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Renaissancen, Reformen, Revolutionen. Erneuerungsbewegungen in Alteuropa - abgesagt -

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Thema:

Renaissancen, Reformen, Revolutionen. Erneuerungsbewegungen in Alteuropa
- abgesagt -

Veranstaltungstyp: Präsenzveranstaltung
Adressatenkreis: BA KuWi: Modul G2; Modul G3; Modul G5; BA KuWioF: Modul 4; Modul 5; MA EuMo: Modul 2E;
Ort: Wolfenbüttel
Adresse: Herzog August Bibliothek
Lessingplatz 1
38304 Wolfenbüttel
Termin: 06.06.2017 bis
09.06.2017
Zeitraum: voraussichtlich
Di, 06.06.2017 ab 09:00 Uhr
Fr, 09.06.2017 bis 13:00 Uhr
Leitung: Dr. Uta Kleine
Prof. Dr. Felicitas Schmieder
Prof. Dr. Thomas Sokoll
Anmeldung: Das Seminar findet nicht statt
Auskunft erteilt: E-Mail: Irmgard Hartenstein
Telefon: (02331) 987-4752

‚Renaissance‘, ‚Reform‘ und ‚Revolution‘ sind starke Metaphern für Prozesse der politischen und spirituellen Erneuerung. Sie vermitteln erstens Vorstellungen darüber, wie Menschen Zeit wahrnehmen, ordnen und bewerten: Die Beziehungen zwischen alt und neu, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die unterschiedlich wahrgenommenen Verlaufsgeschwindigkeiten von Zeit, die Umbrüche und Zäsuren. Und sie sind zweitens wichtige Instrumente einer die Zeitläufte sinnhaft ordnenden Geschichtsschreibung.

‚Reform‘ (reformatio), ‚Wiedergeboren werden‘ (renasci) und ‚Erneuerung‘ (renovatio) waren Gerhart Ladner zufolge seit der Spätantike Schlüsselbegriffe christlichen Denkens und Lebens. Sie beziehen sich auf eine zentrale Idee des Christentums, die Re-Formatio (Rückkehr, eigentlich Rück-Bildung) des sündigen Menschen in den ursprünglichen Zustand der Gottesebenbildlichkeit, ein Vorgang, der von Paulus nicht als einmalig, sondern als ständig zu wiederholendes Bemühen verstanden wurde.

Im Gegensatz dazu sind ‚Renaissance‘ und ‚Revolution‘ moderne Begriffsschöpfungen, die entweder die Erneuerung der Gesellschaft nach Vorbildern einer besseren Vergangenheit meinen – so der von Jean-Jacques Ampère und Jacob Burckhardt geschmiedete Begriff der Renaissance - oder den radikalen Bruch mit einer schlechten Vergangenheit in einem gewaltsamen und dauerhaft fortwirkenden politischen Umsturz – so der am französischen Beispiel entwickelte Revolutionsbegriff.

Im modernen Sprachgebrauch bezeichnen alle drei Begriffe Perioden des beschleunigten Wandels, die häufig zugleich als Epochenzäsur empfunden werden, so die Italienische Renaissance des 14./15. Jh., die sog. ‚Medienrevolution‘ des 15./16. Jh., die Reformation des 16. Jh., die ‚Glorious Revolution‘ des 17. Jh. oder die Französische Revolution bzw. die politisch-industrielle Doppelrevolution des ausgehenden 18. Jh. Hinzu kommen ‚kleinere‘ oder ‚abgebrochene‘ Erneuerungsbewegungen wie die karolingische Renaissance des 8./9. Jh., die sog. ‚Renaissance des 12. Jh.‘, oder die hussitische Revolution (14./15. Jh.), um hier nur einige zu nennen. Der häufig inflationäre und unreflektierte Gebrauch der Erneuerungs-Metaphern deutet aber auch einen Mangel an begrifflicher Schärfe an: Die exakte Bedeutung der Begriffe und ihre präzise Abgrenzung voneinander werden selten explizit erklärt.

  • Beziehen sie sich auf eine bewusste und abrupte Rückkehr zu Vorbildern der Vergangenheit oder auf einen schleichenden, kaum wahrgenommenen Innovationsprozess?
  • Unterscheiden sie zwischen religiösen und säkularen Formen des Wandels?
  • Haben wir es mit künstlichen Begriffen zu tun, oder spiegeln sie den vormodernen Sprachgebrauch? Sind die verschiedenen Erneuerungsbewegungen durch ein gemeinsames Prinzip miteinander verbunden, oder sind sie verschiedenartig?
  • Betrifft die Erneuerung die gesamte Gesellschaft, oder nur einzelne Segmente, Gruppen oder kulturelle Praktiken?

Mit diesen Beispielen und Fragen wollen wir uns in diesem Seminar beschäftigen. Wir beleuchten die Zeiten zwischen der Spätantike und der Französischen Revolution und wollen neben wissenschaftlicher Literatur und Quellentexten, die wir Ihnen rechtzeitig bekannt geben, auch mit Materialien der Herzog August-Bibliothek arbeiten.

Die Veranstaltung ist teilnahmebeschränkt (20 Personen)! Sobald die Anmeldefrist vorüber ist, werden wir Sie darüber informieren, ob Sie teilnehmen können.

Von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern erwarten wir die Erledigung eines kleinen Arbeitsauftrags (Referat eines Aufsatzes oder eines Buches, Moderation einer Quelleninterpretation). Eine Liste möglicher Beiträge wird rechtzeitig auf Moodle veröffentlicht werden. Bitte setzen Sie sich wegen der Absprache eines solchen Beitrages dann zügig mit uns in Verbindung.

Einige Titel zur vorbereitenden Lektüre bzw. Ansicht (können u.U. auch als Referat vorgestellt werden):

A. Klassiker, die begriffsprägend wirkten

Gerhart B. Ladner, The Idea of Reform. Its Impact on Christian Thought and Action in the Age of the Fathers, Harvard 1959
Walter Ullmann, The Carolingian Renaissance and the Idea of Kingship. The Birkbeck Lectures 1968-69, London 1969
Charles Homer Haskins, The Renaissance of the Twelfth Century, Harvard 1927
Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien, Stuttgart 1930 (Jacob-Burckhardt Gesamtausgabe 5) [1860] – handliche Ausgabe bei Reclam (ed. Walther Rehm, 2014)

B. Begriffsgeschichte

Reinhart Koselleck, Historische Kriterien des neuzeitlichen Revolutionsbegriffs (1969) , in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/ M. 1979, 67-86
Karl Griewank, Der neuzeitlich Revolutionsbegriff (1955), Frankfurt a.M 1975 (stw52)

C. Moderne Darstellungen

Robert Benson (Hg.), Renaissance and Renewal in the Twelfth Century, Harvard 1982
Peter Burke, Die Renaissance in Italien. Sozialgeschichte einer Kultur zwischen Tradition und Erfindung, Berlin 1992 – auch München 1988 (dtv 10972)
Peter Burke, Die europäische Renaissance. Zentren und Peripherien, München 2011 (Beck’sche Reihe)
Volker Reinhardt, Die Renaissance in Italien. Geschichte und Kultur, München 2002 (Beck Wissen)
Bernhard Jussen (Hg.), Kulturelle Reformation. Sinnformationen im Umbruch 1400-1600, Göttingen 1999 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 145)
Hlavácek, Ivan/ Patschovsky, Alexander(Hg.), Reform von Kirche und Reich zur Zeit der Konzilien von Konstanz (1414 – 1418) und Basel (1431 – 1449), Konstanz 1996

Irmgard Hartenstein | 30.05.2017
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