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„Making Data Count“ – Ein kurzer Tagungsbericht

Unter dem Titel „Making Data Count” fand am 7. und 8. Februar 2014 an der Universität Bielefeld die Frühjahrestagung der Sektion Medien- und Kommunkationssoziologie (der Deutschen Gesellschaft für Soziologie) statt (http://www.uni-bielefeld.de/soz/medien/material/makingdatacount.pdf). Die über 30 TeilnehmerInnen aus den Bereichen Medien- und Kommunikationssoziologie, Medienwissenschaften, Kommunikationswissenschaften, Science and Technology Studies, etc. diskutierten in zwei intensiven Tagen neue Trends der Quantifizierung und Vergemeinschaftung im Internet.

Neben theoretisch-methodologischen Überlegungen zu „Big Data. Zur Epistemologie wissenschaftlicher Datenpraktiken“ (Beitrag von Ramón Reichert), „Transaktionen – „The ultimate unit of acitivity“?“ (Beitrag von Christoph Engemann) oder „Uncountables“ (Beitrag von Theo Röhle und Malte Ziewitz) sei vor allem das groβe Interesse hervorgehoben, dass das Thema „Quantified Self“ hervorrief. Drei von elf Vorträgen behandelten nämlich das Thema der Selbstvermessung. Thorben Mämecke stellte in „Von Quetelet bis Quantified Self – Kleine Genealogie der Verdatung“ einen Stammbaum der Sozialstatistik auf, in dem nach und nach Expertenwissen und der statistische Durchschnitt als ‚Normalität‘ definiert werden. Im Rahmen der „normalisierenden Selbstverdatung“ ging er dabei auf Lifelogging-Praktiken, wie SAGA, MedHelp, RescueTime, etc. ein. Nicole Zillien und Gerrit Fröhlich präsentierten erste Ergebnisse einer Studie mit und über ‚Quantified Selfer‘, um deren Verhältnis zur „reflexiven Verwissenschaftlichung“ genauer zu beleuchten. Stefan Meiβner erörterte in „Quantified Self jenseits allgegenwärtiger Optimierung“, ob Selbstvermessungspraktiken auch jenseits einer optimierungswütigen Gesellschaft denkbar sind.

Auch in den noch nicht genannten Beiträgen zu „Plattformen zwischen regulativen Modellen und dezentralen Praxen“ (Beitrag von Ralf Adelmann), „“The Fear of not being watched“: Big Data und Techno-Security“ (Beitrag von Jutta Weber), „Stochastically modelling the user: Personalisierung durch Algorithmen“ (Beitrag von Florian Muhle) und „Die Verdatung des Glücksspiels – Handlungsmöglichkeiten und Handlungsprobleme am Beispiel von Pokerspielern“ (Beitrag von Gerd Möll) schälte sich eine klare und alle Beiträge übergreifende Forschungsfrage heraus.

Wie sehen die Praktiken und Deutungsmuster der (wirklichen) Nutzer aus? Und welche (neue) Ungleichheiten entstehen hierbei?

Vor allem der Vortrag von Gerd Möll über die Verdatung des Glücksspiels war hierbei äuβerst spannend und anschaulich, da er auf die „reflexive“ Mediatisierung, d.h. die Mediatisierung der Mediatisierung (die Nutzung medialer Quantifizierungswerkzeuge auf den medialen Pokerspielseiten im Internet), des Pokerspiels auf Onlineplattformen einging. Er stellte die Folgen der Quantifizierung der Pokerspieler mit Hilfe von käuflichen Analysewerkzeugen dar, die –aufgesetzt auf bzw. im Hintergrund der Spielforen– die Dynamiken der Spiele so verändern, dass ‚die Karten zwischen erfahrenen, guten und unerfahrenen, schlechten Spielern neu gemischt werden‘. Neue, unerfahrene und nicht gut ausgerüstete Spieler verlieren somit häufig schnell relativ viel Geld und damit auch meist die Lust am Pokerspiel im Internet. Die Poker-Plattformen verlieren somit wichtiges Klientel. In dieser Studie untersuchte Gerd Möll folglich die Praktiken der Mediatisierung der Mediatisierung des Pokerspiels und deren Auswirkungen auf die dahinterliegenden wirtschaftlichen und sozialen Mechanismen. Dabei stieβ er auf neue Ungleichheiten (zwischen den Spielern), die die Welt des Online-Pokerspiels wiederum verändern, wie z.B. durch die Einführung von ‚anonymen‘ Pokertischen.

Nach diesem hoffentlich anschaulichen Beispiel sind alle aktuellen und zukünftigen Studierenden dazu eingeladen, Hausarbeiten, BA- und MA-Arbeiten zu dem weiten Thema der Quantifizierungs- und Vergemeinschaftungspraktiken im Internet zu entwickeln und somit eine interessante und aufschlussreiche Gegenwartsdiagnose durchzuführen.

PS: Den Organisatoren Thorben Mämecke, Jan-Hendrik Passoth und Josef Wehner sei nochmals herzlichen Dank für diese gelungene Tagung.

Autorin: Karolin Eva Kappler

Jessica Gabski | 19.02.2014
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, Institut für Soziologie, 58084 Hagen