Dimitris-Tsatsos-Institut für europäische Verfassungswissenschaften

Hagener Institut trägt jetzt den Namen von Dimitris Tsatsos

Symposion „Verfassung – Parteien – Unionsgrundordnung“ fand zu seinen Ehren statt


Eine ganz besondere Ehre lässt das Institut für Europäische Verfassungswissenschaften der FernUniversität in Hagen dem vor einem Jahr verstorbenen Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Dimitris Th. Tsatsos zuteil werden: Es hat sich in „Dimitris Tsatsos Institut für Europäische Verfassungswissenschaften“ umbenannt. Das gab der Direktor des Instituts, Prof. Dr. Peter Brandt, während des Symposions „Verfassung – Parteien – Unionsgrundordnung“ bekannt, das zum Gedenken an den Staatsrechtler am 6. und 7. Mai in Hagen stattfand. Dimitris Tsatsos war von 1980 an 18 Jahre Professor an der FernUniversität.

Rektor Prof. Helmut Hoyer würdigte in seiner Begrüßung die Bedeutung des großen Staatsrechtlers für die FernUniversität

Gemeinsame Veranstalter des Symposions waren das Institut für Europäische Verfassungswissenschaften und die Rechtswissenschaftliche Fakultät an der FernUniversität. Sie kooperierten dabei mit dem Centre for European Constitutional Law (Athen) und dem Institut für Deutsches und Internationales Parteienrecht und Parteienforschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

In den beiden Podien des Eröffnungstages zu „Parteienrecht und -forschung“ ging es um die „Notwendigkeit und Grundzüge einer Parteienrechtsdogmatik“, „Parteien in der Unionsgrundordnung“, „Parteienrecht und Parteienforschung in Italien“ und „Die Parteienfinanzierung in den Mitgliedsstaaten des Europarats – Die GRECO-Einschätzung“ Diskussionsleiter waren Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Battis, Berlin (ehemaliger Professor und Rektor der FernUniversität) und Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Peter Schneider, Hannover. Referate schilderten Dimitris Th. Tsatsos als griechischen Staatsrechtslehrer und die Rolle des Europäischen Parlaments, der nationalen Parlamente und der europäischen Parteien. Von vielen Teilnehmenden gewünscht war die Gedenkfeier am Abend.

Im dritten Podium ging es am zweiten Veranstaltungstag unter der Diskussionsleitung von Prof. Dr. Dr. h.c. Thomas Fleiner, Fribourg, um die „Interpretation von Verfassung und Unionsgrundordnung“: „Die griechischen Schriften zur Verfassungsinterpretation von Dimitris Th. Tsatsos“, „Das Strafrecht in der Unionsgrundordnung – Status quo und Herausforderungen nach dem Vertrag von Lissabon“, „Unionsgrundordnung und vergleichendes Verfassungsrecht als Faktoren der Verfassungsinterpretation“. Das Podium „Zur Zukunft der Unionsgrundordnung“ hat „Konstitutionelle Aspekte der Europäischen Wirtschaftsregierung“, „Unionsgrundordnung und europäische Verfassungsperspektive“ und „Die Unionsgrundordnung als Grundrechtsordnung – Entwicklungsperspektiven nach Lissabon“ zum Thema. Diskussionsleiter war Prof. Dr. Klaus Hänsch, Präsident des Europa-Parlaments a.D. Den Abschlussvortrag „Leben, Werk und Wirkung von Dimitris Tsatsos“ hielt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Peter Häberle, Bayreuth.

„Tsatsos ist ein deutscher Grieche oder ein griechischer Deutscher und sein Name gehört untrennbar zur Europäischen Union… Viele Autoren reisen ihren Büchern voraus, Dimitris Tsatsos gehört zu den wenigen, die ihren Büchern hinterher reisen.“ So hatte Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Peter Häberle von der Universität Bayreuth den Emeritus der FernUniversität in seiner Laudatio anlässlich dessen 75. Geburtstages charakterisiert. Mit diesem Zitat leitete Rektor Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer seine Begrüßung beim Gedenksymposion „Verfassung – Parteien – Unionsgrundordnung“ für Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Dimitris Th. Tsatsos ein, das am 6. und 7. Mai in Hagen stattfand. Tsatsos starb am 24. April 2010 in Athen im Alter von fast 77 Jahren. Rektor Hoyer charakterisierte ihn als „wegweisenden Staatsrechtler, als überzeugten Demokraten, als ausstrahlende Persönlichkeit und als Mensch mit messerscharfem Verstand und trefflichem Humor“.

1980 kam Tsatsos als Professor für Deutsches und Ausländisches Staatsrecht und Staatslehre zur FernUniversität. Er leitete von 1991 bis 1997 als Direktor das von ihm gegründete Institut für Deutsches und Europäisches Parteienrecht. Seit 1998 – dem Jahr, in dem er emeritiert wurde – saß er dem Kuratorium dieses Instituts vor.

Auch als Emeritus arbeitete er tatkräftig an der Aufarbeitung grundsätzlicher Fragen der Europäischen Union und ihrer Verfassung mit. Den Raum hierfür bot ihm das interdisziplinäre Institut für Europäische Verfassungswissenschaften, das nach dem Weggang des Instituts für Deutsches und Europäisches Parteienrecht an der FernUniversität von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät und der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften in Hagen neu gegründet wurde. Seit Mai 2003 war Dimitris Tsatsos Vorstandsmitglied. 2008 wurde er zu seinem Ehrendirektor ernannt.

Dekan Prof. Andreas Haratsch ging auf die Verdienste des Kollegen für die Hagener Rechtswissenschaftliche Fakultät ein.

Von 1994 bis 2004 war Dimitris Tsatsos, der von der griechischen Militärjunta verfolgt und inhaftiert worden war, Europa-Abgeordneter in der Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas. Nach dem Ende der Obristenherrschaft war er als Vizekultusminister auch für das Hochschulwesen zuständig. Damals wurde das erste griechische Hochschulgesetz ausgearbeitet und die Demokratisierungsaktion gegen jene Hochschullehrer durchgeführt, die mit der Junta zusammengearbeitet hatten. Bis 1977 war er Mitglied des ersten Nachdiktaturparlamentes und prägte als Generalreferent aller Oppositionsparteien für die demokratische Verfassungsreform die Arbeit an der neuen griechischen Verfassung.

In Thessaloniki war er von 1974 bis 1980 Professor für Verfassungsrecht, an der Athener Panteion-Universität von 1980 bis 1989 Inhaber des Lehrstuhls für Verfassungsrecht. Seit 2003 war er Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Für seine vielfältigen Verdienste wurde Tsatsos mehrfach geehrt, mit dem „Kulturpreis Europa “ (1995), mit dem Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse (1998) und mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2002). Die Universitäten Thessaloniki, Kreta und die Universität des Peloponnes verliehen ihm Ehrendoktorwürden.

In der juristischen Fachwelt wurde er auch als Begründer und Mitherausgeber der beim Nomos-Verlag erscheinenden „Schriften zum Parteienrecht“ und als Präsident der griechischen Staatsrechtslehrer-Vereinigung (1989 bis 1992) bekannt.

Untrennbar mit seinem Namen verbunden sind besonders die rechtswissenschaftlichen Symposienreihen in Hagen. „Sie waren und sind Höhepunkte im Wissenschaftskalender der FernUniversität“, unterstrich Prof. Hoyer. Nach dem Weggang des Instituts für Deutsches und Europäisches Parteienrecht setzt das Institut für Europäische Verfassungswissenschaften diese Tradition seit 2004 fort.

„Ein Mensch ist wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt – in diesem Sinne ist Dimitris Tsatsos nicht gestorben!“ Dekan Prof. Dr. Andreas Haratsch schloss sich den Worten des Rektors nahtlos an. Tsatsos’ „große, zusammenführende Kraft“ beweise sich auch noch nach seinem Tod. Andreas Haratsch wies nicht nur auf die menschlichen Qualitäten von Tsatsos hin – seine Zuverlässigkeit, seinen Einsatz für andere, seinen Humor –, sondern vergaß auch nicht dessen taktische Finesse bei der Herauslösung der Rechtswissenschaft aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der FernUniversität. Für den neuen Fachbereich engagierte er sich nicht zuletzt als Dekan.



Gerd Dapprich | 16.05.2011


DTIEV | 30.05.2011
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften