Wie der Fußball unsere Sprache prägt

„Das Runde muss ins Eckige!“ Warum uns diese und ähnliche Phrasen geläufig sind? Was das über unsere Gesellschaft sagt? Darüber sprach Dr. Roman Beliutin an der FernUni.


FernUni-Absolvent Dr. Roman Beliutin forscht zur Bedeutung von Fußball-Metaphern

Dr. Roman Beliutin
"In Fußball-Metaphern können komplexe Sachverhalte allgemeinverständlich ausgedrückt werden." Das sagt Dr. Roman Beliutin.

Wenn Dr. Roman Beliutin anfängt über Fußball zu sprechen, dann vergleicht er: Kolleginnen und Kollegen in einem Unternehmen werden dann zu Spielerinnen und Spielern eines Teams. Der Arbeitstag geht mit Überstunden in die Verlängerung und eine Partei steigt nach schlechten Wahlergebnissen in die politische Bedeutungslosigkeit ab.

Roman Beliutin ist Leiter der Abteilung für Internationale Beziehungen an der Universität Smolensk. Der Absolvent des Bachelor-Studiengangs Soziologie der FernUniversität in Hagen forscht zur gesellschaftlichen und interkulturellen Bedeutung von Fußballsprache. In seinem Vortrag über „Metaphern und Fußball“ stellte er sein Vorhaben und einige Ergebnisse vor. Der Vortrag fand im Rahmen des Hagener Forschungsdialogs an der FernUniversität statt und gehört zur Wissenschaftskooperation zwischen der FernUniversität und der Universität Smolensk.

Massentaugliche Metaphern

„Mit Metaphern können komplexe Sachverhalte in Bildern ausgedrückt werden. Deshalb sind sie so eingängig", erklärte Beliutin. In unserer Gesellschaft sei die Fußball-Metapher zentral, denn: „Fußball ist der Leitdiskurs der Gesellschaft."

„Diskurse“ sind gebündeltes Wissen zu bestimmten Bereichen. Sie geben die Sprache vor, mit der sich dieses Wissen ausdrücken lässt. „Leitdiskurs“ meint die besondere Bedeutung, die dieses Wissen für eine Gesellschaft hat – und diese prägt. Das kann die besondere Bedeutung der Wirtschaft für politische Entscheidungen sein, Hollywood für die Pop-Kultur oder Fußball für den Sport. Was Fußball so besonders macht? Dass er „quer durch die Bevölkerungsschichten die beliebteste Sportart“ ist. Dadurch hat er „maßgeblichen Einfluss“ – so identifizieren sich etwa Menschen einer Stadt häufig mit ihren Heimatvereinen. Außerdem ist Fußball ein „beträchtlicher Wirtschaftsfaktor“. Kurz gesagt: Fußball ist massenkompatibel.

Doch das ist nur eine Funktion, Beliutin nennt es die „Bildspendende Funktion“. Eine zweite ist die sogenannte „Bildempfangende Funktion“. Das heißt, dass Begriffe aus anderen Bereichen, etwa Krieg, Architektur oder Theater, in die Fußballsprache kommen. Dann wird aus der Abwehr ein Bollwerk, der Nationaltrainer zum Bauherrn seiner Mannschaft und der Kapitän zum Regisseur.

Durchgangsverkehr statt Schießbude

Neben sozialen und sprachwissenschaftlichen Aspekten von Fußball-Metaphern erforscht Roman Beliutin auch interkulturelle. Als gebürtiger Russe und leidenschaftlicher Fan von Spartak Moskau interessiert er sich vor allem für den Vergleich deutscher mit russischen Fußball-Metaphern. Auf der „idiomatischen Ebene“, also der Fußball-Fachsprache, gebe es viele Gemeinsamkeiten. Die Rote Karte etwa, denn die ist „im Deutschen wie im Russischen der Platzverweis.“

Beträchtliche Unterschiede gebe es hingegen „auf der Konzept-Ebene“, der Ebene abstrakter Begriffe: „Zum Beispiel das Konzept Schießbude.“ Das sei im Deutschen spöttisch und meine „das Tor, das vom Gegner besonders häufig getroffen wird.“ Im Russischen sei das anders, da meine die russische Entsprechung von Schießbude, „prochodnoj dwor“, ein „Haus oder eine Wohnung, wo Leute ständig ein- und ausgehen“.

Wissenschaftlich spannend wird es für Dr. Roman Beliutin, wenn sich Schlüsse aus der gleichen oder unterschiedlichen Verwendung von Fußball-Metaphern ziehen lassen. Doch das ist erst der nächste Schritt, noch steht er am Anfang seiner Untersuchung. Eines ist aber schon jetzt klar: Wenn am 12. Juni die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt, wird er ganz genau hinhören.

Matthias Fejes | 30.05.2014