Fakultät Logo logo logo

Politik und Religion

Illustration

Politik und Religion

Projektleitung:
Mitarbeitende:
Status: laufend


Gegenwärtig wird in der Öffentlichkeit intensiv und kontrovers über die Relevanz von Religion in der Politik diskutiert. Dabei geht es u. a. um Probleme der Politisierung von Religion, um die Präsenz von Religion im öffentlichen Raum, die Bedeutung von Religion für gesellschaftspolitisches Handeln und die Rechte religiöser BürgerInnen und Glaubensgemeinschaften. Inzwischen ist offensichtlich, dass die interdependenten Beziehungen zwischen Politik und Religion einem kontinuierlichen Wandel unterliegen und Gegenstand vielschichtiger gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse sind. Im Lehrgebiet I „Staat und Regieren“ wurden mehrere Projekte in einem gemeinsamen Forschungsprogramm gebündelt, in dem die vielfältigen Facetten dieser aktuellen Diskussionen politikwissenschaftlich untersucht werden.

Dorothée de Nève hat zur Analyse der Beziehungen zwischen Politik und Religion ein theoretisches Modell erarbeitet, das es erlaubt, die wechselseitigen Interaktionsbeziehungen und Abhängigkeiten systematisch zu untersuchen. Dieser neue Ansatz geht davon aus, dass nicht nur Religion Politik beeinflusst, sondern umgekehrt auch Politik religiöse Inhalte, Praktiken und Institutionen prägt.

Einen besonderen Schwerpunkt der Forschung bilden Analysen zur Zivilgesellschaft und zum religiösen Pluralismus. Nicht nur Politik und Öffentlichkeit, sondern auch die Politikwissenschaft gehen meist von der Annahme aus, dass eine starke Zivilgesellschaft für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt förderlich sei. Welche Interaktionsbeziehungen unterhält sie mit anderen Sphären und ist sie wirklich so zivil, wie ihr Name es verspricht? Dieser Frage ist Nils Arne Brockmann anhand der Analyse eines Konfliktes um den Bau einer Moschee in Köln nachgegangen. Die Fallstudie gewährt einen Einblick in das Beziehungsgeflecht zwischen Politik und Zivilgesellschaft und offenbart, dass die Zivilgesellschaft mit der Lösung ihrer Konflikte zuweilen überfordert ist – insbesondere wenn Religion Konfliktgegenstand ist. Staatliche Akteure können hier schadensbegrenzend intervenieren.

In einer neuen Studie von Inga Beinke wird der Beitrag der religiösen Zivilgesellschaft zur Entwicklung demokratischer Grundprinzipien betrachtet. Anhand eines demokratietheoretischen Analyserasters werden veröffentlichte Dokumente untersucht und systematisch ein spezifisch deutsch-evangelikales Verständnis der Beziehungen zwischen Politik und Religion extrahiert. Dabei werden Akteure und Dokumente, z.B. Predigten und andere Publikationen glaubensbasierter Organisationen analysiert, die bislang in der politikwissenschaftlichen Forschung wenig Beachtung fanden. Die Studie zeigt, dass die Zivilgesellschaft selbst zum Problem für die Demokratie werden kann, wenn sie Handlungs- und Bewertungsnormen aus religiösem Wissen ableitet, die demokratischen Grundprinzipien widersprechen.

In einem Beitrag zu religiösen Parteien in der Schweiz geht Dorothée de Nève ebenfalls der Frage nach, wie religiöses Wissen bzw. bestimmte Glaubensüberzeugungen in politische Handlungsmaxime transformiert werden. Erstens ist dabei aufschlussreich, welche inhaltlichen Schwerpunkte der parteipolitischen Agenda religiös überformt sind. Zweitens werden die Strategien der religiösen Parteien in Interaktion mit der politischen Sphäre untersucht. Während bestimmte Parteien durch einen Bonding-Prozess eine neue logische und zugleich harmonische Verbindung der Sphären anstreben, gibt es auch fundamentalistisch agierende Parteien, die die Politik ganz der religiösen Ordnung unterwerfen wollen.

Eva Maria Hinterhuber befasst sich in ihrer Studie zum „Abrahamischen Trialog und Zivilgesellschaft“ mit bürgerschaftlichem Engagement als abgeleitete religiöse Praxis. Untersucht werden zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich im Dialog zwischen Judentum, Christentum und Islam in Deutschland engagieren. Dabei lotet Hinterhuber deren sozialintegratives Potenzial aus. Auch an diesem Forschungsgegenstand zeigt sich der interdependente Charakter der Beziehungen zwischen Politik und Religion. Ebenso wie das spezifische Verhältnis von Staat und organisierter Religion in Deutschland beeinflussen Konflikte zwischen den organisierten Religionen die Aktionsmöglichkeiten der Trialog-Initiativen.

Dorothée de Nève weist in einer weiteren Studie nach, dass Islamophobie gegenwärtig in Deutschland und Europa weit verbreitet ist. Islamophobe Vorurteile beruhen im Wesentlichen auf einer selektiven Wahrnehmung des Islam und Verallgemeinerungen in Bezug auf den Islam als Religion und Kultur sowie auf Menschen, die dieser zugeordnet werden. Sowohl MuslimInnen – als Individuen und BürgerInnen –, als auch muslimischen Gemeinschaften wird die Fähigkeit zur demokratischen Selbstregierung abgesprochen. Insofern haben diese Einstellungen einerseits Auswirkungen auf die innere Funktionslogik politischer Systeme, andererseits auf die europäische Politik und internationale Beziehungen.

Das Projekt zur Orthodoxie im Europäischen Integrationsprozess, an dem Tina Olteanu und Dorothée de Nève arbeiten, beschäftigt sich mit dem Verhältnis orthodoxer Kirchen zur Europäischen Union im Kontext der erfolgten und anstehenden Erweiterung. Auf dem Prüfstand stehen Vorstellungen und Normen zu religiösem und gesellschaftlichem Pluralismus. Von besonderem Interesse ist hierbei die Interaktion dieser kirchlichen Einrichtungen im europäischen Mehrebenensystem: Die Analyse zeigt, dass orthodoxe Kirchen im Widerspruch zu Werten und Vorstellungen agieren, die in der EU als verbindlich gelten.

Die Ergebnisse dieses Forschungsprogramms zu Politik und Religion sind inzwischen teilweise veröffentlicht bzw. werden demnächst erscheinen.

Quellen:

Beinke, Inga 2011: Faith-based CSOs: a resource for Democracy? In: Global Science & Technology Forum, Proceedings of the Annual International Conference on Political Science, Sociology and International Relations. Singapore, pp. 89-94.

Brockmann, Nils Arne 2010: Die Rolle der Zivilgesellschaft in Konflikten um die Errichtung repräsentativer Moscheebauten. Fallbeispiel: Der Kölner Moscheestreit (unveröffentlicht).

de Nève, Dorothée 2011: AgentInnen in fremden Sphären – Politikwissenschaftlichen Analyse der interdependenten Beziehungen zwischen Politik und Religion. In: Pfleiderer, Georg/Heit, Alexander: Sphärendynamik I – Zur Analyse postsäkularer Gesellschaften. Zürich/Baden Baden.

de Nève, Dorothée 2011: Grenzen der Religionsfreiheit. In: Adrian Loretan (Hrsg.): Religionsfreiheit im Kontext der Grundrechte. Religionsrechtliche Studien 2, Zürich.

de Nève, Dorothée: Das Evangelium ist (k)ein Programmersatz – Religiöse Parteien in der Schweiz. In: Pfleiderer, Georg/Alexander Heit: Sphärendynamik II. Zürich/Baden Baden. (i.E.).

de Nève, Dorothée: Islamophobie in Deutschland und Europa. In: Pickel, Gert/Hidalgo, Oliver: Politik und Religion im vereinigten Deutschland – Beiträge zu Problemen von Säkularisierung und kulturellem Pluralismus. Wiesbaden. (i.E.)

Hinterhuber, Eva Maria, 2008: Zivilgesellschaft, Trialog, Integration, Maecenata Institut: Opusculum Nr. 28, Berlin.

Hinterhuber, Eva Maria, 2009: Abrahamischer Trialog und Zivilgesellschaft. Eine Untersuchung zum sozialintegrativen Potenzial des Dialogs zwischen Juden, Christen und Muslimen, Stuttgart: Lucius & Lucius.

Hinterhuber, Eva Maria, 2010: „Der interreligiöse Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen in Deutschlands Zivilgesellschaft. Eine Bestandsaufnahme", in: epd-Dokumentation 37, 7-11.

Hinterhuber, Eva Maria, 2011: „ Das sozialintegrative Potenzial zivilgesellschaftlicher interreligiöser Initiativen von Juden, Christen und Muslimen in Deutschland”, in: Pickel, Gert/Hidalgo, Oliver (Hg.), Politik und Religion zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, Wiesbaden (i.E.).

Hinterhuber, Eva Maria/Thomas, Julia, 2009: "Komplex, pluralistisch, realistisch: Abrahamischer Trialog als Brücke zur Integration", in: politik und kultur. Zeitung des Deutschen Kulturrates 04/09, 32.

Olteanu, Tina/de Nève, Dorothée 2012: Eastern Orthodoxy and the Processes of European Integration (i.E.).

20.12.2011
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, Fakultät KSW, Institut für Politikwissenschaft, 58084 Hagen