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Kolloquium

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Thema:

Zwei frühneuzeitliche Theoriekonstrukte: Kommunikationskompetenz und Theorhetor-Rollenunion

Referent/-in: PD Dr. Milutin Michael Nickl
Adresse: FernUniversität Hagen
TGZ, 3. Stock, Raum B 306
Termin: 17.04.2012, 18:15 Uhr

Pauschale Scholastik-Vorverurteilungen sind publizistisch hartnäckig. Unbegründet sind sie z.B. hinsichtlich Kommunikatortheorie und Ansätzen zur Human- und Sprachkommunikationstheorie.

In beiden Konzeptualisierungsarealen lassen sich erkenntnistheoretisch bedeutsame Fortschritte in der Spätscholastik wie im frühneuzeitlichen und transfersprachlichen Kommunikationsraum Mitteleuropas diagnostizieren.

Exemplarisch vorgeführt werden 2 Trendsetter; einer davon ist allerdings schon nach relativ kurzer Zeit (innerhalb weniger Generationen) untergegangen, der andere wirkt nach einem halben Jahrtausend global als Dauerbrenner auf unserem Planeten:

Ø heute weitgehend ignoriert ist die mehrdimensional durchkomponierte Theorhetor-Konfiguration des Nicolaus Caussinus S.J. (1583-1651). Dargestellt in den drei letzten seiner 16 Bücher umfassenden Eloquentia Sacra et Humana Parallela (hier: ed.1636). Eine der aufwendigsten, eklektisch-oratorischen Rollenunions-Theoriekonstrukte, die bisher in Europa entwickelt wurden, quer durch Binneneuropa, auch noch Anfang des 18.Jahrhunderts in Kiew aufgegriffen, wenngleich vereinfacht und mehr oder weniger pragmatisierend aufs passabel überlieferte Chrysostomus-Imago zurechtgestutzt.

Ø aktuell ist die humankommunikativ wie humansprachlich verstandene Kommunikationskompetenz, in der fachjargonhaft bis fachsprachlich optimierten lateinischen Spätscholastik communicabilitas genannt.

In der Bedeutung von menschlicher Kommunikationskompetenz läßt sie sich um 1500 in Krakau bei Jan de Stobnica (ca.1470-1530) gut nachweisen und nachvollziehen, an der Schwelle zur Neuzeit. Ein gravierender kommunikationstheoretischer Konzeptualisierungsfortschritt. Neu geprägt und neu kompiliert wurde die communicative competence bekanntlich vom Nordamerikaner Dell Hymes 1966/73, ohne erkennbaren Rückbezug zur lateinisch-scholastischen Communicabilitas-Begriffs-entwicklungs- und Kategoriengeschichte. Damit soll die Leistung von Dell Hymes nicht bagatellisiert werden. Doch bereits Jan de Stobnica benutzte das Schlüsselwort der menschlichen Kommunikationsfähigkeit in seiner breviloquenten Synopse „Generalis Doctrina de Modis Significandi Grammaticalibus“ auf überzeugende Weise konstruktivistisch-modistisch systembildend. Weitere fachsprachlich verankerte Bestimmtheiten und Konstrukte werden daraus hergeleitet. Und nicht ohne zureichenden Grund läßt sich behaupten: Die moderne Kommunikationskompetenz kommt aus Krakau.

Notizen:

Caussinus, N.: Nicolai Cavssini Trecensis, e Societate Jesv De Eloqventia Sacra et Hvmana, Libri XVI. Editio

Quarta,[...] 4.Aufl. Paris 1636

Nickl, M.M.: Communicatio und Communicabilitas (Mitte 13.Jht. und um 1500). Vortrag: Internationales

Symposium der ÖGPuK und DGPuK an der Univ. Wien: Wege zur Kommunikationsgeschichte,

AG Geschichte der Kommunikationswissen­schaft, am 9.5.1986

Ders.: Grundlinien der Kommunikationstheoriegeschichte in Mitteleuropa. Neun Thesen und zwei Postulate. In:

RELATION/Medien-Gesellschaft-Geschichte [Österr. Akad. d. Wiss.: Kommiss. f. hist. Pressedokumentation],

Vol.3, 1.Halbjahresband 1996: 29-44

Ders.: Zur Aktualität des Thomas von Erfurt und Jan de Stobnica. (mit Faksimile-Anhang),

Erlangen und Lauf/Pegnitz 2004

Ders.: Fortschrittsetappen der Sprachkommunikationstheorie 1219, 1300/10, 1500, 1966/73.

Special Issue der PAC-Korrespondenz: Nr.83 (NF 23), Erlangen/Lauf 2009

Ders: rudimenta rhetorica. Kommentare zur Kommunikationskultur. Lauf a.d. Pegnitz 2011, hier: 36-56

12.01.2012
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