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Habilitationsprojekte

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen die Habilitationsprojekte unserer Mitarbeiter vor.

Dr. des. Catherine Davies

„Gesellschaftsgeschichte der Gewalt in Westdeutschland“

Die Leitfrage des Projekts ist die nach dem Umgang der nachkriegsdeutschen Gesellschaft mit Gewalt und Gewaltkriminalität. Einem gängigen Narrativ zufolge folgte auf die Erfahrung entgrenzter Gewalt im Zweiten Weltkrieg ein vergleichsweise rascher Übergang zu einer auch im Inneren befriedeten Gesellschaft. Obwohl die großen Linien dieses Narrativs einigermaßen etabliert sind, ist die Zahl der einschlägigen geschichtswissenschaftliche Arbeiten überschaubar. Davon ausgehend fragt das Projekt nach staatlichen und zivilgesellschaftlichen Maßnahmen zur Einhegung von Gewalt und Gewaltkriminalität und fokussiert dabei im Sinne von Fallstudien Themen wie häusliche Gewalt, Gewalt in der Erziehung, privaten Waffenbesitz und Polizeigewalt.

Dr. des. Sibylle Marti

„Wissensgeschichte der informellen Arbeit (‚Schwarzarbeit‘)“

Informelle Arbeit bildete in der ökonomischen Theorie lange Zeit einen blinden Fleck, und zwar sowohl in der klassischen Ökonomie als auch in der marxistisch orientierten Kapitalismuskritik. Gleiches gilt für die traditionelle Wirtschafts- und Arbeitsgeschichte des modernen Kapitalismus, die stark auf die freie Lohnarbeit als Merkmal kapitalistischer Wirtschaftssysteme fokussiert war. Diese Vernachlässigung steht in einem Spannungsverhältnis zu den Befunden der empirischen Sozialwissenschaften, dass die Beschäftigung in der so genannten Schattenwirtschaft seit den 1970er Jahren auch in westlichen Industrienationen zunahm und in den OECD-Ländern in den Jahren von 1999 bis 2007 einen Umfang zwischen 8.5-30% des Bruttoinlandprodukts aufwies.

Betrachtet man die Thematisierungskonjunktur des Begriffes ‚Schwarzarbeit‘, so wird ersichtlich, dass ‚Schwarzarbeit‘ seit dem ausgehenden 19. Jahrhunderts problematisiert wurde, sich die Diskussion indessen zu mehreren Zeitpunkten – in den 1930er Jahren und den 1950er Jahren, insbesondere aber in den 1970er und 1980er Jahren – verdichtete. Für den englischen Begriff des „informal work“ lässt sich eine ähnliche Thematisierungskonjunktur nachweisen. Eine Definition des Phänomens gestaltet sich indessen bis heute schwierig. Während im deutschsprachigen Raum die negativ konnotierte Bezeichnung ‚Schwarzarbeit‘ verbreitet ist, finden sich im angelsächsischen Raum ganz unterschiedliche Bezeichnungen, so etwa „informal work“, „irregular work“ und „illicit work“, aber auch „black labour“. Die Frage, was unter informeller Arbeit verstanden wird (bzw. werden soll) und wie dieses Phänomen empirisch zu erfassen ist, unterlag historischem Wandel, blieb aber bis heute umstritten. An dieser Stelle setzt das geplante historische Forschungsprojekt an: Es beabsichtigt, jene Diskurse und Praktiken zu untersuchen, die informelle Arbeit problematisierten und Wissen über solche Arbeitsformen hervorbrachten.

Aus einer wissensgeschichtlichen Perspektive werden dabei in erster Linie zwei miteinander verknüpfte Dimensionen analysiert: Erstens wird die Problematisierung von informeller Arbeit bzw. ‚Schwarzarbeit‘ untersucht. Bereits seit den 1880er Jahren fand eine gesellschaftliche Problematisierung und eine bisweilen stark moralisch aufgeladene Skandalisierung von ‚Schwarzarbeit‘ statt. Im weiteren Verlaufe des langen 20. Jahrhunderts war die Problematisierung informeller Arbeit in vielfältiger Weise mit Krisen und Strukturbrüchen einerseits sowie mit Transnationalisierungs- und Globalisierungstendenzen andererseits verbunden. Wann, wo und weshalb wurde ‚Schwarzarbeit‘ bzw. informelle Arbeit im langen 20. Jahrhundert als Problem wahrgenommen? Mit welchen Argumenten wurde ‚Schwarzarbeit‘ skandalisiert, moralisiert und kritisiert? Welche ökonomischen und politischen Vorstellungen, Theorien und Narrative wurden herangezogen, um das Phänomen der ‚Schwarzarbeit‘ bzw. informellen Arbeit zu erklären? In welchen politischen Kontexten erlangte dieses Phänomen Bedeutung, und welche Politik wurde damit gemacht? Welche Instrumente wurden vorgeschlagen, um ‚Schwarzarbeit‘ bzw. informelle Arbeit zu verhindern oder einzudämmen? Dieser erste Fragekomplex erforscht also in erster Linie die diskursiv-politische Ebene.

Zweitens wird die Wissensproduktion und damit das über ‚Schwarzarbeit‘ bzw. informelle Arbeit hervorgebrachte Wissen historisiert. Die wissenschaftliche Erforschung informeller Arbeit setzte in den 1970er Jahren ein. Anthropologen und Ethnologen begannen damit, informelle Arbeit in ‚Entwicklungsländern‘ zu untersuchen. Das Konzept der informellen Arbeit wurde anschließend auf westliche Industrienationen übertragen. Hier begannen sich nun vor allem Ökonomen für das Phänomen zu interessieren, wobei zeitgenössische Debatten über das „Ende der Arbeit“ aufgrund der gleichzeitig einsetzenden Deindustrialisierungsprozesse eine wichtige Rolle spielten. In der (klassischen) Ökonomie stand dabei lange Zeit die Frage der Quantifizierbarkeit bzw. Messbarkeit der informellen Arbeit als methodisches Problem im Vordergrund. Mit welchen Methoden und Instrumenten wurde versucht, empirisches Wissen über ‚Schwarzarbeit‘ bzw. informelle Arbeit zu erlangen? Welche Theorien und wissenschaftlichen Praktiken waren hierfür wesentlich? Wie zirkulierte dieses Wissen zwischen wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Kontexten und wie transformierte es sich dabei? Dieser zweite Fragekomplex untersucht somit die Produktion von Wissen über ein Phänomen, für welches ‚unsicheres Wissen‘ bzw. ‚Nicht-Wissen‘ konstitutiv war (und ist).

Das geplante historische Forschungsprojekt verbindet eine Wissensgeschichte der Ökonomie mit einer Geschichte der Arbeit ‚in der Erweiterung‘ und ‚an den Rändern‘. In diesen beiden Forschungsfeldern bildet die (Wissens-)Geschichte informeller Arbeit einen bis anhin marginalisierten Untersuchungsgegenstand. Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, aus historischer Perspektive einen Beitrag zu den aktuellen gesellschaftlichen Debatten um die „Zukunft der Arbeit“ zu leisten.

Pierre Shirvan | 01.03.2017
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