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Promotionsprojekt

Illustration

Wallenfang, Janine:
Die niederrheinischen Landkarten im Kontext von Territorialisierung und neuer Raumwahrnehmung – Handgezeichnete Karten des 16. Jahrhunderts aus dem nördlichen Rheinland

Projektleitung:
Mitarbeitende:
  • Janine Wallenfang
Status: laufend

Abstract

"Die niederrheinischen Landkarten im Kontext von Territorialisierung und neuer Raumwahrnehmung – Handgezeichnete Karten des 16. Jahrhunderts aus dem nördlichen Rheinland"

Im Übergang von Spätmittelalter zu Früher Neuzeit gewinnt das neue Medium der handgezeichneten regionalen Karten zunehmend an Bedeutung. Für die Gebiete am Niederrhein lässt sich ab etwa dem zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts eine Tradition handgezeichneter regionaler Karten belegen. Im letzten Drittel des Jahrhunderts vervielfacht sich die Kartenproduktion; sie „explodiert“ geradezu, wie der Kartenbestand des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland in Duisburg dokumentiert.

Ausgehend von dieser Feststellung soll das Ziel dieses Promotionsvorhabens sein, die niederrheinischen Karten in ihren politischen und sozialen Kontext zu setzen und zu untersuchen, warum das neue Medium der handgezeichneten regionalen Karte im 16. Jahrhundert eine derart gestiegene Bedeutung gewinnt. Felder, die untersucht werden sollen, sind dabei u.a. die Frage, wie Territorialisierung und Herrschaftskonsolidierung auf die Kartenproduktion wirken und welchen Einfluss die besondere politische Struktur der niederrheinischen Gebiete hat.

Es soll darüber hinaus analysiert werden, welche weiteren Entwicklungslinien sich zurückverfolgen lassen, etwa der zunehmende Grad der Verschriftlichung in der Gesellschaft, die Herstellung einer „guten Ordnung“, die zunehmende Komplexität des Alltags- und Wirtschaftslebens, die Tendenz zur Normierung und Reglementierung und die zunehmende Verrechtlichung von Konflikten. Kartographische Fähigkeiten im Zusammenhang mit Weltkarten, und Portolanen und der Rezeption der antiken Geographie des Ptolemaios werden auch zur Herstellung lokaler Karten angewandt. Wie verändern und verhalten sich die regionalen Karten durch die neuartigen Erkenntnisse und Techniken (z.B. im Bereich der Vermessung), durch die fortschreitende Entdeckung der Welt durch die Europäer und die zunehmende Professionalisierung der Kartographen?

Welches Verständnis von Raum liegt den Karten zu Grunde und wie wirken die neu entstehenden Karten auf die Wahrnehmung von Raum zurück? Lässt sich aus den zugehörigen Akten der Schluss ziehen, dass die Karten vor allem in Zusammenhang mit vor Gericht verhandelten Grenzstreitigkeiten und Herrschaftsansprüchen entstanden und dass die sprunghafte Verbreitung handgezeichneter rheinischer Karten ab dem 2. Drittel des 16. Jahrhunderts auch in engem Zusammenhang mit der „Blütephase“ des Reichskammergerichts steht? Lässt sich die These aufstellen, dass die Karten in einem Kausalzusammenhang mit den angesprochenen Entwicklungslinien stehen, auf der anderen Seite aber wiederum auch auf die frühneuzeitliche Gesellschaft zurückwirken, indem sie ein territoriales, flächiges Verständnis von Raum visualisieren und somit in den Köpfen verankern?

Die hier vertretene Annahme wäre, dass es den streitenden Parteien in den Grenzstreitigkeiten und Auseinandersetzungen des Spätmittelalters und der beginnenden frühen Neuzeit um Grenzen und Herrschaftsrechte zunächst nicht um die konkrete Ausdehnung im Raum, sondern um konkrete Herrschaftsrechte und Ansprüche auf Abgaben, Zölle, gerichtliche Zuständigkeiten etc. ging. Verschiedene, sich überlappende, schwankende Besitzansprüche standen in Konkurrenz zueinander und wurden zunehmend vor Gerichten verhandelt. Erst mit zunehmendem Fortschreiten des Territorialisierungsprozesses verlagerte sich der Fokus weg von einer Darstellung von Besitzrechten auf eine flächenmäßige, territoriale Herrschaftszuordnung. Zu untersuchen ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob sich diese Entwicklung von einer auf Besitzsicherung ausgerichteten Darstellung zu einer auf Herrschaftssicherung abzielenden Sichtweise an den Karten nachweisen lässt.

Christiane Eilers | 31.10.2017
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