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Aktuelles - Januar 2010

„Ein Menü der Sinne nach Kant“

Prof. em. Dr. Kurt Röttgers hat philosophische Lücke gefüllt


Kochsendungen gibt es im TV wie Sand am Meer, Rezepte in Hülle und Fülle in diversen Medien. Für die Medizin ist das Thema „Nahrungsaufnahme“ aus gesundheitlicher Sicht seit jeher relevant. Von der Philosophie aber wurde es bisher eher vernachlässigt. Bis jetzt. Mit „Der Kritik der kulinarischen Vernunft“ hat FernUni-Prof. i. R. Dr. Kurt Röttgers diese Lücke gefüllt.

Worum geht es in „Die Kritik der kulinarischen Vernunft“?

Das Buch ist in seinem Aufbau angelehnt an die drei Kritiken Kants (Kritik der reinen Vernunft, der praktischen Vernunft und Kritik derUrteilskraft; Anm. d. Redaktion), es beschäftigt sich dementsprechend mit der transzendentalen Ästhetik, Analytik und Dialektik der Kulinarik. Ich will die Philosophie so auf die Kulinarik als mögliche Verbindung zwischen der theoretischen und praktischen Philosophie bei Kant hinweisen und zwar im Gesamtkontext des Themas „Essen“. Von der Zubereitung der Speisen in der Küche über die Diätetik bis zu Genussfragen, zum Beispiel „Wie kultivieren wir unseren Genuss?“. Mir geht es um die Rehabilitierung der Sinnlichkeit, insbesondere der des Essens im Rahmen der Philosophie. Der Untertitel lautet dementsprechend „Ein Menü der Sinne nach Kant“. Kochrezepte werden Sie in dem Buch nicht finden.

Portrait Prof. Röttgers Prof. em. Dr. Kurt Röttgers

Inwieweit kann die Kulinarik Verbindungsglied zwischen der theoretischen und praktischen Philosophie bei Kant sein?

Kant wurde ja immer so wahrgenommen, als seien das zwei Welten. Ein Beispiel ist das Problem mit der Freiheit. In der theoretischen Philosophie sieht Kant die Möglichkeit von Freiheit vor, theoretisch ist Freiheit aber nicht zu beweisen. In der praktischen Philosophie ist es umgekehrt, wir müssen die Freiheit hier notwendigerweise unterstellen. Somit ergeben sich einfach zwei Welten: In der einen gilt möglicherweise der Determinismus, in der anderen notwendigerweise die Freiheit. Diese Diskrepanz hat Kant Zeit seines Lebens und je älter er wurde als Vermittlungsproblem aufgefasst: Wie lassen sich diese beiden Welten miteinander verbinden, wie lässt sich ein Übergang schaffen? Die Kulinarik gewährleistet meiner Meinung nach diesen Übergang.

Sie schreiben in der Einleitung Ihres Buches, dass es bei Kant einen entsprechenden Ansatz gibt.

Ja, und es ist wichtig darauf hinzuweisen. In „Die Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, einem Spätwerk Kants, spricht er von der Verbindung des höchsten moralischen und des höchsten physischen Guts. Genau an diese Stelle setzt er die Mahlzeit. Aber es ist eben nur dieser eine Paragraph bei Kant.

Welche Teile der Kulinarik entsprechen denn beispielsweise der Analytik und Dialektik Kants?

Ein Beispiel für die Analytik sind die gegenteiligen Bewegungen „Fast Food“, die auf die Standardisierung sowie Einheitlichkeit des Essens setzt, und „Slow Food“, die auf den Genuss setzt. Im Hinblick auf die Dialektik geht es um die Frage „Was passiert eigentlich, wenn wir gemeinsam essen?“ Durch das Essen stiften wir nämlich eine Gemeinsamkeit, denken Sie nur an das Abendmahl.

Was hat Sie dazu inspiriert, sich aus philosophischer Perspektive mit dem Thema „Kulinarik“ zu beschäftigen?

Ich habe vor einiger Zeit einen Vortrag zu diesem Thema gehalten und dafür so viel interessantes Material gesammelt, dass ich dachte „daraus musst du mehr machen“. Bei meinem Abschiedskolloquium im vergangenen Jahr habe ich übrigens versprochen, dass „Die Kritik der kulinarischen Vernunft“ mein letztes unseriöses Buch sein wird. Ich weiß noch nicht, ob ich mich wirklich daran halten kann (schmunzelt).

Wieso „unseriös“?

Na ja, wenn man die philosophische Tradition betrachtet – was ich in dem Buch mache – haben sich Philosophen nie ernsthaft mit dem Essen, der Zuträglichkeit und Zubereitung von Speisen befasst. Platon gibt sogar ausdrückliche Begründungen dafür, warum sich die Philosophie nicht ernsthaft mit diesen Themen auseinandersetzen kann. Ähnlich wie in der Sophistik geht es hier nämlich nicht um die Wahrheit, sondern um den bloßen Schein. Den Sinnen wird geschmeichelt, aber das nützt dem Menschen nicht wirklich. Die Medizin beispielsweise ist eine Kunst, die uns mitteilt, was für den menschlichen Körper gut ist. Die Kochkunst hingegen gibt dies nur vor, indem sie uns über die Schmeichelei der Sinne sagen will, was gut für uns ist. In Wirklichkeit aber können die Resultate der Kochkunst für den Menschen ja durchaus auch verderblich sein.

Haben Sie schon Rückmeldungen zu „Die Kritik der kulinarischen Vernunft“ bekommen?

Ich höre oft „Das ist mal wieder ein richtiger Röttgers“.

Das heißt?

Ich finde es spannend, viele heterogene Aspekte zusammen zu tragen. Gerade das unerwartete Auftauchen eines Gedankens an einer Stelle, an die er eigentlich nicht hingehört, schafft neue Erkenntnisse. So auch in diesem Buch.

Manuela Feldkamp | 19.01.2010
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