„Die Stadt mit anderen Augen sehen“: Lothar Bertels im Ruhestand

Der FernUni-Soziologe wurde von der Universität Smolensk zum Professor ernannt und erhielt ihre Ehrendoktorwürde. 23 Jahre lang untersuchte er in Gotha die Auswirkungen der Wende auf die Menschen.


Professor in Hagen und in Russland: Motor des gemeinsamen Doppelabschlussprogramms

Fünf Städte spielten im Leben des Stadt- und Regionalsoziologen apl. Prof. Dr. Dr. h.c. Lothar Bertels eine besondere Rolle: in Paderborn wurde er geboren, in Dortmund lebte und arbeitete er lange, Hagen ist die Stadt der FernUniversität, ihre russische Partnerstadt Smolensk wurde ihm ein wenig zur zweiten Heimat und Gotha in Thüringen war 23 Jahre lang sein Forschungsobjekt. Zum 1. Juli trat der Leiter des soziologischen Arbeitsbereichs Stadt- und Regionalsoziologie in den Ruhestand. Jedoch wird man ihn häufig auf dem Campus treffen: Es stehen noch über 40 Prüfungen von Studierenden und Gutachten an. Und er muss mit dem Videoteam des Zentrums für Medien und IT (ZMI) der Hochschule einen Film zu Ende bearbeiten.

Im Ruhestand: Prof. Lothar Bertels
Im Ruhestand, der noch keiner ist: Prof. Lothar Bertels

Dieser Film ist ein Produkt einer 23-jährigen Langzeitstudie seit 1990 über Gotha: „Die wohl einzige Stadt in den neuen Bundesländern, die über einen so langen Zeitraum hinweg untersucht wurde.“ Die Hagener Soziologen interessierte, wie die Wiedervereinigung das Denken und das Alltagsleben der Menschen veränderte. Einige Bürgerinnen und Bürger sowie Experten wurden im Lauf der 23 Jahre mehrfach interviewt. Ihre Aussagen sind sowohl in den Filmen zu finden wie auch in drei Büchern, die die Ergebnisse der Studie wiedergeben (die Druckunterlagen für das dritte Buch wurden am ersten Tag von Bertels‘ Ruhestand fertig). Filme und Bücher können jeweils unabhängig voneinander rezipiert werden, visuelle und schriftliche Methoden korrespondieren aber auch miteinander und ermöglichen gemeinsam einen neuen Zugang zur Forschung: „Wir haben mit unserer Arbeit die Tür für die in der Stadtforschung neue Forschungsmethode geöffnet.“

Erste Station von Bertels an der FernUniversität in Hagen war 1977 eines der Vorgängerinstitute des ZMI, das Zentrale Institut für Fernstudienforschung (ZIFF). Nach einer Lehre als Steinmetz und Steinbildhauer hatte er auf dem zweiten Bildungsweg die Hochschulreife erworben und an der Universität Dortmund Raumplanung und Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert. An der Sozialforschungsstelle Dortmund und am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung war er wissenschaftlicher Mitarbeiter.

In Hagen wurde er Mitarbeiter der Projekte „Lebenswelt von Fernstudenten“ und „Schulalltag und Lehrerfortbildung“. 1978 nahm der junge Familienvater eine unbefristete Stelle in der „Technischen Produktion“ an. Zwei Jahre später wurde er wieder wissenschaftlich tätig, als Angestellter im Lehrgebiet Berufliche Weiterbildung, 1985 im Lehrgebiet Allgemeine Soziologie. 1986 promovierte Bertels, 1997 habilitierte er sich. Im gleichen Jahr erhielt er den Ruf auf eine Professur für Soziologie an der Fachhochschule Neubrandenburg, den er ablehnte. 2003 wurde er außerplanmäßiger Professor in Hagen.

Im Jahre 2000 ernannte die Staatliche Universität Smolensk ihn zum Professor für Soziologie, drei Jahre später verlieh sie ihm die Ehrendoktorwürde für seine Verdienste um den Aufbau und die Förderung des Fachs Soziologie und das Doppelstudium der beiden Hochschulen. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen vor allem aus der Fakultät Kultur- und Sozialwissenschaften unterrichtete er im Rahmen des gemeinsamen Doppelabschlussprogramms in Smolensk zukünftige Soziologinnen und Soziologen: „Insgesamt war ich mehr als ein halbes Jahr dort.“ Viele kamen auch zur Prüfungsvorbereitung nach Hagen. Über 40 haben ihr Studium abgeschlossen. Besonders erfreut es Bertels, dass die Smolensker Universität das Buch „Stadtsoziologie“ von ihm und Bernhard Schäfers – ins Russische übersetzt – in der Lehre einsetzt. Aus der Kooperation gingen zudem interessante Forschungsprojekte hervor. Zusammen mit dem früheren FernUni-Professor Dr. Thomas Heinze arbeitet Bertels jetzt noch an einer „Kulturellen Inwertsetzung der Städte Hagen und Smolensk“.

Natürlich gab es auch Probleme, nach der Emeritierung und dem Weggang mehrerer Professoren stand die Zukunft der Soziologie in Hagen vor fünf Jahren auf der Kippe. Dennoch blickt Bertels, damals Direktor des Instituts für Soziologie, zufrieden zurück: „Nachdem das Institut damals nur noch zwei Professoren hatte, konnten wir es wieder stabilisieren. Mit drei Professuren und einer Juniorprofessur ist es heute gut arbeitsfähig.“ Und was seine eigene Arbeit betrifft, freut sich Bertels nicht nur über die starke Nachfrage von Studierenden, sondern auch über deren soziologische Einsichten wie z.B. „Ich habe gelernt, die Stadt mit anderen Augen zu sehen“.

Gerd Dapprich | 07.07.2014