Der private Blick auf Willy Brandt

Der FernUni-Historiker schilderte in der Reihe Lüdenscheider Gespräche seine eigenen Erinnerungen an seinen Vater und den Politiker Willy Brandt.


Prof. Peter Brandt stellte Biographie „Mit anderen Augen“ vor

Illustration Prof. Dr. Peter Brandt am Rednerpult
Ein lebhafter Erzähler: Prof. Dr. Peter Brandt redet über seinen Vater Willy Brandt.

LogoHagener ForschungsdialogWenn ein Brandt über einen anderen Brandt redet, dann möchten das viele Menschen hören. Im Rahmen der Reihe Lüdenscheider Gespräche stellte Prof. Dr. Peter Brandt seine Biographie „Mit anderen Augen. Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt“ vor. Peter Brandt leitet das Lehrgebiet Neuere Deutsche und Europäische Geschichte und ist Direktor des interdisziplinären Dimitris-Tsatsos-Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften an der FernUniversität in Hagen. Die Lüdenscheider Gespräche sind ein Veranstaltungsangebot innerhalb des Hagener Forschungsdialogs.

Ein kleiner Saal war im Kulturhaus Lüdenscheid für die Lesung und Diskussion reserviert; bereits weit vor Beginn der Veranstaltung war er zum Bersten voll. Kurzerhand bauten die Organisatoren die mobilen Wände aus. So wurde das Foyer vor dem Saal zur Bühne – für Peter und Willy Brandt.

Die offene Atmosphäre, die sich dadurch für das Auditorium ergab, ist ein schönes Symbol für die Offenheit, mit der Peter Brandt seinem Vater Willy Brandt begegnet. Nach einer kurzen Einführung durch den Fach- und FernUni-Kollegen apl. Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch, Direktor des Instituts „Geschichte und Biographie“, lüftet Peter Brandt den „Schleier der Erinnerungen“ auf eine „ganz normale Familie“.

Parallelen zwischen Vater und Sohn

„Vor 30 Jahren hätte ich dieses Buch nicht schreiben können“, sagt Peter Brandt. „Ich brauchte den Abstand und die beruflichen und persönlichen Erfahrungen.“ Dabei hatte er nicht den Anspruch, die einzig wahre Biographie zu schreiben. „Ich hatte immer das Gefühl, ich wollte was hinzufügen.“ Den Blick des Sohnes zum Blick des Historikers. Irgendwann wollte er dieses Buch über Willy Brandt schreiben. „Dann kam dieser 100. Geburtstag. Gut, den hätte ich auch ahnen können“, scherzt er trocken.

Mit leichtem Berliner Unterton skizziert Brandt zunächst die wichtigsten biographischen und politischen Stationen im Leben von Willy Brandt. Dabei zieht er die Parallele zu seinem eigenen Engagement in der Politik. Als Jugendlicher gründete Peter Brandt 1968 die sozialistische Splittergruppe Spartacus mit; sein Vater trat 1932 der abgesplitterten Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands bei.

Am Ende versöhnte die SPD beide Brandts: Peter Brandt wurde 1994 Mitglied der SPD. Da war sein Vater bereits zwei Jahre tot. Nachgetragen hat er dem Sohn dessen zeitweilige Radikalisierung nie wirklich. Was eine Familienkonflikt verhinderte, war Willy Brandts Toleranz: „Er hat grundsätzlich andere Positionen als legitim akzeptiert.“

Für die Lesung pickt sich Peter Brandt das Kapitel über die Berliner Jahre von 1961 bis 1963 heraus: mit Willy Brandt in der Rolle des Regierenden Bürgermeisters. Es ist eine prägende Zeit, vom Mauerbau bis zu hin zur Unterschrift unter das Passierscheinabkommen am Vorabend des 50. Geburtstages von Willy Brandt.

Illustration Publikum
Aufgrund der hohen Besucherzahl musste eine kleiner Saal im Lüdenscheider Kulturhaus kurzerhand zu einem offenen Auditorium umgebaut werden.

Onkel Herbert und der Spion

Damit bricht eine neue Ära in der Ostpolitik an, für die Willy Brandt stets kleine Schritte bevorzugte – bis hin zu seinem großen symbolischen Schritt: dem Kniefall im Dezember 1970 in Warschau. Der Kreis schließt sich für Willy Brandt, als die Mauer fällt. Strahlend steht er am 10. November 1989 auf dem Balkon am Rathaus Schöneberg. Das alles liest Peter Brandt nicht. Aber es sind die Bilder, die das Kapitel Berlin im Kopf projiziert.

Nachdem Brandt das Buch zugeklappt hat, folgt eine launige Diskussion – eingeleitet von Arthur Schlegelmilch. Stichworte reichen aus, um Brandt Anekdoten zu entlocken. Über Herbert Wehner, den „Onkel Herbert“, die Urlaube in Norwegen und den DDR-Spion Günter Guillaume. Die Guillaume-Affäre brachte den ersten SPD-Kanzler Willy Brandt 1974 letztlich zu Fall.

„Der war nicht unsympathisch. Der hatte immer seine selbstgemachte Stullen dabei und verstand sich mit den Sekretärinnen gut. Wie sich das gehört für einen Spion.“ Peter Brandt gelingt der Perspektivbericht „mit anderen Augen“ äußerst unterhaltsam.

Anja Wetter | 22.01.2014