Beim besten Willen kann der Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik der FernUniversität in Hagen nicht jeder Absolventin und jedem Absolventen die Urkunde persönlich überreichen und zum Erfolg gratulieren. Bei Markus Grothoff ließ sich Prof. Dr. Werner Kirsch dieses jedoch nicht nehmen: Der 29-jährige Hagener ist der erste Bachelor-Absolvent in dieser Fakultät, der „mit Auszeichnung“ zum Abschluss gekommen ist, ohne ein Abitur zu haben. Seine Noten zeigen auch, dass beruflich Qualifizierte exzellente Studierende sein können. Ausschließlich „Sehr gut“ ist auf dem Zeugnis zu finden, das Prof. Kirsch „erstaunlich, bemerkenswert!“ findet: „Ob man für ein Studium geeignet ist, zeigt sich im Studium selbst und nicht durch ein Abitur. Wir sind stolz auf solche Studierende – und wir sehen auch, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Für Markus Grothoff hat sich das Studium bereits vor dem Abschluss bezahlt gemacht, beim Arbeitsplatzwechsel spielte es eine entscheidende Rolle. Sein nächstes Ziel: der Masterabschluss an der FernUniversität.
Dekan Prof. Werner Kirsch (re.) ließ es sich nicht nehmen, Markus Grothoff Urkunde und Zeugnis persönlich zu überreichen.
Dass Markus Grothoff einmal einen Universitätsabschluss mit einem so glänzenden Ergebnis in der Hand halten würde, war nicht voraus zu sehen, als er nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zum „Bürokaufmann im Handwerk“ machte. Nach dessen ebenfalls glänzendem Abschluss 2002 arbeitete er noch ein Jahr in diesem Beruf. Nach dem Wehrdienstende 2004 betreute er in einem Praktikum die Computer einer Hagener Schule. Parallel dazu besuchte er mehrere, aufeinander aufbauende Weiterbildungen sowohl bei der Handwerkskammer Dortmund als auch bei Abakus e.V. in Essen zum Betriebsinformatiker. Über einen der Dozenten dieser Maßnahmen kam er zu einem Praktikum als Programmierer und bereits im August 2006 zu seiner ersten Arbeitsstelle in diesem Beruf. Er erkannte jedoch, dass diese Weiterbildung – die ja keine wirkliche Ausbildung zum (Fach-)Informatiker war – für ihn nur das „Sprungbrett“ sein konnte zu mehr.
So schrieb er sich zum Sommersemester 2008 an der FernUniversität als Akademiestudent ein. Nach drei Semestern hatte er genügend Kurse belegt und Leistungsnachweise erbracht, um zum Bachelorstudium Informatik zugelassen zu werden (die heutigen Zugangsvoraussetzungen für beruflich Qualifizierte sind hier zu finden). Im Wintersemester 2009/2010 legte er an der einzigen deutschsprachigen staatlichen Fernuniversität in Vollzeitform los, arbeitete gleichzeitig in Teilzeit weiter bei seinem damaligen Arbeitgeber: „Ich konnte also gleichzeitig weitere Berufserfahrungen sammeln.“ So ging es zwei Jahre weiter. Im September 2011 wechselte er als Software-Entwickler zu einem anderen Arbeitgeber, der Firma W3L GmbH in Witten. Sein Studium in Hagen spielte hierbei bereits eine entscheidende Rolle.
Durchaus hilfreich war für den Hagener das Regionalzentrum auf dem nahen FernUni-Campus: „Als ich mit dem Studium begann, gab es das Hagener Zentrum ja noch nicht. Einige Betreuungsangebote kamen für mich also leider zu spät, ich gehörte aber zu den frühen Benutzern.“ Viele Hilfestellungen in den Mentoriaten dort halfen ihm ungemein, ebenso, „dass ich sehen konnte, wie andere Studentinnen und Studenten mit den Kursen umgingen, vor allem mit der ‚Theoretischen Informatik’.“ Das motivierte ihn, „mich wieder richtig reinzuhängen“. Ganz klar, an manchen Stellen fehlte ihm die Mathematik aus einer gymnasialen Oberstufe: „Besonders vor Prüfungen war es halt schwieriger und es gab auch Tage, an denen ich mit dem Lernen einfach nicht weiterkam.“ Er fand Hilfe im Internet und ganz besonders bei den Einstiegskursen der FernUniversität. Und es war auch gut, zu sehen, dass es anderen Kommilitoninnen und Kommilitonen ebenso ging.
Ansonsten tauschte er sich in Newsgroups mit anderen aus: „Sie hätten für mich ein bisschen persönlicher sein können, aber das ist nun einmal das Wesen eines Fernstudiums. Man muss sich eben auch selbst motivieren können.“ Bei der Gruppenarbeit im Fachpraktikum gab es sogar „einen Anflug von Studentenleben“.
Bachelorarbeit: Software testet Software
In seiner Bachelorarbeit „Mutation Testing mit Refacola“ ging es Markus Grothoff um das Testen von Software. Lange schon wird Software nicht mehr nur von Hand durch Programmiererinnen und Programmierer oder Endanwenderinnen und Endanwender getestet. Einen Großteil des Testens übernehmen heute selbst Programme, die zuverlässiger und vor allem reproduzierbarer die Korrektheit von Software überprüfen. Aber wenn die Korrektheit von Programmen mittels Programmen überprüft wird, wirft das ein „Henne-Ei-Problem“ auf: „Wer aber wird die Überwachenden selbst überwachen?“ fragte bereits der römische Dichter Juvenal.
Markus Grothoff verfolgte einen trickreichen Weg: Indem er absichtlich kleine Fehler in Programme einschleuste, die Programme also „mutierte“, überprüfte er gezielt, ob die Testprogramme diese Fehler finden. „Leider ist es nicht so leicht wie man denkt, ein Programm automatisch so zu verändern, so dass es überhaupt noch läuft und dabei garantiert ein fehlerhaftes Verhalten zeigt“, erklärt der Betreuer der Bachelorarbeit, Andreas Thies, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrgebiet Programmiersysteme. Markus Grothoff nutzte und erweiterte eine am Lehrgebiet entwickelte Spezialsoftware, die „Refacola“, mit der elegant Programmverhalten beschrieben werden kann und die schon in mehreren anderen Abschlussarbeiten Verwendung fand.
„Natürlich freuen wir uns, dass wenn Herr Grothoff auch seine Masterarbeit am Lehrgebiet Programmiersysteme schreiben möchte“, führt Prof. Dr. Friedrich Steimann, Leiter des Lehrgebiets, aus. „Das Thema gibt noch einiges her und man könnte die bisherigen Resultate weiter ausbauen und publizieren.“ Dies wäre nicht die erste Abschlussarbeit am Lehrgebiet, die zu namhaften Publikationen geführt hat.
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