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Präsenzveranstaltung

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Thema:

Poststrukturalismus – eine Einführung

Adressatenkreis: Alle Studierende der Soziologie oder der Studiengänge mit soziologischer Beteiligung.
Ort: Leipzig
Adresse: Regionalzentrum Leipzig
Termin: 17.06.2016 bis
18.06.2016
Zeitraum: Fr, 17.06. von 16.30 – 20.00 Uhr
Sa, 18.06. von 09.30 - 17.00 Uhr
Leitung: Dr. Anna Daniel
Dr. Franka Schäfer
Anmeldefrist: 10.05.2016
Anmeldung: Ihre Anmeldung für die Veranstaltung richten Sie bitte unter Angabe Ihrer Postanschrift, Matrikel-Nr., Studiengang und Studienstatus, sowie einer kurzen Stellungnahme zu Ihrer Intention bei der Teilnahme (Interessen, angestrebte Leistung, Themenvorschläge usw.) bis zum 10.05. 2016 per E-Mail an Frau Doris Meyer: sekretariat.soziologie1@fernuni-hagen.de
Auskunft erteilt: E-Mail: Dr. Anna Daniel
Telefon: +49 2331 987-4182
E-Mail: Dr. Franka Schäfer
Telefon: +49 2331 987-2525

Kommentar: Poststrukturalistisches Denken hat in seinen unterschiedlichen Spielarten die althergebrachten Wege Soziologie zu betreiben in den letzten Jahrzehnten in vielfältiger Hinsicht herausgefordert. Indem davon ausgegangen wird, dass die diskursive Praxis die Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern vielmehr hervorbringt, stellen Theoretiker wie Derrida oder Foucault ein essentialistisches und objektivistisches Denken in Frage. Erst durch die Einbindung in spezifische historische Diskurszusammenhänge erhalten die Dinge ihre jeweilige Bedeutung, so die zentrale Einsicht des Poststrukturalismus. Poststrukturalistische Ansätze verweisen somit auf die historische Kontingenz von Wissen und diskursive Ordnungskategorien und hinterfragen insbesondere den vermeintlich natürlichen Charakter feststehender Begriffe und gängiger Beschreibungslogiken. Mit der Praxis der Dekonstruktion oder der Diskursanalyse liefern sie nicht nur Verfahren, die sich als äußerst produktiv bei der Analyse jeglicher Formen des Ausschlusses, der Hierarchisierung und der Grenzziehung erweisen sie stellen auch Verfahren bereit, mit denen es gelingt, gerade das Hybride und Flüchtige der sozialen Praxis in den Blick zu nehmen.

Im Rahmen des Seminars wollen wir uns mit vier poststrukturalistischen Perspektiven auf dezidierte Weise auseinandersetzen, wobei wir mit Jacques Derrida und Michel Foucault zum einen zwei poststrukturalistische ‚Klassiker‘ in den Blick nehmen und uns mit den Postcolonial Studies und dem Posthumanismus zum anderen mit zwei neueren Ansätzen befassen werden.

Derrida hat insbesondere darauf aufmerksam gemacht, dass scheinbar objektiv gegebene Begriffe und Gegensatzpaare wie etwa Mann und Frau oder Natur und Kultur immer nur in spezifischen historisch kontingenten Verweisungszusammenhängen Bedeutung erlangen: „Jeder Begriff ist seinem Gesetz nach in eine Kette oder in ein System eingeschrieben, worin er durch das systematische Spiel von Differenzen auf den anderen, auf die anderen Begriffe verweist“ (Derrida 1990: 88). Mit seiner Praxis der Dekonstruktion, die den Ausgangspunkt vieler poststrukturalistischer Analyse bildet, weist er nicht nur auf die Begriffsordnungen und Normen hin, durch welche die Begriffe erst ihre Bedeutung erlangen, sondern stellte auch die Hierarchisierungen in Frage indem er auf das konstitutive Außen verweist, welches die Begriffe erst hervorbringt. Um ein dualistisches Denken zu überwinden, macht er zudem auf die prinzipielle Fluidität und Offenheit der Verweisungszusammenhänge aufmerksam.

Wie Derrida geht auch Foucault von der Kontingenz von Wissen aus und verweist darauf, dass es keine diskursunabhängige Wirklichkeit gibt, sondern unsere sinnliche und kognitive Wahrnehmung immer schon durch diskursiv vermitteltes Wissen geprägt ist. Für Foucault Diskurse sind Diskurs jedoch nicht in erster Linie semiotische Strukturen, er möchte sie eher als Praktiken verstanden wissen, „die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen“ (Foucault 1973: 74). Insofern haben die Diskurse auch einen materiellen Charakter. Diskurse errichten also innerhalb von Wissensräumen bestimmte Ordnungen, was bedeutet, dass soziale Wirklichkeit über die Systematik diskursiver Aussagen und nicht über die inhaltliche Dimension des Gesprochenen gebildet wird. Diskurse sind dabei immer auch Machtpraktiken. Macht wird bei Foucault allerdings nicht mit Gewalt und Ausschluss assoziiert, sondern vielmehr ist Macht überall und allgegenwärtig, sie formt sämtliche gesellschaftliche Bereiche und soziale Beziehungen und hat somit relationalen Charakter. Somit bringt die ‚Mikrophysik der Macht‘ die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Subjekte nicht nur hervor, diese sind gleichzeitig auch Träger der Macht und reproduzieren die diskursiven Wissensordnungen.

Während sich Derrida und Foucault insbesondere mit den Wissensordnungen im europäischen Diskurs befassen, widmen sich die Postcolonial Studies der Frage, wie der ‚Rest der Welt‘ durch Kolonialzeit und Imperialismus nicht nur diskursiv erzeugt wurde (Said), sondern wie Europa im wissenschaftlichen Diskurs bis heute zum Maßstab der Geschichtsschreibung gemacht wird und die anderen Regionen der Welt damit gleichsam in den „Wartesaal der Geschichte“ (Chakrabarty) verbannt werden. Postkoloniale Studien fragen nicht nur, welche analytischen Grenzen hierbei gezogen werden und auf welche Repräsentationen Bezug genommen wird, sondern interessieren sich ebenso dafür, wer im Diskurs Gehör findet (Spivak). Sie machen aber ebenso darauf aufmerksam, dass die Kolonialgeschichte nicht als einfache Diffusionsgeschichte europäischen Wissens zu verstehen ist, sondern diese vielmehr als eine Verflechtungsgeschichte mit gegenseitigen Einflussnahmen und Hybridisierung kultureller Prozesse betrachtet werden müsse (Bhabha, Randeria).

Poststrukturalistische Ansätze haben mit ihren Annahmen gleichsam den ‚Tod des Subjekts‘ verkündet und damit die autonome Handlungsfähigkeit des Menschen in Frage gestellt. In ihrer post- und transhumanistischen Ausrichtung fordern sie klassische Vorstellungen vom Menschsein insofern heraus, als dass sie nicht nur die vielfältigen Körper-Ding Beziehung in den Blick nehmen, die unseren Alltag bestimmten, sondern auch die Hybridisierung des menschlichen Körpers vor dem Hintergrund erweiterten technologischen Möglichkeiten perspektiveren. Autor_innen wie Braidotti verfolgen die These, nach der der humanistische Mensch – ‚männlich, weiß, rational, selbstbewusst, eurozentrisch‘ – nicht mehr maßgebendes Orientierungsprinzip sei und stattdessen einem ‚nomadischen, nicht-individuellen Subjekt‘ Platz macht, das nicht mit sich selbst identisch, sondern kollektiv und kosmopolitisch mit anderem Menschlichen, Tierischem und Physischem vernetzt zu fassen ist.

Voraussetzungen für die Teilnahme: Erarbeitung der Seminarlektüre, Beteiligung an einer Gruppenarbeit. Die vier genannten Spielarten des Poststrukturalismus werden wir uns im Seminarverlauf zunächst über die Gruppenarbeit erschließen, bevor wir sie dann im Plenum im Einzelnen besprechen. Für die Organisation der Gruppen geben Sie bitte bereits bei der Anmeldung zum Seminar eine Präferenz hinsichtlich der vier genannten Perspektiven an und nennen als zweite Wahl eine zusätzlich für sie in Frage kommende Alternative. Entsprechend ihrer Angaben wird Ihnen im Vorfeld des Seminars die gruppenspezifisch für die Vorbereitung zu lesende Literatur mitgeteilt.

Doris Meyer | 26.04.2016
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, Institut für Soziologie, 58084 Hagen