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Promotionsprojekt

Illustration

Hynek, Sabine:
Expertenkultur in der Regionalkartographie, 1500 bis 1650

Projektleitung:
Mitarbeitende:
Status: laufend

Mittelalterliche Karten lassen sich häufig keinem bestimmten Autor zuweisen, da sie selten signiert sind und ihre Entstehungsumstände ebenfalls oft nicht bekannt sind oder mühsam rekonstruiert werden müssen. Im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit ändert sich das. Drucker und Autoren geben sich nun häufiger durch eine Signatur ihrer Karten zu erkennen. Die Karten des Nürnberger Kartographen Erhard Etzlaub, der um 1500 zwei Mitteleuropa Karten anfertigte, sind hierfür ein Beispiel. Sie sind zwar ebenfalls nicht signiert, aber sie können über den Drucker Georg Glockendon und das Zeugnis von Zeitgenossen eindeutig Etzlaub zugeordnet werden.

Ein weiterer Nürnberger Kartograph dieses Zeitraums war Johannes Schöner. Er stellte um 1520 einen Globus her, der die Weltkarten des Martin Waldseemüller von 1507 und 1516 in vielen Details zum Vorbild hatte. Er ist über seine Kartenwerke ebenfalls eindeutig identifizierbar. Er wirkte hauptsächlich im lothringischen St. Dié und von ihm sind nicht nur Welt- sondern auch Regionalkarten überliefert. Mitteleuropa wird auf seiner carta itineraria europae von 1520 dargestellt.

Dies sind nur erste Beispiele für Kartographen des 16. Jahrhunderts, deren Wissensaustausch untersucht werden kann. Hinzu kommen weitere, wie zum Beispiel Gerhard Mercator, Abraham Ortelius, der erwähnte Philipp Apian und in Hessen wirkte z.B. Ende des 16. Jh. Wilhelm Dilich.

Ausgehend von den genannten Kartographen und weiteren, die sich ebenfalls über ihr Kartenwerk identifizieren lassen, soll analysiert werden, wie sich in der Zeit von 1500 bis 1650 in Mitteleuropa eine Expertenkultur entwickelte. Dabei soll die, teilweise schon nachgewiesene, teilweise vermutete Vernetzung der Kartoraphiespezialisten untereinander und eine mögliche Rückwirkung auf die Gestalt der Karten untersucht werden. Räumlich soll von Nürnberg ausgegangen werden, das in der Zeit um 1500 ein Zentrum der Wissenschaft, des Humanismus und der Kartographie war. Neben den schon Erwähnten Erhard Etzlaub und Johannes Schöner waren z.B. auch Martin Behaim, der 1492 den ersten erhaltenen Globus des Mittelalters herstellte und Hartmann Schedel dort tätig.

Bei der Untersuchung soll der Kartograph als Autor, der sich kartographisches Wissen – möglicherweise vermittelt durch Dritte, möglicherweise im direkten Kontakt mit anderen Autoren – aneignet und dann in der Karte sichtbar werden lässt, im Fokus stehen. Dieser Wissenstransfer ist – um ein erstes Beispiel zu nennen – bei Erhard Etzlaub und Martin Waldseemüller erkennbar. Die carta itineraria europae von 1511 von Martin Waldseemüller baut auf der Landstraßenkarte Etzlaubs von 1501 auf. Waldseemüller nutzte Etzlaubs Meilenpunktesystem und entwickelte es weiter. Johannes Schöner wiederum zog Waldseemüllers Weltkarten für die Erstellung seines Globus heran.

Der hier sichtbar werdende Austausch kam möglicherweise über den Nürnberger Ratsherrn und Humanisten Willibald Pirckheimer, der wiederum mit dem Straßburger Druckerverleger Johannes Grüninger in Kontakt stand, zustande. Grüninger druckte, neben dem ebenfalls in Straßburg arbeitenden Johannes Schott, mehrere Karten Waldseemüllers. Ob es eine direkte Kommunikation zwischen den Kartographen gegeben hat und wie diese ausgesehen hat, ist eine der interessierenden Fragen. Dazu sollen z.B. Briefe und weitere schriftliche Äußerungen der Kartographen herangezogen werden.

Irmgard Hartenstein | 24.04.2017
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