FernUni-Wissenschaftler zur Fußball-WM

Der enorme Druck von vielen Seiten ist für die Spieler die „größte psychologische Barriere“, so Prof. Stefan Stürmer, für den die deutsche Mannschaft ihre Unbefangenheit verloren hat.


Prof. Stefan Stürmer, Lehrgebiet Sozialpsychologie: Psychologisch und sozial höchst anspruchsvoller Sport

„Wird Deutschland Weltmeister, Herr Prof. Stürmer?“ – „Nein!“ – „Warum nicht?“ – „Weil Brasilien Weltmeister wird. Wegen des Heimvorteils!“ Natürlich hofft Stefan Stürmer, dass er sich irrt und das Deutsche Team doch die Trophäe nach Hause bringt, aber sehr optimistisch ist der Professor für Sozialpsychologie nicht: „Der Heimvorteil ist für Brasilien ein Plus.“ Lassen sich denn Profis von der tobenden Zuschauermenge denn beeinflussen? „Ja, durchaus.“

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Prof. Dr. Stefan Stürmer, Lehrgebiet Sozialpsychologie, Mitglied von BVB Borussia Dortmund und mehrjähriger Betreuer einer Kinderfußballmannschaft. Favorit: Brasilien.

Prof. Dr. Stefan Stürmer ist selbst leidenschaftlicher Fußball-Fan und war mehrjähriger Betreuer einer Kinderfußballmannschaft. Sein Sohn spielt in der U9 bei BVB09. Als Wissenschaftler weiß er aber auch, dass es in Teams durchaus eine fortlaufende Geschichte geben kann, auch wenn die Mitglieder wechseln: Die Erfahren der Einzelnen treten hinter die Erfahrungen der Gruppe zurück. Und die können viele Jahre lang von einer Spielergeneration zur nächsten weitergeben werden: „Der ‚Angstgegner‘, gegen den man auswärts nicht gewinnen kann, ist nicht nur ein Mythos, sondern er steckt auf in den Köpfen der Spieler!“

Das kann man durchaus auch die brasilianische Seleção – die Auswahl – übertragen, die einzige mit fünf Weltmeistertiteln. Prof. Stürmer: „Hat eigentlich schon einmal eine europäische Mannschaft Brasilien im eigenen Land besiegt?“

Hochqualifizierter Nachwuchs

Da hilft es auch nichts, dass Stefan Stürmer – wie auch die anderen fußballbegeisterte FernUni-Wissenschaftler – „hochqualifizierten“ Nachwuchs für das deutsche Nationalteam heranwachsen sieht, zu dem bereits Philipp Lahm, Lukas Podolski und Sebastian Schweinsteiger gehörten, die zu Beginn ihrer Karrieren ihre Talente unbekümmert von großen Namen der Gegner und der Teamkameraden einsetzten: „Das war die Spielergeneration, die uns den Spaß am Fußball-Sehen wiedergegeben hat!“, betont Stürmer.

Als einen Vorteil der deutschen Mannschaft sieht Stürmer bei der deutschen Mannschaft die Blockbildung: „Vom FC Bayern München kommt ein dominanter Anteil, das sind Spieler, die sich gut kennen, die ‚eingespielt‘ sind.“ Bei jedem Teamsport kommt es darauf an, zu sehen, wo der Mitspieler ist und voraus zu sehen, wie er sich in der jeweiligen Situation verhält: „Fußball ist ein psychologisch und sozial höchst anspruchsvoller Sport! Ein eingespieltes Team, in dem einer für anderen eintritt, ist einer Gruppe von Individualisten schnell überlegen.“ Insofern sei die Münchener Dominanz in der Bundesliga für die Nationalmannschaft vielleicht sogar positiv, urteilt der überzeugte Borussia-Dortmund-Fan.

Weltweit hochprofessionalisiert

Auf der anderen Seite kann er kaum noch Unterschiede zwischen südamerikanischen und deutschen Spielern feststellen. Überall in der Welt ist das Scouting-System hoch professionalisiert, schon in den Kinder- und Jugendmannschaften stehen neben dem Sport auch Disziplin, Ordnung, Charakterbildung und schulische Leistungen im Vordergrund. „Die genialen Spieler, die vom Bolzplatz direkt in die Nationalmannschaft kommen, gibt es doch heute kaum noch – das Geschäft ist viel zu professionell geworden. Die Chilenen z.B. spielen technisch absolut hochklassig und diszipliniert.“

Deutschland hatte bei der Nachwuchsförderung ab dem Jahr 2000 erst einmal den Vorsprung vieler anderer Nationen aufzuholen. Zum anderen wurden viele südamerikanische Spieler, die auf anderen Kontinenten spielen, durch deren Spielsysteme „sozialisiert“ und ragen z.B. in Europa nicht mehr durch ihre Individualität heraus. Stürmer: „Eher könnte man schon fast annehmen, dass Arjen Robben in Sao Paulo geboren wurde…“

„Euphorische Fans können Brasilien zum Titel tragen“

Prof. Stefan Stürmer

Vor allem die Abwehr verunsichert

Allerdings vermisst Stürmer bei den früheren „jungen deutschen Wilden“ inzwischen etwas die Spielphilosophie, die klare Linie: „Das ist nicht mehr die begeisterte Truppe, die mitreißenden ‚Hurra-Fußball‘ spielte“, bedauert er. „Die Generation wird älter, das führt zu einer gewissen Verunsicherung, vor allem bei der Abwehr. Die Spielfreude haben sie aber sicher nicht verloren – sonst würden sie sich diesem anstrengenden Beruf mit den vielen Trainingseinheiten wohl nicht noch aussetzen. Zur Mitte und zum Ende jeder Karriere hin geht die Unbefangenheit nun einmal in der Regel mehr und mehr verloren.“

Hohe eigene Ansprüche

In diesem Zusammenhang lastet auf vielen Spielern ein großer Stein. Denn gerade ihnen, die Meister und Pokalsieger und vielleicht sogar Champions-League-Titelträger wurden, fehlt ein internationaler Titel. Den hat Deutschland zuletzt mit der Europameisterschaft 1996 gewonnen. Für viele Spieler ist Brasilien 2014 wohl die letzte Chance. Für Bundestrainer Joachim Löw wahrscheinlich auch. Insofern ist der Druck der Öffentlichkeit, der des Trainers und natürlich der eigene enorm. „Das ist die größte psychologische Barriere“, so Prof. Stürmer. Mit der Folge, dass die Lockerheit verloren geht und die Spieler wieder zum kampfbetonten Fußball neigen. Am härtesten dürfte es gerade die erfolgreichsten Spieler treffen, denn ihre Ansprüche steigen mit ihren bisherigen Titelgewinnen, „sie leben davon, sich immer neue Ziele zu setzen“. Das kann die WM viel besser sein als die x-te deutsche Meisterschaft… Dass der Druck steigt, sieht der Psychologe gerade bei seinem Lieblingsspieler und dessen Körpersprache: „Mesut Özil lässt ja schon die Schultern hängen, wenn er auf den Platz kommt.“

Da hatte es das deutsche Team vor acht Jahren besser, die Ansprüche waren noch nicht so hoch – es konnte viel unbeschwerter aufspielen. Und es lief unerwartet gut, die öffentliche Euphorie für die gesamte Weltmeisterschaft in Deutschland, der deutsche „Sommernachtstraum“, trug das Team bis ins Halbfinale. Doch hier verkrampfte sich die Mannschaft im Spiel gegen Italien, weil es jetzt erstmals ernsthaft so aussah, als ob der Titel greifbar nahe wäre.

Natürlich hat in diesem Jahr auch Brasilien großen Druck, gilt wohl allgemein als Top-Favorit. „Aber es hat neben seinen fußballerischen Möglichkeiten eben auch euphorische Fans, die es nach vorne tragen können.“

Dennoch: Auch wenn Stefan Stürmer keine großen Hoffnungen hat, dass „wir Weltmeister werden“, wird er sich die Spieltermine der deutschen Elf möglichst von Terminen freihalten. Allerdings ist er zeitweise auf einer wissenschaftlichen Konferenz. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass bei bestimmten Spielen „auch einmal ein Vortrag kurzfristig verlegt werden ‚muss‘“. Aber es gibt, so Stürmer, „nichts Völkerverbindenderes, als gemeinsam Fußball im Fernsehen zu schauen!

Gerd Dapprich | 03.06.2014