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Projekt

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Was Friedhöfe und ihre Grabsteine erzählen. Leben, Sterben und Erinnern in der deutschen Auslandsgemeinde in Bangkok.

Projektleitung:
Status: laufend
fördernde Einrichtungen:
  • FernUniversität Hagen

Kurzbeschreibung:

Friedhöfe und ihre Grabsteine erzählen Geschichten vom Leben und Sterben der Menschen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben. Sie berichten von Geburtsort, Beruf, Alter, Lebensumständen und Familienverhältnissen der Verstorbenen. Damit sind sie ein Kristallisationspunkt historisch relevanter Informationen, ein "Überrest" geschichtlicher Ereignisse. Sie bergen in sich jedoch darüber hinaus auch das Potential eines Erinnerungsortes, der für eine Gemeinschaft von Menschen ein Maß an Bedeutung und identitätsstiftender Symbolik besitzt, der seine Gegenständlichkeit weit übersteigt.

Im Mittelpunkt des Projektes steht der protestantische Friedhof in Bangkok. Wir verstehen ihn konzeptionell als einen – materiellen, aber auch immateriellen - "Lieu de mémoire" im Sinne des Ansatzes von Pierre Nora und der Arbeiten zu Deutschland und Europa, die sich von ihm inspirieren ließen. Anders als es vor allem bei Nora, aber weitgehend auch in den übrigen Sammelwerken der Fall ist, hat unser Vorhaben keinen nationalen Bezugsrahmen. Uns geht es um eine quer zu Grenzen lebende transnationale und -kulturelle Gemeinschaft. Wir nähern ihr uns mit Hilfe von Friedhof und Grabsteinen in mehreren Schritten und mit verschiedenen Perspektiven. Wir legen einen Weg zurück, der vom Materiell-Gegenständlichen zum Immateriell-Symbolischen, von der Realität zur Identitätsstiftung und vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis führt.

Manche Grabsteine lassen erkennen, dass die Toten integriert waren in ihre Residenzgesellschaft. Prächtige Grabsteine erlauben Rückschlüsse auf Wohlstand und sozialen Status. Die Namen thailändischer oder chinesischer Frauen oder auch Gräber aus einer Familie über mehrere Generationen künden von lokaler Verwurzelung. Bei einigen der Verstorbenen lag schon ihr Geburtsort nicht in Deutschland, sondern in Südostasien. Andere starben nicht in Bangkok, sondern in einem Nachbarstaat Thailands und sind doch in dessen Hauptstadt beerdigt. Dies führt uns in einem ersten Schritt zu der Annahme, die es in dem Projekt zu untermauern gilt, dass der protestantische Friedhof in Bangkok mehr ist als ein Kristallisationspunkt individueller historischer Lebensdaten. In ihm konkretisiert sich die Geschichte einer Gemeinschaft, und zwar vermutlich sogar einer diasporischen Gemeinschaft. Es spricht einiges dafür, dass Bangkok Eckpunkt einer Handels- und/oder Arbeitsdiaspora und der protestantische Friedhof ein Ort war, in dem sich diese Situation abbildete. Die Grabsteine, so unsere Annahme, zeigen, inwieweit die Bangkok-Deutschen in transkulturelle Netzwerke eingebunden waren und welche Gestalt diese Netzwerke hatten.

Karin Gockel | 03.03.2016
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, Historisches Institut, LG Neuere Europäische und Außereuropäische Geschichte, 58084 Hagen