Was ist das Volk? „Wir sind das Volk!“

Mit dem Vortrag „‚Das Volk‘ – Zur Geschichte eines umstrittenen Begriffs“ verabschiedete sich Prof. Peter Brandt von der FernUniversität in den Ruhestand.


Spannender Vortrag zeigte die vielen Dimensionen des Begriffs auf

„Das deutsche Volk“: Lange beschrieb es in der Staatslehre wie im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik unangefochten den Souverän. Doch haben die Massenzuwanderung einerseits und der europäische Einigungsprozess andererseits dazu geführt, dass das Konzept „Volk“ vielfach als solches in Frage gestellt wird.

Prof. Peter Brandt
Mit seinem Vortrag verabschiedete sich Prof. Peter Brandt aus dem aktiven Dienst der FernUniversität.

In seiner Abschiedsvorlesung „‚Das Volk‘ – Zur Geschichte eines umstrittenen Begriffs“ spannte Prof. Dr. Peter Brandt, Lehrgebiet Neuere deutsche und europäische Geschichte an der FernUniversität in Hagen, einen weiten Bogen von der Antike bis in die deutsche Gegenwart, der den Schluss nahelegte: Eine Generaldefinition für „Volk“ kann es gar nicht geben. Aber ohne den Begriff kommen wir nicht aus. Und: „Volk“ und „Demokratie“ sind aufs engste verbunden.

„Wir sind das Volk!“ Der Schlachtruf der DDR-Bürgerrechtsbewegung rückte den Begriff „Volk“ in das Bewusstsein weiter Bevölkerungskreise (zurück). Mit ihm forderte das „Staatsvolk der DDR“ seine Souveränität ein: „Die folgenden Demonstrationen unter der Parole ‚Wir sind ein Volk!‘ verwiesen schon bald auf die abnehmende Bereitschaft des realen Volkes, sich auf einen DDR-internen Neubeginn einzulassen.“ Und damit tauchte die Frage nach der staatlichen Einheit Deutschlands wieder auf. Schon damit wird, so Peter Brandt, „die Mehrdimensionalität des Volksbegriffes“ deutlich. Ein weiterer Hauptstrang der Begriffsbedeutung, der 1989 anklang, ist das „soziale Volk bzw. das Volk als Bewegung von unten gegen die Elite“.

Volk als Abstammungs-, Sprach- und Kulturgemeinschaft – Volk als Urgrund der Demokratie – Volk als unteres Volk oder Volksmassen gegenüber den Eliten: Alle drei Bedeutungen koexistieren seit über 200 Jahren, teils erheblich länger, ohne immer klar unterschieden worden zu sein. Brandt: „Ohne Zweifel handelt es sich um einen der zentralen politischen Begriffe des 19. und 20. Jahrhunderts mit ganz unterschiedlichen, ja gegensätzlichen ideologischen Konnotationen.“ Präzise definieren lässt der Begriff „Volk“ sich nur in einem konkreten Sachzusammenhang, z.B. im Staats- und Verfassungsrecht. Wie viele Dimensionen dieser Begriff tatsächlich hat, klang in dem „wissenschaftsgespräch“ unter dem Dach des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität deutlich an.

Etliche Soziologen, Politikwissenschaftler und auch manche Juristen halten, so der Historiker, den Begriff für mythologisch überfrachtet, er sei heute praktisch unbrauchbar, denn er suggeriere – mal als ethnisches, mal als politisches Volk – eine nicht vorhandene Einheitlichkeit. Das in der Volksherrschaft angeblich regierende Volk gebe es in der Realität nicht als greifbare Institution. Faktisch gehe es nur darum, Strukturen und Institutionen zu schaffen, die der Bevölkerung eine freie Mitsprache und eine gleiche Mitentscheidung gewährten.

Trotzdem lässt sich, so Brandt, die Art und Weise der Organisierung von Staatsgewalt nicht ganz ohne die Bezugnahme auf das Volk regeln. Dem modernen Gemeinwesen fehle es an einem Faktor, der es zu einem sozialen und politischen Verband integrieren könnte. Im Begriff des Volkes werde dagegen eine Idee der Zusammengehörigkeit ausgedrückt – durch den Konsens allgemein geteilter Werte, durch ein Minimum an sozialer und kultureller Homogenität: „‚Volk‘ verleiht der Gesamtheit der Staatsbürger einen Namen und eine Art kollektiver Subjektivität.“

Nicht nur Angehörige der FernUniversität, sondern auch viele Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, ehemalige Mitarbeitende und Weggefährtinnen und Weggefährten verfolgten mit großem Interesse die Ausführungen des Historikers.
Nicht nur Angehörige der FernUniversität, sondern auch viele Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, ehemalige Mitarbeitende und Weggefährtinnen und Weggefährten verfolgten mit großem Interesse die Ausführungen des Historikers.

Bildung als Grundlage für „Volksbewusstsein“

Ein „Volksbewusstsein“ entwickelte sich langsam erst im 17., vor allem gegen Ende des 18. Jahrhunderts, im 19. Jahrhundert wuchsen die Deutschen zu einem Volk zusammen (dieses Bewusstsein konnte dann aber auch der Eiserne Vorhang nicht wirklich auslöschen).

Politischer Souverän im großen Maßstab wurde das Volk erstmals 1776 in Amerika: „That all power is vested in, and consequently derived, from the people…“ Als 1787 der Staatenbund zum Bundesstaat wurde, wurde das Volk der USA beinahe handstreichartig eingeführt: „We the people of the United States…“

In Europa war nach 1800 die Französische Revolution für die große Konjunktur des Volksbegriffs verantwortlich: Napoleons Truppen brachten die Begriffe „Volk“ und „Nation“ in die besetzten Länder mit. Hier wurden sie zu emphatischen Leitbegriffen, als die unter der Fremdherrschaft angestoßenen Reformen die Erhebung gegen den Empereur beschleunigten.

Eine Grundlage hierfür war eine gesamtdeutsche Kommunikationsgemeinschaft, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auf (nur) einige 10.000 Gebildete angewachsen war. Immer mehr Menschen lernten Lesen und Schreiben. Gelehrtenlatein, Aristokratenfranzösisch und viele Dialekte wurden zurückgedrängt. Zeitschriften wurden gegründet, immer mehr titulierten sich als „deutsch“, oft in Verbindung mit „Volk“ und „Bürger“ – ein Signal für das Aufkommen einer bürgerlich-deutschen kulturnationalen Bildungsgesellschaft. Das expandierende Vereinswesen trug wesentlich zur Ausbildung eines nachständischen Bewusstseins bei. Zahlreiche Gelehrte befassten sich mit Volk, Bürger und Nation. Für Johann Gottfried Herder z.B. war die Sprache und die damit verbundene Kulturtradition das Bestimmungskriterium für den Volksbegriff. Auch Luthers Bibelübersetzung spielte eine wichtige Rolle.

Der politische Nationalgedanke unter Berufung auf das Volk nahm in der Auseinandersetzung mit der napoleonische Hegemonie ab 1806 feste Formen an. Nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern auch, weil sie ihre eigenen Werte und Lebensformen bedroht sahen, entwickelte sich ein deutsches Volksbewusstsein. Doch selbst 1871 waren Volk und Nation nicht eins, Österreich-Ungarn gehörte – im Gegensatz zu Elsass-Lothringen und Schleswig-Holstein mit französischen und dänischen Einwohnerinnen und Einwohnern – nicht zum neuen Deutschen Reich.

Illustration

Meistens wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts an eine konstitutionelle Monarchie gedacht. Die bekanntesten Vertreter des „volkstümlichen Befreiungsnationalismus‘“ waren „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn und Ernst Moritz Arndt. Arndt stachelte nicht nur zum Aufstand gegen die Franzosen auf, sondern verkündete gleichzeitig, das Volk sei nicht für die Fürsten da, sondern diese Diener und Beamte des Volkes. Jahns Turnvereine hatten in gewisser Weise einen demokratischen Modellcharakter.

Im Zuge der Befreiungskriege Preußens gegen Napoleon wandelte sich sogar der Blick der Obrigkeit auf das Volk: In seinem Aufruf „An mein Volk“ vom 17. März 1813 sprach König Friedrich Wilhelm III. dieses erstmals als ein politisches Subjekt mit eigenen Interessen, Wünschen und Urteilen an. Unter dem Einfluss der Stein-Hardenberg‘schen Reformen waren aus Untertanen Dialogpartner geworden. Diese Entwicklung war unumkehrbar, auch wenn der König seine Verfassungsversprechen nicht hielt und die Gegenreform die Oberhand gewann („Wiener Kongress“).

Das Volk hatte weder in der Paulskirchen-Verfassung von 1849 noch in der Reichsverfassung 1871 einen semantisch prominenten Platz. Zu Bismarcks Kanzlerzeit beschränkte sich seine Anwesenheit auf eine indirekte Erwähnung in der Präambel: Die Konservativen erkannten das Volk nicht als eine maßgebliche Instanz an, anders als der Nationalbegriff blieb es ihnen bis zum Ersten Weltkrieg fremd. Dann allerdings appellierte die Obrigkeit immer wieder an dessen Kriegs-, Sieg- und Durchhaltewillen. Wie auch ab 1933 wieder.

Ein Videomitschnitt der Vorlesung ist unter http://www.fernuni-hagen.de/videostreaming/ksw/wg/ zu finden.

Gerd Dapprich | 26.03.2014