Deutschland zu den Favoriten bei der WM

„Vorsichtig optimistisch“: Christian Julmi überträgt Ergebnisse der Managementforschung auf den Fußball und sieht bei der deutschen Elf gute Improvisationsfähigkeit.


FernUni-Wissenschaftler zur Fußball-WM: Christian Julmi vom Lehrstuhl für BWL, insb. Organisation und Planung

„Ich denke, dass Deutschland den Titel holen wird“ ist Christian Julmi als Fan und als Wissenschaftler „vorsichtig optimistisch“. Er hat sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit bei der Managementforschung mit dem Zusammenhang von Intuition, Routine und Improvisation befasst und überträgt Ergebnisse daraus auf das Fußballspiel.

Beim „intuitiven Management“ wird untersucht, welche Rolle Intuition bei der Entscheidungsfindung in Unternehmen spielt. Julmi: „In der Managementforschung gilt es inzwischen als belegt, dass intuitive Entscheidungen gegenüber rational-analytischen Entscheidungen einen echten Vorteil bringen können.“ Im Fußball mache eine rational-analytische Herangehensweise schon aus Zeitgründen wenig Sinn – „Fußball ist immer intuitiv.“ Die Erkenntnisse des intuitiven Managements lassen sich, so Julmi, daher sehr gut auf den Fußball übertragen, „auch weil es jeweils letztlich um Erfolg geht“

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Christian Julmi, Dipl.-Wirtschaftsingenieur, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insb. Organisation und Planung, Fan des VfB Stuttgart. Favorit: Deutschland.

Grob gesagt befähigt Intuition den Menschen dazu, auf der Grundlage früherer Erfahrungen in einer aktuellen Situation bestimmte Muster zu erkennen und sein Handeln diesen entsprechend auszurichten.

Zu unterscheiden sind bei der Intuition Routine und Improvisation – eine rein routinemäßige oder rein intuitive Handlung gibt es jedoch nicht, die Frage ist nur, wo der Schwerpunkt in diesem Spektrum liegt:

· Bei einer Routinehandlung werden Erfahrungen aus früheren Situationen einfach reproduziert und auf die aktuelle Situation angewandt. „Man erkennt nur Dinge, die man bereits einmal gelernt hat“, so Julmi, „die Erfahrung sagt, wie man die Situation zu beurteilen hat“. Ob sich an der Situation etwas geändert hat, wird nicht hinterfragt.

· Wird die Situation als „anders als früher“ erkannt, kommt es zu einer Improvisationshandlung. Bei ihr werden die Erfahrungsmuster aus früheren Situationen nicht einfach reproduziert, sondern konstruktiv und produktiv zu neuen Mustern kombiniert, die dann auf die aktuelle Situation angewendet werden.

Die Rolle der Routine

Im Fußball kommt Routine vor allem bei den „Automatismen“ zum Tragen, bei der Organisation der Abwehr oder Freistößen beispielsweise. Hier zeigt sich auch die Verbindung von Intuition und Erfahrung, denn Automatismen müssen natürlich einstudiert werden. In bestimmten Situationen werden immer die gleichen Pässe gespielt. Dafür müssen die Spieler natürlich wissen, wo der Mitspieler ist – und wie er reagieren dürfte. Auch wenn man nicht miteinander spricht. Julmi: „Man muss sich kennen, wissen, wie der andere in dieser Situation reagiert.“ So etwas muss man einstudieren wie bei einem Orchester. Dafür ist die Vorbereitung wichtig, ebenso die Blockbildung im Verein. Diese sieht Julmi durchaus als Vorteil für Deutschland und Spanien.

Anders bei den Engländern: „Sie haben die beste Liga der Welt, aber dort spielen kaum Engländer – so können sie den Vorteil nicht in die Nationalmannschaft mitnehmen.“ Dagegen sei der Anteil der Deutschen in der Bundesliga dank der besseren Ausbildung in den letzten Jahren gestiegen.

Stichwort Ausbildung: In Spanien wird, so Julmi, sehr viel Wert auf ein einheitliches, routineorientiertes Spielsystem gelegt, auch in den Jugendmannschaften. Dahin wolle auch Deutschland, wo sich die Jugendarbeit ebenfalls zunehmend an der Nationalmannschaft orientiere. Allerdings sieht Julmi das Problem, dass ein Zuviel an Routine zu Lasten der Improvisation gehen kann. So spiele z.B. Barcelona „bürokratisch“ – der Ball läuft prima, aber es kommt nichts Überraschendes: „Das richtige Maß fehlt, ausgerechnet Südländer verlernen zu improvisieren“, bedauert Julmi.

„In der Offensive gewinnt man Spiele, in der Defensive Titel.“

Christian Julmi

Die Rolle der Improvisation

Dabei ist Improvisation eigentlich eine Südländerinnen und Südländern zugeschriebene Eigenschaft. Im Gegensatz zur Routine besitzt sie kreative Elemente und spielt daher immer dann eine Rolle, wenn Überraschungselemente ins Spiel kommen, wenn z.B. ein überraschender Pass die gegnerische Abwehr in zwei Hälften zerschneidet.

Im Fußball ist der Raum für Improvisation durch die konstante Umgebung (Regeln, Spielfeld) einerseits sehr begrenzt, andererseits häufig eben genau deshalb spielentscheidend. Der kreative messerscharfe Pass ist dann fast ein Geistesblitz.

Routine und Improvisation

Routine ist vor allem in der Defensive wichtig und verlangt ein eingeübtes Abgestimmtsein aufeinander. Julmi: „In der Defensive stören Elemente der Improvisation eher, da will man keine neuen Impulse setzen. Deshalb wechselt man hier eigentlich nicht aus.“ In der Offensive ist es genau umgekehrt: Wenn die eigene Mannschaft immer nur den Ball hin und her schiebt und ihr kein Mittel mehr einfällt, die gegnerische Abwehr zu durchbrechen, muss man improvisieren, das Spiel verlagern oder neue Offensivkräfte bringen.

Julmi: „Der Spruch ‚In der Offensive gewinnt man Spiele, in der Defensive Titel‘ stimmt daher mit den Erkenntnissen aus der Intuitionsforschung durchaus überein.“

Kognitive Verzerrungen

In der Intuitionsforschung gibt es kognitive Verzerrungen, die es zu beachten gilt. Der sogenannte „Self-serving Bias“ führt etwa dazu, dass die eigenen Fähigkeiten aufgrund früherer Erfolge überschätzt werden. Was hier für den Manager gefährlich ist, ist für den Fußballer von Vorteil, wenn die Situation zu seinen Gunsten verzerrt wird oder entsprechend nicht, wenn man der Gegner ist. Da das Umfeld recht konstant ist, spielen die kognitiven Verzerrungen insgesamt keine so große Rolle.

Wer ist Favorit?

Wer seiner Intuition vertraut, muss auch akzeptieren, dass er mal einen Fehler macht. Entsprechend ist ein vertrauensvolles Umfeld wichtig. Allgemein funktioniert Intuition in einem vertrauensvollen Umfeld am besten. Hier hat Brasilien für Julmi Vorteile – vorausgesetzt, die Zuschauer stehen bedingungslos hinter ihrer Mannschaft. Wenn sie schon bei kleinen Fehlern – und die passieren bei einem intuitiven Vorgehen eigentlich immer – pfeifen, kann das den intuitiven Fluss der Mannschaft empfindlich stören. Dann kann der Vorteil schnell zum Nachteil werden.

Eine gute Routine bedarf einer guten Vorbereitung, von der in einem Turnier viel abhängt. Hier hilft auch, wenn bestimmte Spielerverbünde im Verein zusammenspielen. Deutschland mit dem „Bayern-Block“ und Spanien hätten also sicher Vorteile gegenüber den anderen Nationen, bei denen die Spieler auf mehr Vereine verteilt sind.

Bei der Improvisation sind vor allem kreative Individualisten wie Messi, Ibrahimovic, Özil oder Götze gefragt. Julmi: „Auch hier sehe ich Deutschland vor allem in der Breite gut aufgestellt, sodass ich insgesamt auf Deutschland tippe – wenn Italien nicht wieder alles kaputt macht.“

Gerd Dapprich | 04.06.2014