verfügbarkeit spezieller Ausstattung seitens der Studenten abgesehen. Dennoch werden, parallel zum aktuellen Angebot, das die Mehrzahl der Studenten betrifft, Experimente durchgeführt, die den Gebrauch fortgeschrittener Technik vorsehen. In diesem zweiten Fall müssen die Studenten über eine Verbindung zum Internet und über eine Email Adresse verfügen.
  9. Die Didactica Magna (in der die oben erwähnte Definition von Didaktik auftritt) wurde 1657 veröffentlicht. In der Überschrift des Werkes steht der erklärende Untertitel Universale omnes omnia docendi artificium exhibens, unmittelbar danach, in der Widmung an die Leser, liest man Didactica docendi artificium sonat.
  10. Über die unterschiedlichen Auslegungen der Lehrtätigkeit siehe B. Vertecchi, Interpretazioni della didattica, Florenz, La Nuova Italia, 1990.
  11. Der naturalistische Vorschlag wird durch Argumente bestärkt, die aus der statistischen Analyse der Verteilung bevölkerungsbezogener deskriptiver Variablen stammen. Es wird z.B. festgestellt, daß die Verteilung der wichtigsten Verhaltensvariablen eine Glockenform annimmt, also der Zufallsverteilung einer binomischen Variablen entspricht. Bei der Analyse der Verteilung der Variablen, die sich auf schulisches Lernen beziehen, trat (und tritt unter den "traditionellen" didaktischen Bedingung heute noch) eine starke Korrelation mit jenen Variablen auf, die sich auf die verhaltensmäßige Begabung beziehen. Dies wurde als Argument für die deterministischen Interpretationen der Wahrscheinlichkeit des Studienerfolgs verwendet. Solche Gedankengänge sind von B. S. Bloom und anderen rigoroser Kritik unterzogen worden, und zwar im Umfeld der genaueren Beschreibung des theoretischen Rahmens des Vorschlags, die Lehrtätigkeit zu individualisieren, bekannt als mastery learning (vgl. J. H. Block (Hg.), Mastery Learning. Procedimenti scientifici di educazione individualizzata, Turin, Loescher, 1972). Das Problem bleibt aktuell und ruft in regelmäßigen Abständen lebhafte Debatten hervor; die letzte folgte auf die Veröffentlichung eines Aufsatzes von R. Herrnstein und C. Murray, The Bell Curve: Intelligence and class structure in American life, New York, The Free Press, 1994. Die Argumente von Herrnstein und Murray sind sicher nicht originell, da sie zu Ergebnissen kommen, die an die bereits von A.R. Jensen in einem Artikel von 1969 entwickelten erinnern. In diesem Artikel behauptet er, daß die in den USA Anfang der 60er Jahre begonnenen ausgleichenden Erziehungsprogramme, deren Ziel die Überwindung der sozialen und kulturellen Beeinflussung und insbesondere der Beeinflussung ethnischen Ursprungs war, im wesentlichen nutzlos sind (vgl. "How Much Can We Boost IQ and Schoolastic Achievement?", Harvard Educational Review, Winter 1969). Die durch den Aufsatz von Herrnstein und Murray angeregten Reaktionen heben vor allem den mittlerweile ideologischen Charakter der Hinweise auf die Normalverteilung hervor, deren Rolle die Tarnung von Standpunkten geworden ist, die auf sozialer Ebene konservativ sind (vgl. R. Jacoby, N. Glauberman (Hg.), The Bell Curve Debate, New York, Random House, 1995; J. L. Kincheloe, S. R. Steinberg, A. D. Gresson III (Hg.), Measured Lies. The Bell Curve examined, New York, St. Martin's Press, 1996.
  12. In der starken Bedeutung wird die Didaktik immer eine Vielzahl von Dimensionen umfassen, die kognitive, affektive und relationale Dimensionen der Lehrtätigkeit einbeziehen. In den schwachen Bedeutungen werden eine oder mehr Dimensionen gegenüber den anderen hervorgehoben: Das ist es, was bei vielen didaktischen Vorschlägen geschieht, die sich als "alternativ" vorstellen, bei denen aber der großen Aufmerksamkeit hinsichtlich einer Komponente des Unterrichts die Vernachlässigung der anderen gegenübersteht. Eine Zusammenstellung der Bedeutungen "stark" und "schwach" findet sich in B. Vertecchi, "La didattica", in: B. Vertecchi, La scuola italiana verso il 2000, Florenz, La Nuova Italia, 1984, S. 370-381.
  13. Das ist der Fall des Fernstudiums, aber auch vieler Organisationsmodelle schulischer Bildung, die in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurden und in unterschiedlichem Maße von der Spezialisierung und der Aufteilung der didaktischen Aufgaben charakterisiert werden.
  14. Eine ideologische Komponente, die in der Debatte um die Nutzung technischer Ausrüstung in der Lehre häufig vorkommt, ist der "Konsumismus" (die Verbrauchstendenz). Vgl. B. Vertecchi, "Per una critica del consumismo educativo", Cadmo, I, 2, 1993, S. 5-16.
  15. Der "Neuismus" in der Erziehung ist Ausdruck einer gedanklichen Haltung, die von der manichäischen Gegenüberstellung des Wissens und der verfügbaren Vorgehensweisen, die als das Böse, und derjenigen, die sich als Ersatz anbieten, die als das Gute angesehen werden, gestützt wird. Da die Ersatzvorschläge nicht überprüft sind, ist der ihnen geschenkte Glaube nur Ausdruck von Ideologie. Und es handelt sich um eine Ideologie, die im Grundsatz destruktiv ist und im Gegensatz zur wissenschaftlichen Rationalität steht, welche hingegen durch die rigorose empirische Überprüfung der innovativen Hypothesen voranschreitet.
  16. Dieses Mißverhältnis ist um so offensichtlicher, wenn man die historische Entwicklung des Fernstudiums betrachtet, in der das Auftreten einer neuen Bildungsnachfrage die dynamische Komponente ist. Die Verfügbarkeit technischer Ressourcen hat einige Aspekte des Bildungsangebots verbessert, kann sich aber nicht als der zentrale Bestandteil in der Definition der übernommenen Lösungen verstehen. Noch heute bedient sich ein bei weitem mehrheitlicher Teil des Fernstudiums der traditionellen didaktischen Werkzeuge. Dabei fällt es schwer auszudrücken, wie groß der tatsächliche Beitrag der Lösungen gewesen sein mag, die sich eher auf komplexe Technologien verlassen haben, auch wegen der Geschwindigkeit der Verringerung des Marktwertes der einzelnen Vorschläge. Es ist in der Tat nicht selten, daß mit Nachdruck ein Prototyp mit stark innovativen Merkmalen vorgestellt wird, daß dieser Prototyp dann aber keine Folge hat, weil die Projektierung und Realisierung der Lehrprogramme mit den Zeiten der technologischen Veränderung nicht kompatibel ist. In vielen Fällen sollte man sich auch fragen, welcher Nutzen darin liegt, Lösungen, die sich als zweckmäßig erwiesen haben, durch andere zu ersetzen, deren Zweckmäßigkeit nicht wesentlich anders ist, die aber weit mehr Ressourcen beanspruchen, sowohl bei denen, die Bildung verteilen, als auch bei denen, die davon profitieren. Man gewinnt den Eindruck, daß allzu oft die Logik der Schaffung eines Marktes vorherrscht gegenüber der Logik der didaktischen Entwicklung. Für eine allgemeine Einführung zu den Problemen des Fernstudiums, auch im Hinblick auf seine historische Entwicklung, siehe D. Keegan, Principi di istruzione a distanza, IV, 5, 1992, S. 37-46.
  17. Der Mangel an Theorie betrifft vor allem die didaktischen Aspekte des Fernstudiums, während zu anderen Aspekten Beiträge von großer Bedeutung vorhanden sind. Solche Beiträge haben das Erkennen spezifischer struktureller Komponenten ermöglicht, so daß das konzeptionelle Repertoire zur Interpretation des Fernstudiums entschieden erweitert werden konnte. Unter diesem Aspekt sind die Beiträge von O. Peters beispielhaft, in denen die Besonderheit der Produktion des Fernstudiums festgestellt wird. Vgl. O. Peters, "Distance Teaching and Industrial Production: A comparative interpretation", in: D. Sewart, D. Keegan, B. Holmberg (Hg.), Distance Education. International Perspective, London, Croom Helm, 1983; O. Peters, "The Iceberg Has Not Melted: Further Reflections on the Concept of Industrialisation and Distance Teaching", Open Learning, IV, 3, 1989.
  18. Damit wird die alte Frage der Beziehung zwischen Erziehung und Bildung wieder aufgeworfen. Sicherlich umfaßt Erziehung sowohl die primäre Anpassung als auch die sekundäre, während der Bildung eine zentrale Stellung in der sekundären Anpassung zugesprochen werden muß. Das bedeutet offensichtlich nicht, daß die primäre Anpassung nicht den Erwerb von Kompetenzen mit sich bringt, sondern nur, daß solche Kompetenzen sozusagen in der Kultur des sozialen Existenzumfelds implizit sind. Grundlegend in dieser Hinsicht sind Beiträge der anthropologischen Forschung zur Rekonstruktion der Erziehungsmodelle (man denke an M. Mead, R. Benedict, C. Lévi-Strauss): Vgl. M. Callari Galli, Antropologia culturale e processi educativi, Florenz, La Nuova Italia, 1993.
  19. Die wechselseitige Fremdheit der Erforschung des Präsenzunterrichts und des Fernunterrichts mag überraschen. Betrachtet man die Literaturhinweise, so wird man feststellen, daß es ganz außergewöhnlich ist, daß Beiträge, die sich auf schulische Didaktik beziehen, Forschungen nennen, die im Bereich des Fernunterrichts durchgeführt wurden und umgekehrt. Diese wechselseitige Fremdheit ist um so unerklärlicher, je eher die Beiträge Querverbindungen zwischen den beiden Unterrichtsformen betreffen, darunter z.B. solche bezüglich der Definition der didaktischen Strategie, bezüglich der Evaluationsmittel, bezüglich der Nutzung von Technologie beim Lehren und Lernen. Dieses sind Aspekte, bei denen die Zusammenarbeit zwischen der Fernstudienforschung und der Erforschung des Präsenzunterrichts vorteilhaft sein könnte. Besonders bei der näheren Bestimmung der didaktischen Strategie und des innovativen Werkzeugs (zur Evaluation und zur Kommunikation der Lehrbotschaft) stellt sich der Fernunterricht wegen der geringeren Zahl persönlicher Variablen, die in die didaktische Beziehung verwickelt sind, als eine Umgebung dar, die für empirische Zwecke besonders gut geeignet ist. Dies wurde bestätigt vom Laboratorio di Pedagogia sperimentale del Dipartimento di Scienze dell'Educazione dell'Università di Roma Tre (Laboratorium für experimentelle Pädagogik der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Roma Tre): Die Notwendigkeit, die Kenntnis einiger Merkmale der Fernstudenten zu vertiefen (es handelte sich vor allem darum, diejenige Zielsetzungen vorherzusehen, bezüglich derer sich die größten Lernschwierigkeiten bemerkbar machen würden), hat zur Formulierung einer neuen Evaluationstheorie geführt (analoge Evaluation) mit den damit verbundenen Werkzeugen (analoge Prüfungen). Später wurden genau diese Theorie und diese Werkzeuge für die Definition eines neuen Modells individualisierter Bildung verwendet (Diva, d.h. Didattica Individualizzata con Valutazione Analogica - Individualisierte Didaktik mit analoger Evaluation), das sich seit einigen Jahren in der Erprobungsphase an einigen weiterbildenden Schulen befindet. Siehe: B. Vertecchi, E. Nardi, M. La Torre, Valutazione analogica e istruzione individualizzata, Florenz, La Nuova Italia, 1994; E. Nardi, Per una didattica individualizzata. Gli esperimenti Diva, Neapel, Tecnodid, 1997.
  20. Eine der Ursachen der geringen Beachtung des Fernstudiums kann der Glaube gewesen sein (der noch immer in Teilen der öffentlichen Meinung verwurzelt ist), daß Fernstudium eine Notlösung ist, auf die man zurückgreift wegen der Unmöglichkeit, Bildung in der normalen Form bereitzustellen, als die selbstverständlich der Präsenzunterricht angesehen wird. Auch aufgrund dieses Glaubens war Fernstudium oft eine zweite Wahl, die nicht deshalb gewählt wurde, weil man von der Wirksamkeit dieser Lösung überzeugt war, sondern aufgrund sozialökonomischer Bedingungen. Solche Bedingungen betrafen sicher nicht die begünstigten sozialen Schichten, sondern die eher bescheidenen, und einige Kategorien innerhalb der Schichten betrafen sie auch eher als andere (z.B. die Frauen mehr als die Männer, die Landwirte mehr als die Arbeiter aus den Städten usw.). Das Fortdauern der abweisenden Haltungen wirkt sich ungünstig auf die Möglichkeit aus, das Angebot an Fernunterricht auszudehnen, um der steigenden Bildungsnachfrage der Erwachsenen zu entsprechen. Und dennoch handelt es sich in diesem Fall nicht um eine untergeordnete Lösung, sondern um die Lösung, die - obwohl nicht die einzige - sicherlich die meisten Vorteile bietet.
  21. Es ist ratsam, auf die sich voneinander weg entwickelnden Ansätze zu achten, die in der Entwicklung der Massenkommunikation und in der Entwicklung der Didaktik erkennbar sind: Während die Entwicklung der Massenkommunikation von der Forderung beherrscht wird, ein immer größeres Publikum zu erreichen, stellt sich in der Didaktik eine wachsende Aufmerksamkeit gegenüber individuellen Bedürfnissen ein. Im ersten Fall wird versucht, die Logik eines kollektiven Gedankens auszumachen, indem nach gemeinsamen Faktoren gesucht wird und solche, die divergierende Standpunkte ausdrücken, fallengelassen werden, während im zweiten Fall genau diese divergierenden Standpunkte von Bedeutung sind.
  22. Es wird aus zwei Gründen auf die "Zentralwerte" Bezug genommen, statt einen spezifischen Kennwert der zentralen Tendenz anzugeben. Der erste Grund ist, daß, wenn die Integration von Daten ausgeht, die mit ausreichend verläßlichen Instrumenten von einer recht großen Zahl von Subjekten erhoben worden sind, es sehr wahrscheinlich ist, daß die Kennwerte der zentralen Tendenz sehr ähnliche, fast übereinstimmende Werte annehmen; der zweite Grund ist, daß sich der Sachverhalt vollkommen anders darstellt, wenn bei der Integration subjektive, durch Erfahrung gewonnene Wahrnehmungen überwiegen, oder wenn die Zusammensetzung der Population durch selektive Filter oder sozialökonomische Bedingungen modifiziert wurde. Bei den subjektiven Wahrnehmungen kann der stärkste Hinweis der Integration von Daten entstammen, die sich auf die Verhaltensweise von Gruppen beziehen, statt auf die der ganzen Population. So kann ein Lehrer sein eigenes Modell des virtuellen Schülers aufstellen unter Berücksichtigung der zuvor gemachten positiven Erfahrungen; er kann dies aber auch ausgehend von den negativen Erfahrungen tun. In diesen Fällen ist die Fähigkeit der Anziehung der modalen Werte wahrscheinlich größer als die der mittleren Werte.
  23. Eine Lösung, die sich im Umfeld der Hypothesen zur synchronischen Integration, in der das Empfängerprofil kontinuierlich neu aufgebaut und die Lernbotschaft entsprechend anders formuliert wird, befindet, wird z.Zt. am Laboratorio di Pedagogia sperimentale del Dipartimento di Scienze dell'Educazione dell'Università die Roma Tre (Laboratorium für experimentelle Pädagogik der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Roma Tre) definiert. Ausgehend von der Feststellung, daß ein Teil der Lernschwierigkeit durch den Besitz unangemessener verbaler Repertoires erklärt werden kann, wurde zunächst die Funktionsweise eines "Schätzers" definiert, d.h. einer Prozedur, die es ermöglicht, einen Hinweis auf die Anzahl der Worte zu erhalten, die seitens des Empfängers der Lehrbotschaft verfügbar sind. Das Versuchsdesign sieht vor, die Korrelation zu erheben, die zwischen den vom Schätzer gelieferten Daten und der Fähigkeit zum Verständnis eines schriftlichen Textes der Subjekte besteht. Wenn man, wie angenommen, auf eine hohe Korrelation trifft, kann der Schätzer als gültig betrachtet und zur Anpassung der Lernbotschaften verwendet werden. Man wird vorab den Umfang des verbalen Repertoires bestimmen müssen, das für die "virtuelle" Formulierung (also abgestimmt auf einen Empfänger, der vollständig fähig ist, sie zu verstehen) einer bestimmten Lehrbotschaft verwendet wird, und dann diesen Umfang mit dem der Repertoires vergleichen, über die jeder einzelne Schüler verfügt. Die Abweichung zwischen der Beschaffenheit des verbalen Repertoires, das von der virtuellen Formulierung vorausgesetzt wird, und derjenigen, über welche die einzelnen Schüler tatsächlich verfügen, liefert das Ziel der didaktischen Intervention: Es handelt sich nämlich darum, die Botschaft so neu zu formulieren (es wird an automatisierten Lösungen gearbeitet), daß eine Anzahl von Worten verwendet wird, die etwas größer ist, als die Zahl der den einzelnen Schülern bereits verfügbaren Worte. Diese Anzahl wird in dem Maße erhöht, wie man auf eine analoge Erhöhung der Kompetenz der Schüler trifft. Die Zahl der bei der Neuformulierung der Botschaft verwendeten Worte wird etwas größer sein als die Zahl der dem einzelnen Schüler zugesprochenen verfügbaren Worte, da einerseits die Funktion der Verdeutlichung des Kontextes berücksichtigt, und andererseits aber die Banalität verhindert werden muß, die man erhalten würde, wenn die verwendete Sprache exakt der vorhandenen Sprache gleich wäre: Dann würde man nämlich eine Situation schaffen, die derjenigen der Massenkommunikation sehr ähnlich wäre.
  24. Über die Anwendungen der Entscheidungstheorie in der Didaktik siehe B. Vertecchi, Decisione didattica e valuatazione, Florenz, La Nuova Italia, 1993.
  25. Die verschiedenen Arten, den Stimulus vorzubringen und die Antwort der Schüler vorab zu gestalten, machen ebenso vielen Typologien von Tests zur Überprüfung des Lernens Platz. Da sowohl der Stimulus als auch die Antwort offen oder geschlossen sein können, erhält man durch die Kombination dieser Möglichkeiten die vier grundsätzlichen Typologien, bestehend aus den Tests, bei denen sowohl Stimulus als auch Antwort offen sind, bei denen beide geschlossen sind, bei denen der Stimulus offen und die Antwort geschlossen ist, und umgekehrt bei denen der Stimulus geschlossen, aber die Antwort offen ist. Die einzelnen Typologien weisen viele Varianten auf, je nach dem Kontext in dem die Tests tatsächlich eingesetzt wurden und je nach der mehr oder weniger großen technischen Schwierigkeit ihrer Organisation: Beispielsweise umfassen die Tests mit geschlossenen Stimuli und geschlossenen Antworten sowohl einen großen Teil des traditionellen didaktischen Übungsmaterials (Wortanalyse, Satzanalyse, Rechenaufgaben usw.), als auch die strukturellen Tests, wie Multiple-choice-Aufgaben oder den Lückentext (siehe B. Vertecchi, Manuale della valutazione, Rom, Editori Riuniti, 1984). Im Fall der geschlossenen Antworten könnte eine weitere Differenzierung darin bestehen, die formulierte Antwort von der erkannten Antwort zu unterscheiden. Bislang überwog die formulierte Antwort in den Situationen traditionellen Typs, während in den durch eine gewisse organisatorische Komplexität ausgezeichneten Situationen (dies ist der Fall des Fernstudiums) die Tests mit erkannter Lösung überwogen. Dennoch besteht die Möglichkeit signifikanter Veränderungen in dem Maße, wie sich Programme zur automatisierten Erkennung formulierter Antworten entwickeln.
  26. Die Bedingung des Fernstudenten sollte nicht mit der des Autodidakten verwechselt werden. Während letzterer dazu neigt, eine subjektive Antwort auf die eigenen Bedürfnisse zu finden, vergleicht der Fernstudent das eigene Studienbedürfnis mit einem organisierten Angebot und beschließt bewußt, dieses Angebot wahrzunehmen. Das impliziert die Annahme des Status als Schüler und den Respekt einer bestimmten Anzahl von Regeln, unter denen solche herausragen, die sich auf Prüfungsverfahren beziehen. Es ist zu bemerken, daß die Prüfungsverfahren zwei unterschiedlichen Bedürfnissen begegnen: Das erste Bedürfnis ist didaktischer Art und ist funktional für die Regulierung der Lernprozesse, das zweite betrifft die soziale Anerkennung der absolvierten Studien, d.h., das Ansehen der Kompetenz, die man mit dem Bestehen bestimmter Prüfungen verbindet. Unbefangene Initiativen, die sich als Fernstudium qualifiziert haben, denen aber die aufgezeigten Anforderungen fehlen, bestärken die negativen Haltungen des Publikums, indem sie das Bild des Fernstudiums als "minderwertigen" Bildungsgelegenheit bestätigen.