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Habilitationsprojekte

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen die Habilitationsprojekte unserer Mitarbeiter vor.

Sibylle Marti

„Informelle Arbeit im modernen Kapitalismus: Eine Wissensgeschichte 1880-1980“

Seit den 1880er Jahren setzte in Industrieländern eine Formalisierung und Klassifizierung von Arbeitsverhältnissen ein. Diese Kodifizierung der Arbeit führte dazu, dass bestimmte Tätigkeiten fortan als irregulär aufgefasst wurden. Informelle Arbeit – so die Ausgangsthese des Projektes – ist deshalb konstitutiv mit der Herausbildung der modernen Lohnarbeit verbunden. Gleichzeitig bildete nicht formalisierte Arbeit in der ökonomischen Theorie lange Zeit einen blinden Fleck, und zwar sowohl in der klassischen Ökonomie als auch in der marxistisch orientierten Kapitalismuskritik, die beide stark auf das Konzept der ‚freien‘ und formellen Lohnarbeit als Merkmal des Kapitalismus fokussiert waren. Gleiches gilt für die traditionelle Wirtschafts- und Arbeitsgeschichte des modernen Kapitalismus. Der Prototyp des Lohnarbeiters stellte der männliche inländische Facharbeiter dar, womit der blinde Fleck insbesondere von Frauen sowie von Migranten und Migrantinnen ausgeführte Arbeiten betraf, die eine geringere Formalisierung erfuhren und dementsprechend häufig schlechter gestellt wurden.

Der Begriff der informellen Arbeit wurde in den 1970er Jahren vom Entwicklungsökonomen Keith Hart in Bezug auf Arbeitsverhältnisse im ‚Globalen Süden‘ geprägt. Die Problematisierung nicht formalisierter Arbeit durchzog indessen das gesamte 20. Jahrhundert. Informelle Arbeit wird im geplanten Forschungsprojekt deshalb zum einen als Quellenterminus verwendet. Zum anderen dient die Bezeichnung als produktiver Suchbegriff, um Debatten und Wissen über nicht formalisierte Arbeitsverhältnisse in den Blick zu nehmen und über einen längeren Zeitraum zu untersuchen. Bei Begriffen wie informeller oder prekärer Arbeit (so die entsprechende Bezeichnung im ‚Globalen Norden‘ bzw. ‚Westen‘) handelt es sich immer „um relationale Begrifflichkeiten“, die in erster Linie ex negativo definiert sind, indem sie sich wandelnden Normen und Konzepten von ‚normaler‘, ‚formeller‘ und ‚guter‘ Arbeit gegenübergestellt werden. Informelle Arbeit lässt sich damit grundsätzlich als eine Unterschreitung von bzw. ein Zurückbleiben hinter bestimmten Standards von Formalisierung beschreiben, was mit „Sicherungsdefiziten“ einhergeht. Das geplante Forschungsprojekt beabsichtigt, jene Akteure, Diskurse und Praktiken zu untersuchen, die nicht formalisierte Arbeit im 20. Jahrhundert problematisierten und Wissen über solche Arbeitsformen hervorbrachten.

Vorstellungen und Normen ‚freier‘ und formeller Lohnarbeit bildeten eine zentrale Legitimationsgrundlage des modernen Kapitalismus. Gleichzeitig existierte ein Spannungsverhältnis zwischen den Maßnahmen und Bestrebungen zur Formalisierung von Arbeit sowie der Persistenz und der – stillschweigenden oder gar bewussten – Akzeptanz informeller, prekärer oder unsicherer Arbeitsformen in zahlreichen ökonomischen Sektoren. Debatten und Wissen über nicht formalisierte Arbeit schufen hier einerseits einen Ausgangspunkt für Kritik, indem sie auf ‚Dysfunktionalitäten‘ des Kapitalismus hinwiesen. Andererseits erlaubten es Problematisierungen von nicht formalisierter Arbeit den Kapitalismus gegenüber seinen ‚Rändern‘ abzugrenzen und bestimmte Arbeitsformen entweder als gesetzwidrig, ‚rückständig‘ oder sozioökonomisch bedeutungslos zu diffamieren.

Das Forschungsprojekt folgt einer wissensgeschichtlichen Perspektive. Zum einen untersucht das Projekt, in welchen Kontexten informelle bzw. prekäre oder unsichere Arbeit im 20. Jahrhundert als ein Problem wahrgenommen wurde und Eingang in unterschiedliche Wissens- und Politikfelder fand. Wie wurden nicht formalisierte Arbeitsformen thematisiert, problematisiert und politisiert und welche Rolle spielten dabei Kategorien wie race und gender? Damit rücken politische Debatten und gesellschaftliche Auseinandersetzungen in den Blick, die von so unterschiedlichen Akteuren wie Gewerkschaften, Unternehmerverbänden, Regierungsstellen, Wirtschaftswissenschaftlern und Sozialreformerinnen, aber auch Feministinnen und ‚einfachenʻ Arbeiterinnen und Arbeitern vorangetrieben wurden. Zum anderen analysiert das Projekt, wie Wissen über informelle Arbeit gewonnen wurde und wie dieses Wissen zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit zirkulierte. Damit wird die Produktion von Wissen über ein Phänomen untersucht, für welches ‚unsicheres Wissen‘ bzw. ‚Nichtwissen‘ konstitutiv war (und ist).

Ausgehend vom Beispiel Deutschlands bzw. der Bundesrepublik sowie stets in Bezug auf trans- und internationale Debatten, Normen und Wissenstransfers untersucht das Forschungsprojekt die Wissensgeschichte informeller Arbeit im 20. Jahrhundert anhand von vier Tiefenbohrungen. Diese orientieren sich zeitlich an Phasen, in denen sich die öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussionen über nicht formalisierte Arbeit verdichteten. Einen ersten Schwerpunkt bilden die 1880er Jahre: Zu dieser Zeit übernahm das Deutsche Reich eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung von Sozialversicherungs- und Lohnbesteuerungssystemen, deren Einführung mit einer zunehmenden statistischen Erfassung und rechtlichen Regulierung des Arbeitsmarktes einherging. Eine zweite Tiefenbohrung betrifft die 1930er Jahre, als im Zuge der Weltwirtschaftskrise vor allem ‚Schwarzarbeit‘ zu einem politisch virulenten und öffentlich skandalisierten Thema avancierte. Drittens wird auf die 1950er Jahre und damit auf den Anfang des Wirtschaftsbooms fokussiert, der (als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre) mit einem Sicherungs- und Formalisierungsschub von Arbeit einherging, von dem Formen von migrantischer und Frauenarbeit indessen großenteils ausgeschlossen waren. In diesem Kontext fand in der Nachkriegszeit eine neue Problematisierung von nicht formalisierten Arbeitsverhältnissen statt. Eine vierte Phase bilden die 1970er Jahre, als Anthropologen und Ethnologen begannen, informelle Arbeit in ‚Entwicklungsländern‘ zu untersuchen. Das Konzept der informellen Arbeit wurde anschließend auf westliche Industrienationen übertragen. Mit diesem Phänomen befassten sich nun vermehrt internationale Organisationen wie die ILO und die OECD, die als transnationale Verflechtungs- und Vergleichsebenen fungierten, indem sie bestimmte Standards festlegten und vergleichbare Zahlen aus einzelnen Ländern generierten. Als Folge der Wirtschaftskrise und der einsetzenden Deindustrialisierungsprozesse trugen zudem zeitgenössische Debatten über das „Ende der Arbeit“ zu einer verstärkten Problematisierung von prekärer bzw. unsicherer Arbeit bei, aber auch empirische Befunde der Sozialwissenschaften, die belegten, dass die Beschäftigung in der ‚Schattenwirtschaft‘ seit den 1970er Jahren auch in westlichen Industrienationen zunahm. Vor dem Hintergrund dieser Krisenerfahrung bzw. dem beginnenden Strukturbruch formierten sich neue (neoliberale) Politiken, die auf eine gewollte Informalisierung von Arbeit abzielten und bis heute nachwirken.

Als Quellen für das geplante Forschungsprojekt fungiert ein heterogenes Quellenkorpus, das der Pluralität der in den Blick genommenen Akteure Rechnung trägt und unter anderem die folgenden Quellenbestände umfassen soll: Deutsche Partei- und Gewerkschaftsarchive, Archive von deutschen und supranationalen Arbeitsämtern, Arbeitsmarktforschungsanstalten und Volkswirtschaftsinstituten, Archive internationaler Organisationen (insbesondere der OECD und der ILO), Literatur von anthropologischen, soziologischen, ökonomischen und juristischen Experten und Expertinnen (und evtl. die damit korrespondierenden Nachlässe), Parlamentsdebatten und Presseberichte.

Arndt Neumann

"Staat im Staate. Der Aufstieg der deutschen Notenbank von 1940 bis 1981 – aus demokratiegeschichtlicher Perspektive"

Die Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank, festgeschrieben im Bundesbankgesetz von 1957, war eine Anomalie im Staatsgefüge der Bonner Republik. Obwohl die Notenbank einen Teilbereich der Exekutive bildete, unterlag sie nicht den Weisungen der demokratisch gewählten Regierung. Auch international gehörte die Bundesbank in den Jahrzehnten des Booms zu den Ausnahmen. So waren die Notenbanken in Großbritannien, Frankreich und Italien den jeweiligen Regierungen untergeordnet. Erst mit dem weltweiten Siegeszug des Neoliberalismus, der in den frühen 1980ern einsetzte, änderte sich dies. Die Bundesbank galt nun als leuchtendes Vorbild, unter anderem auch für die Europäische Zentralbank, deren absolut unabhängige Stellung auf Drängen der deutschen Regierung im Jahr 1992 im Vertrag von Maastricht festgeschrieben wurde.

Aus wirtschaftshistorischer Perspektive stellt die Unabhängigkeit der Bundesbank ein Erfolgsmodell dar. Eine von den Kenntnissen der Experten, und nicht von den Ansprüchen der Wähler, geprägte Geldpolitik habe entscheidend zu niedrigen Inflationsraten und damit zur wirtschaftlichen Stabilität des rheinischen Kapitalismus beigetragen. Aus demokratie-geschichtlicher Perspektive drängen sich andere Fragen auf: Welchen gesellschaftlichen Kräften gelang es die deutsche Notenbank vor demokratischem Einfluss abzuschirmen? Lässt sich diese als autoritäre Enklave innerhalb eines ansonsten demokratisch verfassten Nationalstaates einordnen? Und schließlich: Welchen Anteil hat das Demokratiedefizit der Bonner Republik an dem der heutigen Europäischen Union?

Ausgehend von diesen Fragen wendet sich das Forschungsprojekt dem Aufstieg der deutschen Notenbank zu. Es beginnt im Jahr 1940 und nimmt damit die Kontinuität zwischen Reichsbank und Bundesbank sowie die Neuordnungsversuche der alliierten Militärregierungen in den Blick. Es endet im Jahr 1981, in dem sich der Einfluss der Bundesbank endgültig verfestigt hatte. Durch ihre Hochzinspolitik setzte sie nun die Rahmenbedingungen für andere wirtschaftspolitische Akteure, in Westdeutschland und in anderen westeuropäischen Ländern. Besonderes Augenmerk legt das Forschungsprojekt dabei auf die doppelte Bedingtheit der Unabhängigkeit der Bundesbank durch ideengeschichtliche Vorstellungen und durch politökonomische Prozesse. Zum einen setzt es sich mit der deutschen Strömung des Neoliberalismus, dem Ordoliberalismus, auseinander, der in der Bonner Republik frühzeitig an Einfluss gewinnen konnte. Zum anderen geht es der Macht der Großbanken nach, die als ein besonderes Merkmal des rheinischen Kapitalismus gelten kann.

09.10.2018
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