„Geld ist kein Erfolgsfaktor für den WM-Titel“

Eher skeptisch beurteilt Prof. Dr. Jörn Littkemann die Chancen der deutschen Nationalmannschaft, als Weltmeister aus Brasilien zurückzukehren.


FernUni-Wissenschaftler zur Fußball-WM: Prof. Jörn Littkemann, Lehrstuhl für BWL, insbes. Unternehmensrechnung und Controlling

„Geld schießt keine Tore – vor allem nicht bei so einem Turnier wie der Fußball-Weltmeisterschaft (WM)!“ Eher skeptisch beurteilt Prof. Dr. Jörn Littkemann die Chancen der deutschen Nationalmannschaft, als Weltmeister aus Brasilien zurückzukehren. Sein Blickwinkel als Betriebswirt: „Bei den Finanzen ist das deutsche Team sicher top aufgestellt, aber nicht einzigartig. Andere Faktoren dürften einen viel größeren Einfluss auf den Gewinn des WM-Titels haben“. In einem seiner Forschungsschwerpunkte befasst er sich mit Sportmanagement und -controlling. Mehrere Bundesliga-Fußballvereine hat er bei der Einführung von Controlling-Systemen beraten sowie ein Standardwerk und mehrere Fachartikel zum Profifußball aus sportökonomischer Sicht veröffentlicht. In ihnen geht es u. a. um die Rekrutierung von Fußballspielern, Controlling von Spielerinvestitionen und die Einführung innovativer Spielsysteme.

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Prof. Jörn Littkemann,Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbes. Unternehmensrechnung und Controlling, Mitglied von Borussia Mönchengladbach und lizenzierter Fußballtrainer. Favorit: Brasilien. Foto:privat

Fußballfan und Realist

Jörn Littkemann ist leidenschaftlicher Fußballfan, gleichzeitig aber auch Realist: Nicht nur der Deutsche Fußballbund (DFB) ist finanzkräftig, auch andere, besonders spielerisch starke Nationen können aus dem Vollen schöpfen. Frühere Weltmeisterteams wie Brasilien, Argentinien, Spanien, Italien, Frankreich und England sieht Littkemann auf finanzieller Augenhöhe mit „Jogis Jungs“: „Unter finanziellen Gesichtspunkten haben diese Teams sicher die besten Chancen, aber keines ragt in dieser Hinsicht aus dieser Gruppe hervor.“

Andere Faktoren hält er also für wichtiger. Besondere deutsche Stärke ist für ihn die mannschaftliche Geschlossenheit: „Die braucht man für ein Turnier.“ Den unbedingten Willen, Weltmeister zu werden, haben alle Spieler, denen es natürlich, aber nicht nur um die Steigerung ihres eigenen Marktwertes geht. Das jedoch ist bei den anderen Teams ebenso. Also keine speziellen Punktvorteile für die Deutschen.

Tagesform und Losglück

Sorge macht dem Professor deren spielerische Stärke. Und, damit zusammenhängend, dass es bei einem Turnier mit – im besten Fall – sieben Spielen sehr auf die Tagesform und auf das Losglück ankommt. Das ist eine andere Situation als für Vereine, die eine Saison mit 34 Spielen hinter sich bringen müssen: „In Brasilien kämpfen 32 Mannschaften ja nur einen Monat lang um dem Titel. Da sprechen die Rahmenbedingungen – wie etwa das Klima – sehr viel mehr für Teams, die an Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit gewöhnt sind.“ Kritisch sieht er auch das Mannschaftsquartier weit entfernt von den Spielorten: „Lange Anreisen wirken nicht unbedingt leistungsfördernd.“

Die besten Chancen hat seiner Meinung nach Brasilien: „Wenn die den WM-Titel im eigenen Land nicht holen, wer dann?“ Argentinien und die europäischen „Sonnenstaaten“ Spanien und Italien liegen für ihn noch gut im Rennen.

Die deutsche Elf ist nach Littkemanns Ansicht nicht in bester Verfassung: „Die Vorrunde und das Achtel- sowie Viertelfinale müsste sie überstehen, im Halbfinale wird es dann aber schwer – dort könnte sie auf Brasilien treffen.“ Brasilien ist für ihn als Sieger in der Gruppe A sozusagen gesetzt und dürfte im Achtelfinale auf „wahrscheinlich Spanien oder die Niederlande“ aus der Gruppe B treffen. Wartet dann später Deutschland auf diese Ballkünstler? Die Vorrundengruppe mit den USA, Ghana und Portugal hält er „für nicht ganz einfach, aber das Weiterkommen müsste klappen“.

„Bei den Finanzen ist das deutsche Team sicher top aufgestellt, aber nicht einzigartig“

Prof. Jörn Littkemann

Defizite in der Abwehr

Erhebliche Defizite sieht er in der Abwehr: „Sie war früher unsere Stärke, heute ist sie eher Schwäche. Was da zum Teil los ist, macht einem Angst und Bange. So viele Tore können unsere vorne gar nicht schießen, wie sie hinten reinkriegen. Und eine gute Abwehr ist nach wie vor die Basis für einen Titelgewinn!“ Nun stellt sich natürlich die Frage, warum die Abwehr löchriger ist als früher. Spielt hier vielleicht Geld eine Rolle? Die Stars in der Mannschaft sind die Torjäger – welcher junge Spieler will schon Tore verhindern?

An anderer Stelle wurde Geld eigentlich sinnvoll eingesetzt, hatte aber einen kontraproduktiven Effekt. Anfang des Jahrtausends wurde in Deutschland die Jugendförderung erheblich verbessert (nicht zuletzt auf Initiative von Berti Vogts, Bundestrainer von 1990 bis 1998 und letzter Coach, der mit der deutschen Nationalmannschaft einen internationalen Fußballtitel errang: die Europameisterschaft 1996). Es wurden Zentren eingerichtet, um die Verbindung von Schulen und Fußball zu intensivieren, Talente zu entdecken und zu fördern. Diese – auch für die Fußballvereine – kostenintensiven Investitionen führten eindeutig zu einer höheren fußballerischen Qualität, vor allem jedoch im Angriff. Littkemann: „Auch die Abwehrspieler mussten lernen zu stürmen.“ Das Interesse an einer Spitzenabwehr dagegen habe sich in Grenzen gehalten. So sieht er heute nur wenige wirklich gute deutsche Spieler in der Verteidigung. Und wichtige defensive Mittelfeldspieler fallen leider schon länger mit Verletzungen aus.

Jedoch werde viel Geld in die Nachwuchsausbildung investiert: „Sie ist so gut wie nie.“ Allerdings haben manche Nachwuchstalente, die die Jugendmannschaften durchlaufen, einen zweiten Pass und entscheiden sich, wenn sie richtig gut sind, für ihre andere Heimat – „Allerdings nicht alle, Nuri Sahin spielt für die Türkei, Özil und Gündogan jedoch für Deutschland.“

Die Frage, ob die deutschen Vereine zu wenig in ihre Jugendarbeit und zu viel in die Käufe ausländischer Spieler investieren, stellt sich für Littkemann nicht: „Die deutschen Clubs haben den Wettbewerb um die besten Spieler aufgenommen, ich sehe das positiv. Und dass im Gegenzug deutsche Spieler ins Ausland gehen, ist durchaus ein Qualitätsmerkmal.“ So sind selbst bei Bayern München mehrere Spieler in der ersten Mannschaft, die aus der eigenen Jugend kommen, ähnlich ist es bei Dortmund. Eher sieht er Probleme bei Vereinen in unteren Ligen, denen das Geld für eine professionelle Jugendarbeit fehlt: „Sie müssen dann einen weniger guten Spieler kaufen, egal, wo er herkommt.“ Aber das betrifft nicht die Nationalmannschaft.

Deren Problem sieht er eher beim Trainer: „Für Löw ist die WM 2014 die letzte Chance, langsam muss ein Titel her. Er wurde nach der WM 2006 Bundestrainer und ist seitdem bei Turnieren immer weit gekommen, aber gewonnen hat er bislang noch nichts. Natürlich spielt manchmal auch das Pech mit, aber oft genug wurde auf dem Platz schlichtweg versagt, wie bei den letzten wichtigen Spielen gegen Italien oder Spanien.“ Woran liegt das? Nicht einmal das Elfmeterschießen sei noch eine besondere deutsche Stärke. Früher wurde in den K.O.-Spielen der Gegner unter Druck gesetzt, er musste in der regulären Spielzeit gewinnen, Unentschieden reichte nicht, da er sonst von den Deutschen im Elfmeterschießen geschlagen wurde.

Der Wissenschaftler sagt also eher „nein“ im Hinblick auf einen deutschen WM-Erfolg: „Ich würde mich aber freuen, wenn ich mich irre!“ Jedenfalls hat er bereits alle möglichen Spieltermine der deutschen Mannschaft in Brasilien freigehalten. Auch den des Endspiels.

Gerd Dapprich | 02.06.2014