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Kolloquium

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Thema:

Kriegsrekonstruktionen - Der republikanische Umgang mit dem Vermächtnis des Ersten Weltkriegs 1918-1920

Referent/-in: Vanessa Ther
Adresse: FernUniversität Hagen
TGZ, 3. Stock, Raum B 306
Termin: 07.09.2010 18:15

Kriegsrekonstruktionen

Die Dissertation, die diesem Vortrag zugrunde liegt, geht davon aus, dass die Weimarer Republik keinen klaren Bruch mit der Vergangenheit darstellte. Die politische Identität des neuen Staates wurde vielmehr durch Deutschlands Kriegserfahrung definiert, im positiven Sinne als Reaktion gegen weiteres Blutvergießen und im negativen Sinne als Weigerung, die militärische Niederlage anzuerkennen. Generell akzeptieren Historiker diese Prämisse. Die Historiografie, die sich mit der politischen Rolle des Ersten Weltkrieges in der Weimarer Republik beschäftigt, konzentriert sich allerdings in erster Linie auf die Glorifizierung des Kriegserlebnisses in anti-demokratischer Propaganda. Republikanische Versuche, die Legitimation des neuen Staates aus der deutschen Kriegserfahrung abzuleiten, sind dagegen weitgehend vernachlässigt worden. Um dieses Feld der Forschung zu erschließen, analysiert diese Studie republikanische Zeitungen, Zeitschriften und politische Flugblätter aus der Zeit zwischen November 1918 und den Wahlen im Juni 1920. Sie bezieht außerdem ausgewählte Broschüren, Monografien und Romane mit ein, um zu zeigen, dass die republikanische Interpretation des Krieges in der Schaffung eines Gründungsmythos für die Weimarer Republik eine erhebliche Rolle spielte. Die detaillierte Analyse des republikanischen Diskurses im Bezug auf den Krieg gibt Aufschluss darüber, warum die erste deutsche Demokratie sich letztendlich als unfähig erwies, das Trauma des Krieges politisch zu instrumentalisieren.

Im Bezug auf die unmittelbaren Revolutionsereignisse lässt sich zunächst zeigen, dass der Versuch, ideologische Legitimation aus einer politisierten Interpretation des Kriegserlebnisses zu ziehen, mitnichten nur ein Merkmal reaktionärer Propaganda war. Vielmehr verbreiteten auch die republikanischen Medien ein sehr einheitliches Bild des Krieges als bluttriefendes Gemetzel. Dabei wurde in erster Linie das Leiden der Bevölkerung als negatives Gegenbeispiel für die humanitären Werte der Revolution hervorgehoben. Mit der Absicht, aus der gesellschaftlichen Wertschätzung für die Soldaten und der Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung politischen Profit zu schlagen, rechtfertigte der republikanische Diskurs die neue politische Ordnung durch ihre Gegnerschaft zu Krieg und Gewalt. Gleichzeitig verfolgte diese Darstellung des Krieges das Ziel, die Repräsentanten des kaiserlichen Regimes für die Leiden des Krieges verantwortlich zu machen. Als Antwort auf die Dolchstoßlegende erschuf republikanische Propaganda beispielsweise ein Gegenstereotyp von reaktionären Politikern, das diese als Demagogen und Kriegsgewinnler identifizierte. Die instabile politische und wirtschaftliche Lage, für die Deutschlands konservative Eliten die Revolution verantwortlich machten, drängten die Republik jedoch in eine defensive Position, die die Aufrechterhaltung dieses republikanischen Gründungsmythos erschwerte. Politische Rivalität zwischen den verschiedenen republikanischen Parteien schwächte außerdem eine gemeinsame Abwehr der reaktionären Vorwürfe durch alle republikanischen Kräfte.

Der republikanische Diskurs erhielt die revolutionäre Interpretation des Krieges kontinuierlich aufrecht, was unter anderem durch den Entwurf mehrerer Gegenmythen zur Dolchstoßlegende deutlich wird. Die öffentliche Diskussion der Kriegsschuldfrage in den republikanischen Medien zeigt allerdings die Grenzen dieses Ansatzes. Indem sie die Allliierten und nicht die reaktionären Kräfte in Deutschland als die größte Gefahr für die Republik identifizierte, unterstützte die republikanische Propaganda eine Desinformationskampagne hinsichtlich Deutschlands Kriegsführung. Damit bestärkte der demokratische Diskurs die reaktionäre ‚Kultur der Verdrängung’ im Bezug auf die Kriegserinnerung. Die gegensätzlichen Überlegungen, die die politische Instrumentalisierung der Kriegsdarstellung beeinflussten, waren besonders in dem republikanischen Unvermögen ersichtlich, die militärische um eine ideologische Demobilisierung zu erweitern. Republikanische Propaganda war nicht in der Lage, eine alternative Symbolik des Gedenkens zu erschaffen, die sich von der traditionell militärischen unterschied. Die falsche Beurteilung der Bedürfnisse von Kriegsveteranen und Kriegsinvaliden, sowie die Aufrechterhaltung der aggressiven Kriegsrhetorik gegenüber der alliierten Entscheidung, die deutschen Kriegsgefangenen zurückzuhalten, führten dazu, dass die Republik darin scheiterte, ihre Werte in die Demobilisierung einzubringen.

Der Vertrag von Versailles bedeutete das Ende der revolutionären Darstellung der Republik als Friedensstifter. Diese Infragestellung ihrer politischen Legitimation beantwortete die republikanische Regierung mit einer illusionären Propagandakampagne, die Deutschlands Unschuld hervorhob. Diese Strategie war darauf ausgelegt, die Alliierten davon zu überzeugen, Deutschland bessere Friedensbedingungen zuzugestehen. Durch die gleichzeitige Aufrechterhaltung einer aggressiven Rhetorik gegen die Alliierten suchten die republikanischen Politiker in der Schaffung eines Einheitsblocks gegen Versailles ihre angeschlagene Glaubwürdigkeit innerhalb Deutschlands wiederherzustellen. Die deutsche Regierung zeigte sich letztendlich unfähig, die Alliierten zu einer wesentlichen Entschärfung des Vertrages zu bewegen und die weitverbreitete Ablehnung des ‚Schmachfriedens’ als republikanische Errungenschaft zu vereinnahmen, weil sie ihre aggressive Außenpolitik nicht umsetzen konnte. Mehr als der Vertrag selbst schwächte die republikanische Friedensstrategie deshalb die Autorität der demokratischen Machthaber. Außerdem führte die Wiederaufnahme von Kriegsrhetorik in der politischen Diskussion des Friedensschlusses zu einer Remobilisierung des republikanischen Diskurses.

Da die Rückkehr zu einem pragmatischeren und versöhnlicheren Ton nach der Unterzeichnung des Vertrages nicht mit der vorherigen Propaganda vereinbar war, erschien diese Notwendigkeit als Schwäche. Als Symbol für die sinkende Autorität der republikanischen Regierung fungierte die Vertragsunterzeichnung als Startschuss für eine offene reaktionäre Opposition gegen die Republik, die in der Auslieferungsdebatte und den wiederholten Drohungen der Befehlsverweigerung in der Armee zum Vorschein kamen. Die republikanische Unfähigkeit, gebührend auf diese Angriffe zu reagieren entwertete letztendlich den Gründungsmythos der Republik. Sie belegte, dass die demokratischen Parteien die von ihnen propagierten Lehren des Krieges, mit denen sie ihre Regierungslegitimität begründeten, nicht umsetzen konnten.

03.02.2011
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