Dicke Luft durch Open Access

Nimmt Open Access Forschenden die freie Verfügung über ihre Texte? Das diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Forschungsförderung und Verlagswesen.


Podiumsdiskussion an der FernUni über die Verbreitung von wissenschaftlichen Inhalten im Internet

Podium
Diskutierten den künftigen Umgang mit Open Access: Dr. Johannes Fournier, Dr. Eric Steinhauer, Prof. Dr. Felicitas Schmieder, Dr. Sven Fund, Dr. Uwe Jochum und Prof. Dr. Gudrun Gersmann (von links).

Es herrscht dicke Luft. Verlage, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich beim Thema Open Access, also freiem Online-Zugang zu Zeitschriften, Büchern und sonstigen wissenschaftlichen Quellen, uneins. Probleme bereitet das Urheberrecht: Wer darf im Internet wo und wie auf Bücher, Bilder und Texte zugreifen? Kann Material heruntergeladen und ausgedruckt werden und wenn ja, wem gehören die Inhalte – Verlagen, Nutzerinnen und Nutzern? Oder doch den Autorinnen und Autoren?

Darüber wurde auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion zum Thema „Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften zwischen Digitalisierung und Urheberrecht“ diskutiert. Es war der Auftakt zur Plenarversammlung des Philosophischen Fakultätentages (PhFT) über „Chancen und Probleme der Digitalisierung in den Geisteswissenschaften“. Gastgeberin war die FernUniversität in Hagen. Prof. Dr. Felicitas Schmieder, Geschichtsprofessorin an der FernUniversität und Schatzmeisterin des PhFT, moderierte die Diskussion. Den Eröffnungsvortrag hielt Dr. Eric Steinhauer, Dezernent für Medienbearbeitung an der Universitätsbibliothek (UB) Hagen und Experte für Bibliotheksrecht.

Dr. Eric Steinhauer
FernUni-Bibliothekar Dr. Eric Steinhauer stellte die derzeitige Diskussion um Open Access vor.

Auf dem anschließenden Podium saßen neben dem Referenten auch Dr. Johannes Fournier von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Dr. Sven Fund vom deGruyter-Verlag, Prof. Dr. Gudrun Gersmann, Historikerin an der Universität zu Köln, sowie Dr. Uwe Jochum, Wissenschaftlicher Bibliothekar an der UB Konstanz und renommierter Bibliothekshistoriker.

Dilemma für Forschende wie Verlage

„Wer darf auf online veröffentlichte Texte zugreifen und wie darf man sie nutzen?“, fragte Eric Steinhauer in seinem Vortrag. Zugleich umriss er das Kernproblem von Open Access: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler möchten mit ihrer Forschung sichtbar sein. Verlage wollen Erlöse durch den Verkauf der Forschungsergebnisse erzielen. Dafür müssen sie die im Internet potenziell unbegrenzte Öffentlichkeit einschränken – und zwar auf zahlende Kundinnen und Kunden. Das geht mit Lizenzen, die etwa von Bibliotheken gekauft werden. Das geht aber auch mit Bezahlschranken direkt im Netz. Im Ergebnis macht es keinen Unterschied: Nur wer zahlt, darf lesen. Je nach Lizenz die Texte auch herunterladen und ausdrucken. Aber: Die Beschränkung auf zahlendes Publikum bedeutet auch eine Beschränkung auf Zahlungswillige. Die Folge: „Gedanken, Ideen und Analysen erreichen keine breitere, vor allem keine interdisziplinäre wissenschaftliche Öffentlichkeit mehr.“ Ein Dilemma für Forschende wie Verlage.

Prof. Dr. Felicitas Schmieder
Felicitas Schmieder, FernUni-Professorin und Schatzmeisterin beim Philosophischen Fakultätentag, moderierte die Veranstaltung.

Unterschiedliche Ansichten

Dr. Johannes Fournier von der DFG betonte die Bedeutung von Open Access für die Veröffentlichung von Wissenschaft. In der Diskussion wies er aber auch auf eine „strikte Definition von Nutzungsrechten“ hin. Für ihn ist der Autor beziehungsweise die Autorin gefragt, mit „Augenmaß“ Nutzungsrechte an Verlage einzuräumen. Generell müsse die „Nachnutzbarkeit digitaler Informationen in Forschung und Lehre optimiert werden“, sagte Johannes Fournier.

„Wenn Unternehmen, und zu denen gehören auch Verlage, erfolgreich sein wollen, dann müssen sie Gewinn machen“, sagte Dr. Sven Fund vom deGruyter-Verlag. Für Sven Fund ist Open Access kein juristisches, sondern ein ökonomisches Problem. Wenn die Autorinnen oder Autoren bereit sind, bei der Publikation die Leistung der Verlage angemessen zu vergüten, sei aus Verlagssicht gegen Open Access nichts einzuwenden.

Prof. Gudrun Gersmann wies auf ein Problem hin, das bei der ganzen Diskussion um die Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Publikationen und Quellen im Netz oft ausgeblendet wird: „mangelnde digitale Kompetenz“ – sowohl bei Lehrenden wie Studierenden. So bemerke die Professorin in ihrem Arbeitsalltag eine „Verunsicherung der Studierenden“ beim wissenschaftlichen Umgang mit dem Internet. „Wie und was darf aus dem Internet zitiert werden“, wird sie häufig von Studierenden gefragt. Nach ihrer Ansicht verbirgt sich dahinter eine „überraschende Unsicherheit“, auch bei den sogenannte „Digital Natives“. Das ist die Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Gudrun Gersmann setzte sich dafür ein, diese Unsicherheit auch in der Hochschullehre zu thematisieren.

Philosophischer Fakultätentag

Der Philosophische Fakultätentag ist die fächerübergreifende hochschulpolitische Vertretung der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften an den deutschen Universitäten.

„Digitales Publizieren an sich ist ja kein Problem“, warf Dr. Uwe Jochum ein. Das Problem sei die "sich verändernde Rolle der Autorin beziehungsweise des Autors von Wissenschaft“. Denn die werde kaum noch als kreative Persönlichkeit, sondern mehr als Produzent von allgemein zur Verfügung stehenden Inhalten begriffen. Konkret fragte er: „Können Forschende noch frei über ihre Veröffentlichungen verfügen und die Form ihrer Veröffentlichung bestimmen?“ Ja, sagt das Urheberrecht. Uwe Jochum forderte daher: „Diese Verfügungsgewalt der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über ihre Arbeit muss auch beim digitalen Publizieren gewahrt werden.“

Gemeinsamen Kurs festlegen

Auf der nicht-öffentlichen Plenarversammlung des PhFT berieten die Delegierten über eine gemeinsame Haltung im Umgang mit Open Access. Eine Stellungnahme soll nach aktuellem Stand auf einer weiteren Plenarversammlung Ende Juli in Siegen beschlossen werden.

Matthias Fejes | 10.01.2014