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Das Institut für Geschichte und Biograhie hat seinen Sitz seit 2013 in der Villa Bechem, Feithstraße 152, 58097 Hagen


Zwei Leihgaben in der Villa Bechem

Paul Mersmann: Grasteufel überqueren eine öffentliche Bühne, ohne vom Publikum wahrgenom­men zu werden und Phrygische Nacht

Der Maler, Bildhauer, Illustrator und Autor Paul Mersmann wurde 1929 im Berliner Villenviertel Dahlem geboren. 1936 schuf sein Vater, der Bildhauer Paul Mersmann, mit der monumentalen Stierskulptur auf dem Alboinplatz sein wohl bekanntestes Werk. Nach dem Willen der damaligen Stadtverwaltung sollte es gleich wieder abgerissen werden, weil es der geltenden Kunstauffassung widersprach. Auch Mersmann junior absolvierte nach 1945 eine Bildhauerlehre. Seine lebensgroße Figurengruppe der ›Keltischen Gottheiten‹ stand bis vor wenigen Jahren auf dem Wiesbadener Bahnhofsvorplatz, bis sie dem stadtgestalterischen Ehrgeiz unterlag. Heute ist sie im Hof eines Dresdener Luxushotels zu besichtigen. Prägend für Mersmanns Malerei wurden seine Italien-Auf­enthalte Anfang der Fünfziger und zu Beginn der Sechziger Jahre. Damals ging ihm die Bedeutung des Spätwerks des pittore metafisico de Chirico auf, das für Irritation unter den Kunsthändlern sorg­te und in den Sechzigern nördlich der Alpen in Vergessenheit geriet.

Mersmann, der die abstrakte Malerei zeitlebens ablehnte und sich zum Programm des Surrealismus bekannte, zahlte einen Preis dafür, sich früh jener anderen Moderne angeschlossen zu haben, die erst nach Postmodernismus und Jahrhundertwende wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit und der Kunstgeschichte gelangte. Wenige seiner Werke sind öffentlich zugänglich. Die meisten harren in Villen und in privaten Sammlungen der Besichtigung. Ausnahmen bilden etwa die skurrilen Röh­renmalereien in der Marburger Mensa Nord oder das Monumentalgemälde ›Zirkus‹ im Wiesbadener Pariser Hoftheater.

Mersmanns große Gemälde entstanden in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Da­gegen handelt es sich bei den Bildern, die jetzt als Leihgaben des Künstlers die Räume der Fernuni­versität zieren, um Spätwerke, die erst in den vergangenen Jahren entstanden sind und sich stilis­tisch von den früheren Arbeiten entfernen. Geblieben ist der surrealistische Ansatz, geblieben auch das Konzept der ›fetten Malerei‹, wie Mersmann, mit leicht ironischem Unterton, die bei de Chirico empfangene Lektion umschreibt. Ganz Mersmann hingegen ist die gleichsam literarische Qualität der Gemälde. Wer sie betrachtet, findet einen Anspielungsraum, der sich nur sehr begrenzt in Kenntnis der zeitgenössischen Kunst ausloten lässt. Das gilt insbesondere für das größere der beiden mit dem signifikanten Titel ›Grasteufel überqueren eine öffentliche Bühne, ohne vom Publikum wahrgenommen zu werden‹ (entstanden 2009). Der Künstler selbst gibt in seinen im Netz publizierten Anmerkungen dazu ironische Hinweise, denen nachzugehen sich in jedem Fall lohnt.

Ich habe einen anderen Weg gewählt und mich darin kundig zu machen versucht, was es wohl mit jener Spezies der Grasteufel auf sich habe. Dabei bin ich, nicht ohne Anregung durch den Maler, auf einen locus classicus gestoßen, der den hier versammelten Historikern vielleicht aus der preußi­schen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts geläufig ist, während die Literaturwissenschaft ihn eher von dem Romanschriftsteller Fontane her kennt. Treitschkes ›Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert‹ überliefert eine Anekdote, nach der Friedrich II. vor der Schlacht von Zorndorf seine Truppen mit eben diesen Grasteufeln verglichen haben soll. Franz Kugler beschreibt die Szene so: »Gleich nach seiner Ankunft musterte er das Corps des Grafen Dohna. Der stattliche Aufzug, in dem dasselbe an ihm vorüberzog, fiel ihm auf; er wandte sich zu Dohna und bemerkte gegen diesen laut, wohl an die vorjährige Niederlage der Truppen gedenkend: »Ihre Leute haben sich außerordentlich geputzt; ich bringe welche mit, die sehen aus wie die Grasteufel, aber sie bei­ßen!«

In Fontanes ›Wanderungen durch die Mark Brandenburg‹ liest sich das um Längen eleganter: »Zu­erst Gorgast am linken Oderufer. In Gorgast war es, wo der König seine chiffonniert aussehenden Truppen mit den glatt und wohlgenährt dastehenden Regimentern Dohnas vereinigte und sein Miß­fallen in die Worte kleidete: »Meine sehen aus wie Grasteufel, aber sie beißen.«

Es gibt jedoch eine andere Stelle bei Fontane, die zeigt, wie ein literarisches Motiv zu arbeiten ver­mag. In seinem Roman ›Schach von Wuthenow‹ äußert sich der Titelheld folgendermaßen:

»Erinnern sich Königliche Hoheit der Worte des großen Königs, als General Lehwald ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? ›Propre Leute‹, hieß es. ›Da seh Er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, aber beißen.‹ Ich fürchte, wir haben jetzt zuviel Lehwaldsche Regi­menter und zuwenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und Spielerei geworden. Gibt es doch Offiziere, die, der bloßen Prallheit und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen. Alles Unnatur.«

Illustration „Phrygische Nacht“

Natürlich möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die letzten beiden Worte lenken: Alles Unnatur. Denn was ist ein Grasteufel? Zuallererst Natur, wenn man dem Grimmschen Wörterbuch folgt, »ein als häszlich und schrecklich vorgestelltes zwerghaftes wesen der niederen mythologie.« Hinter der ›niederen Mythologie‹ lauert die heidnische: »satyr faun bacchant oder grasteufel – so heiszen diese waldkavaliere wohl in deutscher übersetzung« (Ernst Moritz Arndt). Noch heute gehört im Salz­kammergut zu den touristischen Attraktionen der sogenannte Krampuslauf, bei dem auch Grasteu­fel-Masken zum Einsatz kommen. Und manche beklommene Älpler-Brust wird sich bei gehöriger oraler Schulung erinnern, dass Grasteufel zu den Elbischen gehören, die unbescholtene Schläfer zu unkontrollierten Samenergüssen verleiten und so ihre Zeugungskraft ruinieren.

Was hat das alles mit Mersmanns Grasteufel-Bild zu schaffen? Er selbst schreibt: »In unbekannter Rangordnung ziehen die Geister des Grases am Auge des Künstlers vorbei, denn dergleichen voll­zieht sich in jenen surrealen Sekunden, die es alleine erlauben, die Züge und Auftritte schweifender Geister aufzuspüren. Man begreife aber auch das Malheur dieser Rotte, die sich ab jetzt für lange Zeit zukünftigen Betrachtern zuwenden muss, ohne rechtzeitig entwischt zu sein.« Es handelt sich also um ein Déjà-vu, eine Alltags-Epiphanie auf öffentlicher Bühne, um es mit dem literaturwissen­schaftlich-theologischen Ausdruck zu sagen, der seit James Joyce dafür gebraucht wird. Wer kennt die Geister, die er rief? Das ist, vor allem nach einer Bundestagswahl, keine unbedeutende Frage. Ich möchte daher nicht schließen, ohne Ihnen die Version nahezubringen, die Thomas Carlyle in seiner Geschichte Friedrichs II. von Preußen wählte: »You are very fine indeed, you;« lässt er den König dort den Grafen Dohna anreden, »– I bring you a set of fellows, rough as GRASTEUFELN [›grass-devils,‹ I never know whether insects or birds]; but they can bite,‹ – hope you can!«

24.9.2013 Ulrich Schödlbauer

Bildquellen: Ulrich Schödlbauer

IGB | 31.08.2017
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