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Promotionsprojekte

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Prophetien als Sprachcode der moralischen, gesellschaftlichen und politischen Kommunikation im 13. und 14. Jahrhundert

Projektleitung:
Status: abgeschlossen
Laufzeit: 5 Jahre
fördernde Einrichtungen:
  • (Anschub-Förderer) Stifterverband für die deutsche Wissenschaft e.V.

Kurzbeschreibung:

Prophetien als Sprachcode der moralischen, gesellschaftlichen und politischen Kommunikation im 13. und 14. Jahrhundert
(in Kooperation mit Gian Luca Potesta, Univ. Cattolica Mailand, und Sylvain Piron, EHESS Paris)
Das europäische Mittelalter war zutiefst christlich, und christliche Ideen dominierten das gesamte Weltbild, die gesellschaftlichen Wertvorstellungen und die Handlungsmuster der Menschen. Laut einer Grundidee hatte Gott die Welt geschaffen und würde sie eines Tages wieder zerstören. In der Zwischenzeit bestimmt Gottes Plan die Weltgeschichte, ein Plan, zu dessen Erkenntnis Gott Spuren gelegt hatte, damit die Menschen ihn erkennen und entsprechend handeln könnten. Diesen Plan zu erkennen, ist Aufgabe von Propheten oder Interpreten älterer prophetischer Schriften - um die eigene Zeitgeschichte in der Weltgeschichte zu verorten und zu deuten.

In der Anschubphase haben drei Workshops stattgefunden: Der erste Workshop fand in Modena, Palazzo dei Musei, 26. - 28. Juni2008 statt und wurde gefördert durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, “Franco Cosimo Panini Editore” e “Fondazione Cassa di Risparmio di Modena”. Der zweite Workshop wurde in Budapest, Collegium Budapest Institut for Advanced Study am 8./ 9. 6.2009 veranstaltet und der dritte Workshop am 8. und 9. Juli 2010 in Prag am Centre for Medieval Studies.
Abschlussbericht der Anschubphase

Das europäische Mittelalter war zutiefst christlich. Wir sprechen oft vom „lateinischen Mittelalter“ und nehmen damit Bezug auf die lange Zeit alleinige Sprache der Liturgie, der Bibel und der Wissenschaften in der von der römischen Kirche durchdrungenen Gesellschaft. Christliche Vorstellungen dominierten dementsprechend die gesamte Weltsicht, das Wertesystem der Gesellschaft sowie die Handlungsmuster der Menschen bis hin zur hohen Politik von Päpsten, Kaisern und Königen.
Gott hatte die Welt eines Tages geschaffen, und er würde sie eines Tages – am letzten, dem Jüngsten Tag – wieder vernichten. Für die Zwischenzeit, also die historische Periode, in der die Welt und die sterblichen Menschen existierten, bestimmte Gottes Plan die Weltgeschichte. Dieser Plan war zwar für die Menschen nicht sichtbar, aber Gott hatte Spuren gelegt, damit die Menschen den Plan in Teilen erkennen und ihm entsprechend handeln könnten. Die Christen hatten ihre gottgegebenen und notwendigen Aufgaben in der Welt, waren aber auch mit freiem Willen ausgestattet, sich gut oder schlecht, richtig oder falsch zu verhalten – als Lohn stand am Ende die Erlösung. Zu den wichtigsten Aufgaben, die vor der Endzeit zu erfüllen waren, gehörte es, daß vor dem Ende (wenn Christus auf die Welt zurückkehren und alle Menschen im letzten, dem Jüngsten Gericht, richten würde) alle Welt christlich werden mußte: Alle Heiden mußten getauft werden, und zuletzt sogar die Juden sich zu Christus bekennen. Dann würde die Welt in Chaos und Zerstörung versinken und die Gerechten würden am „Tag des Zorns“ (lateinisch dies irae, den eine bekannte liturgische Sequenz beschwört) in die ewige Seligkeit eingehen.
Dieser kurze Aufriß soll verdeutlichen, weshalb es die Menschen im Mittelalter so wichtig nahmen, die von Gott gelegten Spuren seines Planes aufzufinden und richtig zu lesen. Der Tag und die Stunde des Weltendes waren zwar ungewiß, doch konnte man, so die Überzeugung, grundsätzlich herausfinden, in welchem Zustand sich die Menschheitsgeschichte gerade befand. Gottes Spuren waren vor allem in der Bibel zu finden: im Alten Testament in den Prophezeiungen, die auf Jesus Christus und sein Leben, Sterben und Wiederkehren vorverwiesen, im Neuen Testament mit Christi eigenen Vorhersagen zu den Eschata (den „letzten Dingen“) und der Offenbarung (griechisch „Apokalypse“), die Johannes von Gott geworden war. Die Schriften waren nicht wörtlich zu lesen, sondern allegorisch zu verstehen und zu deuten, damit man die eigene Zeit, die eigene Gesellschaft und die eigenen politischen Verhältnisse darin wiedererkennen konnte – um also herauszufinden, an welchem Zeit-Punkt man stand. Die Lehre von den letzten Dingen, die Eschatologie, verlangte höchste Kunst der Textauslegung. Die beste Interpretation war die von Gott inspirierte, und so ist der Weg nicht weit zum Auftreten von neuen Propheten, die durch Gottes Eingebung Szenarien sehen konnten, die an die biblischen Bilder anknüpften und halfen, die Gegenwart besser zu verstehen. Das wurde umso wichtiger, je mehr Zeit seit der Kreuzigung ins Land ging, je öfter deutlich wurde, daß man noch nicht richtig verstanden hatte, weil Erwartungen sich nicht erfüllten.
Während im Früh- und Hochmittelalter die lateinischen Christen sich entweder mit der Bibel begnügt oder aber neue Prophetien aus dem Osten, aus dem christlichen Byzanz übernommen hatten (wo sich die Welt viel mehr als im Westen durch das Vordringen des Islam im 7. Jahrhundert veränderte), begannen im 11. und 12. Jahrhundert auch im Westen Propheten aufzutreten. Die berühmtesten Namen und zugleich die wirkmächtigsten Propheten sind Hildegard von Bingen und vor allen anderen Joachim von Fiore. Vor allem in der Tradition von des letzteren Werken stehen prophetische Schriften des 13. und 14. Jahrhunderts in großer Zahl – einer Zahl, die heute noch nicht benannt werden kann, weil viele Texte bis heute in den Handschriftensammlungen der Bibliotheken verborgen liegen. Sehr lange Zeit hat die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Texten ein Randdasein geführt, gilt vielfach bis heute als Spielerei mit unwichtigen Erzeugnissen überspannter Phantasien.
Dabei handelt es sich um eine Fehleinschätzung der modernen Europäer, die sich als aufgeklärt verstehen und den Glauben an konkretes Eingreifen Gottes in die Welt weitgehend verloren haben. Die mittelalterlichen Menschen dagegen haben auf der oben ausgebreiteten Glaubensgrundlage eschatologischem Schrifttum auf unterschiedlichen Ebenen große, existentielle Bedeutung zugemessen: Das jeweils eigene Leben stand unter dem allgegenwärtigen Imperativ des moralisch guten Handelns, denn das Ende stand bevor und konnte nahe sein. Um vorbereitet zu sein, wollte man wissen, wie nahe – und Aufrufe, das Leben besser zu gestalten und Buße zu tun, fielen unter diesem Vorzeichen auf fruchtbaren Boden. Eine ständige Vergewisserung christlicher Wertvorstellungen tat Not und wurde von der Prophetie geleistet. Dies gilt grundsätzlich für alle Ebenen der Gesellschaft, vom Bettler bis zum Fürsten. Doch nach dem wohlbekannten biblischen Spruch, daß eher ein Kamel durchs Nadelöhr geht, als ein Reicher in den Himmel kommt, waren die Großen dieser Welt besonderer Verbesserungsnotwendigkeit ausgesetzt.
Und diese Großen mußten nicht nur ihr privates Leben an den Wertvorstellungen messen, sondern waren zugleich diejenigen, die den Gang der Weltgeschichte lenken konnten. Ihr politisches Handeln stand in unmittelbarem Konnex zum rechten christlichen Handeln im Hinblick auf die Endzeit. Und so sind prophetische Schriften gerade an sie gerichtet worden, prangern die aktuellen Verhältnisse der Welt an, um diese Herren zu beeinflussen, zum Handeln zu bewegen – bis hin zu konkreten politischen Handlungsanweisungen, die sich in den Prophetien finden lassen. Dabei konnte es nicht ausbleiben, daß Prophetien in Auftrag gegeben wurden, um bestimmte politische Ziele zu unterstützen und zu propagieren. Die Nutzung von Auftragsarbeiten widerspricht nicht dem Glauben an die Wahrheit der Aussagen: Weil Prophetie möglich war, gab es Menschen, die diese Gabe Gottes besaßen – die aber nicht ungestraft damit spielen konnten. Wenn ein wahrer Prophet (denn daß es falsche Propheten geben konnte, sah man und berücksichtigte man kritisch) eine bestimmte Richtung zu unterstützen bereit war, dann deshalb, weil Gott ihn deren Wahrheit hatte sehen lassen. Deshalb auch lesen sich diese Prophetien nicht als einfache politische Programme, sondern die Texte kommen höchst allegorisch und geheimnisvoll daher, sind ihrerseits interpretationsbedürftig (denn die echte, von Gott inspirierte Prophezeiung spricht nicht in einfachen menschlichen Sätzen, sondern ist Spiegel der unendlich viel komplexeren Wahrheit Gottes).
Eine eigene Sprache ist so entstanden, ein Code nicht nur moralischer und allgemein-gesellschaftlicher, sondern zutiefst politischer Kommunikation, in dem sich die Zeitgenossen Kritik und Zustimmung, Warnungen und Ermahnungen signalisieren konnten, in der die existentiellen Werthaltungen der Zeit ausgedrückt wurden. Der Bilder gab es genug, derer man sich bedienen konnte – Sprachbilder ebenso wie konkrete Abbildungen, die wir noch heute an den Tympana und in den Altarräumen der mittelalterlichen Kirchen bewundern.
Wir bewundern sie, aber wir verstehen sie oft nicht mehr, jedenfalls hier in Europa: Wir haben die Bedeutung der Bilder vergessen, die Sprache verlernt. Sie wieder zu erlernen, ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis des mittelalterlichen Denkens und Wertesystems und damit unserer eigenen geistig-religiösen Vergangenheit, der Wurzeln unserer modernen Gesellschaft. Doch nicht allein das: Außerhalb Europas wirken diese Überzeugungen bis heute fort, werden mittelalterliche religiöse Bilder in die moderne politische Sprache übertragen. Da auch die anderen beiden monotheistischen Weltreligionen, Judentum und Islam, entsprechende Szenarien kennen, spielen sie in die moderne Weltpolitik herein wie im lateineuropäischen Mittelalter: Der „Kreuzzug“ der Amerikaner und der „Große Satan“ der Mullahs im Iran seien nur als Beispiele dafür angedeutet. Fundamentalisten aller drei Religionen erwarten konkrete Ereignisse und tun das Ihre dazu, daß sie eintreten werden. Heute wie im Mittelalter geht das über die „Privatsache“, als die wir Europäer die Religion heutzutage zu betrachten pflegen, weit hinaus: In der islamischen Welt ebenso wie in Israel und in den Vereinigten Staaten von Amerika sitzen Anhänger fundamentalistischer eschatologischer Überzeugungen in den Regierungen, und sie kommunizieren in der alten eschatologischen Sprache. Ein Name genügt, um die aktuelle Brisanz solcher Leitgedanken zu demonstrieren: Jerusalem spielt im endzeitlichen Szenario aller drei Religionen eine entscheidende Rolle!

Vor diesem Hintergrund versteht sich das Forschungsprogramm. Eine Kerngruppe von drei Historikern, die sich bereits intensiv mit eschatologisch-prophetischem Schrifttum beschäftigt haben, soll gebildet werden, um die christliche eschatologische Sprache des Mittelalters zu erhellen, neu zu buchstabieren. Zur Intensivierung des Austausches sind Workshops geplant, bei der internationale Spezialisten der Forschungsrichtung zur Förderung der Diskussion eingeladen werden sollen.

Irmgard Hartenstein | 20.06.2016
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