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August

„Erfolgsmodell Moral“: Manager sollen Seiten wechseln

Ausbildung muss auch ethische Werte vermitteln – FernUni-Professor fordert breitere Sichtweise

Noch ist die weltweite Finanzkrise keineswegs überwunden, schon steigen wieder erste Gehälter und Boni für Top-Bankmitarbeiter, deren Unternehmen nur mit Staatshilfe überleben können, in schwindelerregende Höhe: Angesicht der erneut aufflammenden Diskussion um Gehälter und Geschäftsgebaren von Investmentbankern fordert der Wirtschafts-Professor Dr. Jürgen Weibler von der FernUniversität in Hagen eine bessere Ausbildung zukünftiger Führungskräfte, die viel mehr als heute ethische Gesichtspunkte berücksichtigen soll. Der Inhaber des betriebswirtschaftlichen Lehrstuhls mit den Schwerpunkten Personalführung und Organisation kritisiert: „Viele – keineswegs alle! – Managerinnen und Manager handeln nach der Devise: ‚Wer die Macht hat bestimmt die Regeln, gut ist, was mir nützt’.“ Schuld an diesen Defiziten sei – neben unklaren gesellschaftlichen Konturen - vor allem die Ausbildung und eingeschränkte Lebenserfahrung zukünftiger Führungskräfte: „Viele haben im Studium und firmeninterner Weiterbildung über Ethik nichts erfahren und wurden als Kinder des Wohlstands selbst nie oder doch kaum praktisch mit anderen Lebenswelten konfrontiert, auf die sie aber nun vehement Einfluss ausüben.“

Beim Führungskräftenachwuchs sieht Weibler deutschlandweit so oft nur geringes Interesse an der Thematik: „Für viele sind Moral und Wirtschaft zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben.“ Die Verantwortungsträger von morgen brauchten jedoch ein ganz anderes Denken, bei ihnen müsse das Thema „Moral“ in die Ausbildung integriert werden, denn Moral wird zuerst über Werte vermittelt. Doch diese sei vielerorts zu zahlenlastig und funktionsorientiert, Fächer mit keinem unmittelbaren Verwertungspotential spielten nur eine untergeordnete Rolle. Zu oft neigten daher fertig ausgebildete Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler dazu, bei Problemlösungen moralische Werte außer Acht zu lassen oder doch zumindest unterzugewichten. Das Fach überlasse es bislang mehr der persönlichen Initiative, sich während der Ausbildung mit Moral und Ethik zu befassen. Das „Warum“ und das „Wozu“ wirtschaftlichen Handelns sowie die in der Marktwirtschaft liegenden Spannungsfelder zu anderen, eben auch ethisch-politischen Aufgaben und Bereichen der Gesellschaft müssten von jedem, der einen ökonomischen Abschluss vorweisen kann, mitreflektiert werden können.

Allerdings vernachlässigt auch die Forschung die Entstehung und Ausformung von Werthaltungen junger Führungskräfte. Daraus ergibt sich für Weibler nicht nur die noch breiter zu beantwortende Frage, welche Werte zukünftigen Führungskräften wichtig sind, sondern auch, in welchem Umfang diese eine moralische Dimension besitzen.

Allerdings sieht Weibler Anzeichen einer Besserung, beispielsweise durch erste Ethik-Lehrstühle an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten, oder die Forderung des Deutschen Hochschulverbandes (DHV), Wissenschaftsgeschichte und Ethik an allen deutschen Universitäten als Pflichtfächer für alle Studiengänge einzuführen. Auch hat sich bei der diesjährigen Hochschullehrertagung der Betriebswirte eine Arbeitsgruppe formiert, die sich mit der systematischen Einbindung von einschlägigen Lehrinhalten in das betriebswirtschaftliche Studienprogramm beschäftigen wird. Aber gefragt sind die Studierenden natürlich auch selbst. Sie müssen sich nachhaltig artikulieren. Formen gibt es viele. Eine davon war jüngst bei der renommierten Harvard Business School zu beobachten : In einem von ihnen selbst verfassten Eid gelobten viele von ihnen u.a., der Gesellschaft zu dienen und integer zu handeln.

Dennoch: Für viel effizienter hält er die Praxis: „Ein Studium kann zwar zum Nachdenken anregen, aber ein moralisches Gefühl entwickelt man am besten durch eigenes Erleben in der realen Welt.“ Der Hochschule fehle die „emotionale Komponente“. Dieses „Erleben“ könnten jedoch teilweise verpflichtende Praktika vermitteln, z. B. in Non-Profit-Organisationen (NPO). Darüber hinaus schlägt Weibler vor, auch „dem Führungskräftenachwuchs eines Unternehmens andere Lebenswelten z.B. durch ein NPO-Praktikum im Rahmen der Personalentwicklung näher zu bringen“. So sollen zukünftige Führungskräfte sich nicht nur auf Studium und Beruf konzentrieren, sondern auch ganz andere Sichtweisen kennenlernen und verstehen: Eine karitative Organisation könne man nicht nur nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten führen, „dort gelten besondere Grundlogiken und es gäbe spezifische Probleme, beispielsweise das Zusammenspiel von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern“. Weibler: „Mehr Lebenserfahrung an den Schalthebeln der Macht schützt vor moralischer Einseitigkeit.“ Daher sollten zukünftige Führungskräfte ruhig einmal für eine gewisse Zeit „die Seiten wechseln“, um das Leben jenseits von Gewinnorientierung und Erfolgsmesszahlen zu erfahren. Denn wirkliche Empathie, das Erkennen und Akzeptieren der Sichtweisen anderer Menschen, könne nur durch eigene Anschauung entstehen.

Daher fordert Weibler „eine immer wieder zu erneuernde wiederkehrende Lebenspraxiszeit für Managerinnen und Manager, die in den regulären, beförderungsrelevanten Bewertungskatalog von Sozial- wie Führungskompetenzen zu integrieren sei. Dies könne z.B. in der heimischen Kirchenarbeit sein, in von Unternehmen unterstützten gesellschaftlichen Projekten oder bei selbst gesuchten Aufgaben im Ausland. Und warum nicht einmal Seniorinnen und Senioren begleitend und natürlich unter Anleitung mitpflegen, wenn man in einem Altenheim oder Krankenhaus angeblich überflüssigen Betreuungszeiten und Kosten im Maßanzug auf der Spur ist?

Gerd Dapprich | 14.08.2009
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