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Präsenzveranstaltung

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Thema:

Wissenschaftlicher Kolonialismus und koloniale Wissenschaften

Adressatenkreis: BA Kulturwissenschaften Modul 12A/G4, MA Europ. Moderne Modul 6G, Magister
Ort: Hagen
Termin: 23.04.2010 bis
25.04.2010
Zeitraum: Freitag, 23.04.2010, 14.00 - 18.00 Uhr (fakultativ in Essen)
Samstag, 24.04.2010, 09.00 - 18.00 Uhr (Hagen)
Sonntag, 25.04.2010, 09.00 - 16.00 Uhr (Hagen)
Leitung: Jürgen G. Nagel
Anmeldung: max. 25 Teilnehmer; ONLINE-Anmeldung, s. unten; falls Sie mit der Weitergabe Ihrer Adresse zwecks Bildung von Fahrgemeinschaften nicht einverstanden sind, geben Sie dies bitte ausdrücklich an.
Auskunft erteilt: E-Mail: Karin Gockel
Telefon: +49 2331 987 - 2122

Inhalt: Schon immer hatten europäische Expansion und Kolonialismus viel mit der Frage nach der Akkumulation von Wissen zu tun – neu entdeckte Länder mussten erkundet werden, und zur Inwertsetzung neu erworbener Kolonien war zunächst die Erschließung ihrer naturräumlichen, aber auch kulturellen Eigenschaften unabdingbar. Gerade im 19. und 20 Jahrhundert gingen die Professionalisierung der europäischen Wissenschaften und die Verwissenschaftlichung des Kolonialismus häufig Hand in Hand. Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehört der Anspruch, nach wissenschaftlich fundierten Methoden vorzugehen, zum Selbstverständnis einer "modernen" Kolonialherrschaft. Gleichzeitig profitierten zahlreiche akademische Disziplinen von den günstigen Rahmenbedingungen, die ihnen die Kolonialmächte in ihrem Herrschaftsbereich bieten konnten. Ungeachtet der Frage, ob es sich dabei um Prozesse der Instrumentalisierung oder um eine symbiotische Koexistenz handelte, ist es unzweifelhaft, dass eine moderne Kolonialgeschichte ebenso wenig ohne wissenschaftshistorische Perspektiven auskommt wie eine kritische Wissenschaftsgeschichte ohne die Berücksichtigung der kolonialen Verstrickungen ihrer Studienobjekte. Diesem ambivalenten Verhältnis will sich die Präsenzveranstaltung anhand von Fallbeispielen, vornehmlich aus dem deutschen und dem britischen Kolonialreich, nähern.

Ablauf: Das Seminar findet insgesamt an drei Tagen statt.

(1) Am Nachmittag des Freitags (23.04.2010) steht der Besuch der Ausstellung 'Das große Spiel. Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus, 1860-1940' im Ruhr Museum (Zollverein A14, Gelsenkirchener Straße 181, 45309 Essen) auf dem Programm. Voraussichtlich beginnt der Nachmittag mit einer Führung, bevor individuelle Rundgänge die Eindrücke vertiefen, die schließlich bei einem gemeinsamen Abendessen diskutiert werden sollen. Die Teilnahme am Ausstellungsbesuch in Essen ist fakultativ und für den Scheinerwerb nicht verpflichtend. Um planen zu können, wird jedoch darum gebeten, dass alle Interessenten bei der Anmeldung im Feld 'Bemerkungen' angeben, ob sie eine Teilnahme beabsichtigen.

(2) Am Samstag werden teils im Plenum, teils in Arbeitsgruppen konkrete Aspekte des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Kolonialismus erarbeitet. Als Grundlage dienen die vorbereiteten Fallbeispiele sowie zusätzliches Quellenmaterial.

(3) Im Mittelpunkt des Sonntags steht die Systematisierung des bislang Erarbeiteten und dessen Bezüge zu den theoretischen Angeboten der Wissenschafts- und Kolonialgeschichte. Hierzu werden einige zentrale Texte aus der Fachliteratur herangezogen.

Am Samstag und Sonntag findet das Seminar in den Räumlichkeiten der FernUniversität in Hagen statt.

Vorbereitung: Grundsätzlich dient, wie üblich, ein im Vorfeld versandter Reader der Vorbereitung des Seminars. Darüber hinaus wird erwartet, dass jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin vorab die kolonialen Verflechtungen einer wissenschaftlichen Disziplin nach eigener Wahl recherchiert. In Frage kommen sämtliche Kulturwissenschaften (z.B. Ethnologie, Sprach- und Literaturwissenschaften, Archäologie etc.), Naturwissenschaften (z.B. Zoologie, Botanik, Meteorologie etc.) oder angewandte Wissenschaften (z.B. Agrarwissenschaften, Kartographie, Ingenieurswissenschaften etc.), die in irgendeiner Form mit dem Kolonialismus des 19. und 20. Jahrhunderts in Berührung kamen. Von Interesse sind in diesem Zusammenhang sowohl Einflüsse kolonialer Administrationen oder kolonialen Denkens auf Praxis und Entwicklung der einzelnen Wissenschaften als auch die Nutzung kolonialer Rahmenbedingungen durch die jeweilige Wissenschaft. Die verschiedenen Rechercheergebnisse werden die Grundlage für die Diskussionen und Arbeitsgruppen am Samstag bilden.

Literaturhinweise:

Zaheer Baber: The Science of Empire. Scientific Knowledge, Civilization and Colonial Rule in India, Albany 1996.

Johannes Fabian: Im Tropenfieber. Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas, München 2001.

Ulrike Fett/Helga Nowotny/Klaus Taschner: Wissenschaftsforschung. Eine Einführung, Frankfurt/Main 1995.

Manfred Gothsch: Die deutsche Völkerkunde und ihr Verhältnis zum Kolonialismus. Ein Beitrag zur kolonialideologischen und kolonialpolitischen Bedeutung der deutschen Völkerkunde in der Zeit von 1870 bis 1975, Baden-Baden 1983.

David N. Livingstone: Putting Science in its Place. Geographies of Scientific Knowledge, Chicago 2003.

Roy M. MacLeod (Hg.): Nature and Empire. Science and the Colonial Enterprise, Chicago 2001.

H. Glenn Penny/Matti Bunzl (Hg.): Wordly Provincialism. German Anthropology in the Age of Empire, Ann Arbor 2003.

Patrick Petitjean/Catherine Jami/Anne Marie Moulin (Hg.): Science and Empires. Historical Studies about Scientific Development and European Expansion, Dordrecht 1992.

Lewis Pyenson: Cultural Imperialism and Exact Sciences. German Expansion Overseas 1900-1930, New York 1985.

Kapil Raj: Relocating Modern Science. Circulation and the Construction of Knowledge in South Asia and Europe, 1650-1900, Houndmills 2007.

Nathan Reingold/Marc Rothenberg (Hg.): Scientific Colonialism. A Cross-Cultural Comparision, Washington 1987.

Lissa Roberts: Situating Science in Global History. Local Exchanges and Netzworks of Calculation, in: Itinerario 33 (2009) 1, S. 9-30.

Benedikt Stuchtey (Hg.): Science across the European Empires, 1800-1950, Oxford 2005.

Charlotte Trümpler (Hg.): Das große Spiel - Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus (1860-1940), Köln 2008.

02.04.2015
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