Heimat als Kompositum

Dorfgeschichte versus Virtualität – kann die Cyber City eine Heimat bieten? Die 10. Studienwoche Literaturwissenschaft hat sich mit der Frage auseinander gesetzt.


Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft: Vom Mikrokosmos bis zum Kosmopolitismus

Prof. Dr. Uwe Steiner, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medientheorie, zur Begrüßung der Studierenden bei der Studienwoche Literatur
Prof. Dr. Uwe Steiner, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medientheorie, begrüßte die Studierenden zur 10. Studienwoche Literatur.
Studierende setzten sich intensiv mit dem Thema Heimat auseinander.
Studierende setzten sich intensiv mit dem Thema Heimat auseinander.

„Heimat gibt es nicht ohne die Sehnsucht nach der Ferne“, sagte Prof. Dr. Uwe Steiner, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medientheorie, zur Begrüßung der Studierenden bei der Studienwoche Literaturwissenschaft an der FernUniversität. Steiner wies darauf hin, dass die Studienwoche in Hagen sich einfügt in einen breiteren thematischen Rahmen des Instituts für neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft: Im Oktober 2014 läuft eine Konferenz zum Thema „Fernweh von 1830 bis zur Gegenwart“.

Die mittlerweile zehnte Ausgabe der Studienwoche mit ihrer Ringvorlesung, den Seminaren und dem Abendvortrag stand unter dem Oberthema Heimat. Der Begriff Heimat schillert in vielen Dimensionen – und er polarisiert in seiner Ambivalenz bis heute. „Heimat ist ein Kompositum, in dem sich räumliche und zeitliche Konzepte sowie mediale Verfahren überlagern. Welche Akteure und welche Verfahren für den Begriff eine Rolle spielen, war Gegenstand der Literaturwoche“, fasste Steiner die methodische Herausforderung des Heimat-Konzepts zusammen.

Die rund 80 Studierenden, die den Campus der FernUniversität für fünf Tage belebten, konnten die Vielfalt der Heimatdiskurse in zahlreichen Präsenzseminaren vertiefen. Mit Adalbert Stifters Literatur der „Häuslichkeit“ und den postkolonialen Dimensionen in Goethes „West-östlichen-Divan“ wurden an zwei Kanonautoren Örtlichkeiten und interkulturelle Aspekte des Heimatkonzepts erörtert. Eine Veranstaltung ging der Frage nach, inwiefern Sprache als Ort von Heimat, von Identitätsbildung aber auch Differenzerfahrungen fungiert. Zu Heimat gehört auch das „Heimweh“, das als kulturelle Symptomkrankheit in der Literatur und im Film der Moderne etwa in Johanna Spyris „Heidi“ und John Fords Western „The Searchers“ auftritt. Dass sich Heimat und Großstadt keineswegs ausschließen, konnten Studierende in einem Seminar zum Mikrokosmos „Kreuzberg“ in zeitgenössischen Berlin-Romanen lernen. Hier wurde herausgearbeitet, dass traditionelle Muster von Herkunft und Zusammengehörigkeit, die auf Nation, Kultur oder Religion zurückgreifen, in den komplexen Erzählräumen der Großstadt nicht mehr greifen. Stattdessen werden neue, hybride Formen von Heimat denkbar.

Avantgardistische Ästhetik

Ein besonderes „Highlight“ für die Studierenden bot die an vier Tagen stattfindende Ringvorlesung. Die Professoren des Instituts für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft referierten über mediale Dekonstruktionen von Heimat und Wahlheimat, eine weitere Vorlesung widmete sich Edgar Reitz monumentalem TV-Epos „Heimat 3“. Eine abschließende Vorlesung führte am Beispiel der „Cyber City Ruhr“ ein in virtuelle Modellstädte, in denen Gefühlslagen und Identifikationskomplexe, die vermeintlich mit Heimat zusammenhängen, umfassenden virtuellen Veränderungen ausgesetzt sind.

Die Veranstalter der Studienwoche waren besonders erfreut, dass der Basler Lehrstuhlinhaber für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Prof. Dr. Alexander Honold, für einen Abendvortrag gewonnen werden konnte: „Klang der Heimat. Mündliches Erzählen und Erinnern bei Peter Kurzeck“. Sein facettenreicher Vortrag widmete sich dem Doppelkomplex von Heimat und Kindheit. Honold zeigte, wie unter anderem Geräusche und Gerüche erzählerische Wege in jenen Heimatbereich bahnen, „worin noch niemand jemals war“, wie es der Philosoph Ernst Bloch formulierte.

Neben dem „Fachlichen“ kamen auch die sozialen Vorteile einer Studienwoche nicht zu kurz. Fast schon eine Institution ist das jedes Jahr von den Studierenden organisierte gemeinsame Abendessen mit den Dozentinnen und Dozenten in einem Hagener Restaurant.