„Dr. Türkei“ in Polizeiuniform

Dr. Bernd Liedtke hat als Direktionsleiter Gefahrenabwehr/Einsatz seine Dissertation über das Thema „Entwicklung, Wandlung und Perspektiven Innerer Sicherheit in der Türkei“ geschrieben.


Hagens oberster uniformierter Beamter hat an der FernUniversität in Politikwissenschaft promoviert

Illustration Bernd Liedtke, Direktionsleiter Gefahrenabwehr/Einsatz im Polizeipräsidium Hagen, hat 2011 an der FernUniversität im Fach Politikwissenschaft promoviert. Seitdem fließt seine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Türkei stark in seinen Arbeitsalltag ein.
Bernd Liedtke, Direktionsleiter Gefahrenabwehr/Einsatz im Polizeipräsidium Hagen, hat 2011 an der FernUniversität im Fach Politikwissenschaft promoviert. Seitdem fließt seine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Türkei stark in seinen Arbeitsalltag ein.

Die Koordinaten in Bernd Liedtkes Leben sind eindeutig: Polizei, Türkei und FernUniversität in Hagen. Auf seinem Schreibtisch liegt die Dienstmütze, er begrüßt die Besucherin auf Türkisch und an der Wand hängt die Promotionsurkunde der FernUniversität.

Der 61-Jährige arbeitet seit 1970 im Polizeidienst des Landes NRW, hat die Türkei zu seinem Thema gemacht und an der FernUniversität sowohl studiert als auch promoviert.

„Wenn man hauptberuflich tätig ist, gibt es nur diesen einen Weg.“ Dieser eine Weg ist das Studium an der FernUniversität. 1999 schrieb sich Liedtke ins Magisterstudium Politikwissenschaft und Soziologie ein. Der Schritt zum Studium sei damals nur ein kleiner gewesen, sagt er rückblickend. Ein selbstverständlicher.

Dabei hatte Bernd Liedtke zu dem Zeitpunkt schon eine weite Strecke seiner Laufbahn als Polizeibeamter im gehobenen und im höheren Dienst zurückgelegt: Zu Studienbeginn war er Dezernent bei der Bezirksregierung in Köln, am Studienende bereits Direktionsleiter Gefahrenabwehr/Einsatz im Polizeipräsidium Hagen. „Ich hatte mein Studienziel klar vor Augen und habe auf den Abschluss hin studiert.“ All‘ seine privaten Ressourcen steckte er ins Studium, saß konsequent nach Dienstschluss zu Hause am Schreibtisch.

21 „Scheine“, Prüfungen, ein Studium in Regelstudienzeit und 2007 der Abschluss mit der Note 1,6 – „Es hat geklappt. Ich konnte mich gut selbst motivieren.“ Der innere Motor hat ihn weiter angetrieben, als ihm Prof. Dr. Hans-Joachim Lauth – damals aus dem Lehrgebiet Vergleichende Politikwissenschaft – die Frage nach einer Promotion stellte. „Daran hatte ich vorher nicht ernsthaft gedacht“, erzählt Liedtke. „Aber ich war immer fleißig – und so habe ich mich dazu entschlossen, meinem Fleiß die Krone aufzusetzen.“

Seine Dissertation schrieb er innerhalb von vier Jahren über die Türkei. Er hatte privat eine Affinität zu dem Land am Bosporus und als Politologe ein wissenschaftliches Interesse für die Komparatistik im Kontext defekter Demokratien, also unausgereifter demokratischer Systeme.

FernUniversität: Wie sind Sie bei Ihrer Arbeit vorgegangen und was war das Ergebnis?

Bernd Liedtke: „Ich habe die Entwicklung, Wandlung und die Perspektiven der Inneren Sicherheit über den Zeitraum von 1983 bis 2007 analysiert. Dazu habe ich in meinen Urlaub mehrfach die Türkei besucht und türkische Polizeibeamte zur inneren Situation befragt. Dabei habe ich Menschen getroffen, die sich frei und auch sehr kritisch politisch geäußert haben. Als Fazit meiner Arbeit habe ich festgehalten, dass die Türkei zwar Fortschritte in Richtung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gemacht hat. Weiterhin verbleiben beachtliche Defizite.“

FernUniversität: Im Polizeipräsidium Hagen tragen Sie den Titel „Dr. Türkei“ – ehrt Sie das?

Bernd Liedtke: „Auf jeden Fall! Die Besuche in der Türkei haben mich sehr geprägt und deshalb trägt mich das Land bis heute. Die Art und Weise der Menschen in der Türkei hat mich gefangen genommen. Das möchte ich an andere weitergeben. Ich bin viel als Referent und Lehrbeauftragter unterwegs und halte Vorträge über die innere Sicherheit in der Türkei, die aktuellen politischen Entwicklungen und die türkische Polizei. Leider sind wissenschaftliche Veröffentlichungen, nicht zuletzt über die rechtsstaatlichen Probleme, aber auch über die beachtlichen wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Fortschritte noch zu selten anzutreffen. Dieses Defizit könnte aber vielleicht durch eine Länderstudie oder einen Studienbrief der FernUni ausgeglichen werden, oder?“

FernUniversität: Welchen Einfluss hat die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Türkei auf Ihren Arbeitsalltag?

Bernd Liedtke: „Die Wirkmacht meines Studiums ist noch immer spürbar. Ich habe verschiedene Projekte in der Behörde angestoßen. Das jüngste Projekt ist interkulturell angelegt: ,Verstehen und verstanden werden‘ soll das Verständnis und die Verständigung bezogen auf türkeistämmige Menschen fördern. Es ist als Pilotprojekt für den Öffentlichen Dienst – einschließlich der Polizei in NRW – angelegt und wurde von dem Integrationsminister des Landes NRW, Guntram Schneider, entsprechend adressiert. Wir haben in Hagen die besondere Situation, uns in der Stadt mit einem sehr hohen Migrantenanteil zu bewegen. Gerade deshalb bin ich der Meinung, dass wir für die Praktiker vor Ort mehr Wissen, zum Beispiel über die muslimische Trauerkultur, über die eigene Bedeutung des Kopftuchs oder Familientraditionen vermitteln sollten. Natürlich gibt es Stereotype auf beiden Seiten; diese müssen wir ernstnehmen und miteinander diskutieren.“

FernUniversität: Sie gehen im Sommer in Pension. Schreiben Sie sich dann wieder an der FernUni ein?

Bernd Liedtke (lacht): „Ich bin auf jeden Fall noch sehr mit der FernUni verbunden und stolz auf meine Universität. Ein weiteres Studium sehe ich eher nicht, aber für Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen bin ich weiterhin offen. Vielleicht wird es eine solche, wie bereits vor einigen Jahren mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Mesut Yılmaz, wieder an meiner FernUni geben. Da unterstütze ich gern, weil ich halt diesen missionarischen Kern in mir habe. Es gibt auf jeden Fall einige Anfragen von Stiftungen, ob ich mich zum Thema Türkei engagieren möchte.“

Anja Wetter | 11.04.2014