Fast 800.000 Medien verschiedenster Art, vom Zelluloid-Film über Poster und Texte bis hin zu Musik, enthalten die europäischen Filmarchive. Ein Schatz, der weit über die Kunst hinaus geht und u. a. auch kulturhistorische und zeitgeschichtliche Bedeutung hat. Wissenschaftler, Filmexperten oder Journalisten stehen jedoch vor dem Problem, in dem immer größer werdender Bestand an Filmen und Kino-bezogenem Material in ganz Europa diejenigen Dokumente zu finden und zugänglich zu machen, die für ihre Forschung oder ihren Artikel wichtig sind. Noch fehlen standardisierte Suchfunktionen und Zugänge über das Internet zu den Archiven. Dieses Problem soll das European Film Gateway (EFG) lösen, an dem das Lehrgebiet Multimedia und Internetanwendungen von Prof. Dr. Matthias Hemmje, FernUniversität in Hagen, beteiligt ist. Gefördert wird das dreijährige Projekt von der Europäischen Kommission im Rahmen des „eContentplus-Programms“.
Um einen umfassenden Zugriff auf Filme, Fotos, Zeichnungen, Skripte, Musik und auf Textedokumente zu ermöglichen wird das European Film Gateway mit Europeana verlink. Über das Portal der europäischen Digitalen Bibliothek wird ein direkter Zugriff auf digitale Inhalte verschiedenster Medien in Museen, Archiven, audiovisuellen Beständen und Bibliotheken in Europa möglich. Ein einziger Zugang kann dann, um ein Beispiel zu nennen, auch den kulturhistorischen Kontext eines während des II. Weltkriegs gedrehten „Kassenschlagers“ aufzeigen: Fotos von Dreharbeiten, Schauspielerbiografien und -zitate, Musik. Aber auch politische Einflüsse, Zensurvorschriften, Parteimitgliedschaften von Künstlerinnen und Künstlern etc. Gleich, wohin die entsprechenden Dokumente nach 1945 gelangt sind.
Ziel des EFG-Projekts ist es, bis 2011 einen einfachen Zugriff auf Medien in ganz Europa zu ermöglichen. Durch die Verlinkung von EFG mit dem Europeana-Portal, der Europäischen Digitalen Bibliothek, wird der direkte Zugang zu den Inhalten von Museen, Archiven, audiovisuellen Beständen und Bibliotheken in Europa möglich. So können Benutzende schnell und komfortabel digitalisierte Filme, Fotos, Poster, Zeichnungen, Musik und nicht zuletzt Texte suchen und finden. Im EFG-Projekt arbeiten zurzeit alle europäischen Filminstitute mit, allerdings keine Sender. Damit das European Film Gateway – nach dem Vorbild der Europeana und verbunden mit ihr – eine europäische digitale Film-Bibliothek mit Links zu allen großen Archivbeständen des Kontinents werden kann, müssen diese nach einheitlichen Kriterien digital erfasst und zugänglich sein. Nur so ist die Suche nach bestimmten Dokumenten über Meta-Informationen (wie Schlüsselbegriffen) in den Katalogen schnell und komfortabel möglich. Realisiert wird der Zugriff auf die Inhalte über webbasierte Benutzungsschnittellen.
Jedoch haben die Filmarchive viel später mit der zeitaufwendigen und teuren Digitalisierung begonnen als z. B. Bibliotheken. Für einen schnellen Zugriff auf ihr Material muss es erschlossen, archiviert und nach einheitlichen Standards katalogisiert sein. Diese gibt es jedoch nicht. Daher soll EFG zunächst die Metadateien zusammenführen, für die eine neue Suchebene aufgebaut werden muss. Die digitalen Meta-Informationen – z. B. zusätzliche Schlüsselwörter – können von Suchmaschinen gefunden werden. „Wir unterstützen Suchfunktionen auf der Grundlage der Meta-Suchmaschine ‚Daffodil’, deren Entwicklung an der Universität Duisburg von meinem Mitarbeiter Dr. Claus-Peter Klas begonnen wurde und die wir an unserem Lehrgebiet an der FernUniversität ständig weiterentwickeln“, erläutert Prof. Matthias Hemmje. Sie unterstützt die gleichzeitige verteilte Suche in mehreren Filmarchiven durch einen einheitlichen transparenten Zugriff auf alle. In der Hauptsache kooperiert das FernUni-Lehrgebiet hierbei mit dem Deutschen Filminstitut und der Fachhochschule Darmstadt, insbesondere deren Fachbereich Media.
Damit „Daffodil“ die (Meta-)Informationen finden kann, muss sie die Beschreibungen der Quellkollektionen interpretieren können. Hierfür müssen einfache Zugriffsprozesse auf die verschiedenen Quellen integriert werden. Anschließend kann ein neues Suchkonzept entwickelt werden. Zentral ist eine Infrastruktur für grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei der Informationserschließung.
Wegen der unterschiedlichen Beschreibungsschemata auf der Meta-Ebene muss die Suchmaschine in einer „Sprache“ anfragen, die von dem jeweiligen Archiv auch verstanden wird. Die „zielspezifische Übersetzung“ einer Suchanfrage ist also Aufgabe der Suchmaschine. Spricht sie mehrere Archive an, muss sie auch entsprechend viele „Sprachen sprechen“. Und anschließend die Suchergebnisse so aufbereiten, dass sie dem Suchenden einheitlich präsentiert werden können.
Darüber hinaus müssen die Suchenden ja auch wissen, wo der Film lagert und wie sie auf ihn zugreifen können. Dafür erhalten der Film und die Zusatzmaterialien von Datenbanken Adressen, die ständig aktualisiert werden. Zu diesem Zweck bieten Registraturen sogenannte „persistente Identifizierer“, die es erlauben zu dauerhaften logischen Adressen ständig neue Links mit den aktuellen physikalischen Adressen bereitzustellen.
Es gibt also noch viel zu tun, bis die 790.000 digitalen Objekte in 65 Sammlungen – die von 20 Institutionen in 13 Ländern gepflegt werden – miteinander sinnvoll verbunden sein werden: 69.000 Filme mit zusammen 24.000 Stunden Laufzeit, 66.000 Bilder, 900 Audiodokumente, 60.000 Text-Dateien mit 300.000 Seiten.
Weitere Informationen: http://www.europeanfilmgateway.eu/
FernUniversität in Hagen, 58084 Hagen, Telefon: +49 2331 987-01, E-Mail: fernuni@fernuni-hagen.de