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Habilitationsprojekte

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen die Habilitationsprojekte unserer Mitarbeiter vor.

Dr. des. Catherine Davies

„Gesellschaftsgeschichte der Gewalt in Westdeutschland“

Die Leitfrage des Projekts ist die nach dem Umgang der nachkriegsdeutschen Gesellschaft mit Gewalt und Gewaltkriminalität. Einem gängigen Narrativ zufolge folgte auf die Erfahrung entgrenzter Gewalt im Zweiten Weltkrieg ein vergleichsweise rascher Übergang zu einer auch im Inneren befriedeten Gesellschaft. Obwohl die großen Linien dieses Narrativs einigermaßen etabliert sind, ist die Zahl der einschlägigen geschichtswissenschaftliche Arbeiten überschaubar. Davon ausgehend fragt das Projekt nach staatlichen und zivilgesellschaftlichen Maßnahmen zur Einhegung von Gewalt und Gewaltkriminalität und fokussiert dabei im Sinne von Fallstudien Themen wie häusliche Gewalt, Gewalt in der Erziehung, privaten Waffenbesitz und Polizeigewalt.

Sibylle Marti

„Informelle Arbeit im modernen Kapitalismus: Eine Wissensgeschichte 1880-1980“

Seit den 1880er Jahren setzte in Industrieländern eine Formalisierung und Klassifizierung von Arbeitsverhältnissen ein. Diese Kodifizierung der Arbeit führte dazu, dass bestimmte Tätigkeiten fortan als irregulär aufgefasst wurden. Informelle Arbeit – so die Ausgangsthese des Projektes – ist deshalb konstitutiv mit der Herausbildung der modernen Lohnarbeit verbunden. Gleichzeitig bildete nicht formalisierte Arbeit in der ökonomischen Theorie lange Zeit einen blinden Fleck, und zwar sowohl in der klassischen Ökonomie als auch in der marxistisch orientierten Kapitalismuskritik, die beide stark auf das Konzept der ‚freien‘ und formellen Lohnarbeit als Merkmal des Kapitalismus fokussiert waren. Gleiches gilt für die traditionelle Wirtschafts- und Arbeitsgeschichte des modernen Kapitalismus. Der Prototyp des Lohnarbeiters stellte der männliche inländische Facharbeiter dar, womit der blinde Fleck insbesondere von Frauen sowie von Migranten und Migrantinnen ausgeführte Arbeiten betraf, die eine geringere Formalisierung erfuhren und dementsprechend häufig schlechter gestellt wurden.

Der Begriff der informellen Arbeit wurde in den 1970er Jahren vom Entwicklungsökonomen Keith Hart in Bezug auf Arbeitsverhältnisse im ‚Globalen Süden‘ geprägt. Die Problematisierung nicht formalisierter Arbeit durchzog indessen das gesamte 20. Jahrhundert. Informelle Arbeit wird im geplanten Forschungsprojekt deshalb zum einen als Quellenterminus verwendet. Zum anderen dient die Bezeichnung als produktiver Suchbegriff, um Debatten und Wissen über nicht formalisierte Arbeitsverhältnisse in den Blick zu nehmen und über einen längeren Zeitraum zu untersuchen. Bei Begriffen wie informeller oder prekärer Arbeit (so die entsprechende Bezeichnung im ‚Globalen Norden‘ bzw. ‚Westen‘) handelt es sich immer „um relationale Begrifflichkeiten“, die in erster Linie ex negativo definiert sind, indem sie sich wandelnden Normen und Konzepten von ‚normaler‘, ‚formeller‘ und ‚guter‘ Arbeit gegenübergestellt werden. Informelle Arbeit lässt sich damit grundsätzlich als eine Unterschreitung von bzw. ein Zurückbleiben hinter bestimmten Standards von Formalisierung beschreiben, was mit „Sicherungsdefiziten“ einhergeht. Das geplante Forschungsprojekt beabsichtigt, jene Akteure, Diskurse und Praktiken zu untersuchen, die nicht formalisierte Arbeit im 20. Jahrhundert problematisierten und Wissen über solche Arbeitsformen hervorbrachten.

Vorstellungen und Normen ‚freier‘ und formeller Lohnarbeit bildeten eine zentrale Legitimationsgrundlage des modernen Kapitalismus. Gleichzeitig existierte ein Spannungsverhältnis zwischen den Maßnahmen und Bestrebungen zur Formalisierung von Arbeit sowie der Persistenz und der – stillschweigenden oder gar bewussten – Akzeptanz informeller, prekärer oder unsicherer Arbeitsformen in zahlreichen ökonomischen Sektoren. Debatten und Wissen über nicht formalisierte Arbeit schufen hier einerseits einen Ausgangspunkt für Kritik, indem sie auf ‚Dysfunktionalitäten‘ des Kapitalismus hinwiesen. Andererseits erlaubten es Problematisierungen von nicht formalisierter Arbeit den Kapitalismus gegenüber seinen ‚Rändern‘ abzugrenzen und bestimmte Arbeitsformen entweder als gesetzwidrig, ‚rückständig‘ oder sozioökonomisch bedeutungslos zu diffamieren.

Das Forschungsprojekt folgt einer wissensgeschichtlichen Perspektive. Zum einen untersucht das Projekt, in welchen Kontexten informelle bzw. prekäre oder unsichere Arbeit im 20. Jahrhundert als ein Problem wahrgenommen wurde und Eingang in unterschiedliche Wissens- und Politikfelder fand. Wie wurden nicht formalisierte Arbeitsformen thematisiert, problematisiert und politisiert und welche Rolle spielten dabei Kategorien wie race und gender? Damit rücken politische Debatten und gesellschaftliche Auseinandersetzungen in den Blick, die von so unterschiedlichen Akteuren wie Gewerkschaften, Unternehmerverbänden, Regierungsstellen, Wirtschaftswissenschaftlern und Sozialreformerinnen, aber auch Feministinnen und ‚einfachenʻ Arbeiterinnen und Arbeitern vorangetrieben wurden. Zum anderen analysiert das Projekt, wie Wissen über informelle Arbeit gewonnen wurde und wie dieses Wissen zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit zirkulierte. Damit wird die Produktion von Wissen über ein Phänomen untersucht, für welches ‚unsicheres Wissen‘ bzw. ‚Nichtwissen‘ konstitutiv war (und ist).

Ausgehend vom Beispiel Deutschlands bzw. der Bundesrepublik sowie stets in Bezug auf trans- und internationale Debatten, Normen und Wissenstransfers untersucht das Forschungsprojekt die Wissensgeschichte informeller Arbeit im 20. Jahrhundert anhand von vier Tiefenbohrungen. Diese orientieren sich zeitlich an Phasen, in denen sich die öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussionen über nicht formalisierte Arbeit verdichteten. Einen ersten Schwerpunkt bilden die 1880er Jahre: Zu dieser Zeit übernahm das Deutsche Reich eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung von Sozialversicherungs- und Lohnbesteuerungssystemen, deren Einführung mit einer zunehmenden statistischen Erfassung und rechtlichen Regulierung des Arbeitsmarktes einherging. Eine zweite Tiefenbohrung betrifft die 1930er Jahre, als im Zuge der Weltwirtschaftskrise vor allem ‚Schwarzarbeit‘ zu einem politisch virulenten und öffentlich skandalisierten Thema avancierte. Drittens wird auf die 1950er Jahre und damit auf den Anfang des Wirtschaftsbooms fokussiert, der (als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre) mit einem Sicherungs- und Formalisierungsschub von Arbeit einherging, von dem Formen von migrantischer und Frauenarbeit indessen großenteils ausgeschlossen waren. In diesem Kontext fand in der Nachkriegszeit eine neue Problematisierung von nicht formalisierten Arbeitsverhältnissen statt. Eine vierte Phase bilden die 1970er Jahre, als Anthropologen und Ethnologen begannen, informelle Arbeit in ‚Entwicklungsländern‘ zu untersuchen. Das Konzept der informellen Arbeit wurde anschließend auf westliche Industrienationen übertragen. Mit diesem Phänomen befassten sich nun vermehrt internationale Organisationen wie die ILO und die OECD, die als transnationale Verflechtungs- und Vergleichsebenen fungierten, indem sie bestimmte Standards festlegten und vergleichbare Zahlen aus einzelnen Ländern generierten. Als Folge der Wirtschaftskrise und der einsetzenden Deindustrialisierungsprozesse trugen zudem zeitgenössische Debatten über das „Ende der Arbeit“ zu einer verstärkten Problematisierung von prekärer bzw. unsicherer Arbeit bei, aber auch empirische Befunde der Sozialwissenschaften, die belegten, dass die Beschäftigung in der ‚Schattenwirtschaft‘ seit den 1970er Jahren auch in westlichen Industrienationen zunahm. Vor dem Hintergrund dieser Krisenerfahrung bzw. dem beginnenden Strukturbruch formierten sich neue (neoliberale) Politiken, die auf eine gewollte Informalisierung von Arbeit abzielten und bis heute nachwirken.

Als Quellen für das geplante Forschungsprojekt fungiert ein heterogenes Quellenkorpus, das der Pluralität der in den Blick genommenen Akteure Rechnung trägt und unter anderem die folgenden Quellenbestände umfassen soll: Deutsche Partei- und Gewerkschaftsarchive, Archive von deutschen und supranationalen Arbeitsämtern, Arbeitsmarktforschungsanstalten und Volkswirtschaftsinstituten, Archive internationaler Organisationen (insbesondere der OECD und der ILO), Literatur von anthropologischen, soziologischen, ökonomischen und juristischen Experten und Expertinnen (und evtl. die damit korrespondierenden Nachlässe), Parlamentsdebatten und Presseberichte.

Pierre Shirvan | 01.08.2018
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