Logo Institut füt Soziologie

Aktuelles

Buchempfehlung: Michael HARTMANN (2013). Soziale Ungleichheit. Kein Thema für die Eliten? Campus.

Soziale Ungleichheit kann viele Facetten haben. Eine Perspektive auf ungleichheitsbezogene Einstellungen von Eliten nimmt Michael Hartmann in seiner aktuellen Veröffentlichung vor. Darin stellt Hartmann eine Erhebung unter Führungspositionen verschiedener Gesellschaftsbereiche vor. Anknüpfend an die Ergebnisse seiner Untersuchung schließt der Autor, dass aktuelle soziale Ungleichheiten in Form von Einkommens- und Vermögensunterschieden unter den Eliten durchweg als „gerecht“ eingeschätzt werden. Als verantwortlichen Aspekt sieht er eine zu enge Anlehnung der politischen Steuerung an wirtschaftliche und vermögensbezogene Interessen und prognostiziert des Weiteren eine „Krise der […] Demokratie“ (Hartmann 2013: 180).

Als „Eliten“ versteht Hartmann dabei „Machteliten“, die für ihn aus den „Spitzenrepräsentanten der klassischen Sektoren“ (Hartmann 2013: 22) gebildet werden. Prestige-Eliten, wie Wissenschaftler oder Kulturschaffende, subsumiert er dagegen nicht unter seinem Elitenbegriff. Als Kern-Eliten macht er Führungskräfte von Wirtschaft, Verwaltung und Politik aus. Methodisch baut Hartmanns Studie auf eine Kombination aus schriftlich zugesendeten Umfragebögen an diese Eliten und eine weiter greifende, ergänzende Umfrage, die per Meinungsforschungsinstitut unter denselben Teilnehmern durchgeführt wurde. Im Hauptteil seiner Veröffentlichung zeichnet Hartmann ein Sozialprofil dieser Eliten nach. Dieses zieht er anschließend als erklärenden Hintergrund für seine nachfolgende Abhandlung über die Einstellungen der Eliten heran. Als Interessenschwerpunkte der Eliten arbeitet er dabei die Finanzkrise, die Alterung der Gesellschaft und die Integrationsproblematik heraus.

Die Folgen vergangener Arbeitsmarktreformen einerseits, wie etwa ein wachsender Niedriglohnsektor, und zunehmende Managergehälter andererseits führen für Hartmann zu einem Ansehensverlust der Eliten unter der Bevölkerung, da diese einen ökonomischen »Graben« empfindet. Einen entscheidenden Beitrag zum mittelfristigen Ausbau dieser Verhältnisse leistet Hartmann zufolge auch die Steuerpolitik der aktuellen und vergangenen Bundesregierungen. Aus diesen Gründen hält der Autor das Thema für gesellschaftlich und forschungstechnisch relevant.

Nachfassend beschreibt Hartmann die soziale Rekrutierung der Eliten. Diese stammten größtenteils aus bürgerlichen oder großbürgerlichen Familien der »alten« Bundesländer, seien männlich, in Deutschland geboren und verfügten über Hochschulabschlüsse, insbesondere aus den Bereichen Jura und Wirtschafswissenschaften. Für wirtschaftliche Spitzenpositionen gelten diese Verdichtungen Hartmann zufolge nochmals deutlich stärker als für Spitzenpositionen in Verwaltung und Politik. Die gesellschaftliche Integration bundesdeutscher Eliten schätzt er deshalb horizontal als gut, vertikal dagegen als schlecht ein. Die Verbindung aus ungleicher sozialer Herkunftszusammensetzung von Eliten und Restbevölkerung mit zunehmender sozialer Segregation, sinkender Wahlbereitschaft und geringer werdender politischer Partizipation führt für Hartmann zu einer „Krise der parlamen­tarischen Demokratie“ (Hartmann 2013: 180). Für diese bedeute die Nähe von Wirtschaft und Politik mit ihrer Forderung nach einer „marktkonformen Demokratie“ nur einen weiteren Sargnagel. In seinem Fazit schlussfolgert Hartmann, dass die gültige Definition von Demokratie letztlich über das diesbezügliche Verständnis der Eliten erfolge.

Hartmann zeichnet somit ein insgesamt pessimistisches Bild des Zusammenspiels von gesellschaftlichen Machtpositionen und deren geltendem Demokratieverständnis, das unter anderem auf der Loslösung dieser Eilten sowohl aus der »vertikalen gesellschaftlichen Mitte« basiert. Dabei zieht er an ausgewählten Stellen die Ergebnisse seiner Befragungen zurate. Hier wäre eventuell eine engere Anbindung der Argumentation an eine detailliertere Darstellung der Untersuchungsergebnisse wünschenswert gewesen. Stattdessen greift Hartmann auf eine Vielzahl von Drittaussagen zurück, die oftmals Einzelfälle beschreiben oder aber theoretischer Natur sind. Abgesehen davon leistet Hartmanns Veröffentlichung einen wichtigen ergänzenden Beitrag zur aktuellen Ungleichheitsforschung. Denn sein Fokus auf die Einstellungen von Eliten legt einen Blick auf Mechanismen und Motive sozialer Ungleichheit frei, die in anderen Studien der Ungleichheitsforschung vielfach unberücksichtigt bleiben.

(Carsten Kaiser)

Illustration

Michael Hartmann.
Soziale Ungleichheit. Kein Thema für die Eliten? Campus.

Erschienen: 16.05.2013
broschiert, 250 Seiten
ISBN: 978-3593399485

Jessica Gabski | 29.10.2013
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, Institut für Soziologie, 58084 Hagen