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Das aktuelle Programm der „Lüdenscheider Gespräche“ 2016

Programm (Herbst 2016) [pdf]

Alle Veranstaltungen finden im Kulturhaus Lüdenscheid statt, Freiherr-vom-Stein-Straße 9, 58511 Lüdenscheid.
Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.

Kontakt: Tel: 02331 9874010
Email: igb@fernuni-hagen.de

"Überwachtes Deutschland. Historische Grundlagen und notwendige politische Konsequenzen"

Mittwoch, 13. Januar 2016, 18 Uhr

Referent: Prof. Dr. Josef Foschepoth

Wenige Monate bevor Edward Snowden die Welt mit seinen Enthüllungen über die Machenschaften der NSA schockierte, war „Überwachtes Deutschland“ – inzwischen in der 4. Auflage – erschienen. Das erste Buch eines Historikers zu den Überwachungspraktiken der deutschen und alliierten Geheimdienste in der alten Bundesrepublik. Foschepoth hatte erstmals Zugang zu den Geheimarchiven der Bundesregierung bekommen. Das Ergebnis: Nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik wurde kräftig überwacht. Millionen und Abermillionen Postsendungen aus der DDR wurden geöffnet, ausgewertet und vernichtet, Millionen und Abermillionen Telefone und Telefaxe abgehört und kopiert.

Neben den exzessiven Überwachungspraktiken der Alliierten wurden nicht nur die westdeutschen Geheimdienste aktiv, sondern auch die Post- und Zollbeamten. Rechtsstaatliche Prinzipien wurden großzügig umgangen. Nahezu alle eingehende Post aus der DDR und massenweise Briefe und Pakete aus anderen osteuropäischen und kommunistischen Staaten wurden angehalten und zensiert. Die Telefon- Fernschreib- und Telegraphenleitungen von und zur DDR, nach und von Berlin und in die übrigen osteuropäischen Staaten, aber auch innerhalb der Bundesrepublik, ins westliche Ausland, ferner die Durchgangsleitungen von Ost nach West wurden systematisch überwacht und abgehört. Die Bundesrepublik war seit ihrer Gründung 1949 ein großer und effizient arbeitender Überwachungsstaat!

Die NSA/BND-Affäre, so die Erkenntnis des Freiburger Historikers, war keineswegs die erste und einzige Geheimdienstaffäre, sondern der bisherige Höhepunkt einer rechtsstaatlich höchst problematischen Entwicklung, die vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart reicht.

Josef Foschepoth, geboren 1947 in Werl, ist als Professor für Zeitgeschichte in Freiburg tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Geschichte des Kalten Kriegs, der „deutschen Frage“ sowie des BND.


Zwischen Euphorie und Resignation. Brigitte Reimann und die „zweite sozialistische Stadt“

Mittwoch, 10. Februar 2016, 18:00 Uhr

Referenten: Martin und Helene Schmidt, Angela Potowski, Hoyerswerda

Die Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933-73) zählt zur ersten Künstler-Generation, die in der DDR aufwuchs. Sie begann jung zu schreiben, war als Lehrerin tätig und stieß mit ersten Entwürfen aus dem Schulleben - ebenso wie Uwe Johnson - an die ideologischen Grenzen der späten Stalinzeit. Ihr Weg führte sie von der kleinen Kreisstadt Burg (bei Magdeburg) nach Hoyerswerda und weiter nach Neubrandenburg.

In Hoyerswerda, der ersten in Großblock- und Plattenbauweise geschaffenen Großstadt der DDR, lebt sie die neun aktivsten und schöpferischsten Jahre ihres kurzen Lebens und steigt zu einer der führenden Schriftstellerinnen der DDR auf. Mit ganzer Energie kämpft sie für den Aufbau eines lebensbejahenden und demokratischen Sozialismus und geht keiner Konfrontation aus dem Weg – weder mit Walter Ulbricht ("selbst wenn ich bei ihm verschissen hab' in alle Ewigkeit") noch mit den „Schmeißfliegen“ der Staatssicherheit.

Von all dem erzählt sie ehrlich, leidenschaftlich in ihren Büchern, ihren Briefen und Tagebüchern, von denen viele erst dreißig Jahre nach ihrem frühen Tod im geeinten Deutschland erscheinen konnten. Euphorie und Resignation spiegeln sich am deutlichsten in Brigitte Reimanns unvollendetem Roman „Franziska Linkerhand“ wider, der, wie die Dichterin selbst, in der DDR Kultstatus genoss, aber auch in der Bundesrepublik mit Aufmerksamkeit gelesen wird.

Helene Schmidt; Dipl.-Phil. Deutsch/ Religion, Martin Schmidt, Dipl.-Theol., Dipl.-Ök., Berg-Ingenieur und Angela Potowski, Dipl.-Lehrerin Deutsch/ Englisch am Lessing-Gymnasium Hoyerswerda sind Gründungsmitglieder bzw. Mitglied des Hoyerswerdaer Kunstverein e.V. –Freundeskreis der Künste und Literatur seit Mitte 60er bzw. 80erJahre.


Der arabische Frühling und die europäische Krise

Mittwoch, 16. März 2016, 18 Uhr

Referent: Hamed Abdel-Samad, Autor

Hamed Abdel-Samad ist einer der bekanntesten Islamkritiker im deutschsprachigen Raum. Als drittes von fünf Kindern 1972 bei Kairo geboren, wird er durch seinen Vater, dem er als Imam nachfolgen soll, früh mit dem Koran vertraut gemacht. Durch die Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend geprägt, versucht er den alltäglichen Widersprüchen der ägyptischen Gesellschaft, zwischen traditioneller Religiosität und willkürlicher Brutalität, durch die Hinwendung zum radikalen Islam der Muslimbruderschaft zu entkommen. Die Antworten der Islamisten können ihn aber nicht zufriedenstellen, so dass ihn sein Weg schließlich bis nach Augsburg zum Studium der Politikwissenschaften führt. Seine weitere wissenschaftliche Laufbahn verbringt er mit Studien in Japan und einer Tätigkeit für die UNESCO in Genf, sowie mit Forschungs- und Lehrtätigkeiten in Erfurt und Braunschweig – bis er 2008 nach München, an das dortige Institut für Jüdische Geschichte und Kultur, wechselt. Kurz darauf erscheint seine Autobiographie „Mein Abschied vom Himmel“, die ihn schlagartig einem größeren Publikum bekannt macht. 2010 wird er als Teilnehmer der 2. Islamkonferenz berufen und ist seitdem (mittlerweile hauptberuflicher Publizist) mit zahlreichen islamkritischen Veröffentlichungen – u.a. „Der islamische Faschismus“ (2014) und „Mohammed“ (2015) – hervorgetreten.

Abdel-Samad plädiert mit großer Entschiedenheit für einen offenen, enttabuisierten Umgang mit dem Islam und seinem historischen Wesensgehalt. Nur ein im besten Sinne radikal aufgeklärter Diskurs zwischen allen Beteiligten, der keine Tabus kennt und auf die üblichen Ressentiments und Beschwichtigungsformeln verzichtet, könne verhärtete Fronten aufbrechen und den Weg zu einer gemeinsamen Zukunft frei machen.

Zum Pressebericht der "Lüdenscheider Nachrichten" vom 18.03.2016 hier [externer Link]

Zum Pressebericht der "Lüdenscheider Nachrichten" vom 19.03.2016 hier [externer Link]


Schwieriges Erbe. Die Kirchen und ihr Umgang mit den nationalsozialistischen Tätern

Mittwoch, 13. April 2016, 18:00 Uhr

Referent: Prof. Dr. Olaf Blaschke, Historiker, Universität Münster

Die Haltung der Kirchen zu den nationalsozialistischen Tätern seit 1945 kann nur als ausgesprochen ambivalent bezeichnet werden. In öffentlichen Schuldbekenntnissen machten sich die evangelische und die katholische Kirche weitgehend frei von Mitverantwortung. Sofort distanzierten sie sich wie Pius XII. vom “satanischen Gespenst des Nationalsozialismus”. Zugleich jedoch setzten sie sich für die inhaftierten “sogenannten Kriegsverbrecher” ein. Mehr noch, hinter den Kulissen halfen insbesondere Akteure und Instanzen der katholischen Kirche etlichen NS- Tätern schweren Kalibers, sich zu verstecken oder gar aus Deutschland und Europa mit gefälschten Papieren zu fliehen. Dank der sogenannten “Klosterroute” gelang etwa Adolf Eichmann, dem operativen Organisator der Judenvernichtung, die Flucht über Südtirol nach Argentinien. Auf den bewährten Wegen, von den Amerikanern “Rattenlinie” genannt, entkam auch Klaus Barbie, der Gestapochef in Lyon. Die Beleuchtung dieser beiden Seiten der “Vergangenheitsbewältigung” – zwischen Ablehnung und Vergebung – wirft die Frage auf, ob die Kirchen in den ersten Nachkriegsjahren eine strategische “Vergangenheitspolitik” verfolgten.

Olaf Blaschke ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.


Ironische Blicke auf die Gesellschaft der Wirtschaftswunderzeit - Dokumentarfilme der "Stuttgarter Schule"

Freitag, 20. Mai 2016, 18:00 Uhr

Referent: Dr. Kay Hoffmann, Filmpublizist und Historiker, Stuttgart

Ein Blick zurück in die wilden 60er Jahre. Mobile 16mm-Kameras verändern die Dokumentarfilmproduktion radikal. Neue Stile wie Direct Cinema oder Cinéma Vérité entwickeln sich. Die Dokumentarabteilung des Süddeutschen Rundfunks schreibt Fernsehgeschichte. Sie entwickeln einen eigenen, markanten Stil, der als „Stuttgarter Schule“ bezeichnet wird. Sie brilliert mit ironischen Kommentaren und Montagen und dem Mut, Position zu beziehen und auch mal anzuecken. Dies wird heute immer schwieriger.

Der bekannteste Film ist „Der Polizeistaatsbesuch“ (1967) von Roman Brodmann, der den Schah-Besuch 1967 und die Studentenproteste in Berlin dokumentiert. Doch auch in „Tortur de France“ (1960) und „Schützenfest in Bahnhofsnähe“ (1961) – beide von Dieter Ertel –, „Die Borussen kommen“ (1964) von Wilhelm Bittorf oder „Die Misswahl“ (1966) von Roman Brodmann werfen sie kritische Blicke auf die bundesdeutsche Gesellschaft der Wirtschaftswunderzeit. Ein völlig anderes Konzept entwickelte Elmar Hügler. In seiner Reihe „Notizen vom Nachbarn“ verzichtete er völlig auf Kommentar und setzte ganz aufs Bild.

Dr. Kay Hoffmann ist Filmpublizist und Filmhistoriker. Seit 2007 Studienleiter Wissenschaft im Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms, für das er seit 1994 regelmäßig gearbeitet hat. Studium Kulturwissenschaft an der Universität Marburg. 1989 Promotion zur Elektronisierung der Spielfilmproduktion. Organisation von Film- und TV-Festivals sowie Konzeption von Konferenzen. Stuttgart Korrespondent Film & TV Kameramann und Filmecho / Filmwoche. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, Artikel, Buch- und Lexika-Beiträge zu Dokumentarfilm, Filmgeschichte und Digitalisierung. Herausgeber der DVD-Edition „Zeichen der Zeit“ (absolut Medien).


Info: Der für den 22.06.16 angekündigte Vortrag mit Gerhard Botz über die Waldheim-Affäre fällt aus und wird auf 2017 verschoben!

Von Pommern nach Polynesien. Deutsche Auswanderer in die Südsee und ihre Nachfahren

Mittwoch, 14. September 2016, 18:00 Uhr

Referent: Prof. Dr. Reinhard Wendt, Historiker, München

Die Geschichte, die in diesem Lüdenscheider Gespräch erzählt werden soll, beginnt mit 25 Personen, 22 Männern und 3 Frauen. Sie stammten mehrheitlich aus Pyritz in Pommern, waren miteinander verwandt und verschwägert und machten sich zwischen 1850 und 1914 nach und nach auf den Weg in die Südsee, auf die Tonga-Inseln. Dort betätigten sie in einem Export-Import-Geschäft, das darauf basierte, europäische Waren ein- und Kokosnussprodukte auszuführen, und erarbeiteten sich meist einen durchaus ansehnlichen Wohlstand. Die Männer heirateten mehrheitlich Tonganerinnen oder Frauen westlich-polynesischer Herkunft und begründeten so eine transkulturelle Gemeinschaft, die heute viele Tausend Köpfe zählt und verstreut in der pazifischen Welt lebt.

Herkunft, Motive und Hoffnungen dieser Auswanderer werden im Vortrag ebenso angesprochen wie das Leben auf den Inseln zwischen deutschen Traditionen und polynesischen Gepflogenheiten. Schon die erste Generation wurde auf Tonga heimisch. Ihre Nachfahren waren noch stärker in der lokalen Gesellschaft verwurzelt. Auch wenn viele heute nicht mehr auf Tonga leben, blieb die Gruppe familiär und freundschaftlich miteinander verbunden. Über Raum und Zeit hinweg bewahrte sie Zusammenhalt. Kohärenz stiftet dabei zunächst der Bezug zu Tonga, dann aber auch eine Erinnerung an die deutschen Wurzeln.

Prof. Dr. Reinhardt Wendt (geb. 1949) leitete von 1998 bis 2015 das Lehrgebiet für Europäische und Außereuropäische Geschichte (jetzt LG Geschichte Europas in der Welt) am Historischen Institut der FernUniversität in Hagen. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen regional in Südostasien und Australien, inhaltlich auf der Geschichte von Interaktionen zwischen westlichen und nichtwestlichen Kulturen.


Die Nachkriegskarriere des „Schlächters von Lyon“ Klaus Barbie und die westlichen Geheimdienste

Mittwoch, 12. Oktober 2016, 18:00 Uhr

Referent: Dr. Peter Hammerschmidt, Historiker, Ramstein-Miesenbach

Der Historiker Peter Hammerschmidt rekonstruiert in seinem Vortrag die unglaubliche Nachkriegskarriere des ehemaligen SS-Hauptsturmführers Klaus Barbie, des „Schlächters von Lyon“. Dabei wirft er einen Blick auf Barbies Jugendjahre, seine Funktion als Gestapo-Chef im besetzten Frankreich, sein Engagement beim amerikanischen Heeresgeheimdienst CIC, seine Flucht auf der so genannten „Rattenlinie“, sein Wirken als Berater bolivianischer Militärdiktaturen sowie auf den finalen „Jahrhundertprozess“ in Lyon. Das besondere Interesse des Referenten gilt dabei insbesondere Barbies Beziehungen zu westlichen Geheimdiensten nach 1945. Auf Grundlage erst kürzlich freigegebener, teils streng geheimer Unterlagen des BND und der CIA soll die Kollaboration zwischen NS-Funktionären und westlichen Diensten nach 1945 am Beispiel Barbies konkretisiert werden.

Peter Hammerschmidt, geboren 1986, ist Historiker und Gymnasiallehrer. Er promovierte 2014 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Für seine Dissertation, die sich mit der Nachkriegsbiographie des ehemaligen SS-Hauptsturmführers Klaus Barbie auseinandersetzt, wurde er von der Volkswagenstiftung mit dem „Opus Primum“-Preis für die beste wissenschaftliche Nachwuchsarbeit des Jahres 2014 ausgezeichnet. In Deutschland löste er mit seinen Ergebnissen eine Bundestagsdebatte aus, die sich mit personellen NS-Kontinuitäten nach 1945 auseinandersetzte.


"Jude sein heißt Kämpfer sein" - Der Journalist Artur Schweriner (1882-1941)

Mittwoch, 23. November 2016, 18:00 Uhr

Referenten: Dr. Dietmar Simon (Lüdenscheid) und Jürgen Hartmann (Rheine)

Position beziehen, dem Gegner mit offenem Visier entgegentreten, ihn mit Scharfsinn, spitzer Zunge und einer gehörigen Portion Humor in die Ecke treiben – charakteristisch für den in Vergessenheit geratenen deutsch-jüdischen Journalisten Artur Schweriner. Eine in Arbeit befindliche Biographie soll dieses nun ändern. Wer war dieser Mann, der bislang nur in Randnotizen Erwähnung gefunden hat? Erkennbar ist, dass sein Leben als Paradebeispiel für eine politisch und kulturell engagierte Existenz zwischen Kaiserreich und Emigration gelten kann.

Der aus Czarnikau stammende Schweriner lebte die meiste Zeit seines Lebens in Berlin, wo er als Mitarbeiter des Centralvereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) gegen den marschierenden Antisemitismus auftrat. Zuvor war er mehrere Jahre als Zeitungsredakteur in Bad Salzuflen und in Lüdenscheid tätig. Auf zahlreichen Agitationsreisen durch ganz Deutschland warb er für die deutsch-jüdische Sache, verantwortete die CV-Zeitung und ein besonderes Kampfblatt gegen die Nazis, bis ihn die Machtübernahme 1933 ins Exil trieb. In den USA setzte er seine journalistische Arbeit im deutsch-amerikanischen Milieu fort, wo er ebenfalls gegen antisemitische Tendenzen focht, um dann viel zu früh zu sterben.

Jürgen Hartmann, geb.1960, ist Historiker und Pressesprecher in Niedersachsen.

Dietmar Simon, geb. 1964, ist Historiker und Gymnasiallehrer.


07.09.2016
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, Institut für Geschichte und Biographie, 58097 Hagen, E-Mail: igb@fernuni-hagen.de