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Präsenzveranstaltung

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Thema:

Phänomenologie der Zeit

Adressatenkreis: BA KuWi: Modul P3; Modul P5; MA Phil: Modul IV; Modul VI;
Ort: Nürnberg
Adresse: Regionalzentrum Nürnberg
Termin: 19.01.2018 bis
21.01.2018
Zeitraum: 19.01.2018, 16:00-20:30 Uhr,
20.01.2018, 09:30-18:30 Uhr,
21.01.2017, 09:30-13:00 Uhr.
Leitung: Ulrich Dopatka
Anmeldefrist: 05.01.2018
Auskunft erteilt: E-Mail: Ulrich Dopatka
E-Mail: Christoph Düchting
Telefon: +49 2331 987-2791

„Quid est ergo ‚tempus‘?“ fragt Augustinus im 11. Buch seiner Bekenntnisse und spricht damit ein großes Thema an, das die Menschen seit der Antike bis heute beschäftigt. Denn die Zeit liegt unserem Selbst- und Weltverständnis zugrunde. Als vergängliche Wesen und das heißt als zeitliche oder in der Zeit seiende Wesen können wir uns dieser Frage auch nicht entziehen - weder im alltäglichen Umgang noch im wissenschaftlichen Wirken. Dabei scheint sich zuerst eine Grundsatzentscheidung aufzudrängen: Ist die Zeit eine transzendente objektive Struktur, die in physikalische Formeln gefasst werden kann und die es unabhängig vom Menschen gibt? Oder ist sie etwas rein Subjektives, etwas, was uns a priori schon immer gegeben ist? Dann wäre die Weltzeit, die „vulgäre Zeit“ wie Heidegger sie nennt, nichts anderes als eine abgeleitete Zeit, die es nicht geben würde ohne uns Menschen. Bekanntlich präferiert die Phänomenologie die subjektive Zugangsweise zur Zeitlichkeit.

Im Mittelpunkt unseres Seminars stehen die beiden klassischen phänomenologischen Zeitkonzeptionen von Edmund Husserl und Martin Heidegger. Ist bei Heidegger der Sinn des Seins des Daseins - das Sein, das wir selbst sind - die Zeitlichkeit, so ist Zeit bei Husserl vor allem eine Leistung des Bewusstseins, zeitliche Objekte zu konstituieren. Bei unterschiedlicher Wichtung der Zeitmodi ist beiden Theorien gemeinsam, dass sie von einer ekstatischen Zeit ausgehen, d.h. dass weder Vergangenheit noch Gegenwart oder die Zukunft isoliert auftreten können. Diese Annahme teilt auch Paul Ricœur, von dem wir einen Text besprechen werden, der ethische Probleme im Zusammenhang mit der Zeit – Stichwort „Schuld“ und „Verzeihen“ – thematisiert. Beginnen werden wir mit Aristoteles, dessen zahlentheoretisches Zeitverständnis - die Zeit als eine Art Zahl - das physikalische Denken inspiriert hat. In einem mittlerweile als „klassisch“ zu bezeichnenden Text wirft Jacques Derrida Husserl vor, eine „Präsenzmetaphysik“ zu betreiben, um selbst die „Spur“ als Nicht-Präsentes ins Spiel zu bringen. Wir werden diskutieren, wie das zu verstehen ist und ob die Kritik des französischen Dekonstruktivisten an Husserl plausibel ist.

Nach erfolgter Anmeldung geht Ihnen eine Referatsliste zu, ab etwa Mitte Dezember der Seminarplan.


Primärliteratur (mit den entsprechenden Textstellen)

Aristoteles

Aristoteles (1987): Physik. Vorlesungen über Natur. Erster Halbband. Übers., mit einer Einl. und mit Anm. hrsg. von Hans Günter Zekl. Hamburg: Meiner, 203-237 (Buch IV, Kap. 10-14).

Husserl

Husserl, Edmund (1928): Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins. Hrsg. von Martin Heidegger. Halle a.d.S.: Niemeyer.

Derrida

Derrida, Jacques (2003): Die Stimme und das Phänomen. Einführung in das Problem des Zeichens in der Phänomenologie Husserls. Frankfurt/M: Suhrkamp, 67-118.

Heidegger

Heidegger, Martin (182001): Sein und Zeit. Tübingen: Niemeyer, 316-333.

Heidegger, Martin (2005): Die Grundprobleme der Phänomenologie. Frankfurt a. Main: Klostermann, 362-395, 429-445.

oder

Heidegger, Martin (31997): Die Grundprobleme der Phänomenologie [GA 24]. Frankfurt a. Main: Klostermann, 362-395, 429-445.

Zu Ricœur

Ricœur, Paul (1998): Das Rätsel der Vergangenheit. Erinnern-Vergessen-Verzeihen. [Essener kulturwissenschaftliche Vorträge, Bd. 2]. Göttingen.

Sekundärliteratur und vertiefende Texte

Autorenübergreifend

Römer, Inga (2010): Das Zeitdenken bei Husserl, Heidegger und Ricoeur. (Phaenomenologica 196). Dordrecht, Heidelberg, London, New York.

Zu Aristoteles

Böhme, Gernot (1974): Zeit und Zahl. Studien zur Zeittheorie bei Platon, Aristoteles, Leibniz und Kant. Frankfurt/M: Klostermann.

Zu Husserl

Zahavi, Dan (2009): Husserls Phänomenologie. Tübingen.

Bernet, Rudolf (1983): Die ungegenwärtige Gegenwart. Anwesenheit und Abwesenheit in Husserls Analysen der Zeit. In: Ders. (Hrsg.): Zeit und Zeitlichkeit bei Husserl und Heidegger. Freiburg/München: Alber, 16-58.

Lohmar, Dieter; Yamagushi, Ichiro (2010): On Time – New Contributions to the Husserlian Phenomenology of Time. Phaenomenologica 197. Dordrecht/Heidelberg/London/New York: Springer.

Zu Derrida

Dreisholtkamp, Uwe (1999): Jacques Derrida [Beck´sche Reihe Denker]. München: Beck, 64-117.

Zu Heidegger

Fleischer, Margot (1991): Die Zeitanalysen in ‚Sein und Zeit‘. Aporien, Probleme und ein Ausblick. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Bernet, Rudolf (1987/88): Die Frage nach dem Ursprung der Zeit bei Husserl und Heidegger. Heidegger Studies, Vol. 3/4, 89-107.

Zu Ricœur

Gondek, Hans-Dieter/Tengelyi, László (2011): Neue Phänomenologie in Frankreich (= stw 1974). Berlin. II. Geschichtsforschung und Geschichtserzählung bei Ricœur (S. 465 – 485).

Liebsch, Burkhard (1998): Zeugnis und Überlieferung. Eine Skizze. In: Waldenfels, Bernhard; Därmann, Iris (Hrsg.): Der Anspruch des Anderen. Perspektiven phänomenologischer Ethik. München.

Christoph Düchting | 05.01.2018
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, Fakultät KSW, Institut für Philosophie, 58084 Hagen