Familiäres Widerstandsnest

Die Zeit nagt an der Grenze zwischen der Gesellschaft und der Familie, die sich mit einfachen Strategien wehren könnte – wenn sie bereit ist, berufliche und finanzielle Opfer zu bringen.


„Gesellschaftliche Zumutungen der Beschleunigung“ in der Coesfelder BürgerUni

Manche Uhren ticken anders: Das „Time is Money“-Verhältnis von Arbeitgebern zur Zeit ist grundsätzlich anders als die zeitlichen Bedürfnisse von Familien und Alleinerziehenden, die sich wiederum von denen der Singles und Paare unterscheiden. Schon seit der Industrialisierung und jetzt besonders durch das Internet dringt die Arbeitswelt immer weiter in das private Leben vor. „Zeit hat man aber nur einmal, sie ist unwiederbringlich“, betont Jun.-Prof. Dr. Dorett Funcke. Mit ihrer Vorlesung „Familie und Verwandtschaft – Orte des Widerstands gegen gesellschaftliche Zumutungen der Beschleunigung“ stellte sie sich als neue Verantwortliche der „Coesfelder BürgerUniversität“ vor. Die Vortragsreihe ist ein Standbein der „Ernsting's family-Junior-Stiftungsprofessur für Soziologie familialer Lebensformen, Netzwerke und Gemeinschaften“ der FernUniversität in Hagen.

Jun.-Prof. Dorett Funcke
Jun.-Prof. Dorett Funcke...

Zunächst einmal betont Dorett Funcke, dass die Soziologie keine „Rezepte“ entwickeln kann. Jedoch können auf der Grundlage ihrer Ergebnisse individuelle Strategien entwickelt werden. Das Modell der Soziologie von Familie ist idealtypisch und sieht sie als dauerhaft und nicht ersetzbar an, ihre Mitglieder vertrauen sich und finden sich wechselseitig attraktiv, ihre Kommunikation ist klar, offen und kooperativ.

Nach Funckes Erkenntnissen „verliert die Familie in unserer ‚Beschleunigungsgesellschaft‘ an Bedeutung. Nachdem die Gesellschaft oft schon ‚vaterlos‘ ist, wird sie zunehmend ‚elternlos‘.“ Immer mehr Beschäftigte nehmen Arbeit mit nach Hause, wo schon andere Aufgaben auf sie warten, wo aber auch viel Familiäres zu besprechen wäre.“ Und dann zieht die Familie oft den Kürzeren.

Dorett Funcke  hielt in der Coesfelder BürgerUni einen Vortrag zu den unterschiedlichen Vorstellungen von Zeit
... hielt in der Coesfelder BürgerUni einen Vortrag zu den unterschiedlichen Vorstellungen von Zeit.

Dass der Alltag zunehmend beschleunigt wird, zeigen z.B. „Fast Food“ und „Speed Dating“, in der Familie die „Quality Time“, die man den Menschen widmet, die einem besonders am Herzen liegen. Oft genug ist sie das „Zeitfenster“, das für Partner, Kinder, Freunde etc. übrig bleibt, wenn Eltern ihr Familienleben planen und das Zusammensein mit ihrem Nachwuchs terminieren. „Doch Kinder wollen sich vielleicht gerade nicht um 17.30 Uhr, wenn die Eltern Zeit haben, mit ihnen unterhalten, sondern lieber spielen“, erläutert Dorett Funcke. Oder sich mit Freunden treffen. Die Clique wird immer mehr zum Ersatz für die Familie, in der den jungen Leuten Ansprechpartner und Anerkennung fehlen: „Im Freundeskreis zählt das bessere Argument, vielleicht auch die körperliche Kraft. In der Familie letztendlich das, was die Eltern sagen.“

Der eigentliche „Sinn von Familie“ bleibt nach ihren Erkenntnisse immer mehr auf der Strecke: „Familien sind dazu das, aus sich heraus Muster zu entwickeln und so dem Außerhalb Sinn zu geben.“ Die Familie muss eine eigene Vision von dem entwickeln, was außerhalb von ihr passiert, von dem, was „Gesellschaft ist“: „Es geht darum, Kinder zu Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen, zu Wirtschaftssubjekten usw.“ Die Grenze zwischen Familie und Gesellschaft muss dafür einerseits offen sein, um zu sehen, was außen passiert, andererseits aber auch geschlossen, um eine eigene Meinung dazu entwickeln zu können.

Die „Deutungshoheit“ der Eltern hilft Kindern, Geschehenes einzuordnen. Aus Ereignissen, aus Erlebtem werden Erfahrungen, indem die Eltern ihre eigenen Erfahrungen durch Erzählen beisteuern. Das „familiäre Gedächtnis“ hilft den Kindern, eigene Strategien zu entwickeln. Durch Abgrenzung nach außen stabilisiert die Familie sich nach innen. Doch die Grenze erodiert, sie wird brüchig, hat Dorett Funcke festgestellt: „Die Familie bietet immer seltener die Ruhe, beim gemeinsamen Essen bis hin zu großen Familienfeiern Geschichten aus dem eigenen Erleben zu erzählen.“

Das gilt ebenso im Hinblick auf die Familie als „triadischer“ Ort, in dem die Rollen rotieren: Ein Kind sieht, dass die Eltern ein Paar sind. Der Vater ist auch Ehemann, die Mutter auch Ehefrau (gleiches gilt für Lebenspartner). Das Kind erkennt, was es heißt, ein Paar zu sein – aber auch, dass es selbst nicht Teil des Paares ist. Wenn andererseits z.B. der Vater etwas mit dem Kind unternimmt, ist die Mutter in diesem Moment aus dieser (Vater-Kind-)Beziehung ausgeschlossen. Leben mehrere Kinder und vielleicht auch weitere Verwandte zusammen, kommt noch viel mehr Dynamik in die Familienpositionen.

Doch fehlt immer öfter die Zeit für das „Leben von Familie“ und sogar für Gespräche bzw. für die dafür häufig notwendigen oder sinnvollen Rituale: In Ruhe miteinander sprechen bei Fast Food? Oder wenn jeder und jede für sich isst? Bei Familientreffen? Auch die Großeltern sind nicht mehr das, was Opa und Oma früher waren. Sie sind fit, reisen, haben Hobbys, arbeiten noch. Kurz: Der Familie stehen sie nicht „zur Verfügung“.

Welche Strategien können Familien dagegen entwickeln? Für Dorett Funcke gibt es verschiedene „konventionelle“ Möglichkeiten, die von der Reduzierung der Arbeitszeit bis hin zum Rückzug aufs Land reichen: „Dort muss dann etwas im Garten getan werden, der Nachbar lädt zum Grillen ein – die Berufsarbeit bleibt liegen. Aber man muss ggf. berufliche bzw. finanzielle Einschränkungen akzeptieren, wenn man sein Leben so entschleunigt.“

In Anlehnung an den Philosophen Hermann Lübbe nennt sie drei unkonventionelle Bewältigungsstrategien.

Zum einen ist da die „Rückkehr zur Konformität, zum konventionellen Altbewährten“. Laut Jugend-Shell-Studie 2012 finden Jugendliche Familie gut. Grundsätzlich haben sie ähnliche Vorstellungen wie ihre Eltern, ob sie diese tatsächlich realisieren, steht auf einem anderen Blatt. Auch gründen sie meistens später eine Familie, allerdings neigt die Jugend auch zu traditioneller Arbeitsverteilung: „Männer beteiligen sich zwar mehr als früher an der Hausarbeit, Frauen tragen aber immer noch die Hauptlast.“

Zum zweiten nennt Funcke „die Historisierung“: Das Interesse an der Herkunft der eigenen Familie ist nicht nur vorhanden, „das Geschäft mit Software für Familienstammbäume boomt“ sogar. Zu wissen, „wo ich herkomme“, vermittelt Sicherheit. Ein weiteres Indiz dürfte der „Trend zu Autobiografie in jungen Jahren“ sein: „Immer mehr Schriftsteller schreiben erst ihre Autobiografie und dann einen fiktiven Roman – eigentlich blickt man erst im Alter auf das eigene Leben zurück.“

Die dritte familiäre Entschleunigungsstrategie ist eigentlich ganz einfach: miteinander reden, etwa beim gemeinsamen Frühstück. Funcke: „Wir haben alle nicht die Zeit für Gespräche. Nehmen wir sie uns – zu Lasten der Arbeit. Wir sind ja grundsätzlich soziale Wesen, also kein ‚Ich‘, sondern ein ‚Wir‘.“

Hinweis: Ein Stream der Vorlesung wird noch auf die Seite des Hagener Forschungsdialogs http://www.fernuni-hagen.de/hagenerforschungsdialog/ verlinkt.

Gerd Dapprich | 11.04.2014