Eine „Polemik“ hat Jan-Martin Wiarda geschrieben, in der er – personifiziert in seinem Freund „Max“ – anprangert, dass die Förderung der beruflichen Gleichstellung von Frauen – etwa im Journalismus oder an den Universitäten – nun zu schwerer Benachteiligung von Männern führe. Ungerechtigkeit mag es vielerorts geben. Aber der Eindruck, Frauen würden nun überall systematisch (und ohne guten Grund in ihrer Qualifikation) bevorzugt, während ganze Generationen junger, gut qualifizierter Männer das Nachsehen hätten, geht – jedenfalls für die Universitäten – an der Realität vorbei. Der angebliche Ratschlag eines BWL-Kollegen an einen Nachwuchswissenschaftler, als Mann habe er auf dem universitären Stellenmarkt in den nächsten Jahren kaum eine Chance, ist völliger Unsinn.
Natürlich hat sich seit Mitte der 1990er Jahren, als weniger als 8% der Professuren* mit Frauen besetzt waren, einiges geändert. Es sieht heute nicht mehr gut aus, wenn man in Berufungsverfahren keine Frau in die engere Auswahl zieht. Deshalb werden Frauen heute überdurchschnitt häufig eingeladen – die Stellen bekommen dennoch häufig die männlichen Bewerber. Der Anteil der Frauen an den Erstberufungen betrug 2008 25%, das heißt, drei Viertel der Stellen gingen nach wie vor an Männer. Noch immer ist es Instituten an deutschen Universitäten möglich, binnen kurzer Zeit eine ganze Reihe von Professuren zu besetzen und in allen Fällen einen Mann auf Platz 1 der Liste (aber eine Frau auf Platz 2) zu setzten – in jedem einzelnen Fall mit guten Gründen, aber in der Gesamtheit völlig inakzeptabel. Da erweisen sich die Instrumente der Gleichstellung (wie Quoten, verpflichtende Beteiligung der Frauenbeauftragten, Frauenförderplan etc.) als stumpfe Waffen. Natürlich kennen wir alle auch Fälle, in denen eine vergleichsweise ungeeignete Frau eine Professur bekommen hat – weil eben eine Frau her musste. Gegenüber den vielen eher ungeeigneten Männern, die in den vergangenen Jahrzehnten eine Stelle bekommen haben, weil sie ein Mann sind, erscheint das aber als ein eher geringfügiges Problem.
Überhaupt sind „gute Gründe“ in Bewerbungsverfahren nicht nur die Qualifikation. Es geht auch immer um die Anhängerschaft zu bestimmten Forschungsschulen, politische Couleur, die Zugehörigkeit zu Netzwerken, und auch um das Geschlecht. Das trifft manchmal Männer in ungerechter Weise, aber auch immer noch häufig Frauen. Nur: bei Männern findet man es viel ungerechter, wenn sie auf Dauer nicht zum Zuge kommen (siehe Wiardas Freund „Max“), während bei Frauen auch höchstqualifizierte Berufstätigkeit immer noch eher als eine Art Hobby gilt. Als weibliche Bewerberin auf eine Professur musste ich mir noch vor wenigen Jahren von einem männlichen Konkurrenten anhören, es sei ja etwas anderes, ob er oder ich die Stelle nicht bekäme – er müsse ja schließlich eine Familie versorgen.
Dass dennoch der Anteil der Frauen unter den Professoren in Deutschland auf immerhin 17,4% in 2008 zugenommen hat (wobei der Anteil bei den höher dotierten C4/W3-Stellen bei 13% lag), kann man nicht nur als Fortschritt der Frauenförderung deuten. So hat u.a. die Münsteraner Kollegin Annette Zimmer thematisiert, dass das Vordringen der Frauen in diese Männerdomäne zusammenfällt mit einer massiven Verschlechterung der Arbeitsbedingungen an den Universitäten – insbesondere durch die Bezahlung in Form von W2-Gehältern, mit denen man eine Familie eben nur noch eingeschränkt versorgen kann (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,575016,00.html).
Das ganze Klagen über die Ungerechtigkeit der Frauenförderung ist doch – und hier sei auch eine Prise Polemik erlaubt – vor allem eine gute Gelegenheit, dem eigenen Scheitern eine Ursache zuzuschreiben, die jenseits der eigenen Person liegt.
Prof. Dr. Annette Elisabeth Töller, Hagen
* Die Statistiken in dieser Replik stammen von: www.gesis.org/cews/fileadmin/cews/www/statistiken/18_t.gif, 16.11.2010
FernUniversität in Hagen, Fakultät KSW, Institut für Politikwissenschaft, 58084 Hagen